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Finanzkrise: Die Billionen des Schreckens | Untergrund-Blättle

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Soziales Elend, militärische Eskalation und Nationalismus als Nachbeben der Finanzkrise Finanzkrise: Die Billionen des Schreckens

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Was hat der Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers mit dem Krieg in der Ukraine zu tun? Warum pumpen die Zentralbanken bis heute billiges Geld in die Märkte?

Lehman Brothers Building an der Nordost Ecke 7th Avenue und West 49th Street, in Manhattan, New York City.
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Bild: Lehman Brothers Building an der Nordost Ecke 7th Avenue und West 49th Street, in Manhattan, New York City. / Arnoldius (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

30. Dezember 2019

30. 12. 2019

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Wäre die noch immer gärende Krise nach 2008 mit klügerer Regulierung vermeidbar gewesen? Und wie haben Donald Trump und Boris Johnson vom 52 Billionen Dollar schweren Sektor der Schattenbanken profitiert? Wir versuchen diese Fragen in einer dreiteiligen Serie zu beantworten. Dabei erklären wir auch, wie der Mechanismus des Crashs von 2008 aussah und was ihm in der «Realökonomie» bis heute entspricht. Schliesslich soll gezeigt werden, warum der nächste Crash auf uns wartet. Und es soll die Frage gestellt werden, was daraus angesichts der aktuellen Weltlage folgt.

Am 15. September 2008 endete das lange währende Wirtschaftsmärchen der Neoliberalen mit einem Paukenschlag. An jenem Montag meldete Lehman Brothers Konkurs an. Die US-amerikanische Grossbank hinterliess einen Schuldenberg von rund 1200 Milliarden Dollar und ein panisches Finanzsystem. Die Märkte stürzten ab, der Dow Jones verlor in Tagesfrist über 500 Punkte. Es war der stärkste Kurseinbruch seit 2001 die Türme des World Trade Centers nach einem Terroranschlag kollabiert waren. Die Bilder von Manhattan gingen auch dieses Mal um die Welt: Erschütterte Banker*innen strömten mit ihren Siebensachen aus dem Hauptgebäude der Investmentbank am Times Square. Derweil starrten einige Kilometer entfernt an der Wallstreet Börsenhändler*innen fassungslos auf die Anzeigetafeln mit den einbrechenden Aktienkursen.

Die Finanzmärkte wurden durch den Kollaps von Lehman Brothers in ihren Grundfesten erschüttert: Der Interbankenmarkt brach zusammen, es wurde unmöglich zu annehmbaren Konditionen an lebenswichtige Kredite zu kommen. Was seinen Ursprung im US-Hypothekenmarkt hatte, eskalierte zur Krise des globalen Finanzsystems. Diese bedrohte weltweit gigantische Finanzhäuser und richtete schliesslich wirtschaftliche, soziale und politische Verheerungen in der ganzen Welt an. Das Entsetzen der Wallstreet-Broker*innen vom September 2008 sollte in den kommenden Jahren in den Gesichtern verarmter Proletarisierter wiederkehren.

Auf das Ende der Mär von den selbstheilenden Märkten folgte bis dato nicht der Aufstieg der Linken mit ihrem alternativen Wirtschaftsprogramm. Im Gegenteil erklang nach einigen Jahren grosser Katzenjammer in der Sozialdemokratie dies- und jenseits der Parlamente. Nachdem um das Jahr 2011 im Zuge der Krise noch weltweit Millionen Menschen mit sozialen Forderungen auf die Strasse gegangen waren, folgte das Debakel von Syriza, der Krieg in der Ukraine und der Erfolg der Nationalist*innen rund um dem Globus. Kennzeichnend für die Nachwehen des Crashs sind nach zehn Jahren nicht Verfechter einer besseren Gesellschaft, sondern erstarkte nationale Demagog*innen und ihre Anhänger*innen. Wer den Aufstieg von Donald Trump und Boris Johnson aber auch die soziale und medizinische Katastrophe in Griechenland sowie das geopolitische Schlamassel und die Massaker in der Ukraine verstehen will, muss die Krise und ihre politische Bewirtschaftung verstehen.

Vom Crash zur Öffnung der Schleusen. 16 Billionen Dollar und eine Handvoll Franken gegen die Kernschmelze des Finanzsystems.

An jenem 15. September 2008 als Lehmann Brothers zusammenbrach, wurde auch die tägliche Ausgabe der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) ausgeliefert. Gerhard Schwarz, der damalige Leiter der Wirtschaftsredaktion, schrieb dort gegen staatliche Rettungsmassnahmen: «Im Fall von Lehman haben sich inzwischen wohl schon sehr viele Banken (...) abgesichert, und sie haben ihre Forderungen wertberichtigt. Da kann nicht mehr viel passieren.» Der Wirtschaftschef des damals noch eher vornehm-liberalen Blattes wurde für diese Einschätzung kaum mit dem ihm zustehenden Spott überzogen, sondern blieb als Welt- und Wirtschaftsverklärer erster Güte in Amt und Würden. Auch noch, als er sein Märchen am Tag nach der Lehman-Katastrophe als kleinen Wetterbericht weiter erzählte: «Gewitter bringen aber nicht nur Blitz und Donner, sie reinigen auch die Luft. Die Landschaft präsentiert sich danach in der Regel besonders schön und proper.» Das einzige, was die Luft reinigte, war der künstliche Geldregen den die Zentralbanken nach dem Gewitter über die Märkte gossen.

Roger Köppel vom Polterblatt Weltwoche wurde einen Monat später für eine ähnlich irrige Vorstellung mit Häme übergossen. Am 16. Oktober 2008 titelte seine Wochenzeitung: «La crise n’existe pas». Den Realitätsverlust gab Chefredaktor Köppel auch Jahre später noch als «visionäre[n] Kontrapunkt zum masochistischen Bankenbashing» aus. Offenbar bedrohte die globale Verflechtung des Finanzsystems die Ideologie der nationalen Insel, durfte also nicht zu offen eingestanden werden. Nur drei Tage bevor Köppels Fantasie-Cover gedruckt wurde, hatte Grossbritannien die beiden Grossbanken Lloyds-HBOS und RBS faktisch verstaatlicht. Weitere europäische Staaten hatten in nationalen Alleingängen insgesamt 1,4 Billionen Euro für Garantien und die Rekapitalisierung angeschlagener Finanzinstitute gesprochen. Die Schweiz zog bekanntlich nach und griff just an dem Tag, als die besagte Weltwoche in den Briefkästen landete, der taumelnden UBS mit über 60 Milliarden Franken unter die Arme.

Dies alles geschah nachdem die US-Notenbank (Fed) 2008 bereits fünf Mal den Leitzins gesenkt hatte, um die Finanzmärkte mit billigen Dollars zu versorgen. Und auch nachdem die Europäische Zentralbank (EZB) schon bis im August fast 150 Milliarden Euro in die Märkte gepumpt hatte. Es waren Reaktionen auf die drohende Schockstarre des global lebenswichtigen Billionen-schweren Kreditmarkts ab Sommer 2007, ausgelöst durch Turbulenzen auf dem US-Immobilienmarkt. In der Folge musste die Bush-Regierung drei grosse Finanzinstitute retten. Ganz ohne ideologische Verbrämung wurden sie 2008 kurzerhand temporär verstaatlicht. Damit war die Wunschvorstellung von der «Selbstregulierung des Marktes» und dem Rückzug des Staates mit historisch beispiellosen Massnahmen ad acta gelegt. Zur Rettung des Investmentriesen Bear Stearns flossen rund 43 Milliarden Dollar an Fed-Geldern in den Kauf fauler Papiere und in einen Übernahmekredit an die Grossbank J.P. Morgan.

Die staatlich geförderten Institute Fannie Mae und Freddie Mac wurden gleich unter staatliche Kontrolle gestellt. Das US-Finanzministerium sprach für beide je Garantien bis 100 Milliarden Dollar. Die Fed bot ihrerseits an, die giftigsten Schrottpapiere der zwei Banken aufzukaufen. Martin Wolf, der Chefkommentator der Financial Times, schrieb nach der ersten Tranche für Bear Stearns bereits davon, dass der «Traum von einer globalen freien Marktwirtschaft» ausgeträumt sei. Er dürfte noch manch schlaflose Nacht zugebracht haben.

Für Lehman Brothers wurde das Bail-Out, die staatliche Rettung, im September 2008 offenbar nicht mehr in Betracht gezogen. Es wird heute spekuliert, ob es an Willen gefehlt habe oder ob der damalige US-Finanzminister Henry Paulson in der Republikanischen Partei auf zu grossen Widerstand gestossen sei. Die vorgängigen Rettungsaktionen hatten bereits zu massiven Verwerfungen in der «Grand Old Party» geführt und die rechtsdrehende Parteibasis von ihren Führungseliten aus der Wirtschaft entfremdet – was für den Aufschwung des Nationalismus und die Präsidentschaft von Donald Trump noch von Bedeutung sein sollte. Die Folge des Lehman-Crashs war jene Schockstarre der Finanzmärkte, die man mit viel Geld hatte verhindern wollen. Der Schrecken in den Führungsetagen führte dazu, dass beim Versicherungskonzern AIG – dem nächsten grossen Kandidaten für einen Konkurs – wieder enorme Kreditlinien seitens der Fed gesprochen wurden. Die US-Zentralbank erhielt im Gegenzug für die Rettungsmassnahmen als Sicherheiten fast 80 Prozent der Unternehmensanteile des Konzerns, der sich mit Versicherungen gegen Kreditausfall (CDS) und seinem Portfolio an Finanz-Derivaten an den Rand des Zusammenbruchs gebracht hatte.

Der politische Slalomkurs und die unstete Vorgehensweise der Finanzführer in Sachen Bankenrettung verunsicherten die Marktakteur*innen. Sie mussten überwunden werden, um die Finanzmärkte wieder zu stabilisieren. Diesem Ziel galten Notfall-Sitzungen des US-Finanzministers Paulson sowie dem Fed-Schwergewicht Tim Geithner und dem Fed-Präsidenten Ben Bernanke im Jahr der Lehmann-Pleite. Wichtig war dem Republikaner Paulson indes, dass er nicht für die Notverstaatlichung des US-Bankensystems in die Geschichte eingehen würde. Man entschied sich also, faule Papiere der angeschlagenen Riesen aufzukaufen, statt Anteile zu erwerben. So wurden die Besitzverhältnisse nicht auf den Kopf gestellt. Das Finanzministerium wollte vom US-Kongress dafür eine 700 Milliarden Dollar schwere Vollmacht, die eine Überprüfung oder Anfechtung seiner Entscheide durch Gerichte oder andere Behörden ausschloss.

Der Widerstand war entsprechend gross: Man gebe damit unglaublichen Vollmachten an den ehemaligen Goldman-Sachs-Chef Paulson, «der diese finanziellen Massenvernichtungswaffen selbst erschaffen hat und nun sagt, er weiss, wie man sie entschärft», empörte sich etwa der demokratische Kongressabgeordnete Peter DeFazio. Die Vorlage fiel am 29. September 2008 im US-Kongress durch. Die Märkte reagierten panisch: Der Dow-Jones brach erneut massiv ein, die börsenkotierten US-Unternehmen verloren in Tagesfrist rund 1,2 Billionen Dollar ihres Börsenwertes.

Die Lage schien aussichtslos. Die möglichen Folgen für die US-Ökonomie und die Weltwirtschaft waren kaum auszumalen. Paulson krebste schliesslich zurück und machte Konzessionen an die Politik. So konnte eine abgeschwächte Version des 700-Milliarden-Rettungspaketes bereits vier Tage später durch den US-Kongress gepeitscht werden.

Damit wurde der schwindelerregende Abwärtsdrall der Finanzmärkte Ende 2008 vorerst ausgebremst. Im Oktober desselben Jahres waren bereits in einer konzertierten Aktion der sieben führenden Zentralbanken weltweit die Leitzinsen gesenkt worden. Sie sollten historische Tiefststände erreichen, die mancherorts bis heute bestehen. Damit wollten die Notenbanken die Banken animieren, Geld in den stockenden Kreislauf zu leiten.

Das Ende der Rettungsmassnahmen war mit den Hauruck-Übungen aber längst nicht erreicht: Bis 2010 pumpte die Fed rund 16 Billionen Dollar ins System – das entsprach knapp dem Bruttoinlandprodukt (BIP) der USA im selben Jahr. Zum Vergleich: Die Schweiz erzielte 2010 ein BIP von 0,58 Billionen Dollar. Gleichzeitig versorgten die EZB und die Schweizer Nationalbank (SNB) den Geldmarkt «sehr grosszügig mit Liquidität» in Euro und Franken, wie das damalige SNB-Direktionsmitglied Philipp Hildebrand 2011 festhielt. Seit Januar 2015 und bis heute bezahlen Banken in der Schweiz Strafzins, wenn sie Geld auf einem Girokonto der SNB haben, und erhalten Zinsen, wenn sie sich Geld leihen.

Diese enormen Zahlen sprechen Bände über die irrige Vorstellung, dass die Märkte sich selbst regulieren würden. Das Ende der Ideologie der freien Märkte zeigt sich aber besonders deutlich am Geständnis eines ihrer bekanntesten Führsprecher: Der Vorgänger von Bernanke auf dem Chefsessel der Fed, der libertäre Republikaner Allen Greenspan, wurde im April 2010 vor den US-Kongressausschuss zur Untersuchung der Finanzkrise zitiert. Dort gab er zu Protokoll, dass ihn die Ereignisse in einen Zustand «schockierter Ungläubigkeit versetzt» hätten. Auf die Frage eines Abgeordneten zu seiner Doktrin der Selbstregulierung der Märkte entgegnete Greenspan: «Ich war schockiert, weil ich seit 40 Jahren oder mehr mit sehr guten Beweisen davon ausging, dass sie aussergewöhnlich gut funktioniert». In einer Analyse der Krise vom März desselben Jahres hatte der ehemalige Vertraute der libertären Märchentante Ayn Rand bereits geschrieben: «Solange es keine gesellschaftliche Entscheidung gibt, dynamische Märkte aufzugeben und eine Form der zentralen Planung zu nutzen, fürchte ich, dass sich Blasen letztendlich nicht vermeiden lassen. Die Folgen zu lindern, ist alles, worauf wir hoffen können.» Zu diesem Zeitpunkt hatten die Planungsstäbe in den Zentralbanken rund um den Globus zur Linderung bereits etliche Billionen an flüssigen Schmerzmitteln in die Märkte gepumpt. Das Schicksal einer Grossbank als Schicksal einer Nation. Was der 60-Milliarden-Rettungsschirm für die UBS über die Gesellschaft besagt.

Öffentlich bekannt wurde die Dimension der Rettungsaktionen der Fed nur, weil die Nachrichtenagentur Bloomberg auf Herausgabe der Zahlen geklagt hatte. Von den unglaublichen Summen floss beträchtliche Dollar-Liquidität über die SNB an die beiden Schweizer Riesen UBS und Credit Suisse (CS). Nach Berechnungen des Historikers Adam Tooze flossen an die UBS 367 Milliarden Dollar. Die CS erhielt ihrerseits glatte 474 Milliarden an Liquiditätshilfen. Die Fed, die man seit der Krise mit einigem Recht als Zentralbank der Welt bezeichnen kann, pflegte mit dem Finanzsystem zugleich die kranken Schweizer Bank-Giganten vorübergehend mehr oder minder gesund.

Bis heute wird gemeinhin behauptet, die hart getroffene CS habe es «alleine» durch die Krise geschafft. Die Grossbank hatte 2008 über einen zwielichtigen Mechanismus beim Staatsfonds in Katar zehn Milliarden Dollar an neuem Kapital beschafft und konnte auf offizielle Schweizer Staatshilfe verzichten. Schon 2010 behauptete CS-CEO Brady W. Dougan in einem Interview: «Wir haben keine staatliche Hilfe in Anspruch genommen, wir haben umgekehrt den Zentralbanken rund um die Welt 70 Milliarden Franken flüssige Mittel zur Verfügung gestellt.» Die zig Milliarden Dollar der Fed erwähnte der Manager mit keinem Wort. Die zweite Schweizer Grossbank konnte sich zumindest mehr oder weniger aus den grossen nationalen und internationalen Schlagzeilen halten.

Ganz im Gegensatz zur UBS. Die Grossbank hatte bereits im Mai 2007 angekündigt, ihren Hedgefonds Dillon Read Capital Management in den USA zu schliessen, nachdem dieser im ersten Quartal 150 Millionen Dollar auf dem US-Hypothekenmarkt verloren hatte. Für das dritte Quartal 2007 musste die UBS zum ersten Mal seit neun Jahren Verluste ausweisen. Doch die böse Überraschung folgte Ende des Jahres. Mit der Dynamik der Krise auf dem Hypothekenmarkt der USA musste die Grossbank rund 45 Milliarden Franken abschreiben. Für 2008 verzeichnete die UBS einen Reinverlust von fast 20 Milliarden Franken. Der Aktienkurs brach dramatisch ein. Die Bank schlingerte.

Als Roger Köppel im Oktober 2008 «La Crise n’existe pas» auf die Weltwoche drucken liess, hatte in der Schweiz längst eine Arbeitsgruppe geheime Sitzungen abgehalten, die die Gefahr für den Schweizer Standort seitens UBS abwenden wollte. Die Teilnehmer*innen der Eidgenössischen Bankenkommission (EBK) und der SNB luden schliesslich UBS-Präsidenten Peter Kurer und CEO Marcel Rohner vor, um ihnen die Rettung ihres Instituts zu unterbreiten. Der Grossbank sollten Wertpapiere im Umfang von maximal 60 Milliarden Franken von einer hauptsächlich von der SNB finanzierten Zweckgesellschaft, einer sogenannten Bad Bank, abgekauft werden. Die UBS wurde damit Ramschpapiere los, für die es zu diesem Zeitpunkt keinen Markt mehr gab. Des Weiteren zeichnete der Bund eine UBS-Wandelanleihe – eine Anleihe, die während ihrer Laufzeit in Aktienanteile gewandelt werden kann – über sechs Milliarden Franken.

Der Schweizer Finanzminister Hans-Rudolf Merz war zu diesem Zeitpunkt ausser Gefecht. Er hatte nach eigenem Bekunden am 20. September 2008 von den finanziellen Verhältnissen der UBS erfahren und musste mit Herz-Kreislauf-Stillstand ins Berner Inselspital eingeliefert werden. So traten am 16. Oktober schliesslich Jean-Pierre Roth, Direktionspräsident der SNB, und Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf mit dem Rettungspaket an die Öffentlichkeit. Ganz umsonst sollte es das Geld aber nicht geben: Die Schweizer Regierung wollte fortan bei den Boni und den «goldenen Fallschirmen» mitreden.

Roger Köppel hatte noch eine Woche zuvor im Editorial der Weltwoche geschrieben: «Mit Sicherheit steuert die Schweiz auch deshalb ruhiger durch die Krise, weil ihr direktdemokratisches, regierungsschwaches System den Spielraum profilierungssüchtiger Exekutivpolitiker einschränkt.» Im selben Text bedankte er sich bei der «Landesregierung» dafür, dass sie die SNB «in aller Ruhe machen lässt.» Das Rettungspaket, das Zentralbank und Regierung schliesslich präsentierten, wurde ganz entgegen Köppels Illusionen regierungsstark unter Notrecht am demokratischen Prozess vorbeigelotst. Er schrieb dann auch im ersten Artikel nach dem Auftritt von Roth und Widmer-Schlumpf von einem «Bombeneinschlag im Paradies» und warnte vor einem drohenden Aufschwung der Sozialisten.

Wenig erstaunlich rief das Paket auch die Juso auf den Plan. Diese wollten damals etwas, was fast schon gesellschaftlicher Konsens war und etwa vom damaligen deutschen Bundesfinanzminister Peer Steinbrück an einer Pressekonferenz wütend eingefordert wurde: Einstellung der Boni für die Bankmanager*innen und maximal 500'000 Franken Lohn. «Wir geben Ihnen 48 Stunden, um unsere Forderungen zu erfüllen. Sollten Sie ihnen nicht nachkommen, sehen wir uns gezwungen, zu Mitteln der friedlichen Blockade, des gewaltfreien Protest und des zivilen Ungehorsams gegen ihre Bank zu greifen», drohte die SP-Jungpartei und setzte sich am Paradeplatz und anderswo vor den Eingang der UBS.

In einer Sache waren die knallharten Verfechter*innen des Standorts realitätsnäher, als die Protestierenden: Nationalbank und Regierung hatten nicht einfach als willfährige Marionetten der Finanzeliten der UBS Milliarden in den Rachen geworfen. Sie hatten schlicht den nationalen Standort vor einer Katastrophe bewahrt. Hätte die gigantische Vermögensverwalterin ihre Kundengelder (über der geschützten Grenze von damals 30'000 Franken) verloren, ihre Dienstleistungen für andere Banken eingestellt und keine Zahlungen an die hiesigen Firmen mehr geleistet, wäre das ohne Zweifel einem ökonomischen Erdbeben zwischen Genfer- und Bodensee gleichgekommen. Aber selbst die sonst so gesprächigen Expert*innen aus Finanz und Wissenschaft gaben sich in den Medien kleinlaut: Zwar wäre eine Weiterführung der Kernfunktionen der UBS trickreich vermutlich möglich gewesen, aber weder die immensen Schäden mochte jemand öffentlich ausrechnen, noch einen Übergangsplan skizzieren.

«Too big to fail» nennt man es, wenn ein Unternehmen für den Standort zu wichtig, beziehungsweise zu vernetzt ist, um es abschmieren lassen zu können. Das war bei der UBS der Fall und das wussten die Weisen der SNB und die Regierung, die das Rettungspaket unter Notrecht auf den Weg brachten. Die «Bad Bank» der SNB, der man den harmlosen Titel «Stabilisierungsfonds» verpasste, kaufte von der UBS schliesslich etwa 5000 toxische Positionen im Wert von über 40 Milliarden Franken. Die Papiere waren zu dem Zeitpunkt praktisch unverkäuflich und ihr nomineller Wert sank mit dem Verlauf der Krise über rund zwei Jahre weiter. Ab 2010 entwickelte sich vor dem Hintergrund der Billiggeldpolitik der Zentralbanken aber wieder ein Markt für den Schrott: Er konnte schliesslich bis 2013 mit einem Ertrag von 5,2 Milliarden veräussert werden und wabert nun wieder durch das System. Die «Bad Bank» an der Zürcher Börsenstrasse schloss ihre Pforten.

Peter Kurer, der damalige Präsident des UBS-Verwaltungsrates, behauptete pünktlich zehn Jahre nach dem Bail-Out in der Handelszeitung, dass es seine Bank «auch ohne die Staatsinterventionen geschafft hätte». Allerdings rechnete etwa der am Rettungsplan beteiligte Bankenaufseher Daniel Zuberbühler in jenem schicksalshaften Oktober 2008 mit flüssigen Mitteln bis maximal zehn Tage. Danach wäre die UBS ohne Rekapitalisierung – die damals höchst unwahrscheinlich war – Lehmann Brothers gefolgt und hätte Bankrott anmelden müssen.

Liquiditätsprobleme, also knappe flüssige Mittel, kannte die SNB nicht. Sie konnte das Problem schlicht aussitzen und dabei auch noch Geld in die Märkte leiten. Entschieden wurde der Kurs innerhalb der Mauern des Instituts. Zentralbanken sind keine demokratischen Institutionen, sondern von der Politik formell getrennte Instanzen. Der Bundesrat bestimmt die Führung der SNB und bekommt ihren Finanzbericht vorgelegt. Formell ist die Nationalbank aber unabhängig und führt laut Bundegesetz «als unabhängige Zentralbank eine Geld- und Währungspolitik, die dem Gesamtinteresse des Landes dient». Die Aktionen während und vor allem nach dem ersten Schock – zur Stabilisierung des Frankenkurses – bliesen die Bilanz der SNB enorm auf: Ende 2018 hielt die Zentralbank Devisenreserven in Höhe von rund 764 Milliarden Franken, während diese vor dem Crash bei etwa 130 Milliarden Franken lagen. Einen guten Teil davon, nämlich fast 40 Prozent, hält die SNB wegen der Stützungskäufe in Euro-Devisen, aber nur unerheblich weniger in US-Dollar.

Dass die Rettung der UBS im Gegensatz zur Alimentierung armer Schlucker «dem Gesamtinteresse des Landes dienen» soll, wollten viele Kritiker*innen nicht einsehen. Aber in einer kapitalistisch organisierten Wirtschaft ist die Blutzirkulation, die Zufuhr von Geld, etwa über Kredite der UBS, eine Notwendigkeit. Wer den Kapitalismus nicht abschaffen will, musste zu den Rettungspaketen «Ja» sagen. Menschliches Elend hingegen behindert den Geschäftsablauf nicht sonderlich, solange sich die Betroffenen ruhig verhalten. Das ist eine sachliche Feststellung. Aber es ist zugleich ein vernichtendes Urteil über unsere Gesellschaft. Es sollte sich erst noch zeigen: Die Dollar-, Euro- und Franken-Milliarden der Zentralbanken – blind gegenüber dem sozialen Elend – hatten verheerende Auswirkungen rund um den Globus.

Die Zahlen sind heute bekannt: Die Billionen an Fed-Dollars, die das weltweite Finanzsystem stützten sowie die Milliarden, die den Schweizer Finanzplatz vor der Katastrophe bewahrten. Philipp Hildebrand, als SNB-Mitglied an der Ausarbeitung des UBS-Rettungspakets beteiligt, resümierte im Januar 2011 vor dem Club of Rome: «In den ersten Monaten bis weit ins Jahr 2008 ging es primär um die Liquiditätsversorgung des Marktes. Es galt sicherzustellen, dass die Finanzinstitute über ausreichende Liquidität verfügten.» Das grosse Problem waren also flüssige Mittel, mit denen Verpflichtungen beglichen werden konnten. Wie konnte es im komplexen Finanzsystem dazu kommen? Welche Mechanik hatte zur Kettenreaktion geführt?

Zur Mechanik des Crashs. Schattenbanken, Finanzalchemie, Kartenhaus, Ratlosigkeit.

Die Geschichte der Krise lässt sich anhand ihrer Protagonist*innen erzählen: Der risikobegierige Bankmanager, der schockierte Wall-Street-Händler, der kollabierende Finanzminister, der entschlossene Zentralbanker und der realitätsbefreite Journalist. Sie sind ein Bild der Krise. Auf dieses starrten Politik und Öffentlichkeit gebannt, als sie sich nach dem Crash eifrig auf die Suche nach den Schuldigen machten. Hatten die Manager*innen zu gierig spekuliert? Hatten arrogante Banker*innen die kleinen Sparer betrogen? Hatten die Finanzbehörden zu spät gehandelt? Hatte die Finanzlobby die Politiker*innen manipuliert? Man stellte rund um den Globus dieselben Fragen. Doch sie führen nicht auf die Spur der Krisenursachen. Stattdessen muss man aufdecken, in welchen politisch-ökonomischen Strukturen die Verantwortlichen handelten und welche systemischen Mechanismen zur Krise führten und – Spoiler – nach wie vor bestehen.

Den direkten Auslöser der Finanzkrise findet man in einem bestimmten Segment des US-Hypothekenmarktes: Im Bereich der sogenannten Subprime-Kredite für Hauskäufer*innen, die eine schlechte Kreditwürdigkeit besitzen. Die Banken gaben diesen armen Gruppen – teilweise ohne Job, Einkommen und Vermögen – Kredite für ein Eigenheim. Die Institute glaubten, dass die steigenden Immobilienpreise sie absichern würden, schliesslich hatten sich die Immobilienpreise in den USA nach 1996 innerhalb von zehn Jahren beinahe verdoppelt. Die Kreditnehmer*innen könnten also eine neue Hypothek aufnehmen oder notfalls das Haus verkaufen, lautete die vorherrschende Meinung.

Noch wichtiger war aber, dass die Banken die schlechten Hypotheken und damit auch die Risiken in komplexe Geldanlagen bündelten und weiterverkauften. Sie packten die Subprime-Kredite über mehrere Stufen in strukturierte Finanzprodukte, sogenannte Collateralized Debt Obligations (CDO). Und sie verschoben und verkauften diese über Schattenbanken, also Finanzinstitutionen wie Investmentfonds oder Wertpapierhändler, die abseits des regulären Bankensystems und der staatlichen Regulierung agieren. Deren Finanzierungsvolumen überstieg 2008 jenes der offiziellen Banken und betrug nach Schätzungen der Fed im Jahr der Lehman-Pleite die ungeheure Summe von rund 13 Billionen Dollar. Die CDOs wurden so geschnürt, dass sie von den Ratingagenturen zu grossen Teilen erstklassig bewertet werden konnten. Man schien eine Finanzalchemie gefunden zu haben, um aus Giftmüll reines Gold zu machen.

Die Ratingagenturen mit Namen wie Standard and Poor’s, Moody’s und Fitch beurteilen unter anderem Finanzprodukte nach ihrer Sicherheit, also danach, wie risikoreich eine Anlage ist. Bezahlt werden sie dafür bizarrerweise von den Firmen, die die Wertpapiere ausgeben. Ein Ausschuss des US-Kongresses stellte im Nachgang der Krise fest, dass die Agenturen aufgrund falscher Modelle, teilweise aber auch wider besseren Wissens viel zu gute Ratings für ihre Kund*innen vergeben hatten. In einem Mail von Standard & Poor’s schrieb ein Mitarbeiter bereits 2006: «Lasst uns hoffen, dass wir alle reich und im Ruhestand sind, wenn dieses Kartenhaus in sich zusammenfällt.»

Das blieb bekanntlich ein frommer Wunsch. Ab dem Frühjahr 2007 häuften sich die Zahlungsausfälle im Subprime-Segment aufgrund einer längeren wirtschaftlichen Abschwächung in den USA sowie einer Anhebung des Leitzinses dramatisch. In der Folge kam es immer häufiger zu Verkäufen der Immobilien. Die Häuserpreise begannen zu purzeln und die Kreditforderungen verloren den letzten Anschein von Absicherung. Die Subprime-infizierten Papiere, die CDOs, die durch das globale System trieben, verloren enorm an Wert. Das belastete die Bankenbilanzen. In der Folge mussten die Finanzinstitute entweder neues Eigenkapital beschaffen oder andere Vermögenswerte verkaufen, was wiederum deren Wert minderte. Zudem sank die Risikobereitschaft in den Keller, es wurden massenhaft Gelder aus dem Kapitalmarkt abgezogen.

Gerüchte und Berichte über Abschreibungen und Verluste liessen das gegenseitige Vertrauen der Finanzinstitute schliesslich praktisch ganz verschwinden. Das weitverzweigte und undurchsichtige Netz der Schattenbanken trug das ihre zu einer galoppierenden Panik bei. Die Banken begannen Liquidität zu horten. Es wurde immer schwieriger, an ungedeckte Kredite zu kommen, und wenn, dann nur mit enormen Risikoprämien. Mit der Pleite von Lehman Brothers kam der Interbankenmarkt – der Handel mit Finanzinstrumenten zwischen den Finanzinstituten – schliesslich 2008 weltweit praktisch zum Erliegen. Statt Liquidität an andere Banken zu verleihen, wurden die Mittel in den sicheren Hafen gebracht. Das Schlamassel traf auch jene Banken, die nichts mit den CDOs zu schaffen hatten, die sich aber an den Geldmärkten refinanzieren mussten. Dem globalen Finanzsystem drohte eine «Kernschmelze», wie es auch Politiker*innen und Finanzfachleute orakelten, denen man keine Lust am Untergang attestieren kann.

Man zeigte sich praktisch überall über die Entwicklung überrascht. Wirtschaftsexpert*innen rund um den Globus gaben kleinlaut zu, dass sie die Krise nicht vorhergesehen hatten. Als Queen Elizabeth II. an der London School of Economics die Wirtschaftselite Grossbritanniens danach fragte, warum sie das Unheil nicht aufziehen sah, blieb es still. Die Ökonom*innen hätten ihre Modelle der selbst regulativen Märkte aufgeben müssen. «Tatsächlich sehen Modelle selten Rezessionen vor, es sei denn, diese ist künstlich in die Modellstruktur eingebaut», sagte Alan Greenspan in einer Abrechnung mit sich selbst und dem «traurigen Zustand der ökonomischen Prognostik» an anderer Stelle. Auch das Gros der nachträglichen Analysen sorgte bei halbwegs informierten und kritischen Beobachter*innen für ungläubiges Kopfschütteln.

Um eine Erklärung der Krise gebeten, gruben verschiedene Ökonom*innen und Wirtschaftsjournalist*innen einen alten und zuvor weit weniger beachteten Theoretiker namens Hyman P. Minsky aus. Die Theorie des Post-Keynesianers bot wenigstens einen Ansatz für die Mechanik des Desasters. Sie besagt, dass in Zeiten langer Prosperität die Kreditvergabe lockerer wird. Sie dehnt sich von Kreditnehmern*innen, die ihre Kredite bedienen und zurückzahlen können, auf solche aus, die ihre Darlehen stets verlängern müssen. Als Drittes treten dann die sogenannten «Ponzi-Schuldner*innen» auf: Kreditnehmer*innen, die nicht mal ihre Zinsen bezahlen können, sondern lediglich auf die Preissteigerung der auf Pump gekauften Güter hoffen. Im sogenannten Minsky-Moment kommt der dann Markt durch einen bestimmten Auslöser dann zu sich selbst. Die Gewinnaussichten bleiben plötzlich hinter den Erwartungen zurück. Die Vermögenspreise fallen und die Ponzi-Schuldner*innen können die Kredite nicht mehr bedienen. Schliesslich werden die Verwerfungen auf einzelnen Teilmärkten – etwa dem Subprime-Abschnitt des US-Hypothekenmarkts – auch auf andere Finanzmarktsegmente übertragen. Die Katastrophe ist perfekt.

Zur Dynamik der sogenannten Realwirtschaft. Vom Wirtschaftswunder zur Flucht ins Finanzlabyrinth.

Wer sein Geld anlegen will, der sollte sich mit der Theorie von Minsky vertraut machen. Wer allerdings den Kapitalismus verstehen will, die*der kommt damit nicht besonders weit. Minskys Theorie und die dargelegte Mechanik des Finanzcrashs erklären wie die Krise sich entfaltete, aber nicht warum sie entstand, also warum etwa überhaupt Kredite an arme Schlucker vergeben und mit riskanten Finanzprodukten jongliert wurden. Um die Motivation für jene vordergründig fahrlässigen Aktivitäten zu verstehen, muss man den Blick einige Jahrzehnte zurück richten.

Nach den Verheerungen des Zweiten Weltkriegs wurde die UN-Menschenrechtscharta geschaffen, um vergleichbare Gräuel wenigstens auf dem Papier künftig zu verhindern. Es wurde aber auch das Bretton-Woods-System der festen Wechselkurse und der Goldbindung des Dollars errichtet. Damit wollte man den Welthandel befeuern und zugleich einen internationalen Abwertungs-Krieg der Währungen unterbinden. Es folgte das «goldene Zeitalter» des Kapitalismus. Hohe Wachstumsraten, tiefe Arbeitslosigkeit und steigender Wohlstand auch für grosse Teile der Lohnabhängigen prägten das Bild in den metropolitanen Staaten. Die Wirtschaft wuchs zwischen 1950 und 1973 weltweit im Schnitt um fast fünf Prozent jährlich. Die Schweiz etwa kannte offiziell praktisch keine Arbeitslosigkeit und das Bruttoinlandprodukt (BIP) stieg zwischen 1960 bis 1973 neunmal im zweistelligen Prozentbereich. Die Krisenanfälligkeit des Kapitalismus geriet in Vergessenheit und manche*r glaubte, dass es nun für immer so weitergehen würde.

Doch bereits Ende der 1960er-Jahre schwächte sich das globale Wachstum ab. Zudem wandelten sich die wirtschaftlichen Kräfteverhältnisse: Die schwindende Dominanz und das steigende Leistungsbilanzdefizit der USA sowie die damit verbundene systematische Überbewertung des Dollars gerieten mit dem rigiden Bretton-Woods-System zusehends in Konflikt. 1971 kündigte der damalige US-Präsident Richard Nixon das Abkommen. Zwei Jahre darauf traf der sogenannte Ölpreisschock die Weltökonomie. Er markierte das endgültige Ende des Nachkriegsbooms. Das System der fixen Wechselkurse brach in sich zusammen. Die Krise fand eindrücklich in Zeitungen, Geschäftsbücher und Geldbeutel zurück.

Die Krise hatte ihren Ursprung in der sogenannten Realwirtschaft und nicht in der Finanzwelt. Die Staaten reagierten vorerst mit den weitum beliebten Mitteln des Keynesianismus: Ausweitung der Staatsausgaben, Subventionierung von maroden Unternehmen und Senkung der Zinsen, um Geld in die Märkt zu schleusen. Der Republikaner Nixon hatte die Dominanz des wirtschaftspolitischen Ansatzes von Keynes noch 1971 mit den Worten «wir sind jetzt alle Keynesianer» unterstrichen. Zwar verhinderten die Massnahmen vorerst das Schlimmste, aber es kam zu einer sogenannten Stagflation. Was Ökonom*innen bis dato für unmöglich gehalten hatten, traf ein: Eine wirtschaftliche Stagnation bei gleichzeitiger Inflation, also Minderung der Kaufkraft des Geldes. Im Jahr 1979 lag die Inflation in den USA bei über 13 Prozent, in Grossbritannien bei 17 Prozent.

Es war die Zeit, als die Zentralbanken enorm mächtig wurden. US-Zentralbankchef Paul Volcker hob den Leitzins zur Bekämpfung der Inflation nach 1979 innert zwei Jahren um rund zehn Prozentpunkte an: 1981 betrug er etwa 20 Prozent. Er sandte damit eine veritable Schockwelle über den Globus. Es kam weltweit zu einer Verteuerung der Kredite sowie zu einem Einbruch der Investitionen. Ein Rekord von Firmenpleiten und geplatzten Krediten waren die Folge. In den USA kam es zur Rezession, etliche lateinamerikanische Länder schlitterten in eine Schuldenkrise.

Die Zeit des «Volcker-Schocks» markierte einen folgenreichen Übergang, der heute von vielen Linken fälschlich als verlorenes Gefecht um «diskursive Hegemonie» verhandelt wird. Der Keynesianismus blamierte sich damals als unzureichendes Mittel, um auf die wirtschaftliche Stagnation und die starke Inflation zu reagieren. In jenen Jahren wurde der Boden für den sogenannten Neoliberalismus geebnet: Auch in Folge der von Volcker induzierten Rezession bestieg Roland Reagan 1981 den Präsidenten-Sessel der USA, nachdem Margaret Thatcher bereits 1979 Premierministerin von England geworden war. Vergessen wird in der linken Erzählung gerne, dass die Entscheidung Volckers und die Abkehr von den keynesianischen Stimulus-Programmen nicht die Verschwörung einer finsteren Bande von «Chicago Boys» war. Die neoliberale Kehrtwende, die sich in den kommenden Jahren auch auf Kontinentaleuropa ausbreiten sollte, war vielmehr bereits die Reaktion auf eine Krise des Kapitals und deren gescheiterte Verwaltung mit den von John Maynard Keynes vorgesehenen Mitteln.

Ronald Reagan trat mit deutlichen Worten Richtung Sozialdemokratie und Keynesianismus sein Amt als Präsident an: «Der Staat ist nicht die Lösung, er ist das Problem». Der ehemalige Schauspieler setzte Steuersenkungen für Unternehmen durch, um diese zu entlasten. Er hob zugleich aber den Militäretat drastisch an. Die Staatsverschuldung wurde mit dieser Doktrin, trotz des Gerüchts um den Rückzug des Staates, in bislang unbekannte Höhen getrieben.

Doch Reagan, Thatcher und ihre Abkömmlinge sanierten auch die Profitrate auf Kosten der Arbeiter*innenklasse. Die beiden Vorreiter*innen des Neoliberalismus dies- und jenseits des Atlantiks schliffen den Sozialstaat und versuchten alles auszutilgen, was auch nur nach Arbeiter*innenbewegung roch. Die Ausgaben des Kapitals für Arbeitskräfte nahmen künftig weit weniger schnell zu als die Produktivität. Die Zahlen sind zwar mit Vorsicht zu geniessen, aber das zugängliche Material deutet darauf hin, dass die Profitraten ab den 1980ern wieder stiegen – wenn auch zyklisch und weniger stark als oftmals kolportiert.

Die gebremste Reallohnentwicklung (was man mit seinem Lohn tatsächlich kaufen kann) hatte wiederum zur Folge, dass die durch Lohndruck und Steuersenkungen befeuerte Wirtschaft mit einer zu geringen Nachfrage konfrontiert war. Das Credo der Keynesianer*innen, die Nachfrage über Staatsausgaben anzukurbeln, war bei den Neoliberalen weitgehend ausgeschlossen. Sie fürchteten den Druck auf die ohnehin schwächelnden Profitraten wie der Teufel das Weihwasser. So wurden Kredite und Schulden stark ausgeweitet. Diese konnten die Banken dann später wiederum in Finanzprodukte bündeln und profitabel verscherbeln.

Die neoliberale Garde öffneten für diese Praxis die Schleusen der Finanzspekulation. Schon während des Niedergangs des Bretton-Woods-Systems waren Kontrollen für Kapitalverkehr abgeschwächt worden. Nun entzog sich die Finanzwelt stärker und stärker der staatlichen Regulierung. Immer grössere Summen flossen in die Finanzmärkte. Auf diesen schossen die Preise der Wertpapiere in die Höhe. Ein Heil für das Kapital. Es schien, als könne es sich in den finanziellen Anlagesphären nahezu ungebremst vermehren.

Der Segen der Deregulierung sollte sich aber schon vor dem grossen Crash von 2008 zugleich als Fluch herausstellen. Gewinne in der Finanzsphäre erwiesen sich in Entwertungsprozessen immer wieder als fiktiv: Am schwarzen Montag 1987 krachte die Börse weltweit ins Bodenlose. In den 1990ern schlingerten Mexiko, halb Asien und schliesslich Russland in veritable Krisen. Anleger*innen verloren Milliarden. Im Frühling 2000 platzte im Dotcom-Crash die riesige New Economy Bubble. Der zyklische Crash sollte fortan wieder der Normalmodus des Kapitalismus sein und die unstete Zeit vor dem Nachkriegsboom in Erinnerung rufen. Der IWF spricht von sage und schreibe 147 Bankenkrisen zwischen 1970 und 2011. Es riecht nach Pulverdampf. Fall der Profitrate, Überproduktion, internationale Spannungen.

Die Krise der 1970er erzwang die neoliberale Reaktion, insbesondere den politischen Druck auf Löhne und Sozialausgaben sowie die Deregulierung der Finanzsphäre. Dies korrigierte die ökonomische Lage, aber nur indem die Grundlagen für den verheerenden Crash von 2008 gelegt wurden. Doch was führte überhaupt zur Krisentendenz nach den «goldenen Jahren»? Als Ursache wird häufig die politisch motivierte Drosselung der Ölförderung durch die Organisation der arabischen Erdöl-exportierenden Staaten (OAPEC) im Jahr 1973 genannt. In deren Folge explodierte der Preis des wichtigen Rohstoffs geradezu. Dies war allerdings nur der direkte Auslöser für eine Krise, die strukturelle Gründe hat, die bis heute nicht überwunden sind.

Der krisenhaften Entwicklung des Kapitalismus liegt eine allgemeine Tendenz zugrunde: Das Kapital verdrängt immer mehr lebendige Arbeitskraft durch Maschinerie. Dazu wird es durch den Zwang der Konkurrenz, die Jagd nach Extraprofiten und die versuchte Beherrschung der Arbeiter*innen getrieben. Da aber nur lebendige Arbeitskraft wertbildend ist, wird dieser Verdrängungsprozess zu einem Nachteil für das Kapital. Es muss immer grössere Mengen Geld für Maschinerie und Rohstoffe einsetzen, um dieselben Arbeitskräfte zu beschäftigen und denselben Profit zu erzielen: Die Profitrate sinkt.

Auf die grosse Entwertung und Vernichtung von Kapital im Zweiten Weltkrieg folgte eine Zeit mit immensem arbeitsintensivem Wachstum und hohen Profitraten. Die Dynamik erlahmte aber bereits in den 1960er-Jahren. Die empirischen Zahlen der Makroökonomie lassen sich nur schwer in marxsche Kategorien übersetzen und der genaue historische Verlauf ist umstritten. Das statistische Material deutet aber darauf hin, dass sich bereits ab Mitte bis Ende der 1960er ein Trend zu tieferen Profitraten beobachten lässt. Eine Welle von Arbeitskämpfen in etlichen Ländern ab den späten 1960ern tat ihr übriges, um das Kapital in die Krise zu treiben.

Der Druck auf die Profitraten wird durch einen zweiten Aspekt verschärft: Getrieben durch die Verdrängung von wertbildender Arbeitskraft produziert das Kapital systematisch über den Markt hinaus. Denn dank neuer Maschinerie werden mehr Waren in derselben Zeit hergestellt, in denen sich aber wegen dem tieferen Arbeitseinsatz nicht mehr Wert1 vergegenständlicht. Zur Realisierung desselben Profits müssen nun mehr Waren verkauft werden. Zudem versucht das Kapital die sinkende Profitrate durch eine grössere Profitmasse zu kompensieren. Die Folge ist eine Überproduktion, die wiederum auf die Preise drückt.

Absatzprobleme begleiten also den ursächlichen Fall der Profitrate und sie verschärfen ein damit verbundenes Problem: Das Kapital findet kaum mehr genügend gewinnbringende Anlagemöglichkeiten in der produktiven Sphäre – wegen zu tiefen Profitraten aber auch zu vielen produzierte Waren. Die Folge ist eine sogenannte «Überakkumulation», es gibt zu viel brach liegendes Kapital. Dies kann man etwa an der seit den 1970ern sinkenden Investitionsquote ablesen, einem wichtigen Indikator für künftiges Wirtschaftswachstum. Zahlen der Weltbank zeigen, dass die Bruttoinvestitionsquote (Bruttoinvestitionen im Verhältnis zum BIP) seit 1973 im Mittelwert weltweit um neun bis zwölf Prozent gesunken ist, wobei die Mitgliedsstaaten der wichtigen OECD besonders stark betroffen waren.

Die Überakkumulation zeigt sich neben dem Investitionsniveau in der Produktion an vielen augenscheinlichen Phänomenen: Bereits produzierte Waren werden unverkäuflich; in den Fabriken, die mit enormem Kapitaleinsatz betrieben werden, gibt es Überkapazitäten; die Konkurrenz verschärft sich auf allen Ebenen – es folgt weiterer Druck auf die Profitraten. Während der Verdrängungskampf auf dem Smartphone-Markt Apple und Samsung miserable Zahlen einbrockt, türmen sich in den Fertigungsstätten der Handybauteile Maschinen in den Himmel. Während das Wohnbauministerium in den USA in einer Januarnacht im Jahr 2018 über 550'000 Obdachlose zählte, stehen rund 18,5 Millionen Häuser unverkäuflich leer. Und während die Autoindustrie Software für die Messung von Emissionen manipuliert, um etwas Geld zu sparen, werden die Förderbänder verlangsamt oder gleich unverkäufliche Autos in der Wüste geparkt.

Unter diesen Vorzeichen versuchen sich die Nationen auf dem Weltmarkt schadlos zu halten. Ihr Standort soll geschützt werden, die Waren der ansässigen Unternehmen soll billiger als jene der Konkurrenz verkauft werden. Ein Symptom der Lage ist die Wirtschaftspolitik der Nationalist*innen und auch einiger ihrer Widersacher*innen: Unter ihrer Ägide schlägt sich die zwischenstaatliche Konkurrenz in harten protektionistischen Massnahmen nieder. Diese erschweren dem Kapital die globale Verwertung und verstärken die politische Spannungen. Nachdem Trump aus dem Freihandelsabkommen TPP ausstieg und TTIP torpedierte, erhielt er zwar kein Lob der Gegner*innen der gruseligen Verträge, aber Schelte von Ökonom*innen und Politiker*innen. Forscher*innen im Auftrage der Europäischen Kommission wollten errechnet haben, dass mit TTIP ungeheure Segnungen für die Welt lockten: Die EU sollte etwa 119 Milliarden Euro und die USA rund 95 Milliarden Euro pro Jahr mehr erwirtschaften können, während die übrige Weltwirtschaft mit 100 Milliarden Euro profitieren sollte. Derzeit kalkulieren die Expert*innen die Kosten eines eskalierenden Handelskrieges.

«Solange alles gut geht, agiert die Konkurrenz (...) als praktische Brüderschaft der Kapitalistenklasse, so dass sie sich gemeinschaftlich (...) die gemeinschaftliche Beute teilt. Sobald es sich aber nicht mehr um Teilung des Profits handelt, sondern um die Teilung des Verlustes, sucht jeder soviel wie möglich sein Quantum an demselben zu verringern und dem andern auf den Hals zu schieben. Der Verlust ist unvermeidlich für die Klasse. Wie viel aber jeder einzelne davon zu tragen, wieweit er überhaupt daran teilzunehmen hat, wird dann Frage der Macht und der List, und die Konkurrenz verwandelt sich dann in einen Kampf der feindlichen Brüder.» Dies schrieb Karl Marx zur Entfaltung der inneren Widersprüche des Kapitalismus. Eine Lösung der Zwangslage kann nur in der Brachlegung, Entwertung und Vernichtung von Kapital bestehen.

Die Folgen dieser Lösung für die ökonomische Misere lassen die nationalen Heroen derweil zurückschrecken. Gerhard Schwarz, der sich 2008 in der NZZ so fantastisch über die Auswirkungen der Lehman-Pleite geirrt hatte, durfte dort 2018 eine weitere Prognose für die Weltökonomie niederschrieben. Ein Ausweg aus der Krise sei ohne «Rezessionen und Verluste an den Vermögensmärkten, also bei Aktien und Immobilien, nicht möglich», orakelte der ehemalige Vorsitzende der Friedrich A. von Hayek Gesellschaft. Für einmal war die Mutmassung korrekt. Die Hoffnung des politischen und wirtschaftlichen Führungspersonals in den Nationalstaaten scheint derweil, dass die harte Faust des Marktes woanders zuschlägt.

Einen Teil von Schwarz’ Forderungen hatte die Krise schon fast zehn Jahre zuvor realisiert: Der IWF schätzte die Gesamtverluste durch die Krise im April 2009 auf über zehn Billionen US-Dollar. Im selben Jahr erfuhr die «Realwirtschaft» eine radikale «Berichtigung». Doch das reichte bei weitem nicht aus: Zur «gewaltsamen Ausgleichung aller Widersprüche der bürgerlichen Ökonomie» (Marx) wäre die Ausradierung aufgeblähter Kapitalwerte mit gigantischen Vermögensverlusten, der Konkurs wichtiger Banken, die Bankrottierung riesiger Unternehmen sowie ein Sinken des allgemeinen Lohnniveaus vonnöten. In Schwarz’ Worten bedeutet das schlicht, dass die Lösung der Krise «mit grossen Schmerzen verbunden sein wird». Seine geistigen Brüder und Schwestern waren und sind meist etwas vorsichtiger, weil sie den Schmerz fürchten. Wie dieser aussehen kann, zeigt sich in der Ukraine, in Griechenland aber auch in Teilen der USA. Und was schliesslich die Folgen der Schmerzen sein könnten, gemahnt die gigantische Katastrophe von der grossen Depression 1929 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. So warnte die NZZ im letzten Sommer: «Die Welt riecht wieder nach dem Pulverdampf der 1930er Jahre».

Gott, Geld und Waren. Die Pyramide der Finanz-Sphäre.

Geld kümmert sich um derlei profane Dinge wenig. Es flieht in die Finanzsphäre, in der bis zum nächsten Crash grosse Gewinne locken. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), eine Finanzorganisation von 60 Zentralbanken und vergleichbaren Instituten, schätzte den Wert der Finanz-Derivate Ende Juni 2018 weltweit auf rund 595 Billionen Dollar. Zum Zeitpunkt der grossen Bauchlandung im Dezember 2008 hatte er etwa 592 Billionen Dollar betragen.

Damals hatte sich auch Papst Benedikt XVI. in die Diskussion eingemischt: «Wir sehen jetzt durch den Zusammenbruch der grossen Banken, dass Geld einfach verschwindet, dass es nichts bedeutet, und dass alle Dinge, die uns so wichtig erscheinen, in Wirklichkeit zweitrangig sind.» Hätte der Mann statt der Bibel das Kapital gelesen, hätte er verstanden, dass die halbe Wahrheit seiner Aussage in der kapitalistischen Wirtschaft und nicht in einem göttlichen Prinzip begründet ist. Das Geld in der spekulativen Sphäre verschwand nicht, weil es nichts bedeutete oder Gott die Menschen strafen wollte. Es verschwand, weil es fiktiv war und auch blieb. Weil es sich also nicht in der Realität beweisen konnte.

Jede Investition ist vorerst spekulativ und muss sich im Zyklus von Produktion und Verkauf erst in Gewinn übersetzen. Wenn man Aktien eines Unternehmens ersteht, hofft man am guten Geschäftsgang Anteil zu haben. Wenn man ein Finanzprodukt kauft, hofft man, dass man es teurer verkaufen kann, weil die zugrundeliegenden Werte sich richtig entwickeln. Die Kurse der Finanzprodukte mögen eine starke Eigendynamik haben, aber sie können sich von der sogenannten «Realwirtschaft» mit ihren Akkumulations- und Profitproblemen nicht entkoppeln. Wenn sich Versprechungen auf Gewinne langfristig als unrealisierbar herausstellen, verlieren auch die entsprechenden Wertpapiere ihren Wert. Niemand will sie mehr kaufen, man wird sie nicht mehr los. Die Krise von 2008 wurde ausgelöst, weil die Bedienung der Hypotheken-Schulden durch arme Schlucker in ihren Eigenheimen in den USA auszufallen drohte. Dies übertrug sich durch die strukturierten Finanzprodukte ins gesamte Finanzsystem. Die Zwangsräumung von kleinen Hausbesitzer*innen, die Errichtung provisorischer Zeltstädte, die Schockstarre des Interbankenmarktes und der Herzinfarkt des Schweizer Finanzministers entsprangen demselben Zusammenhang, der in der produktiven Sphäre seine Basis hat.

Die Finanz-Welt hat aber auch eine eigene Logik, in der Vertrauen und Hoffnung eine grosse Rolle spielen. Die Finanzsphäre muss man sich als Pyramide vorstellen: An der Spitze steht das Geld der Zentralbanken, mit dem Dollar in seiner Sonderstellung als aktuelles «Weltgeld». Im Stockwerk darunter folgen die Bankeinlagen und danach in verschiedenen Etagen die Wertpapiere. Die Stufen sind hierarchisch angeordnet: Jede muss sich als konvertibel in die darüber liegende beweisen. Ist das nicht der Fall, droht der Wertverlust. Man muss sein Guthaben auf dem Bankkonto bei Bedarf in Bargeld wechseln können. Das ist im Normalfall gegeben, im Falle eines sogenannten Bank-Runs aber gerade nicht: Panik, nicht an sein Geld zu kommen, greift um sich; Schlangen bilden sich vor dem Finanzinstitut; im schlimmsten Fall muss die Bank Zahlungsunfähigkeit anmelden. In diesem Fall ist das Geld weg, die Ziffern auf dem Konto sind Makulatur. Der Schweizer Staat hat diese Problematik und die damit verbundene Angst erkannt und schützt mittlerweile «privilegierte Einlagen» bis 100'000 Franken.

In den unteren Etagen der Finanz-Hierarchie mit den schnell wechselnden Kursen, drückt eine erschwerte Wechselbarkeit zusätzlich auf den Kurs der Papiere. Nach dem Lehman-Crash gab es so etwas wie einen Bank-Run auf Ebene des Interbanken-Marktes: Die Finanzinstitute horteten Liquidität und entzogen sie so dem Markt. Die Wertpapiere am Fusse der Finanz-Pyramide büssten an Wert ein, auch wenn sie nicht von den Subprime-Elementen infiziert waren. Sie waren schlicht zu wenig flüssig und mussten zu schlechten Kondition in die Papiere in Etagen über ihnen eingetauscht werden, da Finanzinstitute an liquidere Mittel kommen mussten.

Das Finanzgebäude ist aber nicht nur hierarchisch, sondern weitet sich nach unten. Die Menge des Geldes an der Spitze der Pyramide ist begrenzt und von den Zentralbanken überwacht. Die CIA schätzte die Geldmenge M1 (Bargeldumlauf plus Sichtguthaben von Nichtbanken bei Kreditinstituten) in den verschiedenen Währungen Ende 2017 auf rund 34,4 Billionen Dollar weltweit. Dem stehen in den unteren Etagen der Pyramide fast 600 Billionen Dollar in Form von Derivaten gegenüber.

Das hat seine Logik: die Stufen beruhen aufeinander. Die verschiedenen Herausgeber*innen von den Zentralbanken über die Geschäftsbanken bis zu den Wertpapier-Emittenten müssen ihre «Produkte» auf den jeweils übergeordneten basieren. Die Geschäftsbanken etwa schöpfen Kredite auf Grundlage des Zentralbankgeldes. Dazu gibt es einigermassen dürre Vorschriften zum Eigenkapital von Seiten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). Die Pyramide ist nach unten relativ elastisch, bis sich im Crash der Fuss der Pyramide in einer Implosion zusammenzieht. Der überwiegende Anteil am Wertverlust im Crash um 2008 war in den unteren Etagen der Pyramide zu verzeichnen.

Die Institutionen der Spitze, die Zentralbanken, versuchen mit ihrer Geldpolitik die Pyramide zu regulieren und ihre Ausdehnung gegen unten im «Gesamtinteresse des Landes» zu beeinflussen. Sie versuchen dabei auch die Geldzufuhr für die produktive Sphäre zu manipulieren – entsprechend ist etwa die EZB seit Jahren darauf bedacht, günstiges Geld zu verteilen. Die Zentralbanken werden zu ihren Reaktion aber von ökonomischen Entwicklung gedrängt: Fed-Chef Volcker reagierte mit seinen hohen Zinsen in den späten 1980ern auf eine starke Inflation. Mario Draghi, EZB-Präsident bis Ende Oktober 2018, hatte sich der Bekämpfung der Deflation verschrieben und hielt das Zinsniveau entsprechend niedrig. Seine Nachfolgerin Christine Lagarde wird in der aktuellen Lage mit grosser Sicherheit dasselbe tun.

Die Geldmenge kann deshalb nicht frei von den Zentralbanken bestimmt werden, wie das einige Post-Keynesianer*innen behaupten. Nebst den Währungskursen müssen Deflation und Inflation mit Argusaugen beobachtet werden. Und das Geld muss in letzter Instanz verlässlich gegen Gebrauchsgüter getauscht werden können. Über dem Dollar oder dem Franken steht ein Gebrauchsgut. Ein Schuh wärmt immer einen Fuss. Ein 100-Franken-Schein kauft aber nur einen Schuh, wenn das soziale Verhältnis intakt ist, unter dem er seinen Wert besitzt und als Zahlungsmittel akzeptiert wird. Die ganze Pyramide hängt also von der Warenwelt ab, der Welt der Produktion der materiellen Güter und Dienstleistungen. Darüber wacht der Staat und doch kann er die Stabilität der Währung und das in sie gesetzte Vertrauen nicht immer garantieren.

Eine Studie der Johns Hopkins Universität besagt, dass die Weltwirtschaft bereits über 50 Hyperinflationen gesehen hat, in denen das Geld monatlich mindestens die Hälfte an Wert verlor. Die Argentinische Zentralbank erhöhte erst im August 2018 panisch den Leitzzins um 60 Prozent, weil der Peso im freien Fall war. «Die Geldscheine hier sind nur Papierfetzen», lautete damals eine weit verbreitete Klage. Und mit Papierfetzen bestreitet man nicht seinen Alltag. Die Regierung hat mittlerweile reagiert: Seit diesem September dürfen Privatleute pro Monat nur noch Pesos im Wert von maximal 10'000 US-Dollar in fremde Währungen tauschen. So soll ein weiterer Währungszerfall und die Flucht von Ersparnissen verhindert werden.

In der Kritik der politischen Ökonomie bezeichnet man das Kapital als «prozessierende Einheit aus Produktion und Zirkulation». Zu zweiterem zählen auch die verschlungenen Pfade des Geldkapitals. Die Reproduktion der Gesellschaft und ihres stofflichen Reichtums ist nur gewährleistet, wenn dieser Prozess als ganzes funktioniert. Nicht nur lassen Probleme in der produktiven Sphäre das Kartenhaus zusammenpurzeln, Verwerfungen in der Finanzwelt schlagen ihrerseits auf die produktive Sphäre durch.

Rettungsschirme und schwäbische Hausfrauen. Vom ökonomischen Winter zur Staatsschuldenkrise.

Die Geldflut der Zentralbanken und die gigantischen Konjunkturpakete der Staaten nach dem Crash von Lehmann 2008 sollten den Abwärtstrend der Märkte bremsen. Vorerst waren Produktion, Welthandel und Börsenkurse mitunter noch stärker eingebrochen als in der ersten Phase der berüchtigten Weltwirtschaftskrise nach 1929. Im Jahr 2009 sank das BIP der Welt zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg. Laut IWF schrumpfte die Weltwirtschaft um 3,4 Prozent, während der Welthandel im selben Jahr um über zwölf Prozent einbrach. Die Industrieproduktion in der Eurozone lag einen Fünftel tiefer als im Vorjahr. Die Arbeitslosenzahlen erhöhten sich dramatisch. In der EU stieg die Zahl der Arbeitslosen innert zwei Jahren um fast drei Viertel und betrug 2010 rund zehn Prozent, mit Ausreissern im Süden und Osten, wo etwa in Spanien jede*r fünfte ohne Job war. Die UNO veröffentlichte 2011 eine Studie, in der sie die Zahl der Arbeitslosen auf 205 Millionen bezifferte, fast 28 Millionen mehr als vor der Finanzkrise.

Darauf mussten die Staaten eine Antwort finden. Weniger Beachtung als die ungeheuren Finanzspritzen der Zentralbanken fand hierzulande das gigantische Konjunkturpaket Chinas: Im Reich der Mitte hatte die Zentralregierung bereits zeitnah zum grossen Crash am 5. November 2008 beschlossen ein Belebungsprogramm von vier Billionen Yuan (rund 586 Milliarden Dollar) aufzulegen, verbunden mit einer Lockerung der Geldpolitik. Das Paket habe zu den wesentlichen Faktoren gezählt, die den Absturz der Weltwirtschaft verhindert hätten, so der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze.

Auch die USA zogen Konsequenzen: Bereits im Februar 2008 unterzeichnete Georg W. Bush ein Stimulus-Programm über 152 Milliarden Dollar, das Steuererleichterungen auch für niedrige Einkommen beinhaltete. Ein Jahr darauf wurde unter Barack Obama ein Konjunkturprogramm über knapp 790 Milliarden Dollar verabschiedet. Es sah neben weiteren Steuersenkungen auch Investitionen in Bildung, Gesundheitswesen und Infrastruktur sowie in die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit vor. In der von der Krise hart getroffenen EU gingen die Nationalstaaten mit deutlich kleineren Massnahmen eigene Wege. Die Schweizer Regierung verabschiedete Geld-Spritzen in Höhe von etwas über zwei Milliarden Franken.

Zusammengezählt sollen diese sogenannt diskretionären Massnahmen weltweit rund zwei Billionen Dollar umfasst haben, wie die Analyse-Abteilung der Deutschen Bank kalkulierte. Nicht mitgerechnet sind die «automatischen Stabilisatoren» wie die Sozialversicherungen, die sich je nach Konjunkturverlauf entwickeln und so die Wirtschaft stützen. Diese hätten mehr als die Hälfte zur Stabilisierung der Weltwirtschaft beigetragen, rechnete die OECD aus.

Die Krise resultierte bei steigenden Ausgaben für die Sozialversicherungen auch in sinkenden Steuereinnahmen. Die Staatsschulden, die schon während der «neoliberalen» Phase angestiegen waren, schossen so auch abseits der Bankenrettungen und Konjunkturpakete in die Höhe. In den USA betrugen die Staatsschulden 1933 zu Beginn des New Deals etwa 20 Milliarden US-Dollar, was ungefähr einem Fünftel des Bruttoinlandprodukts entsprach. 2008 lagen sie bei etwas über zehn Billionen Dollar. Im Herbst 2019 sah sich die US-Regierung mit einer Schuldenlast von über 23 Billionen US-Dollar konfrontiert. Das sind fast drei Billionen mehr als das letztjährige BIP. Viele Länder der globalen Metropolen erlebten eine ähnliche Entwicklung, wenngleich oftmals auf einem tieferen Niveau: Der IWF berechnete die durchschnittliche Bruttostaatsschuld für die Industriestaaten 2017 auf über 100 Prozent des BIP.

Viele wirtschaftlich gewichtige Nationalstaaten standen und stehen damit vor einem Dilemma. Einerseits müssen sie mit Geld in den Verwertungsprozess eingreifen, um die Wirtschaft anzukurbeln oder sie mindestens nicht einfach abschmieren zu lassen. Andererseits verschulden sie sich damit noch mehr, wenn sie für die Massnahmen Geld auf den internationalen Finanzmärkten aufnehmen, weil sie die Märkte nicht zusätzlich mit höheren Steuern belasten wollen. Die damit verbundene Verschuldung ist aber problematisch für die neuerliche Kreditaufnahme auf ebendiesen Märkten, wenn der nächste ökonomische Absturz ansteht.

Angesichts dieser Zwangslage erstaunt die Debatte um die Unabhängigkeit der Notenbanken wenig. Verfügungsgewalt über die Druckpressen und die Zentralbank-Ressourcen wäre für jede Regierung ein zumindest kurz- oder mittelfristiger Segen. Die Tweets von Donald Trump in Richtung Fed wegen den höheren Leitzinsen gehören noch zu den komödiantischen Aktionen. Die kurzzeitige Nominierung des Trump-Beraters Stephen Moore für eine Führungsposition in der US-Zentralbank versetzte hingegen bereits manchen in Sorgen. «Ich bin sicherlich besorgt über die Unabhängigkeit von Zentralbanken in anderen Ländern, besonders im wichtigsten Land der Welt», wurde etwa der kürzlich abgetretene EZB-Chef Mario Draghi kürzlich zitiert. Derweil müssen die Regierungen noch ohne die Druckpressen auskommen, wenngleich sie gewissermassen indirekt Zugriff erhalten indem die Zentralbanken Staatsanleihen aufkaufen.

2009 schnürte auch Deutschland Konjunkturpakete im Umfang von insgesamt 80 Milliarden Euro. Doch das Land verankerte im selben Jahr sogenannte «Schuldenbremsen» im Grundgesetz. Damit sollten die Staatsschulden eng begrenzt werden. Angela Merkel bemühte dazu das Bild der sparsamen «schwäbischen Hausfrau», ganz so als sei ein Staatshaushalt mit dem Haushalt einer idyllisch verklärten Kleinfamilie im Schwarzwald zu vergleichen. In einer Rede vor der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) im Februar 2009 erklärte die deutsche Kanzlerin, «dass sich eine Vielzahl der westlichen Länder daran gewöhnt hat, über ihre Verhältnisse zu leben.» Damit zielte sie nicht nur in Richtung USA, sondern drohte unverhohlen den gebeutelten Schuldnerstaaten an der Peripherie Europas.

Merkel blickte dabei insbesondere auf Griechenland, für das die globale Entwicklung fatale Folgen zeitigte: Das Land war schon vor der Krise hoch verschuldet und musste 2010 Finanzhilfe in Anspruch nehmen. Im selben Jahr drohte Irland der Bankrott. Dublin musste auf ein Hilfspaket von 85 Milliarden Euro zurückgreifen. Das Geschäftsmodell des Staates basierte auf besonders laxen Finanzmarkt-Regulationen. Zudem war der Immobiliensektor des Landes zusammengebrochen.

Die Staatsschuldenkrise der EU folgte auf den Fuss. Sie war verbunden mit weiteren Anspannungen auf den Finanzmärkten. Man befürchtete Zahlungsausfälle von Griechenland, aber auch weiterer Staaten, die man kurzerhand PIIGS taufte: Portugal, Irland, Griechenland, Spanien und teilweise Italien. Banken mit grossem Portfolio an entsprechenden Staatspapieren hatten erneut Probleme, sich zu refinanzieren. Das Bankensystem Europas – und damit der hochgradig vernetzten Welt – sah der nächsten existenziellen Krise entgegen. Um einen Crash zu verhindern, wurden die bedrohten Staaten gestützt. Das Geld dazu kam aus einem eilig eingerichteten Stabilitätsfonds der EU und des IWF mit dem harmlos klingenden Titel «Euro-Rettungsschirm».

Griechenland hatte schon vor dem Ausbruch der Finanzkrise eine Schuldenquote von über 100 Prozent. Bis 2011 schossen die Schulden Griechenlands auf über 180 Prozent des BIP hoch, es drohte die Zahlungsunfähigkeit. Im April 2010 erhielt das Land 110 Milliarden Euro aus dem Stabilitätsfonds. Doch der «Rettungsschirm» war an harte Weisungen gebunden: Die krassen Sparmassnahmen und ihre sozialen Folgen machten in den kommenden Jahren unter dem Stichwort «Austerität» Karriere.

Vom Syntagma Square zum Syriza-Debakel. Vom «Euro-Meidan» zum Bürgerkrieg.

«Verkauft doch eure Inseln, ihr Pleite-Griechen!», titelte die Bild-Zeitung im Oktober 2010, nachdem das Boulevard-Blatt den Griech*innen mehrfach vorgeworfen hatte, dass sie über ihre Verhältnisse leben würden. Der deutsche Spott begleitete die materielle Verarmung der Lohnabhängigen des elf Millionen Einwohner*innen zählenden Landes. Die Folgen der Krise waren grausam: Die griechische Wirtschaft schrumpfte 2010 um 4,5 Prozent. Es kam zu unzähligen Insolvenzen, die Investitionen sanken rapide, die Arbeitslosigkeit stieg auf zwölf Prozent. Die PASOK-Regierung reagierte wie von EU und IWF vorgeschrieben mit einem radikalen Sparkurs. Dieser sah unter anderem die Kürzung von Löhnen und Renten vor. Er sollte das Land für lange Jahre prägen.

Griechenland erlebte in der Folge über zwei Jahre Generalstreiks und Massenproteste. Zudem wurde nach politischen Verwerfungen kurzerhand eine technokratische Übergangsregierung eingesetzt. Die darauf folgende breite Regierungskoalition unterlag schliesslich 2015 der Syriza, deren Wahlsieg von vielen Linken frenetisch bejubelt wurde. Doch die «Koalition der Radikalen Linken» wurde von der Troika, bestehend aus EZB, IWF und EU-Kommission, recht schnell auf Realitätskurs geeicht. Die Regierung unter Ministerpräsident Alexis Tsipras setzte ab August 2016 in Koalition mit den rechtspopulistischen «Unabhängigen Griechen» weitere Sparpakete durch.

Die Bilanz ist verheerend: Das BIP von Griechenland betrug 2008 pro Kopf über 32'000 Dollar, 2018 lag es noch bei rund 21'000 Dollar. Die Schuldenquote liegt bei fast 180 Prozent. Nach einem Höchststand von knapp 28 Prozent Arbeitslosen, war 2018 immer noch fast jede*r fünfte Griech*in ohne Job. Viele Rentner*innen kämpfen nach mehreren Kürzungen mit bitterer Armut. Das Gesundheitssystem steckt in der Krise, nachdem es zwischenzeitlich geradezu kollabiert war. Laut Untersuchung der Athener Universität stieg zugleich der Gebrauch von Psychopharmaka nach 2010 je nach Wirkstoffklasse um das 11- bis zu 35-fache an. In derselben Zeit verdoppelte sich die Suizidrate beinahe. Mehr als eine halbe Million Griech*innen verliess während der Krise das Land. Die griechischen Inseln wurden zwar entgegen der Forderung der Bild-Zeitung bislang nicht verkauft, aber ein guter Teil der öffentlichen Infrastruktur wurde privatisiert.

Wie es mit Griechenland weitergeht, steht in den Sternen: Nachdem das Land im August 2018 nach acht Jahren aus dem Schuldenprogramm entlassen wurde, senkte Syriza die Mehrwertsteuer und erleichterte das Leben von Rentner*innen ein wenig. Nur um gleich den Unmut der EU-Kommission und der europäischen Finanzminister*innen auf sich zu ziehen. Für das Land mit der höchsten Schuldenquote Europas sehen sie weiter nur einen Weg: Sparen, sparen, sparen. Es ist ein Weg, der die ökonomische Misere bloss verschärft hat. Die Syriza-Regierung wurde für ihren jahrelangen Sparkurs derweil von den Wähler*innen an den letzten Europa-Wahlen abgestraft. Gewinnerin war die konservative Nea Dimokratia.

Ähnlich, wenngleich nicht so drastisch und nachhaltig, traf es nach 2008 weitere Länder der europäischen Südperipherie. Doch auch im Osten Europas richtete die Krise immense Schäden an. Die meisten Länder des ehemaligen Ostblocks waren eng mit dem nach Osten gierenden EU-Kapital verstrickt und mussten nach der Krise mit milliardenschweren Kapitalabflüssen kämpfen. Lettland etwa erlebte eine ähnliche krasse Entwicklung wie Griechenland. Anfang 2009 war es in Riga zu Massenprotesten mit Strassenschlachten gekommen. Die Regierung, die im Februar an die Macht kam, konnte sich aber behaupten und die Auflagen von EU und IWF einhalten.

Etwas weiter südlich schlugen geopolitische Spannungen mit der Krise in einen handfesten Krieg um: Die Ukraine blickte bereits auf eine Reihe von Intrigen und Konflikten wegen der Orientierung nach Osten oder Westen zurück, als die Krise 2009 mit voller Wucht einschlug. Das BIP schrumpfte um 15 Prozent, bei Millionen von ukrainischen Arbeiter*innen blieb die Lohntüte leer, viele wurden auf die Strasse gestellt. Die regierende «orangene Regierungskoalition» wurde von einer politischen Krise erfasst. Für den einstmals verdrängten Wiktor Janukowitsch schlug die grosse Stunde. Er präsentierte sich als sozialer Retter und konnte sich 2010 in der Wahl durchsetzen.

Auch die Ukraine hatte sich beim IWF Geld leihen müssen. Dieser drehte dem Land den Geldhahn zu, weil die Regierung das auferlegte Sparprogramm nicht durchsetzte. Russland stellte dem Staat derweil preiswertere Gaslieferungen und günstige Kredite in der Höhe von 15 Milliarden Dollar in Aussicht. Janukowitsch, der sich früher für einen EU-Beitritt ausgesprochen hatte, stellte sich in der Folge gegen eine Annäherung an Europa. Die Lunte am Pulverfass war angezündet: Im Spätherbst 2013 gingen in Kiew Massen auf die Strasse, um für eine Orientierung Richtung EU, gegen die korrupte Regierung aber auch gegen die schlechten Lebensbedingungen zu protestieren. Im Winter eskalierten die Proteste, über hundert Menschen verloren ihr Leben, die meistenvon ihnen wurden von Scharfschützen erschossen.

Auch wenn auf dem Maidan, dem «Unabhängigkeitsplatz» in Kiew, von Anfang an EU-Flaggen wehten, war die Richtung des Protests nicht von Anbeginn ausgemacht. Der nationalistische Turn war allerdings schnell vollzogen und sowohl von russischer wie auch von EU- und US-Seite befeuert worden. Russland wollte seine ehemaligen Satteliten-Staaten wieder näher an sich binden und verfolgte eine klare Agenda. Die EU und auch die NATO hatten ihrerseits seit Jahren die Ost-Erweiterung vorangetrieben und Putin in die Enge gedrängt. Die Krise und die Proteste wirkten nun als Katalysator, um den grössten geopolitische Konflikt zwischen «Ost» und «West» seit dem Kalten Krieg zu entfachen und in beiden Lagern den Nationalismus zu neuen Höhen zu treiben.

Nach fünf Jahren ist das Ergebnis erschütternd: Die UNO ging im Dezember 2018 von fast 13'000 Todesopfern aus – viele davon Zivilist*innen. Allein vom Donbass an der russischen Grenze sind mehrere Millionen Menschen geflohen. Berichte von systematischer Folter reissen nicht ab. Wer geblieben ist, fristet ein Dasein ohne Perspektive. Derzeit gibt es zwar «nur» noch Scharmützel, aber der Konflikt schwelt weiter und drohte in jüngerer Vergangenheit wieder zu entflammen. Als der im April 2019 gewählte ukrainische Präsident Wolodimir Selenski im Juni nach Brüssel reiste, sicherte die NATO ihm Unterstützung und Manöver im Schwarzen Meer zu. Der EU-Ratsvorsitzende Donald Tusk mahnte in Richtung Putin: «Es kann kein Europa ohne Ukraine geben!»

Griechenland und die Ukraine verdeutlichen die sozialen und politischen Folgen der Finanzkrise: Elende und Krieg. In Folge der ökonomische Misere eskalierten aber rund um den Globus Widersprüche. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) hielt im Jahr 2009 fest, dass seit dem Ausbruch der Krise rund hundert Millionen Menschen mehr – nämlich eine glatte Milliarde – an Hunger leiden. Neben dem Rückgang der Wirtschaftsleistung dürfte die forcierte Spekulation auf Nahrungsmittel dabei eine wichtige Rolle gespielt haben. Mittlerweile hat sich die Situation disparat entwickelt, das Hauen-und-Stechen auf dem Weltmarkt hat Verlierer*innen und Gewinner*innen hervorgebracht: Mancherorts hat sich die soziale und politische Lage stabilisiert, anderswo sind die Auswirkungen von 2008 noch deutlich zu spüren. Tendenzen der Gegenwart. Polarisierung, Instabilität und der Aufstieg der Rechten.

Nach den ökonomischen Verheerungen und ihren Folgen kam es vorerst zu vehementem Aufbegehren. Ab Ende 2010 erschütterte der Arabische Frühling eine ganze Weltregion: Eine buntscheckige Masse von Millionen ging in Nordafrika und dem Nahen Osten gegen autoritäre Verhältnisse, staatliche Gewalt und Perspektivenlosigkeit auf die Strasse und besetzte öffentliche Plätze. Die Proteste, die im Herbst 2011 unter dem Slogan «Occupy Wall Street» ihren Anfang nahmen, bezogen sich zum einen auf den besetzten Tahrir-Platz in Ägypten und zum anderen negativ auf das Finanzschlamassel. Die Protest-Welle rollte in ganz unterschiedlicher Qualität durch diverse Städte der Metropolen: Vom Aufruf zum Generalstreik in Oakland über die Menschenkette um den Deutschen Bundestag bis hin zu den polizeilich bewilligten Happenings auf dem Zürcher Paradeplatz. Im selben Jahr begann als direkte Folge der Verarmungspolitik an der südlichen Peripherie der EU eine Reihe von gewaltigen Demonstrationen und Platzbesetzungen.

2011 waren global weit mehr Leute auf die Strassen gegangen als im magischen Jahr 1968, wie einige Kommentator*innen des Zeitgeschehens festhielten. Noch 2015 unkte EU-Ratspräsident Donald Tusk: «Es gibt in Europa eine weitverbreitete Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen, die schnell in eine revolutionäre Stimmung umschlagen kann.» Doch zu diesem Zeitpunkt war bei realistischeren Freund*innen der sozialen Revolution bereits Ernüchterung eingekehrt. Der Wind hatte sich vorerst gedreht, der Alltag Einzug gehalten. Donald Trump und der Brexit dräuten zwar erst am Horizont, aber sie sollten die kommenden Jahre bestimmen.

Nach dem ersten Schock schickten sich etliche Länder an, neben der extrem lockeren Geldpolitik eine restriktive Finanzpolitik weiterzuführen. Die Profite erholten sich vordergründig, während die Löhne kaum stiegen und die Sozialleistungen weiter reduziert wurden. Man mag die Geldpolitik der Zentralbank als unpolitisch auffassen. Man mag den Sparkurs der Regierungen als Sachzwang begreifen. Dass mit den Zentralbankgeldern das Bankensystem gerettet wurde, folgt systemischem Zwang. Dass die Obdachlosen in den USA, die Arbeitslosen in Spanien und die verarmten Kranken in Griechenland keinen Cent davon sahen, liegt auch in der Logik des Systems. Aber diese Logik wird von Politiker*innen, Bürokrat*innen und ihren Helfer*innen ins Werk gesetzt. Die Billionen Dollar und Euro sind objektiv parteiisch und die Entscheidungen folgen einem Kalkül.

Der Kurs des Kapitalismus in den letzten Jahrzehnten hat mit Deregulierungen, Freihandelsverträgen, verstärkter internationaler Konkurrenz und Reduktion der sozialen Absicherung den Nährboden für die aktuelle Weltlage gelegt: Die Krise nach 2008 und die politische Reaktion sind Beschleuniger des Unheils. Die Finanzkrise und deren politische Bearbeitung beförderten den Aufstieg der rechten Bewegungen. Viele Menschen begriffen, dass ihre Interessen einmal mehr hintanstehen mussten. Der Verlust der längst bröckelnden Legitimität, machte sich nun in Ausschlägen nach Rechts bemerkbar.

Die «kleinen Leute», zu der sich selbstredend auch die berühmte «Mittelschicht» zählt, sahen ihre Oppositions-Führer*innen vorrangig in der hässlichen Gestalt der rechten Demagog*innen. Denn überall präsentierten sich diese als legitime Sorgenträger*innen des einfachen Mannes: Gegen die Eliten, gegen die Finanzoligarchie, gegen die Machthaber*innen in Brüssel, zurück zur nationalen Souveränität. Die Unzufriedenheit fand ihren Ausdruck auch in einer staatlich organisierten Form der «konformistischen Rebellion».

Ein früher Ausdruck dieses Ungeistes findet sich in Ungarn: Noch während anderswo Barrikaden gegen autoritäre Herrscher vorbereitet wurden, fuhr die nationalistische Fidesz-Partei mit Victor Orban 2010 einen erdrutschartigen Wahlsieg ein. Den grössten Zugewinn verzeichnete aber die rechtsradikale Jobbik. Beide profitierten von der Agitation gegen den IWF, der dem Land für Rettungspakete einen Austeritätskurs aufzwang, sowie gegen den «Kolonialismus» der EU. Es waren Blaupausen für den Aufschwung der Rechten und das Thema neben der Frage der Migration omnipräsent: Die deutsche AfD wurde 2013 gegründet, um gegen das «Euro-Experiment» zu einem «souveränen Deutschland» zurückzukehren. Sie ist mittlerweile drittstärkste Fraktion im Deutschen Bundestag.

Die FPÖ schreibt, dass die «Finanzeliten» mit der Abschaffung des Bargelds den Bürgern die Freiheit nehmen wollten und konnte mit ihrer Propaganda nach 2008 in den Nationalratswahlen von elf Prozent der Stimmen auf fast 26 Prozent im Jahr 2017 zulegen. Als die Brit*innen im Juni 2016 nach Jahren der Krise für den Austritt aus der EU votierten, war weit über die UKIP-Wählerschaft hinaus ein Topos hegemonial: Fast die Hälfte aller von «Lord Ashcroft Polls» befragten Wähler*innen nannten die Wiederherstellung der nationalen Souveränität als Grund für ihre Zustimmung. Sowohl Frankreichs Front National als auch Italiens Lega Nord, die als Wahlsieger aus den letzten Europawahlen hervorgingen, profilierten sich mit Kampagnen gegen die «Technokraten in Brüssel». Lega-Chef Matteo Salvini drohte anlässlich seines Wahl-Erfolgs: «Die Revolution der Vernunft kommt auch nach Europa!»

In den USA hatte das Kräftemessen für die Rettungspakete Verheerungen in der innenpolitischen Landschaft angerichtet. Die Bush-Regierung verlor 2008 Rückhalt in der Republikanischen Partei. Sie spaltete sich mehr und mehr in eine Führungselite des «Big Money» und eine rechtsdrehende Basis, für die sich schliesslich Trump als idealer Kandidat herausstellte. Die wirtschaftliche Abwärtsspirale tat das ihre, um viele zur vermeintlichen Opposition von rechts zu treiben. Mit Hillary Clinton war auch ausgerechnet ein Sinnbild für das grosse Establishment in Washington als Widersacherin von Trump ins Rennen gestartet. Clinton verlor wenig überraschend für die Demokraten viele Stimmen im Rust Belt an den Businessmann, der sich zum Lautsprecher des kleinen (weissen) Amerikaners aufgeschwungen hatte. Seine Gewinne in diesem Wähler-Segment erwiesen sich bei näherer Betrachtung aber vor allem als Einbussen der Demokratischen Partei.

Eine alte linke Legende besagt, dass mit der Verelendung auch das revolutionäre Bewusstsein automatisch steigt und die Revolten häufiger werden. Am Desaster nach 1929 hat sich diese Vorstellung gründlich blamiert, längst wird mancherorts geradezu das Gegenteil behauptet: Komme die Krise, komme die autoritäre Verwaltung, die historisch der Faschismus bewerkstellig habe. Die aktuelle Weltlage scheint der zweiten Vorstellung Recht zu gebe. Wenn man sich die Gemengelage nach der Krise aber genauer anschaut, stellt sich die Situation deutlich uneinheitlicher dar.

Die proletarischen Reaktionen sind nicht nur geographisch, sondern auch zeitlich widersprüchlich. Die gesellschaftliche Entwicklung ist eher als Polarisierung denn als einheitliche Entwicklung nach rechts zu fassen. Zudem ist der Rechtsdrall – der auch schon wieder Gegenwind erfahren hat – kaum ein proletarisches Echo auf die direkten Krisenfolgen, wenngleich diese bestimmte Grundlagen geschaffen haben. Er ist eher Ausdruck einer nationalen Segregation der herrschenden Klasse und der Formierung bestimmter Teile der Proletarisierten, als Reaktion auf eine (drohende) weitere Verschlechterungen des Lebens sowie die politische Bearbeitung der Krise. Zugleich erleben wir seit einiger Zeit wieder massive soziale Unruhen von Teilen der (potentiell) Lohnabhängigen rund um den Globus: Von Frankreich über Hongkong, Ecuador, Haiti, Ägypten, Algerien, Guinea, Libanon, Katalonien bis nach Chile.

Der Blick in den Abgrund. Der nächste Crash oder ein Ende des Kapitalismus.

Für nennenswerte Teile der Herrschenden ist der nationale Alleingang mittlerweile eine ernsthafte Option. Einer ökonomischen Zentrifugalkraft würde künftig international weit weniger politischer Zusammenhalt entgegengesetzt als noch 2008. Und auch die Mittel für eine künftige Rettung des Systems sind begrenzt: Etliche Staaten sind hoch verschuldet, während die Zentralbanken auf aufgeblähten Bilanzen sitzen. Die wirtschaftlichen Zeichen stehen derweil auf Sturm.

Zwei Tage nach dem 11. Jahrestag der Lehman-Pleite, am 17. September 2019, schoss der Zinssatz am Repo-Markt ohne Vorwarnung krass in die Höhe. Das ist jener Markt, der nach dem Desaster von 2008 für den Beinah-Infarkt des Finanzsystems verantwortlich war. Auf kurzfristige Anleihen mussten Banken diesen September plötzlich statt zwei Prozent rund zehn Prozent Zins zahlen. Die amerikanische Zentralbank reagierte: Innert weniger Tage pumpte sie 700 Milliarden Dollar ins System. In der Öffentlichkeit wurde dies kaum registriert. Über die Gründe für den rasanten Anstieg streiten sich die Analyst*innen. Erst kürzlich hat die Fed angekündigt, dass sie bis Mitte Dezember täglich Repo-Geschäfte (die Zentralbank kauft Wertpapiere und legt fest, wann sie mit welchem Zinssatz zurückgekauft werden) in der Höhe von 120 Milliarden Dollar mit einer Laufzeit von einem Tag anbieten werde. Dazu kommen zweimal pro Woche 35 Milliarden Dollar an Repos mit Laufzeiten von 12 bis 15 Tagen. Die NZZ schrieb von einer «systemfremden Dauereinrichtung». Augenscheinlich ist, dass im Finanzsystem einiges in Schieflage ist. Die Finanzgiganten verlassen sich derweil noch immer auf dieselben Geschäftsmodelle wie vor dem Crash.

Direkter Auslöser der Krise waren 2008 die schuldenbedingten Turbulenzen auf dem Suprime-Markt der USA, die über die Collateralized Debt Obligation (CDO) das Gesamtsystem an den Rand des Zusammenbruchs brachten. Seit 2012 haben sich die Immobilienpreise wieder enorm erhöht. Das Volumen hat in den USA mit 13,5 Billionen Dollar Ende 2018 einen historischen Höchststand erreicht. Erst Ende Juli warnte ein Expert*innengremium unter der Leitung des damaligen EZB-Chefs Mario Draghi vor einer Überhitzung des europäischen Immobilien-Marktes. Doch die grössere Gefahr lauert mittlerweile im Herzen des ökonomischen Systems: Derzeit boomt der Markt für sogenannte Leveraged Loans. Dabei geht es insbesondere um risikoreiche Kredite an hoch verschuldete Unternehmen. Der Markt dafür betrage rund 1,3 Billionen Dollar und sei damit mehr als doppelt so gross wie der Subprime-Markt im Jahr vor dem Lehmann-Crash, mahnte Mark Carney, Chef der Bank of England, Anfang 2019. Und wieder stecken die Papiere in undurchsichtigen, strukturierten Produkten, sogenannten Collateralized Loan Obligation (CLO). Über deren genauen Verbleib gibt es kaum Zahlen.

Schuld daran ist auch der wieder ausufernde Sektor der Schattenbanken. Der kaum regulierte Finanzbereich, der 2008 massgeblich zur galoppierenden Panik beitrug, ist so gross wie nie: Er wuchs 2017 auf ein Volumen von fast 52 Billionen Dollar, teilte der Finanzstabilitätsrat (FSB) kürzlich mit. Der Europäische Ausschuss für Systemrisiken (ESRB) schlug Alarm und warnte vor einer ganzen Reihe von Problemen: Neben dem überhitzten Immobilienmarkt und der Bilanzschwäche der Banken auch vor einer zu hohen Verschuldung von Ländern, Firmen und Haushalten. Das Institute of International Finance (IIF) hat in einer Analyse des dritten Quartals 2018 deren Verschuldung in den 50 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer auf 244 Billionen Dollar berechnet. Das entspricht über drei Mal dem BIP jener Staaten.

Die frühere Fed-Präsidentin Janet Yellen warnte vor diesem Hintergrund vor einem neuen Crash. Nun wären nicht mehr primär arme Hausbesitzer*innen in den Miesen, sondern Firmen. Ihre Schulden sollen mittlerweile rund neun Billionen Dollar betragen. Wie viele sogenannte Zombie-Firmen – Firmen die nur durch fortwährende Verschuldung aufgrund der historisch tiefen Zinsen überleben – existieren, ist nicht bekannt. Brian Moynihan, der CEO der Bank of America, warnte kürzlich vor einem «Blutbad», falls sich die Situation verschlechtern sollte – also falls sich die Wirtschaft weiter abkühlt oder die Zinsen steigen. Der Mann muss es wissen, seine Bank ist dick im Geschäft in Sachen Leveraged Loans.

Und auch in der ökonomischen Basis harzt es gewaltig: War die Weltwirtschaft im «goldenen Zeitalter» nach dem Zweiten Weltkrieg im Schnitt noch um fast fünf Prozent jährlich gewachsen, stagnierte das BIP-Wachstum nach der Schrumpfung 2009 auf etwas über 3,5 Prozent. Erst Anfang Juni erklärte man seitens der Weltbank, dass wiederum mit einer deutlichen Verlangsamung des Wachstums zu rechnen sei. Noch 2,6 Prozent sagen die Augur*innen der UN-Sonderorganisation voraus. Das wäre das schwächste Wachstum seit der Finanzkrise. Zugleich gestanden die Analyst*innen ein, dass vor allem der Wunsch Vater ihrer Prognose war. Denn es gebe erhebliche Risiken und eine grosse Chance, dass man die Vorhersage um einen vollen Prozentpunkt nach unten korrigieren müsse.

Mittlerweile melden sich in kurzen Abständen Expert*innen mit mahnenden Worten in den Wirtschaftsblättern. James Rickards, Investmentbanker und vormaliger Chefjurist des berüchtigten Hedge Fund Long-Term Capital Management (LTCM), fand kürzlich in der Finanz und Wirtschaft deutliche Worte: «Die kommende Krise wird mit solcher Wucht zuschlagen, dass nicht einmal mehr die Zentralbanken das System schützen können.»

Was auf den zu erwartenden Aufprall folgt, steht in den Sternen. Angesichts der ökonomischen und politischen Zentrifugalkräfte, den geopolitischen Spannungen und den nationalistischen Bewegungen, steht einiges zu befürchten. Doch in jüngerer Zeit rollt auch eine neue Welle massiver sozialer Proteste über den Globus, mit ungewissem Ausgang. Geschichte ist ein offener Prozess, auch wenn sie derzeit noch grossteils hinter unseren Rücken in der Sprache von Wert, Geld und strukturierten Finanzprodukten geschrieben wird.

Klaus Klamm
ajour-mag.ch

Fussnoten:

[1] Im Gegensatz zum übrigen Text, wo es um den Wert von Finanzprodukten etc. geht, ist hier die Rede von Wert in einem marxistischen Sinne. Dessen Grösse bestimmt sich durch die im Durchschnitt gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit.

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