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Der Kampf um Anbauflächen Land Grabbing: Die neue Welle der Enteignung

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Krisengeschüttelt und selbstzerstörerisch macht sich der Kapitalismus am Boden zu schaffen. Seit einigen Jahren kommt es zu einem dramatischen Anstieg von Investitionen in das Ackerland der Staaten des globalen Südens.

Land Grabbing in Malaysia.
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Bild: Land Grabbing in Malaysia. / NASA (PD)

8. April 2016

8. Apr. 2016

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Korruption, Mauschelei, Betrug und legale langjährige Pachtverträge erobern ganze Landstriche. Im Landgrabbing – das ist der Name, der sich für die Neuauflage des Scramble um Land durchgesetzt hat – befeuern sich dabei zwei Dimensionen der gegenwärtigen Krise wechselseitig: Erstens gibt es einen Überschuss an Kapital auf der Suche nach Verwertung, das nun entlegenste Winkel einnimmt. Ackerland wird zum buchstäblichen spatial fix (David Harvey) einer räumlich und zeitlich umhergeschobenen Überakkumulationskrise. Zweitens drängt die Aussicht auf weitere dramatische Verschärfungen der kapitalistischen Naturverhältnisse die Nahrungsmittelproduktion auf die global geteilte Problem-Agenda – und damit auf die Agenda von Finanzdienstleistern.

Formen des Landgrabbing

Drei Typen von Landgrabbern, die auf diese Kombination von Umwelt- und Akkumulationskrise reagieren, lassen sich dabei unterscheiden: Zunächst sind es „foodinsecure governments“, die bei der Frage der Ernährungssicherheit ihrer Bevölkerungen nicht länger dem Weltmarkt vertrauen, sondern stattdessen – oft mittels staatsnaher Konzerne – durch den massiven Ankauf von Land auf einen globalen Sicherheitsmerkantilismus umstellen. Ergebnis dieser Politik sind etwa Kornladungen, die aus dem vom Hunger geplagten Äthiopien nach Saudi-Arabien geschifft werden. Es greifen, zweitens, Unternehmen auf den globalen Landmärkten zu, die sich vom Boden Profit versprechen.

Schnittblumen in europäischen Supermärkten aus äthiopischen Gewächshäusern lassen Herbert Marcuses altes Wort von der irrationalen Rationalität der kapitalistischen Gesellschaft ebenso aktuell werden wie die unzähligen Unternehmungen, die den von der EU gesetzlich geförderten „Bio“-Treibstoff auf Agrarland in den sogenannten Entwicklungsländern herstellen. Schliesslich ist, drittens, „the troubled finance industry the one taken a bigger bite“(GRAIN). Seit dem Platzen der Immobilienblase suchen Investor_innen nach anderen Anlagemöglichkeiten und die Finanz„industrie“ sieht, dass im Zuge der Verschärfung ökologischer Probleme landwirtschaftlicher Boden Rendite verspricht – gut studierbar an den Werbeauftritten des DWS Global Equity Agribusiness Fonds (Deutsche Bank, auch im Netz einsehbar), während sich aber besonders Pensionsfonds hervortun, die durch die neoliberale Privatisierung der Rente freigesetzten Summen in Land zu investieren.

Kleinbauern werden enteignet

Die mit Blumen hübsch zurechtgemachten europäischen Kaffeetafeln werden so ebenso wie die privatisiert angesparte Altersvorsorge zum latent spürbaren Zeichen einer untergründigen Gewalt der Finanzmärkte, die andernorts brutal manifest wird: Regierungen, Weltbank, die EU und die Investor_innen wollen die Privatisierung des zuvor oft gewohnheits- und gemeinschaftsrechtlich genutzten Landes zwar als Win-Win Situation gedeutet wissen, die in einer glücklichen Zukunft alle Menschen mittels Technologietransfer und Arbeitsplätzen zu Profiteuren solcher Deals macht. Gegen diese Hoffnung hat sich aber für Millionen eine dramatische Gegenwart bereits eingestellt: Sie werden von ihrem angestammten Land wie kriminelle Squatter vertrieben. Nach Schätzungen des United Nations Permanent Forum on Indigenius Issues sind allein wegen des für „Bio“-Treibstoff gehandelten Bodens die Landrechte von weltweit 60 Millionen Menschen in Gefahr.

Dabei lässt sich die neoliberale Landwirtschaftsagenda samt ihrer Menschenrechtsverletzungen nicht einmal mit zynischem Utilitarismus verteidigen. Kleinbäuer_innen – in der Mehrzahl Frauen – produzieren nicht nur faktisch und auf immer weniger Fläche das Gros der Lebensmittel der Weltbevölkerung, vor allem aber ist eine Welt ohne Hunger nur mit der Abkehr von Landmärkten und der auf den Verkauf und Handel von Cash Crops ausgerichteten Landwirtschaft möglich. Mehr noch: Wie sich gegen den Mainstream der Agrarwissenschaft zeigen lässt, bringt kleinbäuerliche Landwirtschaft pro Hektar schlicht höhere Erträge.

Via Campesina!

Immerhin schmiedet der Zombie-Neoliberalismus (Jamie Peck) – an dessen Überleben keiner mehr glaubt und der trotzdem weiter umherwankt – mit den sozialen Kämpfen der Landlosen und Kleinbäuer_innen auch die Waffen, die zu seiner Überwindung gebraucht werden. Vor allem der internationale Bauernverband La Via Campesina (LVC) leistet kreativen Widerstand. In LVC organisieren sich 164 Bauernorganisationen aus 79 Ländern samt globaler Diskussion und Graswurzeldemokratie.

Wenn auch LVC vorrangig das Überleben der Kleinbäuer_innen gegen Agrarindustrie und korrupte Staaten zu organisieren sucht, ist ihre Politik keineswegs defensiv. Im Gegenteil: Mit avancierten Diskursen zur Gendergerechtigkeit und zum Paradigmenwechsel hin zur Ernährungssouveränität, in der Lebensmittel nicht länger zur Ware gemacht werden könnten, hat Via Campesina Programme für eine emanzipatorische Altermondialisierung der Landwirtschaft im Köcher. Wenn aus dem mörderischen Landgrabbing doch eine gute Nachricht erwachsen kann, dann die, dass linke Politik gezwungen wird, das Paradigma marxistischer Modernisierungstheorie mit ihrer Bewegung weg von der berüchtigten „Idiotie des Landlebens“ (Marx/Engels) aufzubrechen und die Kämpfe der rebellischen Städte (David Harvey) und Multitude der Metropolen (Michael Hardt/Toni Negri) an die soziale Bewegung der Kleinbäuer_innen anzuschliessen.

Thore Prien / keimform.de

Thore Prien ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Universität Flensburg. Er engagiert sich ausserdem im Institut solidarische Moderne und hat auch biographische Bezüge zum Landleben.

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