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Die Pest: Hoffnung in der sinnfreien Welt | Untergrund-Blättle

Buchrezensionen

Die bedrückende Erfahrung des Absurden Die Pest: Hoffnung in der sinnfreien Welt

Belletristik

1947 erschien der Roman «Die Pest», der Albert Camus weltberühmt machen sollte. In diesem Meisterwerk entwickelte er am Beispiel von Krankheit, Tod und Sterben seine Philosophie des Absurden – mit einer zutiefst menschenfreundlichen Botschaft.

La miseria.
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Bild: La miseria. / Cristóbal Rojas (PD)

9. Dezember 2015

9. Dez. 2015

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Da war es wieder, dieses im Inneren der Wand vom einen zum anderen Ende kriechende Knattern im Gebälk. Es fiel dem alten Asthmatiker sofort auf, denn monatelang durfte er es überhaupt nicht mehr vernehmen. Und wie der Greis jetzt jauchzte, als er die Tür seiner Hütte aufriss und nach draussen in die Schar arg gebeutelter Dorfbewohner hineinrief: „Man muss sie laufen sehen! Das ist eine Freude!“ (S. 301) Just in diesem Moment sausten weitere in seine Wohnung hinein. Und der ergraute Herr liess es nur zu gerne geschehen. Sie sahen aber auch wirklich gesund aus, diese beiden quietschfidelen Ratten.

Natürlich gelten die Nager mit den langen Schwänzen gemeinhin als wüste Schädlinge, die mit dem Menschen den Lebensraum teilen und unablässig fiese Krankheiten übertragen. Ganz und gar unbeliebt sind sie; einmütig teilt die Menschheit darum ihren angstvollen Ekel gegen die Kleintiere. Doch in diesem Fall liegen die Dinge anders. Monat um Monat waren die Einwohner der algerischen Küstenstadt Oran von einer unheilvollen Pest-Epidemie geplagt, die sich anfangs angekündigt hatte über besagtes Viehzeugs: „Des Nachts hörte man in den Korridoren oder Gassen ihre hohen Todesschreie.“ (S. 21) Es ist ein durch und durch düsteres Setting, in das Albert Camus seinen berühmten Roman „Die Pest“ hineingleiten lässt; ein sanftes Driften in eine bedrückende Geschichte, denn zu Beginn beschreibt der Erzähler floral jenen idyllischen Handlungsort, der so unscheinbar, so gewöhnlich, so normal, ja geradezu geleckt daherkommt.

Hier wird die Gewöhnlichkeit exzessiv inszeniert. Blumen werden herbeigeschafft, der Frühling wird „auf den Märkten verkauft“ (S. 7), Vergnügen gibt es nur am Samstag, ansonsten steht die Arbeit im Mittelpunkt allen Lebens. Krank werden darf niemand, denn die Krankheit isoliert vom Geschäftsleben. Wie Camus von diesem Setting aus der heraufziehenden Seuche in der Sprache geradezu puristisch und im Duktus letztlich doch lebendig entgegen schreibt, zeugt vom literarischen Können des grossen Existenzialisten.

Eine gewöhnliche Stadt im Ausnahmezustand

Dreh- und Angelpunkt ist der Mediziner Dr. Bernard Rieux, der irgendwann in den 1940er Jahren seine Stadt in die Fänge des „Schwarzen Todes“ geraten sieht und sich mit aller Kraft dagegen stemmt. Zuerst sind da nur die vielen toten Ratten und wenige Fälle einer unbekannten, letalen Krankheit, die Menschen befällt. Nach und nach dämmert dem Protagonisten, dass es sich nur um die Pest handeln kann. Tatsächlich versetzt die Krankheit die Stadt zusehends in einen Ausnahmezustand, deren Bewohner „schweben mehr als dass sie leben, richtungslosen Tagen und unfruchtbaren Erinnerungen ausgesetzt, umherirrende Schatten, die nur zu Kräften hätten kommen können, wenn sie bereit gewesen wären, im Boden ihres Schmerzes Wurzeln zu schlagen“ (S. 84).

Was folgt, ist Menschlich-Allzumenschliches: Da werden Zusammenhänge konstruiert, die es nicht geben kann. Da wird eine Logik gesucht, wo keine ist. Da wird nach Schuldigen gefahndet, wo keine zu finden sind. Dennoch weisen die Massnahmen der Stadt-Oberen in eine irrationale Richtung: „Man kam auf die Idee, innerhalb der Stadt bestimmte besonders stark betroffene Viertel zu isolieren und nur den Menschen, deren Dienste unentbehrlich waren, zu erlauben, sie zu verlassen.“ (S. 191) Die Pestkranken werden ghettoisiert, Oran wird regelrecht abgeriegelt.

Immer wieder ist in den vergangenen Jahrzehnten gedacht, gesagt und geschrieben worden, Camus habe mit seinem Werk etwas anderes als die blosse Seuche beschreiben wollen: Die Pest, sind sich Heerscharen an Interpret_innen sicher, das sind die deutschen Truppen in Frankreich zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. Ein Blick in die Tagebücher des algerisch-französischen Schriftstellers offenbart, dass er sein Buch darüber weit hinaus gehend verstanden wissen wollte:

„Ich will mit der Pest das Ersticken ausdrücken, an dem wir alle gelitten haben, und die Atmosphäre der Bedrohung und des Verbanntseins, in der wir gelebt haben. Ich will zugleich diese Deutung auf das Dasein überhaupt ausdehnen. Die Pest wird das Bild jener Menschen wiedergeben, denen in diesem Krieg das Nachdenken zufiel, das Schweigen – und auch das seelische Leiden.“ (Camus 1997, S. 252)

Die bedrückende Erfahrung des Absurden

In nahezu jeder seiner präzise formulierten Zeilen gelingt es Camus, das Konkrete auszusprechen und unverkennbar das grosse Ganze zu meinen: Die Pest geht jeden an, jeder kennt sie, jeder kann von ihr angesteckt werden und muss sich dann mit der unausweichlichen Tragödie abfinden:

„Jeden Abend heulten Mütter so, mit abstraktem Ausdruck, angesichts von Unterleibern, die sich mit all ihren Todesmalen darboten, jeden Abend klammerten sich Arme an Rieuxs Arme, überstürzten sich sinnlose Worte, Versprechungen und Tränen, jeden Abend lösten bimmelnde Krankenwagen Krisen aus, die so vergeblich waren wie aller Schmerz.“ (S. 104)

Die wenigen Figuren, die Camus genauer fokussiert, bewegen sich im klassischen Gewand von Spielern und Gegenspielern. Frauen haben, wie stets in Camus’ Texten, kaum einen Platz. Rieuxs Mutter strickt, ganz ihrem Schicksal ergeben, lethargisch im Romanhintergrund herum. Sie ist „ein stummes Denkmal für die einzige Frau von Bedeutung im Leben des Autors“ (Radisch 2013, S. 227), dessen enge Bindung zur Mutter im zeitlebens schwierigen Umgang mit dem weiblichen Geschlecht ihre unschöne Kehrseite fand. Rieux hingegen ist der tragische Held, der alles tut, um die Seuche einzudämmen; sein Freund Tarrou ebenso, der eine Schutzgruppe gründet; auch Grand, der arme Literat mit Schreibblockade; der grosse Antagonist hingegen ist Paneloux, ein Jesuitenpater mit betoniertem Weltbild.

In seinen Predigten wendet er die christliche Ideologie konsequent auf die Pest an: „Des Wartens auf euer Kommen müde, hat Gott deshalb die Geissel euch heimsuchen lassen, wie sie alle Städte der Sünde heimgesucht hat, seit die Menschen eine Geschichte haben.“ (S. 112) Später vermengt der Pfaffe die perverse christliche Liebe am Leid mit der unbegreiflich-erbarmungslosen Härte, in der die Krankheit zuschlägt und beschwört darum den Gehorsam des Menschen gegenüber Gott, der allein alles Leid schaffen und beenden könne. Für Rieux ist das zu viel, denn die Pest folgt keiner Logik, sie rafft Kinder ebenso hinweg wie Alte, Schwache und Reiche. Das Erdulden der Krankheit, ihr Auftreten und ihr Verlauf sind völlig absurd und einfach nicht begreifbar.

Was helfen kann: Solidarität, Freundschaft und Liebe

Wer sich aus diesem brutalen Umstand durch religiösen Hokuspokus zu retten trachtet, verschleiert Missstände weit mehr, als dass er die Ursachen derselben bekämpft. Im Disput mit dem ebenfalls an der Pest sterbenden Pater ruft Rieux dementsprechend aus: „Ich habe eine andere Vorstellung von der Liebe. Und ich werde mich bis zum Tod weigern, diese Schöpfung zu lieben, in der Kinder gemartert werden.“ (S. 247) Dass Camus seine philosophischen Grundthemen, das Leben und der Tod im Angesicht des unüberwindbaren Absurden, auf diese Weise in die Story einwebt, ist ein weiterer der vielen genialischen Momente in diesem Meisterwerk.

In einer gottlosen Welt geschehen die Dinge aus Gründen, nicht zu Zwecken. Beim romanhaften Erzählen aber bleiben Zwecke eigentlich unverzichtbar, und eben darum ist es so famos, wie Camus sich das Religions-Thema krallt und kunstvoll mit ihm auf der Klaviatur seiner absurden Philosophie spielt. Seinen Rieux lässt er nach den Gesetzen der Physik und des Humanismus walten, den Pater Paneloux nach jenen des Fanatismus. Objektiv ist diese Welt sinnlos. Sie mit Sinn zu füllen, obliegt einzig und allein den sie bewohnenden Wesen. Ob wir überhaupt leben wollen, hat uns ja nie jemand gefragt. Uns mit dem Sein dennoch abzufinden und alles uns Mögliche zu tun, um die kurze Zeit unserer Existenz zu einer schönen Phase zu machen, und sei es im Angesicht von Tod, Elend und Verderben, das ist die frohe Botschaft der „Pest“.

Für Camus bedeutet das konkret: Solidarität, Freundschaft und Liebe müssen die Eckpfeiler des menschlichen Zusammenlebens sein. Das gilt auch und vielleicht sogar erst Recht ab jenem Moment, in dem die Krankheit urplötzlich den Rückzug antritt. Rieux kann mit seinem bislang nutzlosen Serum nun scheinbare Wunderheilungen vollbringen und mit der ganzen Stadt „diese zusammengedrängte Minute feiern, in der die Zeit der Leiden endete und die Zeit des Vergessens noch nicht angefangen hatte“ (S. 335). Kämpfen gegen jedes Übel lohnt sich immer, so die Prämisse dieses Buches, auch wenn es erkennbar nicht immer erfolgreich sein kann. Was Camus in seinen philosophischen Texten immer wieder auf den Punkt brachte, hier rundet es ein bewegendes Lese-Erlebnis ab. Seinem Rieux nämlich legt der Autor in den Mund, er wisse, „was man in Plagen lernt, nämlich dass es an den Menschen mehr zu bewundern als zu verachten gibt“ (S. 350).

Christian Baron / kritisch-lesen.de

Albert Camus: Die Pest. Rowohlt Verlag, Reinbek. 352 Seiten, ca. 15.90 SFr., ISBN 978-3-499-22500-0

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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