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Ansätze zur Lösung der Schuldenkrise Raus aus der Schuldenspirale geht’s nur mit Opfern

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Auf Schulden noch mehr drauf laden: Das vergrössert das Risiko eines Crash. Politiker glänzen mit guter Miene zum bösen Spiel.

Die EZBNeubaustelle (Februar 2014) in FrankfurtOstend, von Nord (Hanauer Landstrasse) aus gesehen.
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Bild: Die EZB-Neubaustelle (Februar 2014) in Frankfurt-Ostend, von Nord (Hanauer Landstrasse) aus gesehen. / Simsalabimbam (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

27. Januar 2014

27. 01. 2014

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Der Autor des Buchs «Die Billionen Schulden Bombe» Daniel Stelter ist ein durch und durch kapitalistischer Finanz- und Wirtschaftsspezialist. Er ist Mitinhaber der internationalen Beratungsfirma «Boston Consulting Group».

Der Buchtitel tönt reisserisch, doch nach der Lektüre wird klar, dass die Pflästerlipolitik der letzten Jahre das Problem der gigantischen Überschuldung der Industriestaaten noch verschärft statt es zu lösen. «Wenn wir Schulden mit noch mehr Schulden bekämpfen und gesetzgeberische Scheinmassnahmen ergreifen, wird der Schaden nur grösser», warnt Stelter.

Die Gretchenfragen

Am Schluss seines Buches empfiehlt Stelter allen Bürgerinnen und Bürgern ihren Politikern folgende Gretchenfragen zu stellen:

«Wie genau soll die Schuldenkrise gelöst werden: durch Inflation, durch Schuldenschnitte oder durch Sparmassnahmen?»

«Glauben Sie, dass die Euro-Krisenstaaten ihre Schulden je zurückzahlen?»

«Glauben Sie, die heute 50-Jährigen erhalten die gleich hohen Renten wie die heutigen Pensionierten?»

Stelter zeigt sich überzeugt: «Die Politiker wollen der Öffentlichkeit nicht die Wahrheit sagen, nämlich dass ein beträchtlicher Teil der Schulden nicht zurückgezahlt wird.» Alle, die gespart haben würden einen schönen Teil ihres Geldes verlieren.

Ein weiser Mahner war und ist für Stelter William White. Dieser war Chefökonom der Internationalen Bank für Zahlungsausgleich BIZ und hatte sich schon im Jahr 2003 mutig gegen die Poltik des US-Notenbankchefs Alan Greenspan gewendet. White warnte Greenspan, dass dessen Politik «die grösste Blase aller Zeiten» produzieren könne. Doch die Meinung anderer Experten überwog: Die US-Notenbank garantiere, dass Zeiten von Krisen und Rezessionen ein für alle Mal der Vergangenheit angehörten. Heute leitet William White das «Economic Committee» der OECD. Nach der 2008er-Finanzkrise forderte White im Jahr 2010: «Nachdem wir so viel Mist gebaut haben, brauchen wir einen neuen Plan B». Er lotete vier Optionen aus, um die Krise zu bewältigen. Buchautor Daniel Stelter stellt sie wie folgt vor.

1. Sparen und Zurückzahlen

Wer sich als Konsument mit dem Kauf eines Hauses übernommen hat, kann seine Ausgaben ganz einfach einschränken, indem er weniger auswärts isst, weniger ins Kino geht und zugleich etwas mehr erwerbstätig ist. Das geht allerdings nur, wenn er sich mit dem Haus nicht allzu stark überschuldet hat.

Hier liegt aber der Hund der westlichen Welt begraben: Erstens war die Party zu schön und der gegenwärtige Kater zu gross. Zweitens leiden fast alle Industriestaaten am gleichen Kater. Wenn alle diese Länder gleichzeitig sparen, schrumpft die Wirtschaft überall, die Arbeitslosigkeit nimmt zu, und die Staaten erhalten weniger Steuereinnahmen. Das kann zu einer langen Rezession und sinkenden Preisen, also einer Depression führen. In Griechenland kann man dies beobachten: Je mehr die Griechen Ausgaben kürzen und Steuern erhöhen, desto höher wird das Defizit.

In einer überschuldeten Welt können nicht alle gleichzeitig sparen. Andrerseits ist es auch keine Lösung, wenn überschuldete Staaten mit Krediten die Wirtschaft stimulieren, weil sie damit an der Überschuldung nichts ändern. Ein Teil der Schulden verlagert sich einfach von der Privatwirtschaft zum Staat.

Auch Exporthilfen scheitern daran, dass nicht alle Staaten gleichzeitig einen Exportüberschuss erzielen können. Überschüsse haben in andern Ländern zwangsweise Handelsdefizite zur Folge. «Die Erde kann nicht darauf hoffen, Handelsüberschüsse mit dem Mars zu verzeichnen», meinte am 1.11.2011 die «Financial Times» treffend. Nur wenn China oder Deutschland ihre eigenen Exporte senken und mehr importieren, könnten sie den Defizitländern USA oder Griechenland helfen, Schulden abzubauen.

2. Aus der Krise «herauswachsen»

Regierungen und Ökonomen versuchen seit vielen Jahren mit allen Mitteln, das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts BIP so stark zu fördern, dass mit der zusätzlichen Wirtschaftsleitung das Übermass an Schulden ohne grössere Einschränkungen und Abstriche abgetragen werden kann. Ein kräftiges BIP-Wachstum erscheint als der bequemste Weg: Die Wirtschaft wächst aus dem Problem heraus.

Der Haken ist allerdings, dass das in der Vergangenheit fast nie geglückt ist. Bereits seit fünfzehn Jahren haben die Schulden in den Industriestaaten der OECD stärker zugenommen als das BIP. Alles Wachstum erfolgte auf Pump.

Unterdessen glauben Ökonomen der BIZ herausgefunden zu haben, weshalb Wachstum nur noch mit zusätzlicher Verschuldung zustande kam: Die Überschuldung selber ist schuld, sobald

- die Staatsverschuldung grösser ist 80-100 Prozent des BIP,

- Die Bruttoverschuldung der Wirtschaft (ohne Finanzsektor) 90 Prozent des BIP erreicht,

- die Verschuldung der privaten Haushalte 85 Prozent des BIP übersteigt.

Aus diesen Gründen könnten Irland oder Japan keinesfalls aus ihren Schulden «herauswachsen». Japan habe zwar bisher eine Depression verhindert, doch «das dicke Ende steht im wahrsten Sinne des Wortes noch bevor».

Fazit von Buchautor Daniel Stelter: «Mit William White sind wir der Meinung, dass ein Herauswachsen aus dem Problem nicht funktionieren wird. Alles spricht dagegen. Nur ein Produktivitätswunder könnte uns jetzt retten, doch das ist nirgendwo zu sehen.» Diesen erhofften schmerzfreien Weg aus der Misere gebe es nicht.

3. Die Schulden abschreiben

Stelter verweist auf die Geschichte: Immer wieder habe es Perioden mit einem ungezügelten Kredit- und Schuldenwachstum gegeben, die mit einem grossen Krach endeten. Finanzkrisen und Staatspleiten seien seit Jahrhunderten auf der Tagesordnung.

Schuldenschnitte sind Enteignungen, auch wenn von «Rekonstruierung» der Schulden, von «Umschuldung», «Verlängerung der Kreditlaufzeiten mit tieferen Zinsen» und dergleichen die Rede ist. Das Ergebnis ist immer das gleiche: Die Gläubiger verlieren einen Teil ihrer Forderungen.

Daniel Stelter rechnet nach, dass eine einmalige Besteuerung der Finanzvermögen von Versicherungen und Banken sowie von Kundenguthaben in der Höhe von über 100'000 Euro pro Person keinesfalls ausreichen würde, um das Schuldenproblem langfristig zu lösen. Es seien «strukturierte Umschuldungen und Abschreibungen» erforderlich, um dem Teufelskreis aus der zu hohen Verschuldung zu entrinnen: «Je länger der Tag der Abrechnung verschoben wird, desto höher werden diese Verluste ausfallen.» Grund sei der Zinseszinseffekt, der weder die Wirtschaft noch die Politik gut begreifen würden. Ein Zinssatz von 5 Prozent genüge, damit sich eine ausstehende Verschuldung alle 15 Jahre verdopple.

Die Gläubiger würden grosse Teile ihres Geldes so oder so verlieren, mit einer organisierten Umschuldung aber «sehr offen und spürbar».

Der frühere BIZ-Chefökonom William White sei allerdings zum Schluss gekommen, dass ein grösseres Abschreiben der Schulden mit den Politikern nicht zu machen sei. Eine solche Enteignung sei schlicht «zu unpopulär». Mächtige Lobbys würden sich dagegen wehren.

4. Abwertung der Schulden durch hohe Inflation

Den politisch gangbarsten Weg sehen Autor Stelter und William White in der Inflation. Doch auch diese habe «verheerende Konsequenzen».

Eine hohe Inflation werde etwas verschleiernd auch «finanzielle Repression» genannt, was nichts anderes heisse als «Enteignung durch die Hintertür».

Eine Inflation entfalte ihre Wirkung, wenn sie höher ist als die auf den Schulden zu zahlenden Zinsen. Deshalb müsse eine Inflation überraschend kommen, denn sonst würden sich die Zinsen der Inflation sofort anpassen.

Dass heute weit und breit nichts von einer Inflation zu spüren sei, bezeichnet Stelter als trügerisch. Es gehöre zum Spiel, dass Sparer, Pensionskassen und Versicherungen in lang laufende, tief verzinsliche Papiere gelockt würden, damit sie von der Inflation überrascht würden: «Vergessen wir nicht, es geht um das Vernichten von Schulden und Forderungen in historisch einmaligem Umfang.»

Dabei sei die Inflation heute gar nicht so gering: Die Entwicklung der Rohstoffpreise, Immobilien und Aktien käme im Konsumentenpreisindex kaum zum Ausdruck. Und die starke Erhöhung der Geldmenge führe dazu, dass immer mehr Geld einem gleichen Angebot an Gütern, Dienstleistungen und Vermögenswerten gegenüberstehe. Jede Massnahme des Gelddruckens, sei sie «Quantitive Easing», «Long Term Refinancing Operation» oder «Operation Twist» genannt, habe vor allem die Börsen- und Rohstoffmärkte beflügelt. Die Konsumenten und Unternehmen aber hätten das Geld bisher nicht schneller für Produkte ausgegeben.

Sobald aber die Inflation für alle sichtbare wird, würden die Menschen und Unternehmen das Geld schneller ausgeben in der Erwartung, dass die Preise steigen. Dann werde es nicht bei einem kleinen Anstieg bleiben. Das Vertrauen ins Geld werde schwinden.

Ein Indiz, dass unter den Reichen das Vertrauen ins Geld bereits zu schwinden beginne, sei die stark gestiegene Nachfrage nach Gold, Immobilien, Ackerland, Oldtimern und auch teuren Uhren.

Die Gefahr eines Vertrauensverlustes ins Geld umschrieb Bundesbank-Präsident Jens Weidmann etwas verklausuliert wie folgt («The Telegraph» vom 18.9.2012): «Wenn eine Zentralbank potenziell unbegrenzt Geld aus dem Nichts schaffen kann, stellt sich die Frage, wie sie sicherstellen kann, dass Geld hinreichend rar sei, um seinen Wert zu behalten.»

Das Geld behalte seinen Wert nur, falls eine Zentralbank Geld ausschliesslich gegen ausgezeichnete Sicherheiten herausgibt. Doch das tun die Europäische Zentralbank, die US-Zentralbank oder die Zentralbanken von Grossbritannien und Japan schon lange nicht mehr.

Falls aber das Vertrauen in den Wert des Euro, Dollars, Pfundes oder des Yens schwindet, ist eine Flucht in reale Vermögenswerte zu befürchten, sowie ein rasches Ausgeben des Geldes, was die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes erhöht und die Inflationsspirale nach oben treibt.

Wie geht es weiter?

An Aktivitäten mangelte es in den vergangenen Jahren nicht, stellt Buchautor Stelter fest, und nennt Rettungsschirme, Treffen der G8 oder G20 und andere globale Konferenzen. Doch die Regierungen hätten nur versucht, «die übermässige Verschuldung mit noch mehr Schulden zu bekämpfen, und darauf gehofft, wie durch ein Wunder gerettet zu werden». Sie hätten auf Zeit gespielt und die Wurzeln der Krise nicht angepackt, nämlich die globalen Ungleichgewichte und die nicht tragbare Verschuldung. «Jeder Tag, der weiter auf Zeit gespielt wird», bilanziert Daniel Stelter, «erhöht nicht nur den Schaden, sondern auch die Wahrscheinlichkeit des GAUs, des grössten anzunehmenden Unfalls».

Es wäre besser, rasch einen Kassensturz zu machen und das Unvermeidliche zu tun: die Schulden geordnet zu rekonstruieren. Alle Gläubiger würden zwar viel Geld verlieren, aber wir hätten noch die Wahl, wie.

Urs P. Gasche / Infosperber

PS. Buchautor Daniel Stelter träumt davon, dass «nach der raschen Lösung der Schuldenkrise» wieder ein «nachhaltiges Wachstum» möglich und wünschbar sei. Dabei lässt er die Frage unbeantwortet, wie es möglich ist, dass die drei Milliarden Menschen in Afrika, Indien und China so viele Ressourcen verbrauchen wie wir in Europa und den USA bereits heute es tun.

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