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Lateinamerika Gerichtsurteil: «Gen-Soja von Monsanto ist schuld»

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In Argentinien wurden Roundup-Anwender Ende August 2013 nach langem Prozess verurteilt. In der Schweiz war das Echo bisher gering.

Protest gegen Monsanto an der Eugene Celebration im Jahr 2012 in Oregon, USA.
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Bild: Protest gegen Monsanto an der Eugene Celebration im Jahr 2012 in Oregon, USA. / Visitor7 (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

21. September 2012

21. Sep. 2012

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Sofía Gatica hatte 1999 ein Kind mit deformierter Niere zur Welt gebracht. Der Säugling starb am dritten Tag nach der Geburt. Die Mutter begann, die Ursachen zu erforschen und über Fälle von Missbildungen, Krebs und Anämie akribisch Buch zu führen. Schnell sah sie einen Zusammenhang mit dem auf Gensoja-Plantagen versprühten Roundup-Herbizid Glyphosat von Monsanto.

Gaticas Dokumentation zeigt schwere Missbildungen. Säuglinge wurden mit sechs Fingern geboren. Manchen fehlte ein Zehe, anderen wiederum Unterkiefer oder Darm. Die «Mütter von Ituzaingó» organisierten sich, liessen den Kindern Blutproben entnehmen und Gewässer, Luft und Böden untersuchen.

Nach jahrelangem Kampf, Einschüchterungsversuchen von Monsanto und einem langwierigen Gerichtsverfahren hat ein Gericht in Cordoba, der zweitgrössten Stadt Argentiniens, am 21. August zwei Mitarbeiter zu bedingten Haftstrafen verurteilt. Der Prozess dauerte zwei Monate.

«Das Töten mit dem Sprühen des Monsanto-Herbizids darf nicht so milde geahndet werden», empörten sich die «Mütter von Ituzaingó» nach dem Urteil. Dagegen erklärte Medardo Avila Vásquez von der Organisation «Aufhören mit dem Spritzen von Fungiziden», im Land, das riesige Mengen von gen-verändertem Soja exportiere, hätte das Gericht einen Präzedenzfall geschaffen, indem es die gesundheitlichen Folgen anerkannt habe.

Das Urteil

Tatsächlich hat das Gericht nach einem langen Prozess die Gesundheitsschäden bestätigt. In seinem Urteil erklärte es den Sojaproduzenten Francisco Parra und den Piloten eines Sprühflugzeuges, Edgardo Pancello, für schuldig, «Gesundheitsschäden der Einwohner von Ituzaingó Anexo billigend in Kauf genommen» zu haben. Die beiden Männer wurden zu jeweils drei Jahren Haft verurteilt. Für einen dritten Angeklagten, den Sojafarmer Jorge Gabrielli, endete das Verfahren aus Mangel an Beweisen mit einem Freispruch.

Weil das Gericht die Haft nur bedingt aussprach, müssen die beiden Verurteilten nicht ins Gefängnis. Sojaproduzent Parra muss jedoch während vier Jahren wöchentlich zehn Stunden unentgeltlich für gemeinnützige Gesundheitsinstitutionen arbeiten. Und Pilot Pancello, der Spritzflüge zu nahe an bewohnen Gebieten durchgeführt hat, muss in den nächsten drei Jahren wöchentlich acht Stunden unentgeltlich für gemeinnützige Gesundheitsinstitutionen arbeiten.

Beide dürfen in den nächsten acht bzw. zehn Jahren nicht mehr mit Pflanzenschutzmittel hantieren.

Aus den Gerichtsakten

Die Befürchtungen von Sofia Gatica nach dem Tod ihres Kindes vor 13 Jahren haben sich mehr als bewahrheitet. In der betroffenen Gegend mit 6.000 Einwohnern in der Nähe der 1,3-Millionen-Stadt Cordoba sind Krebserkrankungen vierzigmal häufiger als im Durchschnitt des Landes. Deformationen bei Geburt, neurologische Schäden und Atemwegserkrankungen treten ebenfalls markant gehäuft auf. Bei 80 Prozent aller Kinder fand man chemische Fremdstoffe und Abbausubstanzen von Roundup-Glyphosat im Blut.

Noch schweigt Monsanto

Auf der Homepage von Monsanto findet man über das Urteil von Cordoba nichts, auch wenn man im Suchfeld «Glyphosate» oder «Cordoba» eingibt. Ebenso wenig ist auf den Seiten «News» oder «Issues & Answers» zu finden.

Irreführende Studien von Monsanto

Bereits in den Jahren 2009 und 2010 hatten Studien auf eine potenzielle Toxizität von Glyphosat und Glyphosat-basierten Herbiziden hingewiesen. Doch Monsanto wiegelte ab und stellte die Studien in Frage. Monsanto hatte die Bedenkenlosigkeit des Roundup-Herbizids Glyphosat stets mit Studien bewiesen, die der Konzern mit reinem Glyphosat durchführen liess. Die Risiken von reinem Glyphosat scheinen minim zu sein, doch gross sind die Risiken der Handelsform Roundup, deren Glyphosat mit einer Substanz behandelt wird, damit das Herbizid die Wurzeln besser erreicht.

Jorge Kacsewer, ein auf Herbizide spezialisierter Arzt und Autor in Buenos Aires, kritisiert, dass Monsanto stets nur Resultate von Studien mit reinem Glyphosat veröffentlicht hat, nicht aber Resultate von Studien mit dem Handelsprodukt Roundup-Glyphosat.

Höchstes Gericht kehrte Beweislast um

Einen entscheidenden Erfolg hatten die Rounup-Kritiker vor drei Jahren beim Bundesgericht Argentiniens: Dieses kehrte die Beweislast um, so dass seither nicht mehr die gesundheitlich Geschädigten den Zusammenhang mit Herbiziden beweisen müssen, sondern die Herbizid-Produzenten müssen beweisen, dass kein Zusammenhang besteht.

Nach eigenen Angaben verkauft Monsanto weltweit jährlich 300 Millionen Liter Roundup-Glyphosat. Roundup-Verkäufer bewerben das Breitbandherbizid Roundup mit dem toxischen Wirkstoff Glyphosat als «die unbestrittene Nummer 1 gegen Unkraut». Zum Roundup vertreibt Monsanto gentechnisch verändertes Saatgut von Soja, Mais, Raps und Baumwolle, das gegenüber der herbiziden Wirkung von Glyphosat resistent ist. Man kann deshalb die Soja- oder Maisfelder grossflächig mit Roundup besprühen, ohne dass der Mais oder das Soja Schaden nimmt.

Doch die Unkräuter wissen sich zu wehren. Weltweit gibt es bereits 21 Unkräuter, die gegen Glyphosat resistent sind. Das zeigt eine Statistik der Organisation WeedScience. In Argentinien verbreiten sich sogar resistente Sorghum-Pflanzen, welche sich in Soja-Feldern ausbreiten. «Deshalb müssen die Produzenten jetzt zusammen mit Glyphosat noch andere Herbizide spritzen, die noch stärker wirken. Sie sind für die Umwelt noch problematischer», erklärt Walter Pengue, Agroingenieur der Universität Buenos Aires.

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Über dieses Urteil in Argentinien hat bisher in der Schweiz nur «Le Temps» und die TagesWoche informiert.

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NACHTRAG vom Infosperber-Mitarbeiter Romano Paganini in Argentinien:

Die gefährlichsten Pflanzengifte: Glyphosat, 2,4D, Paraquat und Endosulfan sind die giftigsten der Agrarchemikalien, die heute auf den Gensoja-Feldern ausgebracht werden. Mit Ausnahme von Glyphosat sind all diese Produkte in Europa verboten, obwohl sie auch aus den Laboratorien von hiesigen Firmen stammen: etwa von Syngenta in Basel, BASF in Ludwigshafen oder von Bayer in Leverkusen.

Urs P. Gasche / Infosperber

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