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Das Handelskapital Marktwirtschaft: Der Tausch als Quelle der Bereicherung

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Das Handelskapital ist heute nicht mehr der blosse Handlanger der Realisierung des Mehrwerts, als der es im „Kapital“ dargestellt wird.

Der Hafen von Aleciras, Spanien.
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Bild: Der Hafen von Aleciras, Spanien. / Alex Proimos (CC BY-NC 2.0 cropped)

17. Mai 2016

17. 05. 2016

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Es ist nicht mehr das produktive Kapital, das bestimmt, welchen Teil des Profits es dem Handelskapital überlässt, damit dieses den „Salto mortale“ der Ware bewerkstelligt und den Kreislauf des Kapitals schliesst, um einen neuen Produktionszyklus anleiern zu können.

Das Handelskapital ist heute – in einträchtiger Zusammenarbeit mit dem Finanzkapital – zum Herren über die Produktion geworden. Das Handelskapital entscheidet, ob es den Produzenten überhaupt einen Teil des Mehrwerts überlässt oder denselben gleich restlos mit dem Finanzkapital unter sich aufteilt.

Das Handelskapital entscheidet mit dem Finanzkapital, welche Produktion sich überhaupt noch rentiert. Es entscheidet über das Zusperren von Firmen, indem es deren Gewinnmarge gegen Null drückt und Produktionen damit zerstört. Dann macht es sich auf um Ersatz-Produktionen rund um den Globus, um damit weiterhin die Bedürfnisse der Konsumenten befriedigen zu können. Das Handelskapital entscheidet heute damit über die Standorte.

Das Handelskapital war entscheidend in der Eingliederung der ex-sozialistischen Staaten in den Weltmarkt. Es zerstörte den inneren Markt dieser Staaten, und nötigte ihnen den Import als einzige Form der Aufrechterhaltung der Warenzirkulation auf. Auch das wieder in trauter Eintracht mit dem Finanzkapital, das für Konvertibilität und Zahlungsfähigkeit durch Kredit sorgte.

Das Handelskapital war ebenso ein entscheidender Faktor in der „EU-Integration“: Es sorgte für die Zerstörung der nicht-wettbewerbsfähigen Produktion innerhalb der EU, verstärkt nach der Einführung des Euro.

Das Handelskapital war somit der Exekutor der negativen Handelsbilanzen innerhalb und ausserhalb der EU und damit auch der Motor der Verschuldung. Dabei wurde es vom Finanzkapital beflissen assistiert: Das Handelskapital überschwemmte die diversen Märkte mit Importwaren, das Finanzkapital sorgte durch Kreditierung von Konsumenten, Gemeinden und Staaten für die entsprechende Zahlungsfähigkeit, mit der es diese Gegenden überhaupt erst als Markt brauchbar machte.

Das Handelskapital bemächtigte sich diverser Grundbedürfnisse der Menschen, wie Lebensmittel und Kleidung. Diese werden aufgrund der Entscheidungen des Handelskapitals bedient, das sehr eigenmächtig entscheidet, in welcher Form diese Bedürfnisse überhaupt befriedigt werden dürfen. Die Lebensmittelketten entscheiden darüber, welche Produkte in verschiedenen Gegenden auf den Markt kommen, und für welche Lebensmittel es seine Vermittlerdienste zur Verfügung stellt. Über die Konkurrenz des Preises werden einheimische Produkte aus dem Handel verdrängt und Produkte aus entlegenen Weltgegenden in den Geschäften der Handelsketten zu Dumpingpreisen angeboten.

Über den Internethandel werden die kleinen Händler aus dem Weg geräumt. Das Geschäftsleben vor Ort stirbt. Die Geschäfte, die die Bedürfnisse vor Ort befriedigt haben, müssen das Handtuch werfen.

Damit gehen eine Menge Jobs verloren, die aufgrund der schon vorher über die Bühne gegangenen Entwicklungen in Fabriken und Landwirtschaft wichtig waren. Die lokale Zahlungsfähigkeit sinkt also weiter, und die betroffene Region kann nur durch Kreditierung seitens des Finanzkapitals als Markt aufrechterhalten werden. Oder aber, was auch sehr wichtig ist, durch die Überweisungen der Arbeitsemigranten, die sich in den Metropolen für Dumpinglöhne verdingen und damit das Lohnniveau dort senken, was auch wieder Auswirkungen auf die dortige Zahlungsfähigkeit hat.

Die Entwicklung geht von West nach Ost, es wird sich erst weisen, inwiefern die ex-sozialistischen Staaten aufgrund der unzuverlässigen Postzustellung diesem Trend widerstehen können.

Grosse Produzenten, wie Inditex, setzen diesem Trend ein eigenes Vertriebsnetz entgegen. Sie richten eine Art von dezentral-vertikaler Produktion ein, wo auch von Sub-Firmen mit Sklavenarbeit produziert werden kann, aber den Vertrieb übernehmen sie selbst, um sich dem Würgegriff des Handelskapitals zu entziehen und ihre Gewinne selbst einstreifen zu können.

Marx schreibt im Kapital, Band I, dass die Ware A auf den Markt geht und auf die Ware B trifft, der gibt sie ihren Wert. Dann kommen andere Waren hinzu, und so kommt ein gewisses Preisniveau zustande. Das allgemeine Äquivalent, das alle Waren gleichermassen misst, muss von aussen kommen, weil die einzelnen Marktteilnehmer nicht die Macht haben, dieses einander aufzunötigen. Ist es einmal hergestellt, so unterwirft es alle Waren seinem Massstab.

Heute ist es so, dass die Ware A auf dem allgemeinen Äquivalent, dem tatsächlich von der imperialistischen Macht EU verordnetem Geld namens Euro, auf den Markt rutscht und allen anderen sagt: Ich bin Repräsentant von Wert, messt euch an mir! – und die Waren B, C und D, sofern sie diesem Massstab nicht entsprechen, aus dem Markt wirft.

Rückgang der Produktion, Rückgang von Zahlungsfähigkeit, Schaffung von überflüssiger Bevölkerung – wohin führt das, wenn wir dem nicht Einhalt gebieten? Wird aus Europa eine Variante von Afrika?

Amelie Lanier

Anmerkung:

Ein Blogtext kann natürlich keineswegs all das abdecken, was zur Rolle des Handelskapitals heute zu sagen wäre. Er soll lediglich eine Anregung dazu sein, diese Rolle zu überdenken und gegebenenfalls einer eingehenden Untersuchung zu unterziehen.

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