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Rezension zum Buch von DJ Stalingrad - Exodus | Untergrund-Blättle

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Rezension zum Buch von DJ Stalingrad - Exodus „Das Leben ist eine Pokerrunde und du hast ein totales Scheissblatt“

Belletristik

Willkommen in der Welt von „Exodus“, dem Debütroman von DJ Stalingrad alias Piotr Silaev. Es ist keine schöne Welt: Gewalt und Wut bestimmen den Alltag, und die Protagonisten sind Skinheads, Hooligans, Punks und Anarchisten der Moskauer Szene.

Holzkapelle der GottesmutterIkone „Lindere meinen Kummer“.
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Bild: Holzkapelle der Gottesmutter-Ikone „Lindere meinen Kummer“. Stadtteil Nord-Medwedkowo, Moskau. / A. Savin (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

7. Oktober 2015

07. 10. 2015

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Bruchstücke einer kaputten Jugend: DJ Stalingrads „Exodus“ ist ein brutaler Abgesang auf das postsowjetische Russland.

«Zähne, Hautfetzen, Blut fliegen in alle Richtungen. Ich bin ein Fünferkandidat aus der letzten Reihe, meine Klassenkameraden verachten mich, ich saufe und wichse. Ich habe eine eingefallene Brust, einen rachitischen Bauch, ich neige zu Asthma, habe ein schwaches Herz, hatte nie einen Vater, hatte nie eine Freundin. Innerhalb einer Sekunde räche ich mich an diesem Wichser für all die Jahre, für mein ganzes Leben, für all die Idioten wie mich, für die Krüppel, die Kranken, für die Kinder des Angestelltenproletariats, für alle Dummen, Infantilen, für die Versager, die einen beschissenen Wahnsinnsanteil an der Bevölkerung unseres Landes ausmachen» (S. 14).

Willkommen in der Welt von „Exodus“, dem Debütroman von DJ Stalingrad alias Piotr Silaev. Es ist keine schöne Welt: Gewalt und Wut bestimmen den Alltag, und die Protagonisten sind Skinheads, Hooligans, Punks und Anarchisten der Moskauer Szene. Sie gehören zu einer frustrierten Generation, die sich in Hinterhöfen, auf Strassenzügen und in verdreckten Konzertkellern schlägt und durchschlägt, die alles aufs Spiel setzt, weil sie nichts zu verlieren hat:

«Wenn du arm bist oder erbärmlich, bleibt dir nur, alles auf eine Karte zu setzen. Alles, was wir all die Jahre gebracht haben, waren hohe Einsätze […]. Das Leben ist eine Pokerrunde und du hast ein totales Scheissblatt. In dieser Situation ist es richtig, vabanque zu spielen, alles zu setzen. Es bleibt dir immer ein letzter Chip, den du bis zum Schluss nicht verlieren wirst: Dein Leben, und das setzt du wieder und wieder, und die Gegner passen und schmeissen die Karten hin. […] Doch einmal werden sie dich beim Bluffen erwischen und umlegen. Das ist unausweichlich.» (S. 25)

Das sind die Worte des namenlosen Protagonisten und Ich-Erzählers, Hardcore-Fan, Antifaschist, Bullen-Hasser und Ex-Strassenkämpfer, der als Mittzwanziger rückblickend seine Geschichte aufschreibt, damit die „Dämonen, […] die sich über meinem Kopf verhakt haben […] eine neue Form auf dem Papier finden“ (S. 6): „Ich erinnere, um zu vergessen“ (ebd.). Schreiben als therapeutische Massnahme? Tatsächlich trifft es die Metapher von den Dämonen besser. Wollte man das poetische Programm hinter „Exodus“ beschreiben, so könnte man es – um im Bild zu bleiben – als eine Art literarischen Exorzismus bezeichnen. Und zwar als einen von der besonders radikalen und grausamen Sorte.

Auf knapp 140 Seiten reihen sich die Gewaltausbrüche aneinander, folgt eine blutige Strassenschlacht auf die andere, löst ein schonungsloser sprachlicher Exzess den vorherigen ab. Die Geschichte, die dabei herauskommt, ist nicht linear und geschlossen, sondern genauso zertrümmert wie die Körper von Fedja, Kolja, Mischa, Serjosha und all den anderen, die gemeinsam mit dem Protagonisten gegen „die Bullen“ („Wir alle hassen Bullen.“, S. 41) und Neonazis kämpfen, die „so perfekt in die russische Realität passten“ (S. 118).

Dass das Ganze deutlich autobiographisch inspiriert ist, legt der Klappentext nahe, in dem von „etlichen militanten antifaschistischen Aktionen“ Silaevs die Rede ist, der Russland mehrfach verlassen musste und mit der Arbeit an „Exodus“ 2008 im griechischen Exil begann. Tatsächlich liest sich Vita des 1985 geborenen Autors ähnlich abenteuerlich wie sein Roman: Seit seiner Jugend in antifaschistischen und anarchistischen Gruppen organisiert, war Silaev in zahlreiche Strassenkämpfe gegen Neonazis und Hooligans involviert. 2010 organisierte er mit anderen Aktivist_innen eine Protestaktion gegen den Bau einer Autobahn bei Moskau, für die ein Waldgebiet abgeholzt werden sollte. Viele der Protestierenden – meist aus der antifaschistischen Szene – wurden daraufhin verhaftet. Silaev flüchtete nach Finnland, wo er politisches Asyl erhielt. Bei einem Aufenthalt in Spanien 2012 wurde er von Interpol verhaftet, nachdem es Russland gelungen war, ihn wegen „Hooliganismus“ auf die internationale Fahndungsliste zu setzen. Nach internationalen Protesten wurde Silaev wieder von der Liste gestrichen. Derzeit lebt er als Journalist in Spanien.

„Exodus“ wurde in Russland 2011 im Samisdat publiziert und liegt seit 2013 in deutscher Übersetzung vor. Das Pseudonym, das Silaev für seinen Debütroman gewählt hat, darf man programmatisch verstehen: Mit einer Rohheit, die ebenso fasziniert wie abstösst, mixt und montiert „DJ Stalingrad“ die Fragmente einer postsowjetischen Jugend voller Selbst- und Welthass. „Exodus“ ist Krieg, und das schmale Büchlein wäre unerträglich, wenn es nicht so authentisch erzählt und auf schmerzhafte Weise poetisch wäre.

Stephanie Bremerich
kritisch-lesen.de

DJ Stalingrad: Exodus. Roman. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2013. 136 Seiten, 17 SFr., ISBN 978-3-88221-071-2

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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