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1. Kapitel | Untergrund-Blättle

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Fiktion 1. Kapitel

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Es ist ein kalter Tag, meine Hände schmerzen in dieser Kälte, es ist, wie wenn einem die Hände abgebunden werden und die Blutzufuhr zu den Händen gestoppt wird.

Reichtum und Armut.
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Bild: Reichtum und Armut. / PD

15. März 1997
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Doch ich wusste, dass ich nicht stehenbleiben darf. So bewegte ich mich ständig auf und ab. Ich merkte dass dieser Winter anders werden wird als die anderen, ich wusste, dass ich ihn ohne Dach über dem Kopf nicht überstehen kann. Ich erinnere mich gerne an früher, ach war es doch noch so schön vor dem neuen Jahrtausend. Jetzt, im Jahre 2011 ist unsere Welt hoffnungslos. Vor allem für Leute wie wir es sind. Wir sind der letzte Dreck auf dieser Welt, der Abschaum, der ständig gejagt wird, der stets ruhelos umherzieht. Ich setze mich einen Augenblick um zu verschnaufen.

Hier macht man das so, man darf im Winter nicht schlafen, dazu ist's zu kalt, man darf sich nur kurz für fünf Minuten hinsetzen, dann steht man wieder auf und läuft zwanzig Minuten hin und her. Ich stehe wieder auf, da kommt Leon. wir haben uns zusammen getan, zu zweit kommt man einfach besser durch. Er packt mich am Arm und wir gehen in eine kleine Gasse, suchen uns einen Platz, wo wir alleine sind.

Leon hat eine tote Ratte erwischt, als ich sie sah, merkte ich auch wieder wie sehr ich eigentlich Hunger habe. Ich und Leon fressen das Tier, wir haben zwei volle Tage nichts mehr gegessen. Wir sind aber ständig darauf bedacht, dass uns niemand sieht, denn hier unten musst du Schiss haben dass man dir eine tote Ratte klaut. Leon meint, wir sollen zu der Mauer gehen.

Ich gehe nicht gerne zur Mauer, den auf der Mauer hat es ständig Männer die hinunterschauen und manchmal schiessen sie auch. Wir gehen aber trotzdem hin, denn die Mauer ist der einzige Ort an dem der Wind nicht so pfeift und deshalb kann man hier etwa vierzig Minuten sitzen ohne zu erfrieren. Ich bin sehr Müde, bin sehr froh, einfach nur sitzen zu dürfen.

Über die Mauer sagt man sich, das dahinter ein grosses Paradies steckt, aus Bonzenvillen, schönen Gärten und lauten Partys. Und ich glaube auch daran, denn schliesslich bevor die Mauer da war, zwischen den Jahren 1997 und 2008, gab es immer grössere Klassenunterschiede in der Schweiz und überall auf der Welt. Drei Viertel der Bevölkerung war arm und der Rest reich.

Später, als die Welt fast ins Chaos gestürzt wäre, entstand diese Mauer. Wir hier unten nennen sie die Mauern des verlorenen Paradieses.

Ich lehne mich an Leon, bin froh dass er bei mir ist. Hier bei uns gibt es keine Freundschaft und kein Vertrauen, jeder kämpft ums Überleben. Ich frage mich aber doch weshalb uns diese Bonzen nicht einfach umbringen lassen und die Welt für sich einnehmen, was bringt es ihnen und uns, so zu leben? Leon sagt, dass wir gehen müssen.

Ich wünschte mir, einer aus diesem Bonzenparadies müsste auch nur ein Tag hier verbringen. Der müsste dann sicher kotzen oder so. Ich wünschte so ein Schwein ohne Gewissen wäre hier und würde sehen, wie es bei uns aussieht. Wir besitzen keine Häuser, nur Ruinen. Die Leichen derer, die nicht so stark waren, liegen auf der Strasse und gammeln vor sich hin, der Geruch ist immer in der Luft, manchmal, wenn wir mögen, tragen wir ein paar Leichen an die Mauer.

Dann denken wir, dass die Bonzen doch auch was riechen sollen. Ich weiss nicht wie Lange ich das noch aushalte in dieser Kotze von Leben. Ich und Leon gehen zu Tim, den kennen wir schon länger, vertrauen kann man ihm nicht, aber ja, er winkt uns zu sich. Leon fragt ihn, was er von uns will.

Er schaut uns an mit seinem Gesicht, das aussieht, als wäre es von Ratten zernagt worden. "Wisst ihr schon das Neuste?", fragt er uns. Wir wussten es natürlich nicht und schütteln deshalb den Kopf. "Seit etwa drei Tagen holen die von ausserhalb der Mauer Laute ab. Man darf also nicht mehr an das Stahltor gehen, sonst schnappen sie dich, und wer weiss was die mit dir machen." Ich denke mir, dass es sowieso nicht mehr schlimmer kommen kann.

Am Arsch sind wir hier unten so oder so. Als ich am Abend mit Leon alleine da stand, sage ich zu ihm, dass ich gehen werde zum Tor. Und Leon schaut mich lange an, er sagt nichts. Er nimmt mich fest in den Arm und sagt, ja, du wirst gehen...

sh

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