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Dominique Manotti: Marseille.73 | Untergrund-Blättle

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Dominique Manotti: Marseille.73 Kann es einen linken Polizeiroman geben?

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Der historisch akkurate Krimi handelt von einer rassistischen Mordserie, dem korrupten Polizeiapparat und streikenden nordafrikanischen Arbeiter:innen.

Marseille bei Nacht.
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Bild: Marseille bei Nacht. / Mathieu Dupouy (CC BY 3.0 unported - cropped)

13. Juli 2021
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Marseille im Spätsommer 1973. Der junge Kommissar Theodore Daquin sitzt auf seinem Balkon mit Blick auf den alten Hafen, trinkt Espresso und ruft seinen Geliebten an. Daquin ist aus dem Urlaub zurück. Er blättert in der Lokalzeitung – in einem Vorort gab es eine Schlägerei, es fielen Schüsse, ein Toter, ein Verletzter, beide gebürtig aus Algerien. Daquin ahnt nicht, dass dieser kleine, alltäglich wirkende Fall der Beginn dessen ist, was ihn in den nächsten Wochen beschäftigen wird.

Nordafrikanische Arbeiter:innen und ihre Familien sind in Marseille 1973 so allgegenwärtig wie heute. Doch die französische Regierung fährt zu dieser Zeit einen harten Anti-Einwanderungskurs. Der „Runderlass Marcellin-Fontanet“, beschlossen im Herbst 1972, macht alle Migrant:innen ohne Arbeitsvertrag und ohne „anständige“ Wohnung – das sind 86 Prozent von ihnen – schlagartig zu Illegalen. Allerorts regen sich Streiks, um Arbeitsverträge und anständige Wohnungen zu erkämpfen.

Eine neue rechte Gruppierung hetzt dagegen, sie nennt sich Ordre Nouveau. Plakate mit dem Slogan „Stoppt die wilde Einwanderung“ pflastern die Wände der südfranzösischen Innenstädte. Als ein offensichtlich psychisch kranker Fahrgast algerischer Herkunft in einem Marseiller Bus dem bio-französischen Fahrer die Kehle durchschneidet, nutzen manche Akteur:innen den tragischen Vorfall, um die Situation eskalieren zu lassen. Rassistische Morde häufen sich.

Das ist der Ausgangspunkt von „Marseille.73“ von Dominique Manotti. Wie alle ihre Krimis ist auch „Marseille.73“ akribisch recherchiert. Die beschriebenen Ereignisse kommen der historischen Realität nah, ein Nachwort präzisiert: Im Sommer und Herbst 1973 sei es in Marseille tatsächlich zu 15 Morden an Algerier:innen gekommen. Die Ermittlungen verliefen, nicht unähnlich denen zum NSU, schleppend und lückenhaft. Hier setzt der Roman an: Kommissar Daquin, 27 Jahre jung, recht frisch von Paris nach Marseille versetzt, klettert tief hinein in das Geflecht des Marseiller Polizeiapparats.

Algerien-Rückkehrer:innen bei der Polizei

Daquin ist Chef eines kleinen, sympathischen Teams. Gemeinsam mit seinen Mitarbeitern Grimbert (etwas älter, ein echter Marseiller, gesetzt und gut vernetzt) und Delmas (jung und voll Energie) ist er – noch vor dem Mord an dem Busfahrer – auf Ermittlungen im Umfeld der UFRA angesetzt. UFRA – L’Union des Français repliés d’Algérie –, das ist die Vereinigung französischer Algerienheimkehrer:innen, eine Interessenvertretung der sogenannten „Pieds-Noirs“.

Das sind also diejenigen Französinnen und Franzosen, die mit der algerischen Unabhängigkeit 1962 Hals über Kopf nach Frankreich zurückgekehrt sind. Etwa 100.000 von ihnen leben 1973 in Marseille, Rassismus und eine Nostalgie für die Kolonialzeit sind unter ihnen weit verbreitet. Die UFRA wird verdächtigt, bewaffnete Untergruppen aufzubauen, um algerische Institutionen in Frankreich anzugreifen und so die politische Situation in Algerien zu destabilisieren – mit dem Ziel, dort letztlich die Kolonialherrschaft wiederherzustellen.

Die Suche nach den Allianzen der Pieds-Noirs in Marseille führt Daquin und sein Team tief in die Eingeweide der Polizei selbst. Viele Kolonialpolizisten, die bis zur Unabhängigkeit ihren Dienst in Algerien getan haben, mussten 1962 schnell in den Marseiller Polizeiapparat eingegliedert werden. Daquin stösst auf eine ungewöhnliche Häufung dieser Pieds-Noirs-Polizisten im 15. Arrondissement. Und dann gehen die rassistischen Morde los. Die Ermittlungen, gerade im 15. Arrondissement: sehr, sehr schleppend. Daquin und sein Team: Plötzlich mitten in beiden Fällen; ermitteln in beiden verdeckt, teilweise vor den eigenen Vorgesetzten.

Identifikationsfiguren jenseits der Polizei

Wer also ist dieser Protagonist? Théo Daquin, der junge, schwule Kommissar, bleibt in all dem etwas blass. Über seine Motivation und Emotionen in dem Fall, genau wie seinem Geliebten und auch einer geheimnisvollen Frau gegenüber bleiben wir etwas im Dunklen. Er ist jedenfalls kein Linker, aber der Traum von einem korrekten Bullen: durch und durch wahrheitssuchend, kein Rassist, stets freundlich, ausser zu unliebsamen Kollegen. Seine Jugend ist beim Lesen etwas ungewohnt und trägt zur Blässe bei. In die 27 Jahre seines Lebens passt erst wenig „Backstory“, seine Geschichte scheint eher vor ihm zu liegen. Manchmal wünscht man sich einen etwas älteren, abgehalfterten Kommissar, dessen dunkle Vorgeschichte ihn weniger berechenbar machte.

Gerade im Vergleich zu Fabio Montale in Jean-Claude Izzos bekannter Marseille-Krimi-Trilogie, an die man unweigerlich denkt, ist Théo Daquin etwas langweilig gestrickt. Aber vielleicht liegt seine Blässe auch daran, dass „Marseille.73“ schon der sechste Théo Daquin-Roman ist, den Dominique Manotti geschrieben hat. Wahrscheinlich lernt man ihn an anderer Stelle besser kennen. Oder ist die Blässe der Polizei bei Manotti Programm?

„Marseille.73“ ist ein linker Roman und damit der Aufklärung über historische Tatsachen verpflichtet. Er ist zugleich aber auf der Suche nach Menschenbildern, Psychogrammen von Mitläufer:innen und Mutigen, von Rassist:innen, Apparatschiks und moralisch Korrekten. Davon ausgehend ergibt sich dich Frage, ob man überhaupt einen linken Roman über positive Bezugspersonen in der Polizei schreiben kann. Zum Glück versucht Manotti dieses Unterfangen erst gar nicht wirklich. Die Perspektive der Polizei ist eher ein Scheinwerfer, der Ereignisse, Zusammenhänge und Figuren beleuchtet – zum Beispiel die Familie des ermordeten algerischen Jugendlichen Malek Khider, die, unterstützt von dem jungen linken Anwalt Berger, selbst mit den Ermittlungen beginnt, weil der Polizei nicht zu trauen ist.

Hier ist das emotionale Zentrum des Romans, hier sind die eigentlichen Protagonist:innen, die sich entwickeln, aus dem Geschriebenen heraustreten, zu politischen Subjekten werden. Hier sind komplexe, nachvollziehbare Figuren, hier ist Emotion. Und hier sind auch Bezüge zu den gewerkschaftlichen Kämpfen, mit denen Dominique Manotti auch biografisch verbunden ist – sie war von den 1960er bis in die 1980er Jahre in der damals einem Sozialismus der Selbstverwaltung verpflichteten Gewerkschaft CFTD aktiv. Aus dem Fall in „Marseille.73“ wird eine Bewegung: Nordafrikanische Arbeiter:innen streiken aus Protest gegen die rassistischen Morde, legen für Tage die südfranzösischen Werften lahm.

Erst durchkämpfen, dann mitreissen lassen

Hier nimmt der Roman Fahrt auf und begeistert, nachdem man sich als Leser:in auf den ersten 70 Seiten eher mühsam ein Verständnis für die korrupten Apparate der Marseiller Polizei erkämpft, ohne dass die Geschichte richtig in Gang kommt. Wer war jetzt nochmal Algerien-Rückkehrer:in und wer nicht? Und wer ist für welchen Bezirk, wer auf welcher Ebene wofür zuständig? Wer ist verdächtig, und wer nicht? Grimbert, Delmas, Percheron, Picon, Platel, Lorant, Girard, Solal, welche der leicht zu verwechselnden Namen müssen im Gedächtnis haften bleiben? Eine Liste der Protagonist:innen, ein kurzer Sachtext über den Aufbau der Marseiller Polizei und ein Glossar, alle am Ende des Buchs, helfen nur begrenzt weiter, gerade auch weil man beim Blättern hinten im Buch immer Angst haben muss, über Spoiler zu stolpern.

Das Durchkämpfen aber lohnt sich. Die vielen, gut recherchierten Details fügen sich im Verlauf des Romans zu einer spannenden Geschichte, die nicht nur auf der Sachebene, sondern auch emotional trägt. Am Ende hat man nicht nur die Familie des ermordeten Jungen, ihren jungen Anwalt und die vielen nordafrikanischen Genoss:innen ins Herz geschlossen. Man hat auch viel gelernt über Südfrankreich in den frühen 1970er-Jahren und ist einmal mehr beeindruckt von der Art, wie die Kämpfe der radikalen Linken in Frankreich selbstverständlich mit denen der Arbeiter:innen und auch der Migrant:innen verbunden sind. Dominique Manotti sagt über sich selbst, die Enttäuschung über die Regierung Mitterand habe sie vom politischen Engagement zur Literatur wechseln lassen. Gut, dass sie sich dafür entschieden hat, statt zu verstummen.

Johanna Tirnthal
kritisch-lesen.de

Dominique Manotti: Marseille.73. Übersetzt von: Iris Konopik. Argument Verlag + Ariadne, Hamburg 2021. 400 Seiten. ca. 27.00 SFr. ISBN 978-3-86754-247-0

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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