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Die wahre Liebe

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Geschichten & Gedichte Die wahre Liebe

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Der junge Mann, der war leicht geistig behindert. Das ist zwar eigentlich nicht wichtig zu wissen, vereinfacht aber vielleicht das Verständnis bezüglich seinem Verhalten.

Die wahre Liebe.
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Die wahre Liebe. Foto: Adamantios (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

Datum 8. Dezember 1996
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Lesezeit3 min.
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KorrekturKorrektur
Er wohnte in einem Heim, wo nicht ganztags
Fernseh glotzen angesagt war, wie das Behinderte und Nicht-behinderte in
ihrer Freizeit gerne tun, nö nö da musste gearbeitet werden. Er hatte einen
ganz seltenen Namen, er hiess Nautilus. Wieso, das wusste niemand, und gute
FreundInnen von ihm nannten ihn einfach Nauti.

Nauti war manchmal sehr geladen, fast schon aggressiv und wenn das der Fall
war, dann stieg er am liebsten auf sein Fahrrad und fuhr ganz schnell auf
den Landstrassen. Die Müdigkeit beruhigte ihn dann.

Einmal kam es anders.
Er fuhr so mit seinem alten Drahtesel und sah ungefähr 300 Meter vor ihm
eine Frau, top ausgerüstet, mit Tony-Rominger-Shirt auf einem Rennvelo.
Immer wenn Nauti ein Velo vor ihm sah, da wollte er möglichst dranbleiben;
er war nämlich ganz ehrgeizig in dieser Beziehung. Dann aber eben gab es
eine Kreuzung, und Nauti in seinem freudigen Enthusiasmus bolzte in ein
Auto und öffnete die Augen erst wieder im Spital, wo er in das Gesicht
einer wunderschönen Chefärztin sah und prompt wieder das Bewusstsein
verlor.

Vom Unfall hatte er eine Narbe am Unterschenkel als Erinnerung behalten und
zeigte diese, wenn das Gesprächsthema dazu geeignet schien.

Manchmal, wenn er so aggressiv war, wollte oder durfte er nicht radfahren,
weil er im Gärtnereibetrieb arbeiten musste. Dann wurde er ganz mühsam und
unausstehlich für andere und bekam eine starke Abneigung gegen alle Leute,
vor allem seine Fortgesetzten. Er vertrat eine klar antiautoritäre Haltung,
hatte aber kein Verständnis für die Gleichberechtigung der Frau. Er konnte
zwar akzeptieren, dass Frauen in Büros und Fabriken selbst in leitenden
Positionen arbeiteten, aber er überlegte sich, was denn Männer tun könnten,
damit sie ihre Privilegien behalten könnten. Nauti war also eigentlich auch
ein Vordenker.

Er durfte ab und zu in die Ferien. Allerdings musst er immer in derselben
Jugendherberge im Wallis wohnen und wurde ein bischen von der
Herbergsleiterin überwacht. Aber er hatte vollkommene Bewegungsfreiheit und
bekam auch alle zwei Tage Sackgeld. Diese Kohle investierte er in so
Gummizuckerleckereien an der Shell-Tankstelle. Shell gleich Hell sagte er
manchmal und lachte.

Er war der Meinung, er bekäme zu wenig Geld und hatte sich auch schon überlegt, irgendwo zu klauen. Irgendwie war er subversiv.
Er wollte sich unbedingt einmal ein Auto kaufen und hatte BMW-Poster über
seinem Bett hängen.

Die Leute in der Jugendherberge und sonstwo gingen ihm zwar schrecklich auf
die Nerven, trotzdem liess er keine Gelegenheit aus, mit ihnen zu
quatschen. Selbst mit Amis und Japanern kommunizierte er, wo er doch nur
Berndeutsch konnte. In der Jugi hatte es ein Glotze, dort war er oft. Am Abend kamen auch
andere Menschen in diesen Raum. Das war der Ort, wo sich Nauti manchmal
verliebte.

ub