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Deutsche Demokratische Rechnung: Eine Liebeserzählung Politik der Wahrheit

Belletristik

Dietmar Dath ist in seinem neuen Roman auf der Suche nach der Wahrheit im Konkreten. Der Autor versucht sich damit an einem Stück Literatur, das man vielleicht Sozialistischen Realismus im postsozialistischen Zeitalter nennen könnte.

Dietmar Dath bei einer Lesung an einer Soiree in Berlin mit Kunst, Politik, Performance und Poetik.
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Bild: Dietmar Dath bei einer Lesung an einer Soiree in Berlin mit Kunst, Politik, Performance und Poetik. / Rosa Luxemburg-Stiftung (CC BY 2.0 cropped)

8. Oktober 2015

08. 10. 2015

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Ein unbedeutend hässlicher Friedhof in Berlin. Da stehen sie zu viert. Jeder ist hier auf ganz eigene Weise fremd. Vera, die kluge Heldin des Romans, im kratzenden schwarzen Sweater von H&M. Neben ihr Gerd, einer der ehemaligen Verlobten Veras, der, wie so viele Männer, ganz eigene unausstehliche Schrullen entwickelt angesichts der brodelnden Klugheit einer Frau. Ein Pfarrer, der auch nicht so Recht weiss, was er hier soll, spricht Unsinn über jenen, wegen dem sie alle an diesem trostlosen Ort versammelt sind: Otto Ulitz, der Vater Veras, ein lächerliches Häufchen Asche.

Er, der verschrobene und kauzig gewordene DDR-Mathematiker, der unter Walter Ulbrichts „Neuem Ökonomischen System der Planung und Leitung“ (NÖSPL) eine bessere sozialistische Planwirtschaft errechnen wollte. Der neue Roman von Dietmar Dath, bekannt für „unverständliche Spekulationen über neue Formen der Liebe und Politik“ (so liebend neckisch die FAZ), beginnt mit einem Abschied. Ein Abschied, an dem auch wir uns, die für das maximal Soziale, Freie, Schöne, Wahre kämpfen (Vergessenes bitte selbst einfügen), so mühsam abarbeiten.

Der Autor versucht sich damit an einem Stück Literatur, das man vielleicht Sozialistischen Realismus im postsozialistischen Zeitalter nennen könnte. Zerplatzte Träume. Verlorene Kämpfe. Offene Wunden. Das Handeln, Denken und Lieben der Figuren in „Deutsche Demokratische Rechnung“ bezieht sich auf Versuche, die Welt zu machen. Vera Ulitz vegetiert nach abgebrochenem Mathematik-Studium in der Frankfurter Bahnhofshölle in einem gesichtslosen Backshop vor sich hin, bis sie von dem Erbe des verstorbenen Vaters dazu genötigt wird, sich aus der prekären Lethargie der Anfang Dreissigjährigen heraus zu robben.

Zunächst widerwillig betritt sie die Welt des verstorbenen Vaters, liest die Papiere der Vergangenheit, in denen sie die „Heimat Unendlichkeit“ (S. 57) wiederfindet, die sie im drögen Alltag des Vorsichhinlebens verloren hatte. Es geht in den Notizen des Vaters um nichts anderes als um ein Sichvortasten zu einem Begriff von Wahrheit mittels exakter Wissenschaft; der Hebel zum Eingriff in die Wirklichkeit ist ihm die Mathematik. Das, was als Entrümpelung begonnen hat, wird für Vera zu einer Aneignung des akribisch notierten Gezettels, ihres Erbes.

Vera ist in Berlin aber nicht nur mit vergilbten, papiernen Kämpfen konfrontiert, sondern auch mit dem tagtäglichen Kampf gegen den kapitalistischen Irrsinn, der unterdrückt, zermürbt und ausgrenzt. Sie wird von ihrer mutigen Freundin Petra in das linksautonome Räuber und Gendarme-Spiel reingeschwatzt: Zwangsräumung, Demo, Bullen, Action. Veras Kommentar: „Es war ganz sinnlos, was wir gemacht haben, aber eben auch nötig“ (S. 67). Damit hat sie wahrscheinlich Recht. Wie Petra im Anschluss an die Niederlage Zitronennudeln kocht, für alle, die nun müde schwatzend beisammen sitzen, da möchte man sich unbedingt in sie verlieben. Denn bei Petra ist man sich ganz sicher, sie lässt dich nicht allein mit der garstigen Welt. Auch Manuel, Veras Frankfurter Gefährte, antwortet treu auf jede SMS.

Er verkauft elektronischen Schrott im Saturn, isst fortwährend, stopft alles in sich hinein, weil man im Leben so viel schlucken muss und trotzdem immer hungrig bleibt. Nebenbei erprobt aber auch er ganz eigene Formen der Umverteilung. Während Mike, ein Redakteur der ganz real existierenden linken Tageszeitung junge Welt, Vera überzeugt, das, was sie denkt, auch journalistisch zu verwursten, damit die Zeitung nicht dazu verdammt ist, bloss Nachlassverwalter vergangener Zeiten zu sein, sondern das, was war, auch weiterdenken kann. Es ist dieser Alltag des Verstricktseins, das Hadern und nicht Aufgeben der Figuren, das – wie in fast allen Romanen von Dietmar Dath – die Leserin oder den Leser hoffen lässt, die Möglichkeit schlummere schon in der Wirklichkeit.

Aber manchmal ist die Hoffnung in diesem Roman auch ein ganz schöner Blödmann. Jedenfalls wenn es um die Liebe geht. Veras kluges Denken macht vielen Männern Angst. Ausser Frigyes Makkai. Ein schöner Mann, der Vera in einen „Strudel köstlicher Verwirrung“ (S. 97) schleudert. Er hört ihr zu, denkt mit ihr mit, liebt sie nicht trotz, sondern wegen ihrem rasend schnellen mathematischen Grübeln. „Eine Liebeserzählung“, so der Untertitel des Romans. Jedoch eine gebrochene. Frigyes, Journalist, denkt nämlich in eine andere Richtung. Es gibt keine Verbindung zwischen ihnen und doch eine, die Liebe. Aber die zählt nichts mehr, wenn der eine den anderen verrät. Sie, die in der Vergangenheit gräbt und sucht, ist ihm schliesslich bloss Objekt für eine „gute Story“, wird hineingepresst in spiessig-grüne Denkschablonen. Man fühlt sich ähnlich niedergeboxt wie die Heldin. Tiefschlag. So heisst das letzte Kapitel.

Die Erfahrung, dass all das, was unter dem Namen Wahrheit verhandelt wird, geronnenes Resultat gewesener sozialistischer Bewegung ist, macht Vera im Ordnen der väterlichen Gedanken. Wer da mit- und weiterdenken will, dem sei ein weiteres Büchlein empfohlen, das unter dem Titel „Klassenkampf im Dunkeln“ vom gleichen Autor nur ein wenig früher erschienen ist. Es trägt den Untertitel „Zehn zeitgemässe sozialistische Übungen“ und beschränkt sich folglich auf die Erprobung des marxistischen Werkzeugkastens in actu. Das ist sehr wichtig. Denn das Instrumentarium, das Dietmar Dath hier benutzt, ist ein gewordenes und darum manchmal auch vergessenes, verdrängtes. Entgegen jenen, die die marxistische Methode achtlos in die Ecke blosser Glaubenssätze schleudern wollen, stellt er an sie also den Anspruch, dass man an und mit ihr die Wahrheit messen kann.

Nun ist Wahrheit aber kein abstrakter Begriff, sondern entfaltet sich im Denken, im Konkreten (das Grübeln und Kritzeln Veras ist nichts anderes). Diesen zehn Übungen staunend lesend zu folgen, macht tatsächlich grossen Spass. Denn Dietmar Dath wäre nicht er selbst, würde er nicht gleich die ganz grossen Fragen stellen. Ein Beispiel wäre jene, was damals in den sozialistischen Ländern eigentlich schiefgegangen sei. Seine Antwort gleicht der, die Otto Ulitz im Roman schon vor Walter Ulbricht heraus stotterte: Produktivkräfte werden im Sozialismus langsamer entwickelt; ganz einfach, weil im Sozialismus Entscheidungen Zeit kosten. Und das ist die grosse Überlegenheit, tatsächlich Neues zu entwickeln, denn die klugen Köpfe werden nicht von oben mit Befehlen stillgelegt, sondern haben Raum, Ideen zu entwickeln.

Diese Erkenntnisse sind nicht neu, darum geht es in dem Büchlein auch gar nicht. Der Autor möchte Gewesenes prüfen, alte Widersprüche neu entwickeln. Wie Vera gegen Ende des Romans sich tastend einen Weg nach vorne sucht, das tut, was sie letztlich am besten kann, nämlich den „politisch Wachen“ helfen, „ihre Einsprüche zu ordnen, ihre Pläne zu machen“ (S. 239), so tut auch Dietmar Dath nichts anderes.

Carolin Amlinger / kritisch-lesen.de

Dietmar Dath: Deutsche Demokratische Rechnung. Roman. Eulenspiegel Verlag, Berlin, 2015. 240 Seiten. ca. 22.00 SFr. ISBN 978-3-359-02471-2

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