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Karl Meyerbeer: Worüber wir streiten müssen

Karl Meyerbeer: Worüber wir streiten müssen Linke Streitkultur statt innerlinker Bürger*innenkrieg

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Belletristik

Karl Meyerbeer und das Zeitungsprojekt Strassen aus Zucker plädieren für eine innerlinke Streitkultur, die Widersprüche aushält und nicht gleich einen innerlinken Bürger*innenkrieg ausruft, wenn es unterschiedliche Positionen gibt.

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Datum 27. Oktober 2026
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Über die gesellschaftliche Linke und ihre Tendenz zur Spaltung gibt es viele Kalauer. Einer findet sich am Beginn des schmalen Bandes, das kürzlich im Unrast-Verlag erschienen ist und sich unter dem Titel „Worüber wir streiten müssen“.

In 16 Kapiteln befasst sich der belesene Karl Meyerbeer mit Konfliktlinien in der gesellschaftlichen Linken, die schnell zu Gräben werden können. Das erste Kapitel befasst sich mit der Spaltung der Internationalen Arbeiterassoziation, die meist nur 1. Internationale genannt wird. Jedes Kapitel wird mit einigen Merksätzen eingeleitet. Da findet sich auch der eingangs erwähnte Kalauer aus dem Spielfilm „Das Leben des Brian“: „Es gibt Typen, die wir noch mehr hassen als die Römer. Die Verdammten Judäische-Volksfront-Mistkerle“ (S. 12) wird Monty Python zitiert. Der ständige Streit zwischen der Judäischen Volksfront und der Volksfront von Judäa aus dem Film wird gerne auf die innerlinken Streitigkeiten übertragen, weil es dort oft auch um sehr kleine Gruppen geht, die nur minimale Differenzen haben. Aber genau die führen dann zu den oft lang andauernden Konflikten.

Es wird dann so getan, dass die innerlinken Kontrahent*innen mehr gekämpft werden, als der gemeinsame viel stärkerer Gegner. Im Leben des Brian waren es die Römer. Hinter dem Pseudonym Karl Meyerbeer verbirgt sich ein Aktivist der ausserparlamentarischen Linken Thüringens, der in den vergangenen Jahren schon häufiger mit Essays und Diskussionsbeiträgen zu gesellschaftlichen Themen hervorgetreten ist. Auch sein jüngstes Buch ist gut lesbar, weil der Verfasser nicht nur aus vielen Büchern und Zeitungsbeiträgen zitiert, sondern auch Ironie und Spass versteht.
Schon der Verweis auf das Leben des Brian ist ein gutes Beispiel dafür. Im Anschluss befasst sich der Autor sehr differenziert mit den Konflikten der 1. Internationale. Ein Grund sieht er in dem grossen Ego der drei männlichen Protagonisten Michael Bakunin, Karl Marx, Pierre-Joseph Proudhon. Aber er geht auch auf die Differenzen in ihren Theoriemodellen ein. Da hätte er noch konkreter werden und sich beispielsweise mit der Frage befassen können, ob der Antisemitismus und die Frauenfeindlichkeit von Proudhon nicht auch schon zu Zeiten der 1. Internationale ein Grund für begründete Trennungen gewesen wäre.

Begründete Trennungen

Schliesslich betont Meyerbeer bei seinem Streifzug durch die linke Spaltungsgeschichte, dass es solche begründeten Trennungen immer wieder gegeben hat und auch sicherlich weiterhin geben wird. Er macht an mehreren Stellen deutlich, dass ein Ruf nach der linken Einheit ohne theoretische Klärungen nicht von Dauer sein kann. Aber er betont auch, dass nötige Trennungen nicht zu einer Verfeindung, sondern zu einer Zusammenarbeit in bestimmten Frage führen kann. Leider sind solche Beispiele bisher rar.

Vielleicht gibt sie es öfter, aber es wird weniger darüber berichtet, weil sie nicht spektakulär genug sind. Viel interessanter sind Berichte über immer neue Konflikte in der gesellschaftlichen Linken, wie im Leipziger Stadtteil Connewitz, wo vor einigen Monaten pro-palästinensische gegen israelsolidarische Linke demonstrierten. Doch auch dort gab es auf beiden Seiten Schilder mit Forderungen, die bei aller Kritik betonten, dass man och auch in Zukunft gegen Naziaufmärsche noch gemeinsam auf die Strasse gehen können muss. Meyerbeer gibt in seinen 16 Kapiteln viele Anregungen zu notwendigen Trennungen, die begrenzte Kooperation nicht ausschliesst. Zudem weist er darauf hin, dass Parolen oft nicht so ernst genommen sollen. So tragen heute Menschen T-Shirts mit der Aufschrift „Arbeit ist Scheisse“, um in ihren anstrengenden Lohnarbeitstag zumindest noch deutlich zu machen, dass sie sich ein anderes Leben vorstellen können.

Wenn die Partei nicht immer recht hat

Sehr aktuell ist das Kapitel „Parlament oder Bewegung, in dem Meyerbeer die Parole ‚Die Partei hat immer recht' natürlich verwirft. Sie stammt aus dem Fundus des autoritären Staatssozialismus, kann aber auch für Parteipolitiker*innen jeglicher Couleur, die sich besonders wichtig nehmen, angewendet werden. Demgegenüber stellt Meyerbeer fest: „Für grundlegende Veränderungen und das Abschaffen der Ursachen von Leid, Unterdrückung und Ausbeutung können sich Bewegungen nicht auf Parteien verlassen – was nicht grundsätzlich gegen eine Zusammenarbeit spricht. Damit die gelingt, müssen Parteien aber lernen, dass sich Bewegungen nicht einfach ein- und ausschalten lassen, um die eigenen Kampagnen zu unterstützen – und manchmal müssen sie auch die Parteifahne zu Hause lassen“ (S. 32).

Widerspruch und Zweifel

Im August kam die aktuelle Ausgabe der Zeitung Strassen aus Zucker Nr. 19 aus dem Umfeld des kommunistischen Ums-Ganze-Bündnisses heraus. Bei der Lektüre hätte man denken können, hier hat das Buch von Karl Meyerbeer Pate gestanden. Dabei wurde es in der Ausgabe nicht einmal erwähnt. In der Zeitung geht es um das widersprüchliche Handeln von linken Subjekten im Spätkapitalismus. In mehreren Beiträgen wird aber dafür plädiert, diese Widersprüche und Ambivalenzen auszuhalten und sich um Positionen zu streiten ohne sich gleich zu verfeinden. Unter der Überschrift „Wer hat Angst vor einer Nahost-Debatte?“ werden dort mehrere Aussagen nebeneinander gestellt, die schon oft zu innerlinken Szenekriegen geführt haben.

Hier einige Beispiele:

„Am 7. Oktober 2023 verübte die Hamas ein Massaker an Zivilist*innen – mit über 1200 Toten und Hunderten Geiseln ist es das grösste Verbrechen an Jüdinnen und Juden seit 1945.“

„Nach dem 7. Oktober 2023 tötete da israelische Militär Zehntausende Zivilist*innen in Gaza.“

Ein weiteres Beispiel:
„Die Gründung des Staates Israel war eine Konsequenz aus der Ermordung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden, damit so etwas wie die Shoah nie wieder geschehen kann.“

„Etliche Palästinenser*innen wurden als Folge der israelischen Staatsgründung aus ihrer Heimat vertrieben. Ihnen wurden gewaltvoll ihre Häuser, ihr Land und ihre Lebensgrundlage genommen.“

Und noch ein drittes Beispiel:

„Israel wird von ultraorthodoxen, rechtsextremem, ultranationalistischen Kräften regiert, die nicht an einer gerechten Lösung für Alle interessiert sind.“

„Die Hamas ist eine Terrororganisation, die nicht an einer gerechten Lösung interessiert sind. Sie unterdrückt und tötet Palästinenser*innen, die das anders sehen“

Es sind hier nur drei Beispiele von vielen Aussagen, die alle sachlich korrekt sind und belegt werden können. Und doch führen sie in Teilen der linken Bewegung Anlass zu innerlinken Kämpfen. Es ist erfreulich, dass das Zeitungsprojekt „Strassen aus Zucker“ hier versucht, erstarrte Fronten etwas zu unterminieren. Das versucht auch Karl Meyerbeer mit seinem anregenden Buch. Ja, die Linke muss und soll streiten. Streit kann ein Motor für eine positive innerlinke Entwicklung werden. Aber das passiert nur, wenn die Linke lernt, Widersprüche auszuhalten, ohne gleich in einen innerlinken Krieg zu ziehen.

graswurzel.net

Karl Meyerbeer: Worüber wir streiten müssen. Konflikte, Spaltungen und Gemeinsamkeiten in der radikalen Linken. Unrast-Verlag Münster 2026. 140 Seiten. ca. 18.00 SFr. ISBN: 978-3-89771-052-8.

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