Der Begriff des Masses Qualität und Quantität

Wirtschaft

Wie lassen sich eindimensionale Rechnungsweisen durch mehrdimensionale Bewertungsmassstäbe ablösen?

Qualität und Quantität: Der Begriff des Masses
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Qualität und Quantität: Der Begriff des Masses Foto: Mario Sixtus (CC-BY-NC-SA 2.0 cropped)

20. April 2024
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„Nicht alles, was zählt, kann gezählt werden, und nicht alles, was gezählt werden kann, zählt!“ (Albert Einstein).

Preise haben ihre Grenzen, qualitative Indikatoren aber auch. Wie kann sich die Gesellschaft umfassend Rechenschaft ablegen von den Auswirkungen ihrer Wirtschaft?

Die Anhänger der Marktwirtschaft sehen die Preise als eine Art Kurzschrift an. Sie ermögliche es, alle nötigen Informationen schnell und effizient zu kommunizieren. Mittlerweile hat sich jedoch die Einsicht verbreitet, dass Preise unterkomplexe Informationskonzentrate darstellen. Sie sind nicht in der Lage, das Konsequenzenspektrum wirtschaftlichen Handelns sichtbar zu machen. Dasjenige, wofür sich kein Marktpreis bildet bzw. nicht bilden kann (z. B. Lebensqualität der Arbeitenden im Arbeiten, Gesundheit u. a.), entzieht sich der monetären Bewertung.

Wer die Aktivitäten von Betrieben und Organisationen evaluieren will, wird stärker qualitative Indikatoren einbeziehen müssen. Zurzeit existieren bspw. das MIPS (Material-Intensität pro Serviceeinheit), der DGB-Index „gute Arbeit“ oder der Human-Development-Index.

Bereits gegenwärtig entsteht quer zur Bepreisung eine Informationsinfrastruktur der Produktlinienanalysen, Technikfolgenabschätzungen und Umweltverträglichkeitsprüfungen. Sie vergegenwärtigen die mit den Arbeiten und Arbeitsprodukten verbundenen Effekte, Voraussetzungen und Rückkoppelungen.

Das nichtfinanzielle Rechnungswesen

Darauf können „Konzepte eines ‚nicht-finanziellen' bzw. sozialökologischen Rechnungswesens“ bzw. „mehrdimensionale Erfolgskonzepte“ aufbauen (Pfriem 2011, 188). Sie bilden ein Moment der zur kapitalistischen Marktwirtschaft und zum „Staatssozialismus“ alternativen Vergesellschaftung. Wer fragt, wie eine „Nachhaltigkeitsbilanz“ oder „Gemeinwohlbilanz“ aussehen kann, findet dazu Vorschläge bei Bender, Bernholt, Winkelmann (2012, 137-143) oder bei Christian Felber. Dass diese Autoren sich Illusionen über die Praktizierbarkeit solcher Bilanzen innerhalb der kapitalistischen Ökonomie machen, mindert nicht zwangsläufig den Wert ihrer Konzepte für das Nachdenken über eine nachkapitalistische Gesellschaft.

Für die Gesellschaft des guten Lebens ist eine grundlegende Transformation not-wendig. Nicht länger bleibt es selbstverständlich, die Lebensqualität im Arbeiten und die ökologisch intakte Umwelt „einer auf Wettbewerbsfähigkeit verkürzten Überlebenssicherung“ (Pfriem 2011, 185) der Betriebe unterzuordnen. Es gilt, nicht allein die Effizienz des Betriebs oder der Organisation zu bilanzieren, sondern auch ihren Beitrag zum guten Leben zu vergegenwärtigen.

Erforderlich wird ein „stofflich-vieldimensionaler Wertbegriff“ im Unterschied zur Maxime „Wert ist, was Geld kostet oder bringt“ (Freimann 1984, 22). In der „mehrdimensionalen Wertrechnung“, die auch die schwer bezifferbaren Qualitäten berücksichtigt, „kann der Grad gesellschaftlicher Wohlfahrt nur durch Abwägung […] von quantitativen und qualitativen Faktoren (Lebensstandard und Lebensqualität) bestimmt werden, muss also durch politischen Dialog entschieden werden. Dies ist ein Nachteil hinsichtlich der modelltheoretischen Praktikabilität, entspricht jedoch in weit höherem Masse der Realität als die Reduktion ökonomischen Handelns auf monetarisierte und kommerzielle Vorgänge“ (Hauchler 1985, 56).

Bereits mit dem Begriff der Lebensqualität kam Anfang der 1970er Jahre in der Bundesrepublik „eine integrale Wohlfahrtsfunktion“ in den Blick. Lebensqualität ist eine Querschnittsaufgabe. Mit qualitativen Kriterien „als Beschreibungskategorien für politisch zu verantwortende Ist- bzw. Soll-Zustände“ geht der Politik die „Abstraktion des Geldmediums verloren.“ Und damit nicht genug: „Qualitative Indikatoren [...] lassen sich nicht über die Köpfe der Betroffenen hinweg und an ihren Selbst- und Situationsdeutungen vorbei festlegen“ (Offe 1974, 5).

Not-wendig wird die Ablösung der herkömmlichen eindimensionalen betriebs- und volkswirtschaftlichen Rechnungsweisen durch mehrdimensionale Erfolgskonzepte. Diese „komplexere Wertorientierung zerstört die (scheinbare) Rechenhaftigkeit, Eindeutigkeit und ‚Eleganz‛ der ökonomischen Modelle. Das ist unbequem und desillusionierend“ (Hauchler 1985, 58), wird aber angesichts der Unterkomplexität dieser Modelle gegenüber der Realität erforderlich.

Das „Kommensurierungsproblem“

Auch in einer nachkapitalistischen Gesellschaft stellt sich die Frage: Wie können verschiedene Vorgänge, Güter und Arbeiten gemessen und zueinander ins Verhältnis gesetzt werden („Kommensurierungsproblem“), ohne dass entsprechende Abstraktionen (z. B. durch Bepreisung) sich zum Nachteil der Qualität von Gütern und Arbeiten auswirken?

Zwar muss es in jeder modernen Gesellschaft eine Rechenschaft davon geben, welche Ziele welchen Aufwand an Arbeitskraft und Ressourcen erfordern und wie viel Arbeitskraft und welche Ressourcen vorhanden sind. Gegebenenfalls müssen in einer nachkapitalistischen Gesellschaft die Mitglieder der Bevölkerung darüber beraten und entscheiden, welche Ziele erst- und welche Ziele nachrangig erreicht werden sollen, wenn die Bedürfnisse die wirtschaftlichen Möglichkeiten übersteigen. Die Berechnung fällt leichter, werden alle Arbeiten und Dienstleistungen an der Elle quantitativer Massstäbe gemessen. Dies findet in der kapitalistischen Ökonomie statt. Hier entscheidet letztlich die Profitabilität. Auch der Massstab moderner Organisationen (Effizienz bzw. Minimax-Prinzip: möglichst viel Ergebnis bei möglichst geringem Kostenaufwand), wie er z. B. in Betrieben der DDR offiziell angelegt wurde, ist relativ leicht quantifizierbar.

Die gute Krankenbehandlung, der gute Unterricht und der achtsame Umgang mit Senioren in der Altenpflege lassen sich jedoch nicht wie in einer Fabrik oder in einer die Steuererklärungen abarbeitenden Verwaltung „effizient“ erledigen, ohne dem jeweiligen Arbeitsinhalt zu schaden. Zudem ist in der nachkapitalistischen Gesellschaft die Arbeit selbst sowohl negativ (Vermeidung der Überarbeitung und Auslaugung der Arbeitenden) als auch positiv (Arbeit als Dimension der Bildung menschlicher Vermögen) viel stärker durch qualitative Vorgaben durchwirkt. Diese Vorgaben unterscheiden sich von einer rein instrumentellen Zweck-Mittel-Logik (möglichst viel Ergebnis bei möglichst wenig Aufwand) ums Ganze. Das betrifft nicht nur die Seite der Arbeitenden, sondern bei Dienstleistungen auch die Seite der Personen, die als Schüler unterrichtet, als Kranke behandelt und als Senioren betreut und ggf. gepflegt werden.

Der Begriff des Masses

Hegel und Marx bezeichnen mit dem Begriff des Masses die Einheit von Qualität und Quantität eines Inhalts unter Voraussetzung des Primats der Qualität. „Die Grösse aber und deren Änderung als blosse Grösse ist eine für das Qualitative gleichgültige Bestimmtheit, wenn sie sich nicht als Mass geltend macht. Das Mass nämlich ist die Quantität, insofern sie selbst wieder qualitativ bestimmend wird, so dass die bestimmte Qualität an eine quantitative Bestimmtheit gebunden ist“ (Hegel 13, 181). Ein anschauliches Beispiel für das qualitative Mass ist die Kunst.

„Ein lyrisches Gedicht hat in seiner Beschaffenheit das Mass seiner Grösse. Wenn die Empfindung sich breit macht, so wird sie langweilig. Nichts ist weniger poetisch als das Langweilige. Wenn ein lyrisches Gedicht lang ist, so hört es auf, poetisch zu wirken und zu sein, oder es verliert wenigstens an seiner poetischen Geltung. Umgekehrt braucht ein erzählendes Gedicht, um anschaulich darzustellen, eine gewisse Fülle des Spielraums, die ein ausgedehntes und bequemes Grössenmass fordert. Man kann nicht in derselben Kürze erzählen als empfinden. Ein anderes qualitatives Mass hat die lyrische Poesie, ein anderes die epische“ (Fischer 1865, 315). Kuno Fischer gehörte wie Johann Eduard Erdmann zu denjenigen ersten Hegelschülern und Lehrern des Hegelschen Denkens, die im Unterschied zu vieler heutiger Literatur über Hegel weder in der Paraphrase steckenbleiben, noch im Detail oder in der Subtilitätenhäkelei sich verlieren.

Massverhältnisse betreffen in der nachkapitalistischen Gesellschaft z. B. die Proportionen zwischen den Bedürfnissen der Arbeitenden nach Lebensqualität innerhalb der Arbeitszeit und den Bedürfnissen der Konsumenten nach guter Versorgung mit Produkten. Das ist ein Beispiel von vielen, das zeigt: Die Vorstellung, mit elektronischer Verarbeitung und Kommunikation sei die Koordination zwischen Nachfrage und Angebot eigentlich kein grosses Problem mehr, stellt sich nicht den zugrunde liegenden Fragen der gesellschaftlichen Beratung, Erwägung und Entscheidung über die vielen konkreten Verhältnisse zwischen Quantität und Qualität.

Der kurz dargestellte Begriff des „Mass“ macht das problematische Verhältnis zwischen zwei verschiedenen Dimensionen (Quantität und Qualität) deutlich. Wer sich dieses Problem vergegenwärtigt, ist zwar über die naive Erfolgsgewissheit eindimensionaler Herangehensweisen einen entscheidenden, aber nur begrifflichen Schritt hinaus. Aus ihm folgt noch nicht, wie Quantität und Qualität nicht nur bei einem Inhalt, sondern in der multilateralen wirtschaftlichen Koordination zueinander ins Verhältnis gesetzt werden können.

Die offenen Probleme der Aggregation

Die vielen konkreten (Mass-)Verhältnisse zwischen Quantitäten und Qualitäten werden auch in jeder Nachhaltigkeits- und Gemeinwohlbilanz zum Problem. Solche Bilanzen wollen verschiedene Qualitäten in Punktwerten darstellen. Nimmt die Quantifizierung von Qualitäten den Qualitäten aber nicht das, was sie qualitativ ausmacht?

Fragen wir z.B. nach einer zugleich übersichtlichen und ihrem Gegenstand angemessenen Öko-Buchhaltung. Sie bewertet die Mengen „mit Hilfe von sog. Äquivalenzkoeffizienten. Dies sind ‚Gradmesser der ökologischen Knappheit der betreffenden Einwirkungsart (Erschöpfungsgrad bei Rohstoffreserven, Beanspruchungsgrad des Aufnahmevermögens der Umwelt bei Emission)‛ (Müller-Wenk 1978, 17). Durch Multiplikation von Einwirkungsmenge und je spezifischem Äquivalenzkoeffizienten werden ökologische Rechnungseinheiten (RE) errechnet, die auf Grund einheitlicher Dimension addier- und subtrahierbar sind. Man erhält ‚eine Masszahl der Gesamteinwirkung des Unternehmens auf die natürliche Umwelt während der entsprechenden Periode‛ (Ebd.)“ (Freimann 1984, 28).

Preise weisen für die Öko-Buchhaltung den Nachteil auf, nur das an Zusammenhängen der Natur erfassen zu können, was „unmittelbar geldwirksam“ ist. Die ökologischen Recheneinheiten schaffen „eine künstliche Dimension, die helfen soll, die Umwelteinwirkung eines Unternehmens zu aggregieren und mit derjenigen anderer Unternehmen insbesondere in anderen Branchen vergleichbar zu machen“ (Ebd., 29). Genau darum kommt eine nachkapitalistische Gesellschaft nicht herum. Für die Proportionierung der verschiedenen Arbeiten, Leistungen und Güter müssen diese auch quantitativ zueinander ins Verhältnis gesetzt werden.

Zum Problem wird, dass auch Bilanzen, die Qualitäten berücksichtigen, wie die Nachhaltigkeits- und Gemeinwohlbilanzen, „durch eine Punktbewertung der unterschiedlichen Qualitätsdimensionen gleichsam hinten herum Elemente der Gelddimension wieder einführen. Das hat insbesondere die Konsequenz, dass eine Aufrechnung unterschiedlicher qualitativer Dimensionen gegeneinander möglich wird, die geeignet ist, sowohl Mängel in der einen Dimension als auch Erfolge in der anderen zu nivellieren“ (Ebd., 41).

Ein Unternehmen, das die Recylingfreundlichkeit seiner Produkte betreffend gute Punktwerte, aber in Hinsicht auf die Schadstoffabgabe seiner Produktionsverfahren schlechte Punktwerte erzielt, erzielt eine gleiche Summe an Punkten wie ein Unternehmen, das in beiden Dimensionen eher mittlere Punktwerte hat. Daran zeigen sich die Grenzen einer quantitativen Aggregierung. Auf der anderen Seite weisen qualitative Informationen den Nachteil auf, nur „katalogartig“ aufgelistet werden zu können und keine „Möglichkeit einer kompakten, übersichtlichen Handhabung“ zu bieten (Ebd., 41).

Genau vierzig Jahre später hat sich die Diskussionslage anscheinend nicht gravierend verändert. Sebastian Dullien ist wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) bei der Hans-Böckler-Stiftung. Er stellt fest:

„Es ist sehr wichtig, dass alternative Masszahlen entwickelt werden, um zu zeigen, dass das BIP kein abschliessendes Mass für unseren Wohlstand ist. Allerdings gibt es noch keine gute Antwort darauf, wie so ein Index aussehen und was er beinhalten sollte. Zum einen wird versucht, einen ganzheitlichen alternativen Index zu schaffen, zum anderen versucht man einen sogenannten Dashboard-Ansatz. Das ist wie beim Auto-Armaturenbrett, wo verschiedene Informationen abgebildet werden. Dort würden dann auch Kategorien wie Umweltverschmutzung oder Lebenserwartung angezeigt. Das Problem bei einem einheitlichen Alternativindex ist, dass man alles in Geldwert darstellen müsste. Man müsste beispielsweise bepreisen, was eine Vogelart wert ist. Das ist schwierig und angreifbar. Beim Dashboard-Ansatz können die Abbildungen sehr komplex und unübersichtlich werden“ (Dullien 2024).

Technokratische Dystopie

Viele heutige linke Fürsprecher von Planwirtschaft orientieren sich an einem Cybersozialismus und an einer (selbst sozialtechnologisch unpraktikablen) gesamtgesellschaftlichen Arbeitszeitrechnung. Sie revitalisieren jene Euphorie für Kybernetik und Informatik, die kurzzeitig vor 60 Jahren in der Sowjetunion und DDR existierte. Diesen sozialtechnologischen Konzepten fehlt das Bewusstsein dafür, dass ein „aggregierter Bilanzierungsversuch tendenziell dazu verleitet, die Komplexität sozialer Phänomene durch Homogenisierung zu übergehen“ (Pfriem 2011, 188).

Ein auf links gedrehter technokratischer Utopismus (wie bspw. bei Schaupp, Jochum 2019) präsentiert allerhand Vorstellungen von „kybernetischer Steuerung“. Wer es darauf absieht, muss vom Unterschied zwischen betrieblicher und gesamtgesellschaftlicher Planung und vom Gegensatz zwischen der Utopie kybernetischer Gesellschaftssteuerung und der deliberativen (die Bevölkerung zur gemeinsamen öffentlichen Beratung und Erwägung bringender) Demokratie absehen. Die Autoren belassen es bei imponierenden technizistischen Schlagworten und vagen Verheissungen. Das hilft dabei, es zu vermeiden, sich die Konsequenzen zu vergegenwärtigen, die in solchen Konzepten angelegt sind.

Die sowjetischen Vertreter dieses Denkens haben seinerzeit mit deren Implikationen nicht Versteck gespielt: „Das automatisierte System der Leitung der Volkswirtschaft der UdSSR wird das umfangreichste und das komplizierteste Mensch-Maschine-System der Welt darstellen (Maiminas 1968, 164). Es „erfordert insbesondere den Einsatz von Psychologen und Spezialisten für die Ergonomik (Mensch-Maschine-System), um die Gewähr zu geben, dass die Arbeiten der menschlichen und der maschinellen Blöcke aufeinander abgestimmt sind, dass ihre Kommunikation und Wechselwirkung reibungslos verlaufen und die Störanfälligkeit des gesamten Systems (darunter auch gegenüber subjektiven Faktoren) sehr gering gehalten wird“ (Ebd., 162). Wer alles berechnen will, muss dafür erst alles berechenbar machen.

Vom Regen in die Traufe?

Ein zentraler Grund für die Schwäche radikaler sozialer Bewegungen resultiert aus einem Missverhältnis. Viele Probleme haben ihre Ursache in der kapitalistischen Ökonomie. Daraus folgen wohl negative, aber keine positiven Antworten auf die Frage: Wie können eine Gesellschaft und ihre Wirtschaft, die sich sowohl von der kapitalistischen Marktwirtschaft als auch vom „Staatssozialismus“ unterscheiden, funktionieren? Die neue Gesellschaftsordnung weist eigene Kompatibilitätsanforderungen auf. Das wirft die Frage auf, ob sich Strukturen und Institutionen einer nachkapitalistischen Gesellschaft miteinander „vertragen“. In der bisherigen Diskussion bleibt z. B. unbeantwortet, wie nachkapitalistische Gesellschaften ohne Märkte und wie sie mit Märkten auskommen können (vgl. Creydt 2020).

Keynes stellte bereits 1933 fest: Der Kapitalismus „ist kein Erfolg. Er ist weder intelligent noch schön, er ist weder gerecht noch tugendhaft – und ausserdem funktioniert er nicht. Kurz gesagt, wir mögen ihn nicht und fangen an, ihn zu verachten. Wenn wir allerdings darüber nachdenken, was wir an seine Stelle setzen sollen, sind wir völlig ratlos.“

Manche meinen, wie Münchhausen sich an ihrem eigenen Schopf aus diesem Problemsumpf herausziehen zu können. Sie bieten Patentrezepte an, die sich von den zugrunde liegenden Schwierigkeiten keine Rechenschaft ablegen. Insofern sind sie nicht in der Lage, auf eine Ambivalenz zu antworten, die heute bei kapitalismuskritischen Mitmenschen weit verbreitet ist. Zwei Positionen koexistieren. Die erste lautet: „Not-wendig ist eine grundlegende Alternative zur kapitalistischen Art und Weise des Wirtschaftens, die sich nicht an deren Erfolgskriterien ausrichtet.“ Dazu steht eine zweite Position im Konflikt: „Die Überwindung der kapitalistischen Strukturen ist eine notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung dafür, dass die nachkapitalistische Wirtschaft immanent funktioniert. Letztere kann sich aus ihr eigenen Inkonsistenzen und Unverträglichkeiten selbst blockieren. Tut sie das, kommt es trotz der Verabschiedung der kapitalistischen Probleme zu anderen, aber unter Umständen nicht minder gravierenden Problemen.“ Zu diesen bislang unzureichend durchdachten bzw. konzeptionell nicht bewältigten Problemen gehört prominent das Verhältnis zwischen Qualität und Quantität.

Meinhard Creydt

Literatur:

Bender, Harald; Bernhold, Norbert; Winkelmann, Bernd 2012: Kapitalismus und dann? Systemwandel und Perspektiven gesellschaftlicher Transformation. Hg. von der Akademie Solidarische Ökonomie. München

Creydt, Meinhard 2020: Zentrale Probleme von Konzepten für eine nachkapitalistische Gesellschaft. In: Die Internationale, H. 3, 2020. Köln www.meinhard-creydt.de/archives/971

Dullien, Sebastian 2024: Gerechtes Wachstum – „Es braucht keinen Systemwechsel“. Interview. In: Das Parlament, Nr. 1-3, 2024, 30.12.2023, S. 2

Fischer, Kuno 1865: System der Logik oder Metaphysik oder Wissenschaftslehre. Heidelberg

Freimann, Jürgen 1984: Überwindung der Geldökonomie – Ansätze einer qualitativen Bewertung betriebswirtschaftlicher Strukturen und Prozesse. Kassel

Hauchler, Ingomar 1985: Rücksicht – Für eine ökologisch-ökonomische Gesamtrechnung. In: Sozialismus, 11. Jg., H. 2. Hamburg

Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Werke in 20 Bänden. Hg. v. Eva Moldenhauer, Karl Markus Michel. Frankfurt M. 1970

Keynes, John Maynard 1933: National Self-Suffciency. In: The Yale Review, Summer 1933

Maiminas, J. 1968: Das Problem des Aufbaus automatisierter Leitungssysteme in der Wirtschaft. In: Wassili S.

Nemtschinow (Hg.): Informationsströme in der Wirtschaft. Berlin DDR

Müller-Wenk, Ruedi 1978: Die ökologische Buchhaltung. Frankfurt M.

Offe, Claus 1974: ‚Lebensqualität' – Eine neue Friedensformel sozialdemokratischer Innenpolitik? In: Leviathan, Jg. 1., H. 1

Pfriem, Reinhard 2011: Eine neue Theorie der Unternehmung für eine neue Gesellschaft. Marburg

Schaupp, Simon; Jochum, Georg 2019: Die Steuerungswende: Wirtschaftsplanung im digitalen Zeitalter. In: Luxemburg, H. 3. Berlin