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60 Prozent der Kaufkraft für das oberste Fünftel Die Multis müssen ihre Beute nachhaltig verteilen

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Mit ihren hohen Gewinnen und ungleichen Lohnzahlungen vernichten die Multis massiv Kaufkraft und überfordern den Sozialstaat.

Neben 16 Milliarden Personalausgaben weist der Schweizer Nahrungsmittelkonzern Néstle 15 Milliarden Gewinn aus.
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Bild: Neben 16 Milliarden Personalausgaben weist der Schweizer Nahrungsmittelkonzern Néstle 15 Milliarden Gewinn aus. / Evan-Amos (PD)

21. Dezember 2015

21. 12. 2015

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Die Grossunternehmen verteilen ihre Löhne und Dividenden so einseitig, dass der Sozialstaat und die Kapitalmärkte gezwungen sind, ständig Kaufkraft an die Verlierer zurück zu pumpen, damit die Wirtschaft nicht mangels Konsum einbricht.

Durchforscht man die ökonomische Literatur nach den Gründen für die zunehmenden Ungleichheit, stösst man immer wieder auf dieselben Stichworte: Globalisierung, technologischer Wandel, mangelnde Qualifikation. Keine dieser Thesen überzeugt und keine legt konkrete politische Massnahmen nahe. Das ändert sich, wenn sich fragt, wo die Ungleichheit entsteht.

Die Antwort ist klar: Es sind die Multis. Sie verteilen ihren Mehrwert viel einseitiger als die KMUs oder Staatsbetriebe. Damit vernichten sie die Kaufkraft, auf die die Wirtschaft angewiesen ist. Und sie vertrauen darauf, dass der Staat und die Zentralbanken diese Kaufkraft «künstlich» neu schafft. Doch beide sind damit immer mehr überfordert.

Leider gibt kaum Erhebungen über die Verteilung von Löhnen und Gewinnen bei den Grossunternehmen. Aber es gibt klare Indizien. So zeigt etwa der Vergütungsbericht der Beratungsfirma Price Waterhouse Coopers (PWC), dass die Gesamtvergütungen der CEOs der 50 grössten Schweizer Unternehmen im Jahr 2014 um 15,8% auf durchschnittlich 5,6 Millionen Franken angestiegen sind. In kleinen und mittelgrossen Unternehmen ist so etwa nicht möglich. Dort stieg der Durchschnittslohn 2014 um 0,8 Prozent auf 77'600 Franken. Im Beratungsunternehmen eines guten Bekannten lag der höchste Lohn (auf Vollzeitbasis) bisher nie mehr als 40 Prozent über dem tiefsten.

Auch in den Staatsbetrieben ist die Lohnspreizung relativ gering. Gemäss der Lohnstrukturerhebung von 2008 kassierte das oberste Fünftel ziemlich genau doppelt soviel Monatslohn wie das unterste. Dieselbe Quelle zeigt, dass die Spreizung bei den Privatunternehmen beim Faktor 2,7 lag und eine steigende Tendenz aufweist. Allerdings wirft diese Statistik KMU und Grossunternehmen alle in einen Topf. Wenn wir annehmen, dass bei den KMU die Spreizung eher unter 2 liegt, muss sie bei den Grossen deutlich über 4 liegen.

60 Prozent der Kaufkraft für das oberste Fünftel

Da diese Zahlen geheim sind, müssen wir uns mit Schätzungen begnügen. Versuchen wir es mit dem Nahrungsmittel-Multi Nestlé, der seine Beute eigentlich gemäss dem Kalorienbedarf verteilen müsste: Etwas mehr für das Fussvolk, etwas weniger für den Jetset. Doch schon ein erster Blick auf das Jahresergebnis 2014 zeigt, dass dem nicht so ist. Neben 16 Milliarden Personalausgaben weist das Unternehmen nämlich 15 Milliarden Gewinn aus. Dank dem Global Wealth Databook der CS wissen wir, dass 84 aller Vermögen (und deren Erträge) auf das reichste Fünftel entfallen.

Die rund 16 Milliarden Franken Bruttolohnsumme verteilen sich auf 339'000 Angestellte. Macht im Schnitt 47'200 Franken brutto. Die 14 Mitglieder der Konzernleitung und die 12 des Verwaltungsrates haben 2014 zusammen knapp 60 Millionen kassiert. Das sind 3,75 Promille der Lohnsumme für 0.08 Promille der Angestellten. Mehr wissen wir nicht. Wir können aber annehmen, dass wie in der Schweiz insgesamt auch bei Nestlé 9% der Arbeitseinkommen an das reichste Prozent gehen. Zweitens nehmen wir an, dass die restlichen Lohneinkommen so verteilt werden wie im Schnitt aller Schweizer Privatunternehmen. Damit ergibt sich in etwa folgende Verteilung des gesamten Mehrwerts (Löhne und Dividenden): 20 Prozent für das oberste Prozent, 60 Prozent für das reichste Fünftel und für das unterste bleiben noch etwa 6 Prozent.

Klingt unwahrscheinlich? Nein, das deckt sich in etwa mit den gesamtwirtschaftlichen Einkommensverhältnissen. Selbst in der relativ egalitären Schweiz entfallen gemäss der neuesten Erhebung der eidgenössischen Steuerverwaltung 49,5 aller Reineinkommen auf das reichste Fünftel der Haushalte, während für das ärmste nur gerade 2,3 Prozent übrig bleiben. In den USA und Deutschland sind die Verhältnisse noch extremer. Die gesamtwirtschaftliche Verteilung ist deshalb noch schiefer als unsere Schätzung für Nestlé, weil hier auch noch die Pensionierten, die Arbeitslosen und die schlecht bezahlten Leiharbeiter der Multis enthalten sind.

Damit wissen wir, wo die Ungleichheit hauptsächlich entsteht. Doch ist sie wirklich ein Problem? In der öffentlichen Diskussion wird meist nur der moralische Aspekt behandelt. Gerecht oder ungerecht? In der Schweiz kommt oft der Hinweis, dass auch die Einkommen der Armen real immer noch steigen. Stimmt. Aber selbst die relativ faire Einkommensverteilung der Schweiz kann volkswirtschaftlich schädlich sein, wenn sie zu stark von der Verteilung des Konsums abweicht. Typischerweise konsumiert in den Industrieländern das reichste Fünftel nämlich «nur» etwa doppelt soviel wie das ärmste.

Machen wir ein Gedankenexperiment: Nestlé hat alle übrigen Firmen übernommen und stellt – als Nestlé-Total oder kurz NT alles her, was wir brauchen inkl. Strassen, Schulen, Spitälern. Wir würden dann mit Löhnen, Zinsen und Dividenden von NT ausschliesslich Produkte von NT kaufen. Wenn nun die NT-Betriebe (also alle Unternehmen des Landes) ihren Mehrwert so verteilen, wie oben geschätzt (60% für das reichste, 6% für das ärmste Fünftel), dann bräche entweder der Konsum total zusammen oder Produktionschef von NT müsste seine Produkteplalette konsequent auf Luxus einstellen.

Der Konsum ist viel gleichmässiger verteilt als die Kaufkraft

In der Tat geschieht das. Die Nahrungsmittelindustrie füttert die Unterschicht zunehmend mit Billigkalorien aus Fruktosesirup, raffinierten Getreideprodukten, gehärteten pflanzlichen Fetten und Hormonfleisch ab und lanciert für die Oberschicht etwa die Luxus-Linie «Chocolat Signature Sélection» von Nestlé. 130 Gramm Erlesenes für 24.90 Dollar. Doch das reicht nicht. Auch der neueste Konsumstatistik der USA von 2014 zeigt, dass das reichste Fünftel pro Kopf weiterhin «bloss» 2 mal soviel konsumiert wie das ärmste. Bei den Nahrungsmitteln sind es gar nur 30 Prozent mehr. Auch in der Schweiz gibt das reichste Fünftel pro Kopf etwa doppelt soviel aus wie das ärmste.

Wenn also der Produktionschef von NT seine immer effizienteren Anlagen auslasten will, muss der den Personalchef dringend bitten, die Einkommen gleichmässiger zu verteilen. Und zwar so, dass die Angestellten auch ihren Konsum auch nach der Pensionierung noch 15 bis 20 Jahre lang aufrecht erhalten können. «Und denk dran, zu viele Arbeitslose sind auch nicht gut für das Konsumklima.» Der Personalabteilung von NT müsste also noch eine Pensionskasse, eine Arbeitslosenversicherung und eine Kinderkrippe angegliedert werden.

Was in unseren fiktiven Beispiel der Personal- und der Produktionschef zusammen aushecken, das haben in der Realität die Politik und die Sozialpartner vollbracht. Dabei ging es nicht nur um die Sicherung der Nachfrage, sondern um einen sozialpolitische Pakt: Wenn wir uns schon auf das Wagnis einer extremen Spezialisierung einlassen, muss die damit verbundene Unsicherheit und Abhängigkeit abgefedert werden. Wir wollen in einer Gesellschaft leben, in der auch die Kinder der Armen zur Schule gehen, in der niemand mangels Geld an einer Blinddarmentzündung sterben oder auf der Strasse leben muss. Kritische Ausgaben, wie etwa die für Bildung und Krankheit werden deshalb kollektiv statt individuell finanziert. Der Preis dafür sind Steuern.

2500 Milliarden Rückverteilung...

Dieser Pakt war das Erfolgsgeheimnis der westlichen Industriestaaten. Doch die ungleiche Beuteverteilung der Multis hat die Kosten des Sozialstaats erhöht und der Steuer- und Standortwettbewerb hat die Einnahmen dezimiert. Das Endergebnis lässt sich etwa an der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung der USA ablesen. Danach beliefen sich 2014 die Ausgaben für soziale Transfers auf gut 2500 Milliarden Dollar. Auf je 5 Dollars, welche die US-Haushalte einnehmen, kommt 1 Dollar vom Staat dazu. Im Schnitt. Beim ärmsten Fünftel ist es deutlich mehr als die Hälfte. Doch um diese Soziallast zu stemmen, mussten die USA (der Staat) allein in den letzten fünf Jahren 6500 Milliarden Dollar zusätzliche Schulden aufnehmen. Rund die Hälfte der Sozialausgaben ist also mit Kredit gedeckt worden, der Rest mit Steuern. Diese Operation diente letztlich dazu, die Sparüberschüsse der Reichen in die Wirtschaft zurück zu pumpen.

Nicht alle Länder müssen sich zu diesem Zweck verschulden. Der Schweiz und Deutschland etwa ist dank ihrem Sieg im Standortwettbewerb gelungen, die Sparüberschüsse zu exportieren. Doch selbst die Sieger im Nullsummenspiel des Standortwettbewerbs geraten durch die zunehmend ungleiche Verteilung in Bedrängnis. Deutschland zum Beispiel: Dort waren die Markteinkommen 1991 noch relativ gleich verteilt. Das Einkommen des Durchschnittsbürgers (der Median) lag nur um 9,4% unter dem Durchschnitt aller Markteinkommen. Die Verteilung der Haushaltsnettoeinkommen war in etwa gleich. Steuern und Sozialleistungen mussten also keine nennenswerte Umverteilung bewirken. Spätestens ab 1999 änderte sich das. Bis 2009 gingen die Markteinkommen des ärmsten Fünftels um fast 20 Prozent und die der ärmeren Hälfte um 13 Prozent zurück. Auf diesen Schock war der Sozialstaat nicht ausgelegt. Er konnte die Einbussen bloss auf immer noch happige 13 bzw. 7,3 Prozent reduzieren, und musste akzeptieren, dass etwa ein Viertel der Arbeitnehmer in einen Niedriglohnsektor gedrängt wurden. Wer in dieser Unterschicht lebt, hat inzwischen eine um rund 10 Jahre kürzere Lebenserwartung als Angehörige der Schicht, deren Einkommen um 50 Prozent oder mehr über dem Durchschnitt liegt.

Auch in der Schweiz geht die Ungleichheit der Markteinkommen allmählich an die Substanz der Sozialwerke. In der Stadt Zürich etwa sind die Sozial- und Pflegekosten allein von 2008 bis 2013 um 57 Prozent gestiegen. «In den Sozialämtern» schreibt der Tages Anzeiger, «tauchen immer häufiger frisch Pensionierte auf, denen es im Verlauf des Berufslebens nicht gelungen ist, Altersvorsorge aufzubauen.» Im ganzen Kanton seien bereits 12 Prozent der über 65jährigen auf Ergänzungsleistungen angewiesen. Gemeinden, Kantone und Bund schieben sich gegenseitig den schwarzen Peter zu und versuchen, sich für Sozialhilfeempfänger unattraktiv zu machen. Bürgerliche Politiker fordern «nachhaltige» Reformen des Sozialstaats. Wobei sich die Nachhaltigkeit ausschliesslich auf die Finanzen bezieht.

...überfordern auch die Kapitalmärkte

Weil der der Staat die Rückverteilung nicht mehr über Steuern finanzieren kann, muss er sich verschulden. Und da inzwischen auch die Kreditfähigkeit der Staaten an ihre Grenzen gestossen ist, müssen die Zentralbanken eingreifen und die Schulden der Staaten garantieren, bzw. im grossen Stil aufkaufen. Dieser Rettungeinsatz heisst quantitative Erleichterung oder QE und gilt aktuell als das wirtschaftspolitische Instrument schlechthin. Theoretisch könnte man das Instrument mit staatlichen Investitionen oder mit Helikoptergeld für die Armen ausweiten, und so das vorhandene Produktionspotential ausnützen. Damit könntedie Zentralbanken ausbügeln, was die Multis mit ihrer einseitigen Lohnpolitik vermasselt haben. Doch zu einer solchen Lösung fehlt der politische Wille.

Deshalb bleibt nur ein Ausweg: Die Unternehmen müssen zu einer Einkommensverteilung zurückfinden, die für ihre Produkte die nötige Kaufkraft schafft. Der erste Schritt dazu wäre die Offenlegung der Beuteverteilung der Grossunternehmen. Die USA haben damit bereits begonnen. Der Dodd-Frank-Act schreibt den kotierten Unternehmen vor, den Medianlohn zusammen mit dem Top-Salär zu veröffentlichen.

Das ist schon mal ein guter Anfang. Wenn zudem auch noch Median des untersten und des obersten Quintils sowie und des obersten Prozent offengelegt werden müssten, dann dämmert es vielleicht sogar in den Teppich-Etagen, dass sich die Wirtschaft mit einseitigen Verteilungspolitik selbst die Nachfrage, bzw. die Luft abschneidet.

Werner Vontobel / Infosperber

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