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Andreas Latzko: Sieben Tage | Untergrund-Blättle

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Andreas Latzko: Sieben Tage Die Rache des armen Mannes

Belletristik

Im wiederentdeckten Politkrimi aus dem Jahr 1931 ist der gesellschaftspolitische Hintergrund spannender als die Handlung.

Modell der Teweswerke in Berlin, 1931.
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Bild: Modell der Teweswerke in Berlin, 1931. / K. Kohlbecker (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

5. Dezember 2016
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„Sieben Tage! Auf Stunde und Minute war eine kurze Woche vergangen...“ (S. 167) – die Woche vom 24. bis 31. Dezember 1924. Kurz ist diese Woche, weil in ihr unerhörte Dinge geschehen, Menschen aufeinander treffen, die wegen ihrer Klassenlage sonst nichts miteinander zu tun haben. Verwicklungen und unvorhersehbare Wendungen eben, wie sie für Kriminalromane charakteristisch sind. Das Konstruierte solcher Geschichten lässt mich um dieses Genre meist einen Bogen machen. Anders bei gut recherchierten „Politkrimis“. Hier werden die Leser_innen durch Erkenntnisgewinn entschädigt. Den bietet auch Andreas Latzkos Roman „Sieben Tage“, der schon 1931 erschien und jetzt vom Elektrischen Verlag neu herausgegeben wurde.

In der Zusammenfassung erscheint die in Berlin und Hamburg spielende Geschichte simpel. Hauptpersonen sind ein armer und ein reicher Mann: der Arbeiter Karl Abt und der reiche Unternehmer Baron Mangien. Der Arbeiter entdeckt zufällig den Ehebruch des Barons, der einst die in seinen Diensten stehende Mutter des Armen ihrem Elend überliess. Nun kann der Arme Rache nehmen und sein geheimes Wissen zu Geld machen. Wenn er schlau ist. Allein, er verfolgt spezielle Absichten mit seiner Erpressung. Geld und den ihm angebotenen Job lehnt er ab. Er will einen Rollentausch – für genau drei Tage: Weihnachten. Dem erpressten Kapitalisten bleibt nichts anderes übrig, als einzuwilligen. In der ärmlichen Kleidung seines Erpressers zieht er in dessen Dachkammer. Auf dem Weg dorthin erfährt er auf ganz neue Weise, wie Kleider Leute machen: Ein Polizist findet den abgerissenen Typen verdächtig und droht, ihn mit aufs Revier zu nehmen. Woraufhin der zerlumpte Baron zügig das Weite sucht.

Derweil mietet sich der elegant kostümierte Arbeiter in einem Luxushotel ein. Die dort gebotenen Annehmlichkeiten aber werden ihm schnell fad, und so verkürzt er den Ausflug in die Welt der Reichen von sich aus. Als auch der betrogene Ehemann früher als erwartet zu Hause auftaucht, nimmt das Unheil seinen Lauf. Ein Mensch wird erschossen, ein korrupter Kriminalkommissar ermittelt absichtlich in die falsche Richtung, und dem Baron beginnt zu dämmern, wie Staat und Gesellschaft der Weimarer Republik funktionieren. Dazu trägt auch der jüdische Arzt Dr. Landau bei, der einzige positive „Held“ der Geschichte. Mit seinem reichen Elternhaus hat er gebrochen, um Armen zu helfen. Seine Verwicklung in den Mordfall bringt ihn in Lebensgefahr. Das bleibt auch so in Hamburg, wohin er auf Drängen des Barons flüchtet.

Strenge Literaturkritik wird an dem Roman einiges zu bemängeln finden. Die Geschichte wirkt ziemlich konstruiert, es gibt seltsame – und ziemlich unglaubwürdige − persönliche Beziehungen zwischen Tätern und Opfern, einen selbstzufriedenen Kapitalisten, der innerhalb weniger Tage zum kritischen Geist wird und den Entrechteten zu helfen beginnt. Die klassenkämpferischen Reden des Dr. Landau, denen der Baron immer weniger widersprechen mag, sind nicht nur langatmig, sondern auch aus grammatisch einwandfreien Schachtelsätzen zusammengesetzt: Predigten eher als Beiträge zum Dialog. Und doch habe ich das Buch mit steigender Spannung gelesen. Nicht nur, um zu wissen, wie es ausgeht, sondern auch, um die „Hintergründe“ zu erfahren.

Latzkos Roman erkläre „mal eben das Scheitern der Weimarer Demokratie“, schreibt der Verlag. Das ist kaum übertrieben. Der Autor schildert nicht nur die krassen sozialen Gegensätze, er porträtiert auch deren Profiteure ebenso realistisch wie die Ausgebeuteten und Unterdrückten. Dass 1924 keineswegs den Beginn der angeblichen „goldenen“ Zwanziger Jahre markiert, wird an jeder Stelle deutlich. Als das Buch 1931 erschien, war die tödliche Gefahr von rechts unübersehbar. In seiner sieben Jahre früher spielenden Geschichte lässt Latzko die Vorläufer der Nazis aufmarschieren: bewaffnete Terroristen, die mit allen Mitteln gegen die „Judenrepublik“ und ihre vermeintlichen „Drahtzieher“ vorgehen. Die Hoffnung, dass man die Rechten stoppen kann, bleibt vage. Aber man muss es versuchen. Im letzten Kapitel hält der Baron eine Art inneren Monolog:

„Es galt, die Selbstbeherrschung nicht zu verlieren und die Kräfte aufzusparen für den Feldzug gegen die Mörderbande, die nicht ungestraft entkommen sollte. Mochte es der Familie des Toten erwünscht sein oder nicht, und allen Vertuschungsversuchen der Behörden zum Trotz, diesmal mussten die Schuldigen dran glauben“ (S. 168).

„Sieben Tage“ ist ein düsteres Buch, das auf einer realistischen Einschätzung der Lage beruht. In einem Artikel für die Arbeiterzeitung vom 1. Januar 1932 äusserte Latzko sich pessimistisch über die Zukunft. Den Aufstieg des Nationalsozialismus sah er voraus: „Es lastet ein Fluch auf Deutschland, dass immer wieder ein neuer Mann es ,glänzenden Zeiten entgegenführt‘“ (S. 176). Schon 1931 übersiedelte Latzko in die Niederlande, wo er später die Staatsbürgerschaft beantragte. Bevor er sie erhielt, starb er 1943 in Amsterdam. Mehr als 70 Jahre später werden seine Bücher wiederentdeckt, darunter auch die Novellensammlung „Menschen im Krieg“ von 1918, eine in viele Sprachen übersetzte Anklage gegen das Massenmorden im Ersten Weltkrieg. Auch dieses Buch wurde vom Elektrischen Verlag neu herausgegeben.

Jens Renner
kritisch-lesen.de

Andreas Latzko: Sieben Tage. Elektrischer Verlag, Berlin 2015. 176 Seiten. ca. 17.00 SFr, ISBN 978-3-943889-61-1

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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