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Konstanze Sailer: Der Fall ZE

Konstanze Sailer: Der Fall ZE Die Blindheit der Vielen

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Belletristik

Über die späte Entdeckung eines erstaunlich frühen Textes: Konstanze Sailers Dramolett „Der Fall ZE“.

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Buchcover. Foto: © Verlag White Library Books

Datum 3. Juli 2026
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Es gibt Werke, die auf ihre Zeit antworten. Und es gibt jene seltenen Arbeiten, die Jahrzehnte früher eine Frage stellen, deren eigentliche Dringlichkeit sich erst später offenbart. Der Fall ZE gehört zu dieser zweiten Kategorie. Das nun erstmals veröffentlichte Dramolett der deutsch-österreichischen Malerin Konstanze Sailer, 1984 geschrieben – und von der Autorin selbst mit einer vierzigjährigen Werksperre belegt –, wirkt heute nicht wie ein Dokument aus seiner Entstehungszeit, sondern wie eine verstörend präzise Vorahnung unserer Gegenwart.

Denn im Zentrum dieses schmalen, konzentrierten Theaterstückes steht nichts Geringeres als die Frage nach gesellschaftlicher Wahrnehmungsfähigkeit. Was geschieht mit einer Gemeinschaft, die das Unbequeme nicht mehr sehen will? Welche Formen nimmt Schuld an, wenn Andersartigkeit bereits als Vergehen gilt? Und wie verändert sich Wirklichkeit dort, wo Konformität zum sozialen Gut geworden ist?

Ein Angeklagter namens Anderssein

ZE sitzt auf der Anklagebank. Doch der Prozess, der gegen ihn geführt wird, dient nicht der Wahrheitsfindung. Er ist ein Ritual der Bestätigung, eine Inszenierung gesellschaftlicher Selbstvergewisserung. Die Höchststrafe steht bereits fest, bevor das Verfahren seinen Anfang nimmt. Nicht eine Tat macht ZE schuldig, sondern seine Existenz als Störfigur innerhalb einer Welt der Angepassten.

Darin liegt die eigentliche Radikalität des Stückes. Es beschreibt nicht die Gewalt des Ausnahmezustands, sondern die Macht des Gewöhnlichen. Es zeigt, wie Gesellschaften sich gegen Irritation immunisieren und das Andersartige nicht deshalb ausgrenzen, weil es gefährlich wäre, sondern weil es den Komfort etablierter Gewissheiten bedroht.
Der behauptete Mord, den ZE bereitwillig auf sich nimmt, besitzt daher weniger die Funktion eines kriminalistischen Ereignisses als die eines existenziellen Experiments: Wie gross muss die Erschütterung sein, damit Menschen bereit sind hinzusehen? Die Antwort des Dramoletts fällt ernüchternd aus. Die Fähigkeit zur Verdrängung erweist sich als nahezu grenzenlos.

Die Bühne im Gerichtssaal, der Gerichtssaal als Bühne

Der Ort des Geschehens könnte aus einem alten Wiener Traum stammen: ein traditionelles Kaffeehaus, darin die Kulissen eines Gerichtssaals. Hier probt ein Theaterensemble einen Prozess – oder führt tatsächlich einen durch. Ganz sicher ist man sich nie. Gerade in dieser Unsicherheit entfaltet das Stück seinen subtilen Zauber.

Die Figuren verlassen ihre Rollen und kehren in diese zurück. Der Ankläger spricht plötzlich wie der Angeklagte, der Angeklagte scheint für Augenblicke die Sprache seines Gegners zu übernehmen. Realität und Darstellung schieben sich übereinander wie durchscheinende Bilder auf altem Transparentpapier.
Diese Konstruktion ist weit mehr als ein postmodernes Spiel mit Ebenen der Darstellung. Sie verweist auf eine Einsicht von frappierender Aktualität: Wirklichkeit ist niemals bloss gegeben, sondern immer auch das Ergebnis gesellschaftlicher Inszenierungen. Wer spricht? Wer deutet? Wer bestimmt, was als Realität anerkannt wird?

Der Text entwickelt daraus eine eigentümliche Schwebe zwischen Ernst und Darstellung, zwischen Faktum und Behauptung. Heute, im Zeitalter konkurrierender Wahrheiten und digitaler Echokammern, gewinnt diese Frage eine fast bedrückende Aktualität. Dass sie bereits 1984 mit solcher Klarheit formuliert wurde, gehört zu den grossen Überraschungen dieses Stückes.

Verwandtschaften und Eigenständigkeit

Punktuell treten literarische Verwandtschaften hervor. Der Schatten von Franz Kafkas "Der Prozess" liegt über dem Geschehen: Die Erfahrung von Schuld ohne nachvollziehbare Ursache und eine Institution, deren Logik sich jeder Rationalität entzieht. Auch Thomas Bernhards unerbittlicher Blick auf kollektive Selbsttäuschungen scheint gelegentlich durch die Dialoge hindurch.

Und doch bleibt Sailer eigenständig. Das Stück fragt weniger nach Schuld als nach Wahrnehmung. Es interessiert sich für jene Momente, in denen Menschen beschliessen, wegzusehen. Für die stillen Mechanismen des Verdrängens. Für die Bequemlichkeit des Einverständnisses.

Gerade deshalb besitzt es eine eigentümliche Zärtlichkeit gegenüber seinem Aussenseiter. ZE erscheint nicht als Held, sondern als jemand, der am Beharren auf Wirklichkeit festhält, obwohl die Welt längst andere Vereinbarungen getroffen hat.

Eine frühe Stimme des Widerstands

Die Wiederentdeckung des Textes lenkt zwangsläufig auch den Blick auf seine Autorin. Die Malerin Konstanze Sailer hat in ihrem bildnerischen Werk stets die Spuren menschlicher Existenz verfolgt: Gesichter, Erinnerungen, Verluste, die Gegenwart des Todes.

Die von ihr gegründete Initiative Memory Gaps versteht Kunst als Widerstand gegen das Verschwinden und gegen das Vergessen. In diesem Licht gelesen, erscheint Der Fall ZE wie der erste Entwurf einer lebenslangen Fragestellung. Schon die junge Autorin interessierte sich für die Verletzlichkeit des Einzelnen gegenüber den Mechanismen des Kollektivs. Und schon hier begegnet man jener Aufmerksamkeit für die Übersehenen und Ausgegrenzten, die später ihr künstlerisches Handeln bestimmen sollte.

Die vierzigjährige Werksperre erhält dadurch fast poetische Qualität. Sie wirkt wie eine selbst gewählte Zeitkapsel, in der ein früher Gedanke auf seine Stunde wartete.

Das Recht, unbequem zu sein

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass Der Fall ZE weniger von einem einzelnen Angeklagten erzählt als von der Fragilität offener Gesellschaften. Von deren tendenziellem Unvermögen, Widerspruch auszuhalten und vom Recht des Einzelnen, unbequem zu sein. Und von jener stillen Versuchung einer Gemeinschaft, das Verstörende lieber zu bestrafen als zu verstehen.

Es ist ein kleines Dramolett und zugleich ein grosser Gedanke: Dass die Wahrheit nicht mit Notwendigkeit an der Seite der Vielen steht und dass Blindheit keineswegs aus Mangel an Information entsteht, sondern auch aus dem Entschluss, bestimmte Wirklichkeiten nicht sehen zu wollen.

Vierzig Jahre nach seiner Entstehung erscheint Der Fall ZE deshalb nicht als verspätetes Dokument einer vergangenen Epoche. Es erscheint als Literatur im eigentlichen Sinne: Als etwas, das seine Zeit überdauert, weil es von den dauerhaften Gefährdungen menschlicher Gesellschaften handelt.
Konstanze Sailer: Der Fall ZE. White Library Books 2026. 117 Seiten. ca. 16.00 SFr. ISBN: 978-3950504255.

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