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Die Mikrosekunden-Spekulation besteuern Mikrosekunden-Wettgeschäft an Börsen verbieten

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Die «bürgerliche Mehrheit», mitfinanziert von der Finanzwirtschaft, schaut dem gefährlichen Casino-Treiben untätig zu.

Frankfurt Stock Exchange.
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Bild: Frankfurt Stock Exchange. / Pythagomath (CC BY-SA 4.0 cropped)

26. Oktober 2016

26. 10. 2016

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«Den Finanzmärkten wäre wohl besser gedient, wenn es diese Computerhändler gar nicht gäbe», schreibt Finanz-Korrespondent Krim Delko in der NZZ vom 11. Oktober. Schon vor zwei Jahren schätzte Franca Contratto, Assistenzprofessorin für Finanzmarktrecht an der Universität Zürich, dass der Mikrosekunden- oder Hochfrequenzhandel in den USA bereits mehr als die Hälfte aller Börsenumsätze betrifft, in der Schweiz über einen Viertel.*

Unter dem Titel «Computerhandel schadet dem Markt» beschreibt die NZZ das Vorgehen der sogenannten «Algo-Trader» (Algorithmus-Händler): «Die Algo-Trader handeln Finanzinstrumente unter Verwendung von Computermodellen, und sie müssen dabei jederzeit in der Lage sein, ihre Strategien innert Millisekunden auszuführen. Sie sind so extrem auf Schnelligkeit des Handels angewiesen, dass sie ihre Server sogar in die Nähe der Computer der digitalen Marktplätze stellen, um den Datentransfer zu beschleunigen.»

Kürzlich hätten die Algo-Trader zum sogenannten «Flash-Crash» des britischen Pfundes beigetragen, als die Währung mitten in der Nacht plötzlich um mehr als sechs Prozent einbrach. Überraschend sei weniger, dass die Algo-Trader als Schuldige ausgemacht wurden, meint der NZZ-Korrespondent, «als vielmehr, dass niemand deren Präsenz und Gefahr für die Finanzmärkte betont».

Das unnütze Casino-Treiben gefährdet nicht nur die Finanzmärkte, sondern mit ihnen die Realwirtschaft. Doch unsere bürgerliche Mehrheit im Parlament, deren Parteien SVP, FDP und CVP von der Finanzwirtschaft mitfinanziert sind, schreitet nicht ein. Unabhängige Finanzwissenschafter verlangen schon lange, die Mikrosekundenspekulation zu verbieten. Für die Realwirtschaft ist sie ohne Nutzen.

Fixierung der Börsenkurse einmal täglich würde genügen

«Die aus dem Ruder gelaufene Finanzwirtschaft soll künftig wieder der Realwirtschaft dienen», erklärt Marc Chesney, Professor für «Quantitative Finance» an der Universität Zürich. Bereits im November 2012 hatte er mit andern Autoren im «Le Monde» vorgeschlagen, den Mikrosekundenhandel an den Börsen abzuschaffen und die Börsenkurse nur ein Mal täglich oder wöchentlich durch Angebote und Nachfrage zu fixieren.

Wirtschaftsblatt: «Revolutionärer Vorschlag»

Der österreichische Finanzwissenschafter und Kritiker des Neoliberalismus Stephan Schulmeister schlug im «Wirtschaftsblatt» in die gleiche Kerbe wie Chesney vovr ihm: Er will auf allen Finanzmärkten den «Fliesshandel, der mittlerweile in Mikro-Sekunden stattfindet, abstellen und übergehen zu elektronischen Wertpapier-Auktionen alle zwei Stunden». So wie das bereits heute mit den Eröffnungskursen geschehe, die nach Orderbuch gebildet werden.

Falls Börsenkurse nur alle zwei Stunden gebildet würden, falle der «ganze Trading-Wahnsinn» weg. Die Händler müssten sich vor der Auktion mit dem wahren Wert einer Aktie auseinandersetzen, weil ja ein angebotener Kauf- oder Verkaufspreis vorhanden sein müsse. Das seien «genau die Bedingungen für echte Markteffizienz». Und dies bei «null Kosten».

Gleicher Meinung ist Marc Chesney: Das Abschaffen der Mikrosekunden-Spekulation würde «weder die Unternehmen, noch die Steuerzahler, noch die Unternehmen noch den Staat etwas kosten». Nur die Finanzwirtschaft würde der Casino-Tätigkeit beraubt und müsste sich auf ihre Aufgabe konzentrieren, eine Finanzanbieterin und -vermittlerin zu sein für die Industrie, für die Dienstleistungsbranche sowie für Konsumentinnen und Konsumenten.

Das österreichische «Wirtschaftsblatt» bezeichnet Schulmeisters Vorschlag als «revolutionär»: «Die Zockerei soll damit unattraktiv werden und wieder mehr Kapital soll in Investitionen der Realwirtschaft fliessen.»

Für die Realwirtschaft nur Vorteile

Ob die Preisbestimmung an den Börsen alle zwei Stunden oder nur einmal täglich stattfindet, ist nicht entscheidend. Die Finanzwirtschaft, mit ihrem hohen Risikopotenzial für die gesamte Wirtschaft würde mit dem Abschaffen der automatisierten Spekulation im Mikrosekundentakt zum Wohle der Realwirtschaft zurückgedämmt.

Unternehmen würden heute trotz billigem Geld kaum mehr investieren, sondern ihr Geld lieber an den Finanzmärkten anlegen, weil sie dort mehr verdienen, kritisiert Schulmeister. Konzerne investierten zu wenig in die Realwirtschaft und zu viel in Finanzanlagen. An dieser Konstellation müsse «jedes kapitalistische System zugrunde gehen».

Im «Le Monde» hatte Chesney den amerikanischen Broker Thomas Peterffy zitiert, der am «American Stock Exchange» am Einführen des elektronischen Handels wesentlich beteiligt war und später erklärte: «Die Börse funktioniert wie ein riesiges Casino, mit dem Unterschied, dass ein Casino transparenter und leichter zu verstehen ist.»

Als weitere Vorteile einer gestaffelten Festlegung der Börsenkurse sieht Chesney, dass Geldwäscherei sowie Steuerbetrug erschwert und weniger toxische Finanzpapiere geschaffen würden, die zur grossen Finanzkrise im Jahr 2008 wesentlich beigetragen haben.

Die Mikrosekunden-Spekulation besteuern, wäre noch besser

Den Auswüchsen des Finanzcasinos wäre auch mit einer Finanztransaktionssteuer oder einer noch umfassendere Mikrosteuer auf dem ganzen Zahlungsverkehr beizukommen. Eine Mikrosteuer auf den Wertpapier- oder allen Finanztransaktionen würde der Realwirtschaft nicht schaden, sondern ihr – bei einer gleichzeitigen Senkung der Einkommens- und Unternehmenssteuern – sogar helfen.

Stephan Schulmeister hat das Konzept einer generellen Finanztransaktionssteuer mit entwickelt, doch habe er «die Hoffnung aufgegeben, dass sie in absehbarer Zeit kommt».

Auch Professor Chesney würde eine solche Mikrosteuer vorziehen. «Eine Steuer auf sämtlichen elektronischen Zahlungen wäre eine echte Einnahmequelle für die meisten derzeit überschuldeten Staaten», schreibt Chesney in seinem Buch «Vom grossen Krieg zur permanenten Krise». Er spricht bewusst von einer Steuer auf «sämtlichen elektronischen Zahlungen», weil man mit «Kapitaltransaktionssteuer» häufig nur eine Steuer auf Börsengeschäften meint.

Eine solche umfassende «Mikrosteuer auf jeder elektronischen Zahlung» könnte
  • fast alle bestehenden Steuern ersetzen;
  • hätte den Vorteil, Steuerbetrug und Steuerumgehung markant einzuschränken;
  • würde der realen Wirtschaft nicht schaden;
  • würde wie erwünscht die unproduktive Mikrosekunden-Wetterei von Grossbanken und Hedge-Funds mit derivaten Finanzprodukten, Aktien und Währungen eindämmen.
Die Idee stammt ursprünglich vom Zürcher Finanzunternehmer Felix Bolliger.

«Mächtige Lobbys untergraben solche Reformvorschläge»

Aber auch Chesney macht sich keine Illusionen über die baldige Einführung einer solchen Mikrosteuer: Man müsse davon ausgehen, dass Grossbanken, Hedge-Funds und die grossen, auf Steuerumgehung spezialisierten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften KPMG, Ernst&Young, PricewaterhousCoopers und Deloitte eine solche Steuer bekämpfen würden: «Mächtige Lobbyisten sind am Werk, manipulieren die öffentliche Meinung und untergraben solche Reformvorhaben», sagt Marc Chesney, Professor für «Quantitative Finance» an der Universität Zürich.

Urs P. Gasche / Infosperber

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