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Leif Randt: Planet Magnon | Untergrund-Blättle

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Buchrezensionen

Leif Randt: Planet Magnon Schöne neue Welt?

Belletristik

Leif Randts Roman „Planet Magnon“ entführt in fremde Welten und ferne Zeiten, die – so wie es sich für eine gute Dystopie gehört – zugleich sehr viel über das Hier und Jetzt der Leser_innen aussagen.

30. November 2016

30. 11. 2016

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4 min.

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„Du wirst ein grosser Dolfin sein, Marten. […] Du bringst den Neubeginn. Bleib jedoch wachsam. Man wird dich beneiden, man wird versuchen, dich aufzuhalten. Beobachte die, die dir am nächsten stehen, und spiele immer dein eigenes Spiel.“ (S. 19) Es sind kryptische Worte, die sein Lehrer dem jungen Marten Eliot mit auf den Weg gibt. Und es sind grosse Erwartungen, die diesen Weg begleiten, als Marten „Spitzenfellow“ der „Dolfins“ wird und gemeinsam mit seiner Kollegin Emma in den Weiten des Weltraums neue Mitglieder für sein Kollektiv anwerben soll.

Leif Randts „Planet Magnon“ ist ein rätselhaftes Buch, allerdings auf eine anregende Weise. Ein bisschen Science-Fiction, ein bisschen Coming-of-Age-Story, vor allem aber grosse Gegenwartsliteratur stecken in der dystopischen Endzeitfiktion des 1983 geborenen Autors. Wir befinden uns in der „Neuen Zeit“: Vom idyllischen Einsiedlerplaneten „Blink“ über den urbanen „Blossom“ bis hin zum Müllplaneten „Toadstool“ herrscht „postdemokratischer Frieden“. Garantiert wird dieser durch „ActualSanity“, die zentrale Computervernunft des Sonnensystems, die die beste aller möglichen Welten statistisch berechnet und deren Einführung eine neue Epoche eingeleitet hat. Ethnien, Religionen, Parteien? Gibt es nicht. Stattdessen organisieren sich die Menschen in verschiedenen „Kollektiven“, die jeweils einen gemeinsamen Lebensstil (im Roman: „Ästhetik“) verfolgen – alles im Zeichen interstellarer Glückseligkeit und steter Selbstoptimierung. Plötzlich jedoch kommt es zu rätselhaften Anschlägen, und das neu gegründete „Kollektiv der gebrochenen Herzen“ bringt nicht nur Martens Pläne, sondern auch die wohltarierte Ordnung durcheinander.

„Planet Magnon“ erzählt vom Suchen und Sich-Verlieren, von Kontrolle und Chaos und betreibt zugleich ein kalkuliertes Spiel mit dem Misstrauen des Lesers. Randts zweiter Roman bietet verschiedene Lesarten an und wirft Fragen auf, statt Antworten zu geben. Wer klare politische Statements erwartet, sollte ihn besser direkt wieder weglegen. Wer sich aber einlassen möchte auf die latente Bösartigkeit, die unter der glatten, formstrengen Erzähloberfläche lauert, wird „Planet Magnon“ einiges abgewinnen können.

Da sind zunächst die zahlreichen originellen Ideen, an denen Interpretationswütige sich ausleben dürfen. Immer wieder wird Martens Reise durch das Planetensystem von Terroranschlägen unterbrochen, mit denen die „gebrochenen Herzen“ die universale Glücksmaxime sabotieren und ihr Recht auf persönlichen Kummer einfordern. Einer hypermodernen, durchtechnisierten Gesellschaft mit allerlei computerbasiertem Schnickschnack steht eine archaisch-urzeitliche Umwelt gegenüber, in der Reptilien die Wälder bewohnen und „Sauropoden“ den gemeinen Haushund ersetzt haben. Nicht besonders kuschlig also – der Kontrast Kultur vs. Natur könnte kaum grösser sein.

Besonders anschaulich wird die Kälte einer menschlich entfremdeten, buchstäblich a-sozialen „neuen Zeit“ aber in den diversen Techniken der Selbstversenkung, die Marten und seine Freunde zur kontrollierten Gefühlsstimulation trainieren – ganz im Sinne des „postpragmatic joy“ (S. 291) beziehungsweise der kalkulierten Selbstoptimierung. Dazu soll auch die titelgebende Designerdroge „Magnon“ beitragen. Brandneu von den kollektiveigenen Chemikern entwickelt, garantiert sie den Rausch einer „sphärischen Versachlichung“ (S. 283) und wird für Marten zum Fluchtpunkt einer schönen neuen Welt.

Tatsächlich bietet der Roman auch diese Lesart an: ihn als Literarisierung eines langen und atmosphärischen, zugleich emotionslosen und daher merkwürdig „nüchternen“ Drogentrips zu verstehen. In Randts Universum braucht es keinen „Big Brother“, der beobachtet und steuert, denn die Menschen haben die Kontrollmechanismen längst geschluckt und verdaut wie verheissungsvolle, bewusstseinsverändernde Substanzen. Postdemokratie, das wird schnell klar, bedeutet hier vor allem die totale Vereinzelung. Es gibt weder soziale Verbindlichkeiten noch Solidarität oder „echte“ Gemeinschaftsinteressen, sondern nur noch kollektive Lifestyles, die flüchtige und oberflächliche Identitäten versprechen. Die Begriffe Ideologie oder Manipulation fallen im Roman kein einziges Mal.

Der wohl cleverste Schachzug des Romans besteht dabei in der Konzeption des Ich-Erzählers und Protagonisten. Wie schon in seinem Debütroman „Schimmernder Dunst über CobyCounty“ (2011) gelingt es Randt auch in „Planet Magnon“, diesen gerade nicht als literarischen „Helden“ im eigentlichen Sinn zu konzipieren, sondern vielmehr zum Repräsentanten seiner Zeit und Gesellschaft zu machen. Marten Eliot ist die personifizierte Mittelmässigkeit: ein postmoderner „Mann ohne Eigenschaften“, der die Strukturen seiner autistischen Gesellschaft nicht hinterfragt, sondern längst verinnerlicht hat, und so die Dialektik von totaler Individualisierung und dem Verlust jeder Persönlichkeit radikal vor Augen führt. Als Ich-Erzähler bleibt er ebenso kalt und befremdlich wie die postdemokratische Gesellschaft, in der er lebt. Unnahbar, kontrolliert und zugleich auf erschütternde Weise orientierungslos, spiegelt Martens Sprache den Rausch der „sphärischen Versachlichung“ sowie die Einsamkeit und Kälte des „postpragmatic joy“ wider und lässt nach und nach feine Risse in der schönen neuen Welt entstehen. „Vielleicht müssen wir uns gar nicht befreien, um glücklich zu werden“, sinniert Marten einmal, „Vielleicht reicht es ja, wenn wir uns die Unfreiheit immer nur klar vor Augen führen.“ (S. 13)

Stephanie Bremerich
kritisch-lesen.de

Leif Randt: Planet Magnon. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015. 304 Seiten, ca. 24 SFr., 978-3-462-04720-2

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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