UB-Logo Online MagazinUntergrund-Blättle

Kinder des Zorns: Die Geschichte der AIZ

1597

Die Geschichte der Antiimperialistischen Zellen (AIZ) Kinder des Zorns

eraser-677583-70

Archiv

In Deutschland hat der bewaffnete Kampf, der durch den langfristigen Diskussionsprozess der Roten Armee Fraktion (RAF) beinahe zum Stillstand gekommen ist, durch das Erscheinen der Antiimperialistischen Zelle (AIZ) wieder frischen Wind erfahren.

Datum 24. Juni 1996
2
0
Lesezeit17 min.
DruckenDrucken
KorrekturKorrektur

"Revolten sind Feuerwerke, geschossen in das Dunkel der Macht; sowie sie erleuchten, sind sie am Verlöschen."

M. Foucault

Die AIZ traten am 22. April 1992 als Reaktion auf das mittlerweilen schon
fast legendäre "Aprilpapier" der RAF zum ersten Mal mit einem
Communiqué an
die Weltöffentlichkeit.

Die Berufskollegen von der RAF hatten damals
in
ihrer Erklärung vom 10. April 1992 die Aussetzung von tödlichen
Aktionen
gegen die BRD-Eliten angekündigt und somit vor allem innerhalb der eigenen
Reihen einen Diskussionsprozess über Sinn und Unsinn von bewaffnetem
Kampf
ausgelöst, der bis zum heutigen Tage andauert und sehr wahrscheinlich
auch
nicht so schnell enden wird.

Ihre ausführlichen Debatten, die die RAF "angesichts der tiefgreifenden globalen und innergesellschaftlichen
Umbrüche" zu führen glauben musste, enden in der
ausdrücklichen Forderung nach der Notwendigkeit einer "grundsätzlichen
Aufarbeitung von
Theorie und Praxis des bewaffneten Kampfes der letzten zwei Jahrzehnte". Dieser Diskussionsprozess, welcher zweifelsohne ein Wahnsinnsmeisterwerk
der Dialektik ist, kann in dem Buch "Wir haben mehr Fragen als Antworten
-
Diskussionen 1992 - 1994" (herausgegeben vom ID-Archiv, 1. Auflage 1995)
nachgelesen und verstanden werden.

I. Die Saat

Das Papier der AIZ ist eine Ansammlung von Zitaten und Auszügen aus den
alten Kampfschriften der 1. RAF-Generation ("Das Konzept Stadtguerilla",
1971 und "Zur Strategie des antiimperialistischen Kampfes", 1972),
welche
vorwiegend der konkreten Hand Ulrike Meinhofs entsprungen sind.
Das AIZ-Papier endet mit den einzigen eigenen Worten: "Und wir,
als Teil
des Widerstandes in der BRD, fügen jetzt hinzu: Widerstand steht dafür,
dass das, was in 22 Jahren war, nicht dem Staatsapparat und den Medien
gehört. Diese Geschichte lebt in uns. Widerstand gegen die imperialistische
Grossmacht BRD bestimmt sich durch diese Erfahrungen. Der Kampf geht
gemeinsam weiter."
Die deutsche Tageszeitung (TAZ) bezeichnete die AIZ daraufhin in ihrer
Ausgabe vom 25.4 als eine RAF-Splittergruppe. Einen Monat später, am
22.5.92 legt die AIZ dann ein ausführliches Papier vor, indem sie die
TAZ -
Meldung dementiert und sich selbst als militante Autonome, die einen Teil
des Widerstandes darstellen, ausgibt. Sie erklären, dass für sie
im Laufe
des Jahres '91 klar wurde, dass eine einfache Fortsetzung ihrer Politik als
militante Autonome politisch nicht mehr viel bringt: "Wir waren
ziemlich
ratlos, wie viele andere auch, und haben angefangen, grundsätzlich über
militante Politik nachzudenken. Wir haben uns ausführlich mit verschiedenen
Texten von bewaffneten Gruppen auseinandergesetzt."

Dabei sind
sie
zufällig über die alten Schinken der RAF gestolpert, von welchen
sie
behaupten, sie hätten auch heute noch für militante Linke einen
Gebrauchswert, womit sie sicherlich gar nicht so Unrecht haben. Auch von
den Texten der militanten spanischen Antifa-Gruppe PCE(r)/GRAPO waren die
angehenden Kämpfer der AIZ sehr angetan.
Das Konzeptpapier der AIZ vom 22.5. befasst sich eingehend mit unseren
Gesellschaftsstrukturen, deren politischen Formen und knappen, möglichen
Lösungsansätzen: "...Wir müssen ausgehen von
der aktuellen
gesellschaftlichen Realität in der BRD.

Die relative Stabilität
des Systems
in den Metropolen beruht darauf, dass es den Herrschenden immer wieder
gelingt, eine tatsächliche/vermeintliche Interessenidentität mit
Menschen
bis weit in den Mittelstand zu erzeugen.

Das System ist (noch) in der Lage,
die integrativen Mechanismen, die dazu notwendig sind, der jeweils
aktuellen Situation anzupassen. Das ist jedoch nur ein (wenn auch
bestimmender) Teil der Realität in der BRD.
Dort, wo die integrativen Mechanismen versagen, entlarvt sich die
herrschende Politik als das, was sie gegenüber dem Trikont sowieso ist:
nämlich als menschenverachtend.

Diese Politik versucht darauf hinzuwirken,
dass sich Hass / Wut / Verzweiflung / Resignation gegen die eigene Person oder
gegen noch Schwächere richtet und nicht gegen die Herrschenden.
Indem militante Aktionen diese Strategie durchkreuzen, entfalten sie ihre
politische Wirkung: aus der jeden Tag in der Metropole erfahrene
Destruktion menschlicher Werte heraus wird im Angriff auf die Eliten, die
Konzerne, die Repressionsorgane der Ausweg gefunden, d.h. der Schritt
vollzogen ohne den es keine Freiheit geben kann. Freiheit ist nur möglich
im Kampf um Befreiung!

Alle Menschen, die in den Metropolen Widerstand leisten, entdecken, dass
ihr Gegner im Kampf um die Befreiung derselbe ist, gegen den die Völker
im
Trikont ein menschenwürdiges Leben zu erkämpfen versuchen. Internationale
Solidarität ist das, was die Herrschenden am meisten fürchten.
In der BRD sind militante Aktionen nicht nur moralisch notwendig, sondern
auch politisch sinnvoll! Widerstand heisst Angriff !"

II. Die Guerilla schlägt zu

Am 2. November 1992 wird die AIZ dann zum ersten mal militärisch aktiv.
Im
Rechtshaus der rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät der Uni
Hamburg verschütten sie ganze 240 Liter Benzin und zünden dieses
an. Alles
kaputt! Die Aktion verursachte einen Sachschaden von 1.8 Millionen
Mark.
Danach tut sich ein knappes Jahr wieder nichts mehr, bis ein Kommando der
AIZ am 18.8.93 in Solingen vor dem Haus eines GSG 9 Angehörigen eine
Holzbarrikade errichtet und diese zu den Klängen türkischer
Widerstandsmusik anzünden. Sie schlagen vor, alle Mitglieder dieser
terroristischen Vereinigung zu enttarnen und aus ihrer Anonymität zu
reissen.

Am 5.9.93 erscheint das zweite theoretische Papier der Widerstandskämpfer.
In diesem widmen sie sich vornehmlich dem System des Imperialismus und
dessen Formen von Ausbeutung:"Wenn wir vom Imperialismus im engeren Sinn sprechen, verstehen
wir
darunter die Ausbeutung der Mehrheit der Menschen im Trikont aufgrund der
imperialistischen internationalen Arbeitsteilung.

Als Ergebnis der 500
Jahre Kolonialisierung/Ausbeutung ist die Situation für die Mehrheit
der
Menschen in den Metropolen so fundamental verschieden, dass die
Neubestimmung revolutionärer Politik hier zur Farce werden muss, wenn
das
nicht berücksichtigt wird. Diejenigen, die hier in der BRD Widerstand
leisten, müssen sich völlig im Klaren sein, dass die Mehrheit der
Gesellschaft von der imperialistischen Arbeitsteilung profitiert und sich
dessen auch mehr oder weniger bewusst ist.

Wenn die RAF die Realität
hier
am 30.3.93 mit "24-Stunden-Alltag von Leistung und Konkurrenz" beschreibt,
trifft das die Realität der Mehrheit der Menschen nicht. Die meisten
Menschen in der BRD haben vieles, v.a. materielle Dinge, an dem sie Freude
haben und das sie verteidigen werden.

Dies ist für das Funktionieren
des
Systems in den Metropolen von zentraler Bedeutung. Und es geht sogar noch
weiter: Das System in den imperialistischen Zentralen kann es sich leisten,
soziologisch und ideologisch Räume für Formen der Selbstverwaltung
freizugeben (die allerdings von jeder Entscheidung in Grundsatzfragen
ausgeschlossen bleiben), Räume für die Meinungsäusserung und
das
Abreagieren, die bis ins Unendliche besetzt werden können."

Drei Monate später, am 17. November 1993, beschiessen die Guerilleros
der
AIZ eine Fassade von Gesamtmetall in Köln mit automatischen Waffen. In
ihrer Erklärung schreiben sie, dass die Aktionen der vergangenen 12 Monaten
ein Phase des Übergangs gewesen seien und dass weitere Aktionen ausgeführt
werden.
Kurz vor der Europawahl, am 4. Juni 1994, legt die Gruppe mehrere
Sprengsätze vor ein CDU-Büro in Düsseldorf. In dem dazugehörigen
Pressecommuniqué, das am 8. Juli erscheint, kündigen sie bewaffnete
Angriffe auf die Wohnsitze der BRD-Eliten an. Gezielte Angriffe, so die
AIZ, auf einzelne Funktionsträger aus Politik und Wirtschaft, seien
durchzuführen.

Mitte September 1994 lassen sie noch einmal mehrere Sprengsätze vor einem
FDP-Büro in Bremen detonieren, um das Primat der Praxis in einer
antiimperialistischen Aktion zu unterstreichen.

III. Antiimperialismus am Beispiel Volkmar Köhler

Am 22. Januar 1995 ist es dann soweit: Die AIZ macht ihre Drohung war. Sie
lassen eine Rohrbombe vor dem Einfamilienhäuschen von dem Ex-Staatssekretär
für Entwicklungshilfe, Volkmar Köhler (CDU), Vorsitzender der deutsch-
marokkanischen Gesellschaft in Wolfsburg, hochgehen. Mit diesem Attentat
macht die AIZ klar, dass gezielte Angriffe auf führende Funktionsträger

la RAF) nicht immer tödlich sein müssen, sondern auch seinen Zweck
erfüllen, wenn die Ruhe der Bonzen im Hinterland durch Terror gestört
und
durchbrochen wird.

Herr Volkmar Köhler, der seine Herrenrasse-Theorien
in
seinem Buch "Die dritte Welt und wir" (5.Auflage) aufs Genauste
erläutert, überlebt diesen Anschlag unbeschadet. Doktor Köhler, CDU-Politiker,
ist
ein schönes Beispiel dafür, wie verklärt und weltfremd die
Wirtschaftsmenschen und hohen Politiker auf Fragen nach einer gerechteren Weltwirtschaftsordnung reagieren.

So schildert er in seinem Buch, wie ihm
solche Forderungen nicht nur als lästig erscheinen, sondern brüskiert
sich
danach auch noch über die Länder im Trikont, die sich immer nur
über die
500 Jahre lange Ausbeutung beklagen, anstatt sich den herrschenden
Strukturen anzupassen.

So verwundert es nicht, dass Dr. Köhler 1987 (dank
seiner Gesinnungsweise) Vorsitzender der Deutsch-Marokkanischen
Gesellschaft geworden ist und somit der Kontaktsmann und Chef-Lobbyist für
das marokkanische Terror-Regime im Kreis der deutsch-europäischen
Wirtschaftseliten ist. Köhler entlarvt sich in seinem Buch als
menschenverachtendes Scheusal, wenn seine Ausführungen an der Spitze
mit
der Feststellung enden: "Im übrigen stellt sich die Frage,
ob es denn überhaupt die Aufgabe des bestehenden oder irgendeines anderen
weltwirtschaftlichen Systems sein kann, das Vorhandene gerecht oder gar
gleich zu verteilen."
Riot

Dr. Volkmar Köhler, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Bundesrepublik Deutschland.Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F074147-0034 - Schaack, Lothar (CC BY-SA 3.0)

Dies sagt ein Mensch, der in völliger
Kenntnis
der internationalen wirtschaftlichen Situation sein sollte. So könnte
er
z.B. dem neuesten Weltbankatlas entnehmen, dass das Jahres-Prokopfeinkommen
in der BRD 23'560 $, in Mosambik dagegen nur 80$ beträgt; die
Lebenserwartung in der BRD liegt bei 79 Jahren, in Guinea-Bissau bei 39
Jahren.

In den acht Jahren, in denen Köhler als Entwicklungshelfer tätig
war, flossen durchschnittlich jedes Jahr von den 2.5 Milliarden DM, die die
BRD den Trikontstaaten als "Hilfe" gegeben hat, 86% des gesamten
Betrages
unmittelbar in die BRD und 10 % in andere kapitalistische Staaten der
ersten Welt zurück; 4% blieben im Trikont.

Es gibt eine Reihe von Trikontstaaten, deren Führungscliquen willens
- und
aufgrund der Hochrüstung ihrer Sicherheitsapparate auch in der Lage sind
-
in ihren Ländern das durchzusetzen, was die imperialistischen Staaten
von
ihnen verlangen.

Als König Hassan von Marokko, in Erfüllung der
IWF/Weltbank vorgaben 1981 die Preise für Grundnahrungsmittel drastisch
erhöhen liess, reagierten die Jugendlichen aus den Slums von Casablanca
mit
militanten Demonstrationen (Steinen und Mollis) und Umverteilungsaktionen
(Plünderungen).

Der von den vereinigten Deutschen und imperialistischen
Staaten ausgerüstete Militärapparat ( Kanonen von Rheinmetall, MP's
von
Heckler & Koch, Alphajets von Dornier, Radpanzer von Thyssen,
Lenkwaffensysteme von MBB, Unimogs von Mercedes,etc.) eröffnete das Feuer
auf die Protestierenden. Mit den ca. 2.000 Toten von Casablanca hat Marokko
den kapitalistischen Staaten nachdrücklich demonstriert, das er die von
ihnen gewünschte Entwicklung mit Gewalt gegen die Mehrheit der Marokkaner
durchzusetzen gewillt ist.

Marokko mit der Clique um König Hassan ist ein solcher Trikontstaat,
der
mit seinem Chef des Geheimdienstes, Basri, durch Knast und Folter die
eigenen Leute unterdrückt und somit seinen Beitrag zur Abschottungspolitik
der Wohlstandsfestung Westeuropa leistet.

IV. Kontinuierlicher
Terror im Hinterland

Am 23. April 1995, drei Monate nach dem Attentat auf Köhler, explodiert
ein
Sprengsatz der AIZ vor der Villa von CDU-Politiker Theodor Blank im
Düsseldorfer Villenviertel Erkrath. Zuvor hatten sie die häusliche
Alarmsirene ausgelöst um das Spektakel angemmessen akustisch zu
untermalen. Der Schreck-Effekt gelingt: Total verstört muss Theodor Blank
samt Familie durch den Hinterausgang aus seinem eigenen Haus flüchten.

Der
Sachschaden bleibt jedoch gering. Folgerichtig stellt die AIZ in ihrem
Kommuniqué vom 23.4.95 kritische Gedanken zu dem Sprengstoffanschlag
an: "Wenn sich der Widerstand als "Sachbeschädigung"
artikuliert, ist das
politisch für die BRD-Eliten zwar ärgerlich; jedoch, wie hoch der
materielle Schaden auch sein mag, in einem der reichsten Länder der Welt
stellen solche Aktionen für die BRD-Eliten mehr eine
versicherungstechnische Angelegenheit dar.

Das Sein bestimmt das
Bewusstsein eben auch in der Wohlstandsfestung BRD. Weil es deshalb keinen
massenhaften Widerstand einer deutschen Linken geben wird, werden die von
der BRD-Linken durchgeführten militanten Aktionen nicht so zahlreich
sein,
als dass dadurch auf die Eliten relevanter Druck ausgeübt werden könnte.

Ohne potentiell tödliche Aktionen wird die BRD-Linke hier nicht den Druck
auf die Eliten ausüben können, der im Rahmen der internationalen
Auseinandersetzung zwischen dem Imperialismus und den um Befreiung
kämpfenden Menschen nötig ist.

Deshalb haben wir uns nach den Aktionen
in
Hamburg, Solingen, Köln, Düsseldorf und Bremen dafür entschieden,
potentiell tödliche Aktionen dort auszuführen, wo die BRD-Eliten
wohnen/arbeiten, wie im Januar dieses Jahres in Wolfsburg oder jetzt in
Düsseldorf-Erkrath."

Fünf Monate später, am 17. September 1995, zerstört ein Sprengsatz
der AIZ
die Frontseite der Villa von CDU-Verteidigungsexperte Paul Breuer in
Siegen. Leider entsteht auch diesmal wieder nur ein geringer Sachschaden
von 5.000 DM.

In dem 16seitigen AIZ-Bekennerschreiben, wird detailliert
beschrieben, was Klaus Naumann als Generalinspekteur der Bundeswehr im
April 1995 von der von Paul Breuer geleiteten Arbeitsgruppe 13
(Verteidigung) der CDU/CSU mitgeteilt hatte. Auch finden sich Zitate aus
vertraulichen, internen Protokollen des Verteidigungsausschusses. Die
deutsche Politszene zeigt sich über die Tatsache, dass die AIZ
Insiderwissen aus geheimen Protokollen des deutschen Bundestages besitzt,
extrem besorgt.

V. Internationale Solidarität!

Am 13. Juli 1995 veröffentlicht die AIZ ein theoretisches Papier, indem
die
Widerstandskämpfer erklären, dass ihre grundlegenden Prinzipien
auf der
tripple-oppression-Theorie basieren, d.h. die gegenwärtige Realität
ist
gekennzeichnet durch patriarchalische, rassistische und kapitalistische
Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnisse.

Sie erinnern an die
neue
City-Bombing-Taktik der IRA, welche bis heute Sachschäden in Milliardenhöhe
hinterliess, den World-Trade-Center-Anschlag in New York City, welcher
ihrer Meinung nach klar und deutlich gegen das Herz des Systems gerichtet
war, weisen daraufhin, dass im heissen Sommer 1995 in einer beispiellosen
Säuberungsaktion des französischen Sicherheitsapparates 140 Muslims
angegriffen und verhaftet worden sind und sprechen in diesem Zusammenhang
von einem neuen Typus internationaler Militanter in den Metropolen: "Vor
diesem Hintergrund fordern wir in der BRD-Linken eine Auseinandersetzung
mit den Schwestern und Brüdern ein, die dort auf islamischer Grundlage
kämpfen.

Diese Kämpfe sind sehr grundlegend antiimperialistisch:
Ihre Kraft
speist sich aus dem Widerspruch zwischen der Lebensweise in den
imperialistischen Staaten und der islamistischen Vorstellung von einem
einfachen und gerechten Leben.

Ein kritisch-solidarisches Verhältnis
zu den
revolutionär-islamischen Gruppen bedeutet für uns weder, dass wir
unsere
grundlegenden Prinzipien verraten (die auf der tripple-oppression-Theorie
basieren), noch das wir kritiklos die Position dieser Gruppen übernehmen.

Der soziale Sinn des Kampfes entwickelt sich in der BRD in der
Konfrontation mit dem, "was während der 80er Jahre von oben ideologisch
schon verbreitet worden ist: Die Verherrlichung des Rechts des Stärkeren,
die Dauerparty der Profitjäger, Egoismus, die verzweifelte leere Show,
Selektion von nicht verwertbarem Leben, Entpolitisierung und Vereinzelung."
(Christian Klar in einem Brief vom März 95)"

Vor allem die sicherlich längst fällig gewordene Forderung der AIZ,
Solidarität mit muslimischen Schwestern und Brüdern zu üben,
stosst
einem grossen Teil der Linken extrem sauer auf. Die Scene wirft ihnen die
Unterstützung antisemitischer Gruppierungen, mangelnde politische
Alternativen und fehlende Verantwortung vor.

VI. Weiteres Attentat

Einen Tag vor Weihnachten, am 23. Dezember 1995 erzittern die Hausmauern
von Düsseldorf unter einer 30-Kilogramm schweren Rohrbombe der AIZ. Sie
benutzten dazu abermals einen Feuerlöscher, gefüllt mit Metallkrampen,
der
die Hausfassade eines Bürogebäudes, indem sich das Bauunternehmen
des
Bonzen Heitkamp befindet, bis in die vierte Etage hinauf weitgehend
zerstörte.

In dem Bürohaus, an dem ein Sachschaden von 70'000 Mark
entstand, befindet sich neben der Baufirma von Heitkamp auch das
peruanische Konsulat, von welcher Heitkamp auch gleich noch nebenbei
peruanischer Honorarkonsul ist.
Riot

Theodor Blank, Verteidigungsminister, Arbeitsminister, CDU, Bundesrepublik Deutschland.Foto: Bundesarchiv, Bild 146-1995-057-16 (CC BY-SA 3.0)

In dem 24-seitigen Schreiben der Guerillaorganisation werden weitere
Aktionen angekündigt, die unter dem Namen Khaled Kelkal laufen sollen.
Kelkal wurde im September '95 von einer französischen Antiterroreinheit
auf
der Strasse eines Vorortes von Lyon im Rahmen der ethnischen
Säuberungsaktionen des französischen Staates hingerichtet. Weiter
heisst es
in dem Bekennerschreiben: "Wenn wir potentiell tödliche
Aktionen dort
durchführen, wo das BRD-System in personeller/institutioneller Form Präsenz
zeigt, signalisieren wir der BRD-Gesellschaft unmissverständlich: So
geht
es nicht weiter. Wo und wie angegriffen wird, hängt ganz wesentlich von
der
Politik der BRD-Eliten ab. Es liegt an der Mehrheit der Gesellschaft, jene
Eliten zu einer Änderung ihrer Politik zu veranlassen."

In demselben Kommuniqué ruft die AIZ erneut zur Solidarität mit
denjenigen
auf, welche verstärkt in militanter Form auf revolutionär-islamistischer
Grundlage den Imperialismus herausfordern. Sie nennen die Namen der Moslem-Guerillaorganisation Dschihad und den der libanesischen Hizb'allah. Zudem
stellen sie sich auf die Seite der maoistisch peruanischen
Guerilla-Organisation Sendero Luminoso.

VII. Verhaftung und Kritik

Die AIZ hat in Westeuropa einen äusserst schweren Stand. Von den linken
Medien wird sie durch konsequente Nichtbeachtung bestraft, und aus
autonomen Kreisen ist nur unwirsche und destruktive Kritik zu vernehmen.

So
forderten z.B. einige Redaktoren von dem mittlerweilen weitherum bekannten
Autonomenblatt Radikal, dass sich die AIZ auflösen solle, weil ihr die
militante Theorie und Praxis fehle(?) und sie somit eine Gefahr für die
gesamte deutsche Linke darstelle. Andere Besserwisser zerreissen sich das
Maul über das "mangelnde Verantwortungsbewusstsein" der "überflüssigen"
Zellen.

Das alte Problem: Einige Wenige tun was und die kritiksüchtige
Masse begnügt sich selbstzufrieden mit lasterhaftem Tratsch, der nur
für
des Kritikers Ego konstruktiv sein kann (Was Grosse tun, besprechen gern
die Kleinen), anstatt das Geschehen selbst in die eigenen Hände zu nehmen.

Sicher bemerkenswert und auch neu ist die Tatsache, dass eine
Stadtguerillagruppe wie die AIZ innerhalb ihrer vierjährigen Existenz
noch
keinen einzigen Menschen verletzt oder getötet hat. So verwundert es
auch
nicht, dass der militante Widerstand in der BRD wieder etwas wachgerüttelt
worden ist.

Eine Gruppe mit dem Namen K.O.M.I.T.E.E, die sich jedoch
unter der Repressionswelle des deutschen Staates, die am 13.6.95 mit einer
Grossrazzia in ganz Deutschland ihren Höhepunkt fand, nach einjähriger
Existenz wieder auflösen musste und deren Aktivisten sich gezwungen sahen,
in den Untergrund abzutauchen, führte vergangenen Jahres zwei
Sprengstoffanschläge durch.

In Berlin treiben einige Militante unter
dem
Namen Klasse gegen Klasse seit drei Jahren ihr Unwesen
(Luxuskarossen abfackeln, Sprengstoffanschläge ausüben und vieles
mehr).

Bisher kam die AIZ nicht mehr zu weiteren Aktionen, auch wenn das
sicherlich wünschenswert wäre und äusserst positiv aufgenommen
werden
würde. Aber die Tatsache, dass es sich bei der AIZ um eine relativ kleine
Gruppe von "Feierabendterroristen" mit für einen Grossteil
der Gesellschaft
doch etwas verwirrenden ideologischen Vorstellungen handelt, die nicht im
Untergrund lebt und bisher stets selbstgebastelte Bomben ohne
profesionellen Sprengstoff aus Militär- oder Bergwerksbeständen
verwendete,
lässt leider den Schluss aufkommen, dass die AIZ in absehbarer Zeit nicht
zu einer ernsthaften militärischen Kraft, die für das System über
längere
Zeit gefährlich werden könnte, wie die RAF das einmal war, heranwachsen
wird.

Zumal der personelle Bestand der AIZ am 26. Februar 1996 auf
tragische Weise durch die deutsche Repressionsmaschinerie um zwei Menschen
reduziert wurde. In der Nacht zum Montag wurden von der GSG 9 in
Schleswig-Holstein zwei Männer, die der AIZ angehören und schon
seit Monaten überwacht wurden, festgenommen. Es handelte sich hierbei umBernhard Falk undMichael Steinau. Heute weiss man, dass diese beiden Personen wahrscheinlich die einzigen Mitglieder der Zelle begründeten.

U.v.d.H.