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Krank: Psychiatriewesen und Hamsterrad

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Psychiatriewesen und Hamsterrad Krank

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Sind Menschen krank? Sind Menschen echt krank? Wo liegt die Grenze von krank zu nicht krank, vom seelischen krank Sein zum seelischen Gesund sein? Jeder wird diese Frage anders beantworten, doch bist Du nicht irgendwodurch auch krank, ist irgendwie nicht jeder krank? Soll man demnach jeden kranken Menschen in eine Nervenheilanstalt stecken?

Gefängnis in Minsk, Weissrussland.
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Gefängnis in Minsk, Weissrussland. Foto: Bundesarchiv, Bild 146-2004-235 (CC BY-SA 3.0 cropped)

Datum 7. Juni 1995
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Lesezeit2 min.
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KorrekturKorrektur
Da können wir uns alle doch
schon morgen einliefern lassen!
Ich werde euch nun aber mal was echt krankes erzählen: Ein guter Kollege
von mir, gerade mal siebzehn Jahre alt, von der kranken Gesellschaft als
krank empfunden. Was wird gemacht mit den Menschen, die wir als krank
verurteilen oder besser gesagt , als krank abgestempeln?

Eine Nervenanstalt
wird ihm sicher gut tun, ich meine, es wurde echt langsam zu krass mit ihm,
so reden seine Kollegen, sie finden, er sei nicht ganz dicht, nicht normal,
aber was ist normal? Was ist der Grund, dass man ihn als krank aburteilt?

Weil er sich so gibt, wie er ist? Weil er immer sagt, was er gerade denkt?
Weil er täglich 5 Gramm Skunk verraucht? Weil er ganz leise und
unverständlich spricht? Weil ihn sowieso alle weich und krank finden?
"Dä
Typ hät doch ä dauerschiibä, dä chunt eh nümä
obänabe!".
Früher war er der lebensfröhlichste Mensch, den ich kannte, für
das habe
ich ihn immer bewundert. Alle seine Kollegen mochten ihn gut, sogar sehr
gut.
Doch jetzt lassen sie ihn im Stich, sein bester Freund" war noch
kein
einziges Mal bei ihm! Ich gebe ja auch zu, er hat sich verändert, ja
er ist
anders als früher, aber krank, sorry, krank finde ich ihn nicht. Ich
habe
mich auch verändert, Du hoffentlich auch, aber sind wir alle deswegen
krank?

Wenn ich 5 Gramm Skunk pro Tag verheizen würde, würde ich
es noch
viel weniger raffen als er.

Das Ganze ist eher ein Problem der Sucht, als
ein Problem des Krankseins.
Aber wer will das schon einsehen? Seine doofen Kollegen, die sowieso keine
Ahnung haben von seinen Problemen, oder seinen Eltern, die ihn in die
Psychi einliefern liessen, weil sie dachten, dass sei das beste für ihn?

Die Ärzte in der Nervenheilanstalt, die ihm jeden Tag seine Ration Haldol
verabreichen, damit er schön brav ruhig bleibt, oder sein bester Freund,
dem das Schicksal seines ehemaligen Kollegen scheissegal zu sein scheint?
Er lebt nun mittlerweilen schon über zwei Monaten in der Nervenheilanstalt
Kilchberg, ohne absehbare Hoffnung auf Entlassung. Unsere Gesellschaft ist
so kaputt, so elend, wer ist da krank?



-ENDE-

ub