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Lejla Kalamujić: Nennt mich Esteban | Untergrund-Blättle

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Lejla Kalamujić: Nennt mich Esteban Prägender Zerfall

Belletristik

Der Erzählband sammelt Geschichten, in denen nicht nur die Jugoslawienkriege im individuellen Schicksal nachwirken.

Vedran Smajlović, ein örtlicher Musiker, weigert sich, die Nationalbibliothek in Sarajevo zu verlassen, 1992.
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Vedran Smajlović, ein örtlicher Musiker, weigert sich, die Nationalbibliothek in Sarajevo zu verlassen, 1992. Foto: Mikhail Evstafiev (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

27. Juli 2021
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„‚Du bist verrückt. Wie konntest du nur so was schreiben? Dass ein unschuldiger Mensch stirbt. Einfach so. Ohne Grund. Ich mein, echt jetzt, wo gibt's denn so was?‘“ (S. 34) Der Ausspruch eines Kindes im phantasierten Dialog mit Kafka zu dessen Roman „Der Prozess“ erscheint glasklar und unbeirrt – und vor dem Hintergrund eines Krieges in seiner ganzen Tragik. Der kindliche Blick legt die Brutalität und Irrationalität der Realität frei. „Draussen sind mehrere Explosionen nacheinander zu hören. Franz bleibt neben dem Tisch stehen. Seine Augen blicken mich an, traurig und tief. Schwarz wie Rabenfedern.“ (ebd.)

Der Blick aus Kinderaugen ist eine von vielen Perspektiven, aus der Lejla Kalamujić ihre gleichnamige Protagonistin in ihrem Erzählband „Nennt mich Esteban“ erzählen lässt. Die nicht zusammenhängenden Geschichten – mal ein Brief an eine Dichterin, mal (ausgemalte) Dialoge mit Verwandten, mal Rückblicke in die Vergangenheit oder Erlebnisse der Gegenwart als erwachsene Frau – fügen sich zu einem ausdrucksvollen Bild eines individuellen Schicksals zusammen, welches sich kaum von den Ereignissen um die Zerfallskriege Jugoslawiens trennen lässt.

Untermieter Krieg und Frieden

Die Mutter der Erzählerin verstarb im Alter von 22 Jahren, sie selbst war zwei Jahre alt. Die Grosseltern, bei denen sie fortan lebt, schimpfen über den Vater, der spät in der Nacht alkoholisiert nach Hause kommt. Er trauert um seine verstorbene Frau, erzählt der scheinbar schlafenden Lejla mitten in der Nacht Geschichten über sie. Eigene Erinnerungen hat sie keine, bedeutungsgeladene Gegenstände und eben diese Geschichten sind das Einzige, was ihr von ihrer Mutter bleibt. „Es machte nichts, dass manchmal eine Geschichte die andere widerlegte und Ungereimtheiten auftauchten: Das Heilige rührt man nicht an, man glaubt daran.“ (S. 8)

Waren es zunächst Allah und Tito personifiziert als Untermieter, zog später der Krieg ins Haus der Kindheit, gefolgt vom unzuverlässigen Frieden. Wie ein roter Faden durchziehen die – nicht explizit ausgeführten – Jugoslawienkriege die Geschichten; die allgemeinen, abstrakten Andeutungen nehmen in ihren unmittelbaren, konkreten Auswirkungen auf die Einzelnen Gestalt an. Zu Kriegsbeginn muss sich die Grossfamilie trennen. „Das war mein erster Verrat. Ich ging mit den einen Grosseltern fort und liess die anderen zurück.“ (S. 10) Später befinden sich die Familien in derselben Stadt und sind doch getrennt, zwei Stadtteile reissen einen Graben. „‚Das heisst also, hier sind die Schlechten, dort sind die Guten, und es ist Krieg. […] Und du willst zu den Guten?‘ – ‚Ich will nach Hause. Zu Nana und Dedo.‘“ (S. 30) Wer da gegeneinander und warum und worum kämpft, spielt eigentlich keine Rolle. Vielmehr sorgen sich die kleine Lejla und ihre Familie um ihre Lieben und um existenzielle Fragen. Aber die Untermieter sind kaum zu beeinflussen und erzeugen nur Scherereien.

„Krieg ist angeblich ausgezogen. Vor einem Jahr. Aber er hat so eine Unordnung hinterlassen. Ein Dreckschwein, so was habt ihr noch nicht gesehen. Wir warteten darauf, dass in das zu vermietende Zimmer endlich Frieden einzieht. Er sollte längt da sein, kommt aber nicht. Wir sind auf die Miete angewiesen. Man muss doch von irgendetwas leben.“ (S. 12f.)

Als er endlich doch einzieht, erweist er sich als eloquenter Schwindler: „Zahlt aber ewig die Miete nicht. Immer sagt er morgen, übermorgen, nur noch ein paar Tage… Ein richtig fieser Typ.“ (S. 13) Die nationalistischen Versprechen der Kriegsparteien bleiben leer.

Kollektive Erfahrungen

Die Nachwehen der Kriege zeigen sich im Grossen wie im Kleinen, sie hinterlassen ihre Spuren im Leben der Bevölkerung. Eine Begegnung mit einem alten Mann auf der Zugstrecke zwischen Sarajevo und Belgrad versinnbildlicht die kollektive Erfahrung der Menschen. Der Lokwechsel an den Landesgrenzen steht für die Entwicklung des zerfallenen Vielvölkerstaats, „Lokomotiven, die die eigenen Grenzen nicht überqueren dürfen.“ (S. 78)

Der alte Mann ist überzeugt, dass es den Menschen zu Titos Zeiten besser ging. Wie jede*r hat auch er eine eigene Geschichte zu erzählen, allesamt finden sie ihren gemeinsamen Bezugspunkt in den Kriegen. Diese durchzogen sämtliche Familien und führten zu persönlichen Verlusten, die gemeinsame Erinnerung daran verbindet. „Auch dieser gute Mensch war Waise nach dem Krieg.“ (S. 76) Der Schmerz ist ein geteilter und sitzt tief: „Er sagt nichts. Senkt den Blick, weiss, dass es besser ist, nicht weiter nachzufragen“ (S. 100) Wenn die Erzählerin im letzten Kapitel sinniert, wie sie wohl aufgewachsen wäre, würde die Mutter noch leben, entwirft sie verschiedene Wege, die allesamt im Krieg und einer schwierigen Situation münden. Auch wenn es sich nur um Gedanken und imaginierte Lebenswege handelt: So oder so ähnlich hätte es tatsächlich ablaufen können.

Spuren des Lebens

Die Erzählerin hat viel zu verarbeiten, lange sucht sie nach Stabilität in ihrem Leben, immerzu holt die Vergangenheit sie ein. Ihr Leben ist geprägt vom Verlust ihr nahestehender Menschen. Dazu plagen sie Schuldgefühle, sie glaubt, alle Lieben verraten zu haben und verantwortlich für deren Schicksal zu sein. Sie lernt jemanden kennen, doch ständig überfallen sie Angst und Zweifel. Die Freundin agiert einfühlsam und steht ihr in schwierigen Situationen bei, es entstehen intensive Momente der Nähe und Intimität. Und trotzdem: „Ich nehme ihren Geruch wahr und begreife, dass das Leben nicht immer Verdienste aufrechnet. Denn sie habe ich mir ganz und gar nicht verdient.“ (S. 58) Die Erfahrungen der Vergangenheit führen immer wieder zu der Angst, erneut eine nahestehende, liebe Person zu verlieren oder einsam zu sein – was sich mitunter in komischen, grotesken Dialogen widerspiegelt. Zu viel hat sie bereits verloren: die Mutter, den Frieden, die Grosseltern, die Häuser, nicht zuletzt die Zeit.

„Der Verrat ist eine gefährliche Krankheit. Schwer zu heilen. Heute, nach jahrelangen mehr oder weniger erfolglosen Therapien, weiss ich das. Heute gehört der Sommer zu mir. Auch der Herbst. Allah gehört zu mir und Tito auch. Krieg gehört zu mir. Und Frieden. Auch Winter und Frühling. Alles gehört zu mir. Jetzt, da ich nichts mehr habe.“ (S. 16)

Kalamujić gelingt es, die Bedeutung der jugoslawischen Zerfallskriege bis in die Gegenwart hinein nachzuzeichnen. Der immer wieder eingeworfene Blickwinkel kindlichen Erlebens bildet frei von Entstellungen häufig einen bedrückenden Kontrast zu der in der Luft hängenden Kriegssituation. An anderer Stelle wirken die mit allerlei Stilmitteln gespickten Erzählungen aufwühlend und eindringlich, wenn die Figuren beispielsweise mit stoischem Impetus der Dinge harren oder die Protagonistin die Fänge der Vergangenheit zu zähmen versucht. Der Spannung stehen die sanfte und feinfühlige Sprache sowie schöne und urkomische Szenen gegenüber, die die Lektüre trotz aller Traurigkeit zu einer Freude machen.

Tobias Kraus
kritisch-lesen.de

Lejla Kalamujić: Nennt mich Esteban. Übersetzt von: Marie-Luise Alpermann. eta Verlag, Berlin 2020. 120 Seiten. ca. 22.00 SFr. ISBN 978-3-9819998-5-3

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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