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Neotaylorismus und Uber-wachung Sharing Economy: Die Uber-isierung der Welt

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Du sitzt in einem Uber-Auto, der Fahrer hält an der Bahnschranke und fängt an, wie wahnsinnig auf seinem Smart-Phone rumzuhacken. Was ist da los? Heisser Liebesbrief an den Schatz?

TaxiStreik in Frankreich gegen den OnlineVermittlungsdienst Uber.
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Bild: Taxi-Streik in Frankreich gegen den Online-Vermittlungsdienst Uber. / Gyrostat (Wikimedia, CC BY-SA 4.0 cropped)

19. Oktober 2016

19. Okt. 2016

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Nichts da, wenn Du nachfragst. Es ist ein Arbeitsinput für einen zutiefst gehassten Sklaventreiber: Amazon. Du erkennst, neben Dir sitzt für die kurze Zeit an der Schranke ein „mechanical turk“, ein Amazon-Sklave. Seine Arbeit: er sucht für Amazon online Verstösse gegen die „guten Sitten“ aus einem digitalisierten Text. Zwei Sklaven in einer Person? Genau das. Ein Hybrid-Sklave also.

Intro – Der Hybridsklave

Der Uber-Sklave schliesst die kurze Zeit der Nichtbeschäftigung an der Schranke mit Arbeit für Amazon. Er schliesst die Poren arbeitsfreier Zeit. Als Hybrid-Sklave verlinkt er zwei Einsatzfelder der grossen IT-Innovationsoffensive, die die Welt seit drei Jahrzehnten mit zunehmender Gewalt überrollen: der Bereich der Dienste im Logistikunternehmen und in der grossen weiten Welt persönlicher Dienstleistungen.

Der Link verbindet nicht etwa zwei Welten. Er verbindet Felder, in dem derselbe „Neo-Taylorismus“ als Strategieprinzipien eines neuen kapitalistischen Kommandos über die Welt zum Einsatz gelangen. Das zeigen wir zuerst für „Uber“ als dem Vorreiter der „Sharing- oder besser: On-Demand-Ökonomie“. Und dann für Amazon, einem der führenden Arbeitsausbeuter der neuen Ökonomie. Und so verwandelt sich unter dem Kommando desselben Arbeitsmanagements der Hybrid-Sklave während einer Fahrt eigentlich nur in zwei Gestalten desselben Sklaven. Und es bleibt zu hoffen, dass sich darüber auch die Kämpfe gegen Uber und Amazon und andere ähnliche Herren miteinander verbinden.

Uber-isierung, das ist ein aktuell mit grosser Wucht von den „on-demand“-Unternehmern entfesselter Schock zur Unterwerfung von Alltagsverhalten und seiner Erschliessung als neue Quelle von Arbeit und Wert, in dessen Zentrum Uber agiert.

„Es gibt immer Blut an der Wand, wenn eine grosse, neue Welle von Innovationen durchgesetzt wird“, erklärte der Londoner Venture-Kapitalist Fred Destin Anfang dieses Jahres. Er hat Millionen in ein unternehmerisches Projekt der „Sharing-Economy“ gepumpt, zu der auch Uber gehört. Destin meint das Blut der von dieser Innovationswelle betroffenen Menschen. Blut in wirklicher und übertragener Bedeutung als Lebens- und Überlebenschance der auf „Uber“ und ähnliche Unternehmen angewiesenen verarmten Unterklassen. So geht denn auch das Blut auf Uber’s Konto, das bei den heftigen Kämpfen gegen dieses Unternehmen vergossen wurde. Und das ist nicht gerade wenig. In Johannesburg, Nairobi, Amsterdam, Paris gab es Angriffe auf Uber-Autos mit Waffengewalt und Sachbeschädigungen bis zum Abfackeln.

Die „Sharing“-Unternehmer und ihre Sklav*innen

Die Gegenwehr gilt einer Innovationsstrategie, die im Kern des technologischen Angriffs angesiedelt ist und die man sich zentraler kaum denken kann. Es geht in der von Uber angeführten Schockwelle um nichts weniger als um die Zerstörung eines ganzen Spektrums tradierter Formen von alltäglichen beruflichen und privaten Diensten und Gefälligkeiten bis hin zu freundschaftlicher Hilfe und ihre Unterwerfung unter ein verschärftes Kommando von Arbeit und Inwertsetzung.

Das wurde anfänglich wohltönend und absichtlich missverständlich „sharing“-Ökonomie genannt, inzwischen grossteils „on-demand“-Ökonomie. Die Reorganisation des Verhaltens läuft über die im Innovationsangriff entwickelten Technologien. Über eine App fordert man (darum auch „on-demand“) Transportund andere Dienste an, die dann auf informationstechnischem Wege über grosse Server mit spezifischen Algorithmen an Nachfrager*innen vermittelt werden. Verrichtet werden die „Dienste“ dann von den über GPS zugeordneten „Sklave*innen“ - so werden sie inzwischen auch in der „seriösen“ Literatur genannt. Diese „Sklav*innen“ kommen mit ihrem eigenen Arbeitsgerät, z.B. Autos -darum sollen sie angeblich auch „Selbständige“-, um die Leistungen zu erbringen.

Die „Sklav*innen bestehen zu einem grossen Teil aus Menschen der „subprime-“ (unter Standard) -Kasten, die durch die Entwertungsoffensiven unter der Führung der amerikanischen Zentralbank (Fed) in die neue Armut getrieben wurden – oftmals aus den nunmehr verarmten und verelendeten ehemaligen Mittelschichten der fordistischen Ära. Und die dann in der „subprime“- Offensive mit seinem Crash im Jahre 2008 nochmals tiefer in die Armut gestossen wurden.

Es ist genau dieser Hintergrund, auf dem Uber im Jahre 2009 gegründet wurde. Denn jetzt war der ökonomische Druck unausweichlich, der viele zu mehreren Beschäftigungsverhältnissen trieb. Befragungen von „on-demand“-Arbeiter*innen ergaben, dass sie von ihrer „Hauptbeschäftigung“ ohne einen Zuverdienst auf dem „on-demand“-Sektor“ nicht mehr leben könnten (das gilt auch z.B. Wohnungsüberlassung über Airbnb, wie die Kämpfe etwa in Berlin gezeigt haben).

Das Geheimnis der Uber-Ökonomie ist Vermögensungleichheit“, titelte die Zeitschrift Quartz vor zwei Jahren. Aber die Untersuchungen haben auch ergeben, dass „on demand“-Arbeiter* innen ebenfalls nicht von ihrer Arbeit auf diesem Sektor leben können (grob 75%). Sie sind auf beides oder gar weitere Quellen angewiesen. Die ausgepressten Profi te dagegen sind satt. Uber behält ca. 20% des Fahrpreises ein. Seine Marktkapitalisierung liegt bei über 60 Mrd. $.

Die Ausweitung der Uberisierung

Bis Anfang dieses Jahres – mit einem kleinen Knick zum aktuellen Zeitpunkt – strömte das Venture-Kapital wie entfesselt in den ganzen „on demand“-Sektor. Die Herstellungen von „on demand“-Apps und Gründungen von Start-ups nach Uber-und Airbnb-Vorbild schäumen regelrecht hoch. „Ein Uber für alles“ titelte der Guardian Anfang Mai. Gierige Nerds gründen Start-ups auf dem „on demand“-Sektor fast im Stundentakt, besonders im Bereich der Liefer-Dienstleister (in England etwa Deliveroo, Deliver-Hero, in Deutschland Lieferheld und und und).

In Mayfair trafen sich dieser Tage Venture-Kapitalisten des „on demand“-Sektors, um sich darüber auszutauschen, wie sie diesen „Uber-inspirierten Goldrausch“ vorantreiben und weiter ausbeuten, bzw. schürfen können. Silicon Valley reisst inzwischen darüber schon seine Witze: Ein Uber für Suff zu später Stunde? Für „Massage“? Parken? Lehrervermittlung?, Barkeeper?, Brief-zur-Post-bringen? In-Warteschlangen stehen (z.B. für Konzerte, wenn der Herr keine Zeit hat und einen Wartesklaven braucht)? Obwohl – einige davon gibt’s schon. Welche wohl? Schlange stehn z.B. Erraten? „Denkt an irgendeine Dienstleistung, und wenn jemand noch keinen Uber dafür erfunden hat, arbeiten sie wahrscheinlich gerade daran“, sagt der Valley-Beobachter. Das Lachen sollte einem im Hals stecken bleiben.

Die Uberisierung der Welt steht gerade am Anfang und die Zertrümmerung der alten Welt auf dem Servicesektor wird Jammern und ungeahntes Elend der Sklav*innen bringen. Und mehr noch der Nicht-Sklav* innen, die in den Reservelagern vor den Pforten auf Zulassung zu einem ordentlichen Sklavenstatus warten oder den Sklav*innen-Status wegen mangelhafter Selbstoptimierung verloren haben.

Neotaylorismus, Uber-wachung und weitere Punkte

Die Komplexität des „on demand“-Angriffs ist gewaltig. Und sie ist, da er sich auf dem Dienstleistungsbereich als dem mittlerweile zentralen Sektor des gegenwärtigen Innovationsangriffs entfaltet, nicht hoch genug zu schätzen. Hier sollen nur einige Schwerpunkte kurz erörtert werden:

1. Uber steht als führender Akteur auf dem „on demand“-Sektor beispielhaft und beispielgebend für die Zerstörung eines tradierten Sektors und eine exemplarische Politik der Entwertung von Menschen und ihren Tätigkeiten und der Errichtung eines völlig neuen kapitalistischen Kommandos.

Dazu gehört die oben schon angesprochene Flexibilisierung und Unterordnung des Alltagslebens unter die „on demand2-Technologien in allen Lebensbereichen. Diese Entwertung kann man auch als eine Form der „Kapitalisierung“ fassen. Sie kapitalisiert zuvor unverwertete im Kompetenz- und Verfügungsbereich der Individuen stehende Gegenstände und individuelles Verhalten zu solchen, die nunmehr „in Wert gesetzt2 werden, zu „Assets“. Dazu gehören die Gegenstände (Autos, die ja Uber nicht gehören). Dazu gehört vor allem menschliches Verhalten, auf das es zuvor auch keinen Zugriff gab, sondern zum autonomen Bereich der einzelnen Individuen gehörte.

Sie werden nunmehr als Verhaltens-Kapital, Wissenskapital und materialisiertes Kapital (Autos etc.) zu Mitteln der Wertschöpfung. Im Grunde genommen setzt dies den Zugriff auf den Häuserbereich fort, der durch die „subprime“-Offensive nach 2000 in Wert gesetzt wurde. Damit unterwirft die Strategie zugleich die über grosse Server organisierten Verhaltenspartikel der Dienstleister*innen unter ein von der IT-Ebene aus organisiertes Regime.

Hierin liegt eine „Taylorisierung“ neuer Stufe

Taylors Ziel war ja, das Verhalten auf Produktionsebene in derart eng defi nierte und damit zugleich standardisierte Partikel zu zerschlagen, dass es möglich wurde, sie in seriellen Verhaltensketten (etwa Fliessband) zu organisieren und das Kommando und die Kontrolle über die Arbeit „in die Hände des Managements“ abzusaugen. Eine entsprechende Zerstörung bzw. Enteignung von Autonomie wird auf neuem historischem Niveau mit den Technologien der Innovationsoffensive vorangetrieben. Sie ist in gleichem Masse unerbittlich. Ein Algorithmus bestimmt, wo du hingeschickt wirst, wie du abzurechnen hast, wie du zu fahren hast, wie du dich zu benehmen hast, wie das eingebrachte Auto und die Wohnung etc. auszusehen haben.

Dadurch wird ein gewaltiger Druck zur Verhaltensunterwerfung auf die Dienstleistenden entfesselt, der nicht nur zur genauen Defi nition gesollten Verhaltens führt, sondern über Konkurrenzmechanismen enorme Reservoirs an Selbstoptimierung und Selbstrationalisierung innerhalb enger Korridore von zugestandenen Freiheitsgraden erschliesst.

Du musst selbst herauskriegen, wie du deine Optimierung vorantreibst, um weiter im Job zu bleiben, und damit zugleich deinen Verdienst und die Profi tspielräume der Herren erweiterst. Wenn Du hinter den Erwartungen zurückbleibst und ein(e) andere(r) es besser macht, Pech für Dich. Zugleich liegt darin eine Zurichtung und Standardisierung des Verhaltens, die in andere Bereiche ausstrahlt.

Hier verlinkt sie sich mit den neotayloristischen Strategien der inneren Arbeitsorganisation etwa bei Amazon. Diese „Uberisierungs“-Strategie in den Servicesektor steht noch am Anfang, sowohl hinsichtlich ihrer Eingriffstiefe in die Subjekte als ihrer Erweiterung und der damit betriebenen sozialen Homogenisierung. Die aber läuft rasant. Sie zielt auf die Übertragung in Bereiche, an die wir als Kinder der überkommenen Lebensweise noch gar nicht denken würden. An Airb&b haben wir uns ja schon gewöhnt, vielleicht auch an die Möglichkeiten der Organisation eines Peer-to-Peer- Kreditwesens. Aber die Berufstätigkeiten mittelständischer Selbständiger?

Dem Vernehmen nach stehen Initiativen eines „Uber-Legal“, einer Uberisierung der Rechtsberatungsdienstleistungen vor der Tür. „Rechtsanwalt- on-demand-Apps“, sowie „Quicklegal und UpCounsel ebenso wie „medicast-App“ zur Herbeirufung eines Arztes und „Upwork“ zu Beschaffung eines Freelance-Artikelschreibers gibt es schon. Die Welt des Verhaltens wird unerbittlich umgepfl ügt, ein Ende ist nicht abzusehen.

2. Die tayloristische Erschliessung und Rationalisierung auf dem Dienstleistungssektor reinigt Freiheit und Unbestimmtheit heraus. Sie verschliesst die Poren (Marx), die kleinen Luft- und Freiräume des noch nicht in Dienst genommenen Verhaltens, und zwar in tendenziell totalisierender Weise. Sie unterwirft unerschlossenes Verhalten damit dem Marktgeschehen. Es ist die technologische Subsumption, die Unterwerfung von Verhaltensbereichen auf neuer historischer Stufe jenseits des Taylorismus/Fordismus.

3. Uber und sein Konkurrent Lyft arbeiten in Konkurrenz untereinander und zu Apple, facebook und google an der Entwicklung IT-gesteuerter, fahrerloser Autos. Die Einbeziehung von GPS erlaubt Bewegungsprofi le und macht den Datenraub besonders gefährlich. Das hat die bisherige Auswertung zu möglichen One-Night-Stands durch Uber drastisch gezeigt.

4. Und, ach ja: „Sharing Economy“? Eine Ökonomie der kooperativen gegenseitigen Gefälligkeiten und Dienste? Killefi tt! Diese Friede-Freude-Eier -Vorstellung wird inzwischen als geradezu peinlich abgetan, die Diskrepanz zwischen rosa Bild und Wirklichkeit ist zu gross. Als alternative Namen werden neben „on-demand-economy“ auch „matching-economy“ oder „gig-economy“ angeboten. Dieter Schlenker, Vorsitzender von Taxi-Deutschland, bietet aus gut sozialdemokratischer Altbackenheit den Titel „Heuschreckenökonomie“ an.

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