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Bettina Wilpert: Nichts, was uns passiert | Untergrund-Blättle

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Bettina Wilpert: Nichts, was uns passiert Glauben ist nicht alles

Belletristik

Wie kann transformative Gerechtigkeit greifen, wenn die Einschätzungen des Geschehenen zu verschieden sind?

17. August 2021
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6 min.
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Anna und Jonas lernen sich im Sommer kennen und es erweckt den Eindruck, sie können einander nicht sonderlich gut leiden. Trotzdem haben sie Sex, einen mittelmässigen One-Night-Stand, eine zweite Nacht bleibt erstmal aus. Bis zur Geburtstagsfeier eines gemeinsamen Freundes, die bei Jonas im Garten stattfindet. Anna ist stark alkoholisiert und wird zum Ende des Abends in Jonas Zimmer gebracht. Jonas bleibt mit ihr allein, schliesslich hat der Freund Geburtstag. Was dann folgt, ist die Ausgangslage für eine vorsichtige Erzählung der Unzulänglichkeit einer strafenden Gesellschaft, mit Nuancen der Leidenserzählung umzugehen oder wahrhaftig reparative Lösungen zu bieten.

„Jonas sagte, dass es einvernehmlicher Sex war. Schliesslich benutzt er ein Kondom. Sie wehrte sich nicht. Es war schlechter als das erste Mal, vielleicht weil beide noch betrunkener waren.“ (S. 47)

Nichts an dieser Geschichte ist spektakulär, sie überzeugt vor allem durch die Alltäglichkeit der Ereignisse. Anna hat Nein gesagt, doch sie ist zu betrunken, lässt es über sich ergehen, hofft, es ist schnell vorbei. Sie möchte niemandem von dem Ereignis erzählen und zieht sich zurück, isst nicht, schläft nicht, spricht nicht. Sie schämt sich. Erst nach Wochen, als ihre Schwester sie wegen eines zurückliegenden Streits zur Rede stellen will, spricht sie über die Nacht mit Jonas. Der Begriff Vergewaltigung fällt erst viel später.

Ringen um Eindeutigkeit

Doch eben diese Alltäglichkeit ist ein Tabubruch und Bettina Wilperts Debütroman „Nichts, was uns passiert“ wird nach der Publikation vielseitig gelobt. Für den rohen Erzählstil, die Nahbarkeit eines sonst so tabuisierten Themas und die Ambivalenz, mit der von Etwas erzählt wird, was sich allein zwischen zwei Menschen abspielt. Es ist 2018, die Zeit nach der Weinstein-Affäre und die Nuancen vergeschlechtlichter Machtverhältnisse bilden die Grundlage einer scheinbar gesamtgesellschaftlichen Diskussion.

Während es fraglich ist, wie ambivalent eine Situation tatsächlich ist, in der ein Mann eine nahezu bewusstlose Frau in sein Zimmer trägt und in sie eindringt, zeigt der Roman doch mit viel Feingefühl, welche Auswirkung Vergewaltigungsvorwürfe im bestehenden Justizsystem haben. Für Anna ist es selbst mit ihrer Schwester schlimm, die Nacht zu rekapitulieren; sie war betrunken, fühlt sich schuldig, überlegt, was sie anders hätte machen können. An eine Anzeige ist zunächst nicht zu denken. Anna fürchtet nicht nur, dass die Polizei ihr nicht glaubt, sondern auch, dass sich die Anzeige im Freundeskreis herumspricht, bei ihren Eltern, dass enge Vertraute sich von ihr abwenden. Als sie dann doch zur Polizei geht, tut sie es als Reaktion auf Jonas, der offenbar unbehelligt weitergelebt hat und sie im Supermarkt anspricht, als sei nichts gewesen – weil für ihn nichts gewesen ist. Bei der Polizei erlebt Anna Täter-Opfer-Umkehr, die Anzeige bringt ihr nichts. Oder eher: nichts Gutes, denn dadurch erfährt Jonas von der Anschuldigung. Er – und alle in seinem und ihrem Umfeld.

Seit #MeToo heisst es vermehrt, man solle Frauen glauben – schliesslich liegt die Quote der Falschbeschuldigungen auch in Deutschland nur bei ca. 3 Prozent. Doch bis 1997 waren Vergewaltigungen in der Ehe keine Straftat, erst seit 2016 gilt auch ein Nein als Grund, um dennoch vollzogene Sexualakte als Verbrechen anzuerkennen. Und auch im Roman scheitert eine Verurteilung von Jonas an einer solchen begrifflichen Schwelle: Anna habe sich nicht genug gewehrt, Jonas habe keine nachweisliche Gewalt angewendet.

Das Übergehen ihres „Neins“ ist dem Gerichtsurteil nach „geschmacklos“, doch (noch) keine Straftat. Aber auch nach der in Deutschland eingeführten Reform des Sexualstrafrechts ist es schwierig, juristisch gegen Gewaltakte anzugehen, die nicht nur oder nicht immer etwas mit messbarer, körperlicher Unversehrtheit zu tun haben, sondern mit der individualisierten und gewaltsamen Fortführung einer systematischen Abwertung von nicht-männlichen, nicht-weissen oder anders als nicht dazugehörig empfundenen Subjekten.

Täter werden als Ausnahmefälle sichtbar, wenn sie systematische und mächtige Ausbeuter sind, wie Harvey Weinstein, oder als fremd und somit als von der Gesamtgesellschaft abtrennbares Übel wahrgenommen werden können, wie die vermeintlichen Täter der Kölner Silvesternacht 2015. Der nette, bürgerliche Doktorand aus dem Roman hat wenig zu befürchten, gibt es doch bei „Date Rape“ wenig Beweise, vor allem, wenn die Anschuldigungen von der Sitzengelassenen kommen.

Gerechtigkeit in einer Ungerechten Welt?

Dem will das Konzept der Transformativen Gerechtigkeit etwas entgegensetzen. Es hofft, durch Gespräche und gemeinsame Reflexion struktureller und individueller Fehlerhaftigkeit zu einem Punkt zu kommen, an dem sowohl bei Tätern wie auch Opfern eine Art Heilung stattfinden kann. Auch im Roman setzt sich Jonas‘ linke Gruppe mit dem Vorfall auseinander und ruft ihn zu einem Gespräch. Anna wird zur Opfersupportgruppe eingeladen, auch ihr werden Gespräche angeboten. Doch die Versuche wirken tölpelhaft, Jonas fühlt sich weiter ungerecht beschuldigt, von Leuten, mit denen er gar nicht so viel zu tun hat. Dass sie sich einmischen, erzürnt ihn lediglich weiter.

Anna leidet unter der regen Aufmerksamkeit, den mitleidigen Blicken, der Gewissheit, dass sie nur noch als beschädigter Körper wahrgenommen wird. Eine Gewissheit, die die Supportgruppe nur bestätigt. Die Positionen Täter und Opfer scheinen durch den transformativen Versuch hier eher festgefahren, als, wie im Ansatz eigentlich angedacht, aufgeweicht, rehabilitiert, versöhnt. Auf der strukturellen Ebene bleibt man mit der sozialen Ausgrenzung allein – dies gilt für Jonas, doch auch für Anna.

Während der Roman die Lösung eigentlich ganz einfach erscheinen lässt – Anna will nichts, nur eine Entschuldigung – zeigt er auch die Ambivalenzen, die selbst bei linken Wünschen nach transformativer Gerechtigkeit, Solidarität und Aufarbeitung in der Realität genauso Schaden anrichten können, wie sie zu helfen hoffen. Jonas ist zu getroffen von den Auswirkungen dieser Nacht, um sich als Täter zu sehen, Anna zu vereinsamt, um auf Heilung zu hoffen. Mehr als jegliche Sicherheit über den richtigen oder falschen Umgang mit Täter*innen offenbart der Roman die Unfähigkeit einer Gesellschaft, mit einer tiefsitzenden Misogynie umzugehen, wie auch die scheinbar unauflösbaren Konsequenzen eines so intimen und doch so schwammig erscheinenden Konzepts wie dem des „consent“, der Zustimmung zum Sex.

Jonas sei kein Monster, heisst es an einer Stelle; dass der Umgang mit Alkohol das Problem ist, an einer anderen; er sei feministisch erzogen worden, behauptet seine Mutter. Die Versuche, ihn zu rehabilitieren, individualisieren fälschlicherweise das Problem der strukturellen Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. Während der Roman in erster Linie nach der gesellschaftlichen Definition der Täterschaft fragt, weist er auf den zweiten Blick auch darüber hinaus. Auch die verzweifelten Versuche einer Rehabilitation können in einem kapitalistischen Herrschaftssystem des strafenden Staates nach dieser Logik nur analgetische Wirkungen haben, nicht aber, so das traurige Fazit des Romans, wahre Gerechtigkeit herstellen.

Sara Morais dos Santos Bruss
kritisch-lesen.de

Bettina Wilpert: Nichts, was uns passiert. Verbrecher Verlag, Berlin 2018. 168 Seiten, ca. 23.00 SFr., ISBN 978-3-957-32307-1

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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