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George Orwell: 1984 | Untergrund-Blättle

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George Orwell: 1984 Big Brother is watching You!

Belletristik

Eine beklemmende Geschichte von Widerstand, Wahnsinn und Wahrheit in einer Welt der totalen Überwachung.

George Orwell.
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Bild: George Orwell. / Wiggy! (PD)

17. Oktober 2016

17. 10. 2016

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Nach aussen führt Winston Smith das Leben, das von ihm erwartet wird. Als Mitglied der Äusseren Partei trägt er, wie all seine Genossen, den blauen Overall. Zum Aufwachen, zum Mittagessen in der Cafeteria und zum Einschlafen trinkt er seine Portion Victory Gin und raucht dazu gelegentlich eine sorgsam rationierte halbe Zigarette. Abends besucht er regelmässig die genossenschaftlichen Treffen. Mit den ArbeiterInnen, den so genannten Proles, kommt er nur auf dem Schwarzmarkt in Kontakt; auf der Suche nach Schnürsenkeln oder scharfen Rasierklingen. Als Angestellter des Ministeriums der Wahrheit erledigt er gewissenhaft die Aufgaben, die auf seinem Schreibtisch landen; formuliert und zugeteilt von anonymen Köpfen aus der Inneren Partei.

Im Namen von IngSoc, der Parteiideologie, korrigiert er Zeitungsartikel über Krieg, Schokoladenrationen und Produktionsquoten, behebt Fehler in den abgedruckten Reden von Parteifunktionären, manchmal sogar von Big Brother. Er ändert Zahlen, streicht Namen und schreibt Artikel im Zweifel neu. Er hat keine Freunde, keine Vertrauten, nur Genossen. Er weiss, wann er zu nicken und wann er sich zu empören hat. Er weiss, dass er Emmanuel Goldstein zu verachten und Big Brother zu lieben hat. Jedes Wort, jede Geste, jede sichtbare emotionale Regung kontrolliert vor den Augen und Ohren der allgegenwärtigen Genossen und Televisoren.

Nur seine Gedanken beherrscht er nicht. Er erinnert sich an Dinge, die ihm eigentlich nicht in den Sinn kommen sollten. Er stört sich an Dingen, die ihm eigentlich gar nicht auffallen sollten. So behauptet die Partei beispielsweise, dass Ozeanien schon immer verbündet mit Ostasien und im Krieg mit Eurasien gewesen ist. Winston aber bemerkt: Mitten in einer offiziellen Rede vor grossem Publikum tauscht der Redner, ein hohes Tier der Partei, ohne auch nur seinen Satz zu unterbrechen, Wörter aus. Plötzlich führt Ozeanien nicht mehr gegen Ostasien, sondern gegen Eurasien Krieg. Und keiner ausser Winston scheint es zu bemerken! Gleichzeitig wissen alle seine Genossen aus dem Ministerium der Wahrheit, was dieser Tausch für sie bedeutet: einen riesen Haufen extra Arbeit.

War das Leben vor der Revolution wirklich schlimmer als das Leben unter IngSoc? Diese Frage stellt Winston sich oft; im Stillen. Beantworten kann er sie nicht. Aber er kann es nicht glauben. Denn alle Geschichtsbücher, Zeitungen, Fotos, Filme – ja, alles wurde und wird von ihm und seinen Kollegen im Ministerium so häufig zur Parteilinie „korrigiert“, dass sie überhaupt keine brauchbaren Informationen mehr enthalten. Winston kann nicht einmal mehr sicher sagen, in welchem Jahr er gerade lebt. Heimlich träumt er von einem besseren Leben.

Von einem spontanen Leben, mit ehrlichen Gefühlen und ungefährlicher Leichtsinnigkeit. Ein Leben ohne Televisoren. Ein Leben ohne die Partei. Ohne IngSoc. Ohne Big Brother. Er hasst ihn– spätestens das macht ihn zum Gedankenverbrecher. Und Gedankenverbrecher landen in den Kellern des Ministeriums der Liebe. Es ist nur eine Frage der Zeit. Vielleicht ist es die erste Leichtsinnigkeit, vielleicht die zehnte. Aber die Gedankenpolizei findet sie immer. Auch aus ihm wird die Partei eine Unperson machen. Auch ihn wird sie aus dem kollektiven Gedächtnis löschen. Wie den Krieg gegen Ostasien. Da ist er sich sicher. Denn die Leichtsinnigkeiten haben schon längst begonnen. Und das Ende ist im Anfang enthalten.

Wahrheit oder Halluzination

Die Revolution wird vollendet sein, wenn die Sprache perfekt ist. Davon geht die Partei aus. Im Ministerium für Wahrheit wird deswegen Neusprech, die offizielle Sprache von IngSoc, beständig weiterentwickelt. Wenn sie fertig ist, wird keine Gedankenpolizei mehr nötig sein. Wenn sie fertig ist, sind Gedankenverbrechen nicht mehr möglich. Denn für Gedanken abseits der Parteilinie wird es keine Wörter mehr geben. Kein Wort, keine Bedeutung und damit kein bewusster Gedanke abseits der Parteilinie.

Solange das nicht erreicht ist, bleibt die Alternative zu Gedankenverbrechen DoppelDenken. Es ist die Fähigkeit, an mehrere widersprüchliche Wahrheiten zu glauben – gleichzeitig. Es ist die Fähigkeit, gerade ausreichend Bezug zur materiellen Welt zu behalten, um zu wissen, wann und vor allem wie gefälscht werden muss. Und die Fähigkeit, zu fälschen und es korrigieren zu nennen.

Die Fähigkeit, nach der Rede zurück ins Ministerium zu gehen und Überstunden zu arbeiten, bis in jedem Schriftstück Ostasien durch Eurasien ersetzt ist, und gleichzeitig Eurasien wegen all seiner Kriegsverbrechen zu hassen. Es ist die Fähigkeit, zu wissen, dass zwei und zwei fünf ergeben, sobald und solange IngSoc das erfordert. Wahr ist, was alle wissen. Davon geht die Partei aus. Wenn alle denken, dass Ozeanien schon immer mit Eurasien im Krieg war, dann war Ozeanien auch schon immer mit Eurasien im Krieg. Und was alle wissen, das entscheidet die Partei. Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft; wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.

Orwell schreibt über so viel mehr als nur totale Überwachung und Polizeistaat. In seiner Dystopie finden sich Kritik an Kapitalismus und am Realsozialismus, an Klassenherrschaft und an Zensur. Es geht um Einsamkeit, Liebe, Sex. Aber vor allem geht es um Wahrheit und Wahnsinn. Ist der verrückt, der bedingungslos glaubt, was alle glauben, oder der, der weiss, dass alle ausser ihm verrückt sind? Wenn nur wahr ist, woran sich alle erinnern, warum sind dann Fälschungen und DoppelDenken notwendig? Winstons subjektive Erfahrungen sowie die Bücher und Artikel, die er fälscht, sind zwar nicht identisch, aber immerhin eine Erinnerung an die objektive Welt, die die Partei so hartnäckig leugnet.Wenn die Partei eines Tages dafür sorgt, dass niemand sich an ihn erinnert, hat er doch trotzdem existiert. Oder? Auch wenn alle glauben, dass sie in einer befreiten Gesellschaft leben, ändert das nichts daran, dass in der inneren Partei Wein getrunken wird, während die äussere Partei keine scharfen Rasierklingen und die Proles nicht einmal Schuhe haben.

Selbst der Titel scheint daran zu erinnern: Orwell überschreibt seinen Roman über eine Welt ohne sichere Zeitangabe ausgerechnet mit einer Jahreszahl. Als wolle er sagen, dass, auch wenn niemand in Ozeanien sich erinnern, geschweige denn beweisen kann, in welchem Jahr er oder sie lebt, das nichts daran ändert, dass es das Jahr 1984 ist. Nur weil sich nicht mehr feststellen lässt, nur, weil sich nicht beweisen lässt, was die objektive Wahrheit ist, hört diese nicht auf zu existieren. Etwas Anderes zu glauben, ist ein Rückfall in ein idealistisches Weltbild. In das Weltbild von IngSoc, in dem nur wahr ist, was in unseren Köpfen spukt; in dem wahr ist, was wahr gemacht wird. In diesem Sinne: Krieg ist Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Ignoranz ist Stärke!

Alison Dorsch / kritisch-lesen.de

George Orwell: 1984. Ins Deutsche übertragen von Kurt Wagenseil. Diana Verlag, Stuttgart 1950. 383 Seiten.

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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