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Die neueste Absurdität des Kreditwesens | Untergrund-Blättle

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Wirtschaft

Nullzinsen, Negativzinsen und Konsumentenkredite Die neueste Absurdität des Kreditwesens

Wirtschaft

In den guten alten Zeiten, die bis in die graue Vorzeit zurückreichen, – bereits in der Bibel wird das Zinsnehmen gegeisselt – verlieh der Geldbesitzer sein Geld, um damit Gewinn zu machen.

18. August 2016
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Er stand immer schon auf dem Standpunkt, sein Vermögen als Kapital einzusetzen und damit G–G’ zu machen, als dieses Prinzip noch die extreme Ausnahme im wirtschaftlichen Treiben der Menschheit darstellte.

In den Anfangszeiten des Kapitalismus spielte das Geldkapital eine Art Geburtshelfer-Rolle: Erstens, weil es das Prinzip hochhielt, dass Vermögen ein Recht auf mehr Vermögen bedeutet, und es praktisch propagierte. Zweitens aber, weil es bereits Kapital angehäuft hatte und durch Verleihen und die produktive Verwertung dieses Leihkapitals in der Hand des Schuldners die gesamtgesellschaftliche Kapitalakkumulation voranbrachte.

Im durchgesetzten, siegreichen und weltweit agierenden Kapitalverhältnis schliesslich übernahm das Finanzkapital die Rolle des Schmiermittels im Kreislauf der Kapitalverwertung und machte den technischen Fortschritt durch Konzentration der Kapitale überhaupt erst möglich.

Und heute?

Heute ist es zum Hüter des Geldes, des Masses der Werte geworden, das sich in Zusammenarbeit mit den politischen Gewalten immer mehr vom Kreislauf des produktiven Kapitals abkoppelt. Und ein Phänomen hervorbringt, das im Grunde seine ganze bisherige Tätigkeit, quasi die Grundlage seiner Existenz auf den Kopf stellt: die Null- und Negativzinsen.

Nullzinsen

Schon die Nullzinsen sind eine Absurdität: Warum verleiht jemand überhaupt sein Geld, wenn er nichts dafür kriegt? Da könnte er es doch gleich in der Schatztruhe liegenlassen und die gut absperren. Es muss in der Natur des modernen Geldes, vor allem der des Buchgeldes, liegen, dass es eigentlich erst wirklich da ist, existiert, wenn es in die Zirkulation geworfen wird – ansonsten ist es eine blosse Zahl auf einem Server und kommt gar nicht zu einer Vergegenständlichung als Geld.

Umgekehrt verkommt das solchermassen auftretende Leihkapital zu einem blossen Zirkulationsmittel, das nur zwischen – ja was eigentlich? – vermittelt. Es ist kein Warentausch, der dadurch ermöglicht wird, dass hier Geld für Ware hingelegt wird. Wenn ein Staat Anleihen zu Nullzinsen ausgibt – und auch los wird, – so ist das eine Transaktion anderer Art, als wie wenn hier Gold, Leinen oder Schuhpasta über den Ladentisch gehen. In die gesellschaftliche Zirkulation im eigentlichen Sinne geht dieses Geld nämlich nicht ein, sondern es wird nur durch diese Transaktion als solches geboren, beglaubigt, und kann dann erst in die Niederungen der Warenzirkulation hinabsteigen.

Die Crux und das Ärgernis ist jedoch, dass dies nicht oder fast nicht geschieht, dass das solchermassen in die Welt gesetzte Geld nicht in die Welt des Warentausches eingeht, sondern sich weiter in der exquisiten Sphäre des Finanzkapitals, der Notenbanken und der staatlich abgesicherten Kreditgarantien herumtreibt.

Negativzinsen

Noch komplizierter ist die Angelegenheit mit den Negativzinsen. Dass ein Schuldner sich gerne verschuldet, wenn er dafür bezahlt wird, ist nachvollziehbar. Aber was veranlasst einen Gläubiger dazu, sein Kapital so zu plazieren, dass es dadurch weniger wird?

Die Antwort ist: es handelt sich um spezielle Arten von Gläubigern, die ein Produkt der seit Jahren währenden Weltwirtschaftskrise sind. Diese Krise wird gerne als „Finanzkrise“ bezeichnet, weil sie vom Finanzsektor ausgegangen ist. Dieser Begriff ist jedoch irreführend, weil er dem Irrtum Vorschub leistet, die Krise sei durch diesen Sektor entstanden und liesse sich durch entsprechende regulative Massnahmen im Finanzgewerbe reparieren. (Dieser Irrtum ist sehr produktiv und hat inzwischen eine umfangreiche Literatur hervorgebracht, die mit allen möglichen Hausmittelchen im Bauchladen den Kapitalismus reparieren möchte, damit das Geschäftemachen wieder flutscht.)

„20 % der Firmenanleihen, die die EZB kauft, haben Negativzinsen“ (El País, 5.8.)

Die EZB kauft seit einiger Zeit ausser Staatsanleihen auch Firmenanleihen und Aktien auf. Sie ist einer dieser Gläubiger, die es in Kauf nehmen, für Leihkapital zu zahlen. Die Voraussetzung dafür ist, dass sie über unbeschränkte Zahlungsfähigkeit verfügen. Neben der EZB machen Ähnliches auch andere Notenbanken, wie die Fed oder die Bank of England. Bei der EZB hat diese Tätigkeit jedoch erstens einen bedeutenderen Umfang und zweitens eine demonstrative Absicht. Sie fordert damit die Firmen auf, sich durch Beschaffung von Fremdkapital fit zu machen für die Kapitalakkumulation. Über die Erleichterung der Kreditbeschaffung will sie die Unternehmen zum Gewinne-Machen anstacheln.

Das neuerlich Absurde an dieser praktischen Aufforderung ist, dass das Machen von Gewinn ja das Eigeninteresse der Firmen ist und es seltsam anmutet, dass sie dazu sozusagen durch Zuckerln animiert werden sollen. Über die tatsächliche, praktische Schwierigkeit, mit der das produktive Kapital konfrontiert ist, kann das Leihkapital jedoch nicht hinweghelfen. Die liegt nämlich im Wegbrechen von Märkten und der schrumpfenden Zahlungsfähigkeit der kleinen Leute begründet. Auch wenn sie die Stückkostenzahl durch Modernisierung senken oder innovative Produkte auf den Markt werfen, sind nicht genug Zielobjekte vorhanden, die ihnen das Klump auch abkaufen.

Es ist deshalb durchaus möglich, dass viele Firmen sich deshalb des Kreditgeschenkes zum blossen Zweck der Konkursverschleppung bedienen, wovon wir in Zukunft auch noch hören werden.

Es gibt auch andere Gläubiger bzw. Käufer von Papieren mit Negativzinsen. Das sind diejenigen, die darauf hoffen, dass sie über Kursgewinne die Negativzinsen kompensieren. So verhält es sich mit denjenigen, die Papiere in Schweizer Franken oder Dollar oder sonstigen Fremdwährungen kaufen. Die hoffen auf ein weiteres Ansteigen der Fremdwährung gegenüber dem Euro, also Gewinne durch Wechselkursveränderungen. Man kann daraus folgern: die sind nicht allzu sehr überzeugt von der Performance des Euro. Man könnte überspitzt sagen, die gehen eine Wette gegen die europäische Einheitswährung ein. Eine besondere Freude haben die Euro-Hüter mit diesen Leuten nicht.

Dann sind da auch noch Leute, die dem vom EZB-Chef verkündeten Aufkaufsprogramm entnehmen, dass so ein Kauf eine relativ sichere Sache ist. Erstens steigert dieses Programm derzeit die Börsenkurse, sie machen also Gewinne durch Kauf und späteren Verkauf dieser Papiere an der Börse, deren Preis die Negativzinsen kompensiert. Zweitens, sollte dieser Effekt nachlassen oder aufhören, so können sie diese Papiere immer noch an die EZB abstossen, bevor sie ihnen die Finger verbrennen.

Das Dumme an diesen ganzen Manövern ist auch hier wieder, dass zwar damit der Euro seinen Kurs und Wert halbwegs hält, aber ansonsten die ganze Bewegung innerhalb der bereits erwähnten geschlossenen Gesellschaft von Finanzkapital und Notenbanken verbleibt und keinerlei besonderen Effekt auf die nationale Kapitalakkumulation hat.

Konsumentenkredite

Die Kredite an den kleinen Mann, ob als Hypothekarkredit, Leasing-Vertrag oder Kreditkartenkredit, sind die einzigen Kredite, die auch die Zahlungsfähigkeit der Massen beflügeln. Bei ihnen werden aber kräftig Zinsen draufgeschlagen. Es ist also eine doppelte Lüge, wenn in den Medien verkündet wird, die „Häuslbauer“ täten sich über die Nullzinsen freuen. Erstens freut sich niemand darüber, sich verschulden zu müssen, um ein Dach über dem Kopf zu kriegen. Zweitens aber kommen diese Figuren ja gerade nicht in den Genuss der Nullzinsen, weil sie die einzige Sparte des Kreditgeschäftes sind, an der die Banken sich noch relativ sicher bereichern können.

Es ist also die wirklich absurde Situation eingetreten, dass gerade diejenigen Leute, die von ihrer Arbeitsleistung, also mehr oder weniger von der Hand in den Mund leben – sei es als Lohnabhängige oder als Selbständige – nicht nur das Gros der Steuerleistung erbringen, sondern die einzigen sind, die den Banken sichere Gewinne einspielen. Das produktive Kapital hingegen erhält Streicheleinheiten in Form von Umsonst-Krediten, um wieder auf Akkumulationskurs zu kommen, und schafft es nicht, weil weiter unten immer weniger auf dem Gehalts- oder Ich-AG-Konto landet.

Und so ist es auch nicht mehr, dass jeder Zwerg Bumsti auf seine schöne Nase hinauf unbegrenzt Kredit erhält, wie das vor 2008 üblich war. Da sind sowohl die Kredithändler vorsichtiger geworden, vor allem, was gewisse Pleiteregionen betrifft, als auch die anvisierten Schuldner, die sich angesichts Verfall der Einkommenssituation oder der Wechselkurse oft sehr plötzlich von ihrer Immobilie oder ihrem Auto trennen mussten, und mit einem Haufen Schulden übrig blieben.

Man fragt sich, wie lange dieses seltsame Kredit-Karussell sich noch weiter drehen wird.

Amelie Lanier

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