Ein Bergbauriese auf Expansionskurs
Der im Kanton Zug niedergelassene Konzern Glencore ist auf den Handel mit Rohstoffen (Metalle und Erze, Energieträger, Agrargüter) spezialisiert. Der Konzern unterhält 50 Niederlassungen in mehrals 40 Ländern und beschäftigt über 2'800 Mitarbeitende. Weitere 55'000 Personen sind in seinen
Förder-
und Produktionsstätten in 13 Ländern angestellt. Glencore ist das umsatzstärkste Unternehmen
der Schweiz. 2011 betrug sein Umsatz 186 Milliarden US-Dollar, 28 Prozent mehr als im Vorjahr.
Im Laufe der letzten Jahre entwickelte sich Glencore durch Beteiligungen und Akquisitionen von der
reinen Rohst
offhändlerin zu einem Unternehmen, das die gesamte Wertschöpfungskette inklusive
Abbau und Verarbeitung kontrolliert. Der jüngste Schritt im Rahmen dieser Strategie der vertikalen
Integration ist die geplante Fusion mit Xstrata. Bereits befinden sich 34,5
Prozent der Xstrata
-
Aktien
im Besitz von Glencore. Wenn
das Aktionariat
dem Zusammenschluss zustimmt, wird das neue
Konstrukt zum viertgrössten Bergbaukonzern der Welt und sein Umsatz wird dem 28-fachen des
Haushalts der Demokratischen Republik Kongo entsprechen.
Einen gigantischen Sprung machte Glencore 2011, als sie etwa 20 Prozent ihres Aktienkapitals an den
Börsen von London und Hong Kong zum Kauf anbot. Dieser grösste europäische Börsengang des
letzten Jahres und spülte
mehrere
Milliarden US-Dollar in
ihre Kasse. Glencore-CEO Ivan Glasenberg
allein besass zum aktuellen
Zeitpunkt 15,8 Prozent der Aktien, was rund 7 Milliarden US-Dollar
entspricht.
Lukrative Geschäfte in der Demokratischen Republik Kongo
In Katanga hat Glencore in zwei Gesellschaften mithohem
Potenzial investiert: in Kamoto Copper
Com
pany und Mutanda Mining. Bei einer dritten Beteiligung, Kansuki Mining, werden zurzeit keine
Erze gefördert. Sie ist nicht Gegenstand
unserer
Studie.
Kamoto Copper Company (KCC) ist ein kleines Königreich mit einer Fläche von über 40 km
2, auf der
sich drei
Abbaustätten in Betrieb befinden (KOV und T17 im Tagebau und Kamoto im Tiefbau), drei
Minen, die zurzeit nicht ausgebeutet werden (Mashamba Est, Tilwezembe und Kananga), sowie eine
Konzentrations-
und eine hydrometallurgische Verarbeitungsanlage. Die Produktion von KCC
entwickelt sich rasant. 2011 ist ihr Kupfer-Ausstoss um 57 Prozent auf 91'200 Tonnen hochgeschnellt.
Glencore kontrolliert KCC über eine Mehrheitsbeteilung an Katanga Mining Limited, von deren
Aktien sie 74,4 Prozent hält.
Mutanda Mining (MU
MI) ist ein junges Unternehmen. Da es nicht an der Börse kotiert ist, sind kaum
Informationen darüber verfügbar. MUMI betreibt
zwei
Tagebau und
drei
Verarbeitungsanlagen.
2011
produzierte MUMI 63'700 Tonnen Kupfer und 7'900 Tonnen Kobalt. Glencore besitzt
einen
Aktienanteil von 40 Prozent und ist an der operationellen Führung von MUMI beteiligt.
KCC und MUMI werden von Glencore kontrolliert. In welchem Masse überprüft und gewährleistet
das Mutterhaus, dass ihre Töchter die Menschenrechte und Umweltbestimmun
gen einhalten? Diese
Frage war Gegenstand
unserer Studie.
Geschäfte mit Erzen aus informellem Abbau trüben Menschenrechtsbilanz
Die Tagebaustätte Tilwezembe befindet sich 40 Kilometer von Kolwezi. Die Abbaulizenz befindetsich im Besitz der Kamoto Copper
Company (KCC). Infolge der Weltfinanzkrise wurde 2008 die
industrielle
Erzförderung
eingestellt.
In einem technischen Gutachten, das Golder Associates 2011 für
den Börsengang von Glencore erstellte, wird Tilwezembe als
«ruhende Mine»
bezeichnet. In Wahrheit
aber sprudelt dieser Ort vor Aktivität: Unter Aufsicht des libanesischen Handelsunternehmens Misa
Mining schuften dort über 1600 informelle Bergleute, um Kupfer aus den unterirdischen Vorkommen
zu fördern. Misa Mining liefert das Kupfererz an die Bazano-Gruppe, die es an verschiedene
Unternehmen verkauft, darunter an die Glencore-Tochter Mopani in Sambia, an der Glencore einen
Anteil von 73 Prozent hält. So bringt Glencore letzten Endes Kupfererz aus Tilwezembe auf den
Weltmarkt, das unter Besorgnis erreg
enden Bedingungen informell und zu einem grossen Teil von
Kindern abgebaut wird. Das Zuger Unternehmen bestreitet diesen Sachverhalt und
schreibt,
«KCC ist
nicht an den aktuellen Abbautätigkeiten in Tilwezembe beteiligt und kauft keine Erze an, die aus
die
sen
Aktivitäten stammen».
Nach den uns vorliegenden Informationen sind
in Tilwezembe 700 Kinder oder Jugendliche unter 17
Jahren im Abbau beschäftigt; das entspricht einem Drittel der informellen Bergleute. Die Arbeits-
und
Lebensbedingungen sind äusserst
prekär.
Es werden Löcher mit einer Tiefe von 25 bis 80 Metern
gegraben und mit keinerlei Sicherheitsstrukturen versehen. Die wenigsten Arbeiter verfügen über
Sicherungsgurte, Schutzkleidung oder Helme. Die Verschüttungsgefahr ist gross, denn der Abraum
wir
d nicht fachgerecht gesichert und die Stollen können jederzeit einstürzen. Wenn sich in
Tilwezembe ein Unfall ereignet, zahlen die Erzaufkäufer keine Entschädigungen und die Bergleute
können mit sich mit ihren bescheidenen Einkünften die Kosten für einen Krankenhausaufenthalt oder
eine ärztliche Behandlung nicht leisten.
Entnahme von Wasserproben aus dem Luilu-Fluss. / Chantal Peyer
Ursache verschiedener Erkrankungen sind:
«Es
gibt keinerlei hygienische Vorkehrungen oder sanitäre
Einrichtungen, weder Toiletten noch
Wasser», sagt Faustin (Name von der Redaktion geändert), der
seit zwei Jahren in der Mine arbeitet.
«Wer muss, erledigt sein Geschäft hinter dem nächsten Busch
und wer Durst hat, trinkt Wasser, das nicht für den Konsum geeignet ist».
Das Einkommen der Bergleute in Tilwezembe ist mager.
Im Durchschnitt beträgt es 200 US-Dollar
pro Monat. Eigentlich müsste es höher sein, aber die Aufkäufer von Misa Mining manipulieren
systematisch die Wechselkurse sowie das Gewicht und den
Erz
gehalt des
aufgekauften
Rohmaterials.
Wer 100 Kilogramm abliefert, wird für 73 Kilogramm bezahlt und erhält 750 statt 900 kongolesische
Francs pro US-Dollar.
Die Arbeiter sind sich dessen bewusst, aber sie haben keine Alternativen. Misa
Mining hat das Aufkaufsmonopol in Tilwezembe und lässt jeden Bergarbeiter verhaften, den sie
verdächtigt, kupfer-
oder kobalthaltiges Gestein von der Abbaustätte mitzunehmen.
Verletzung der Sorgfaltspflicht bei
Zwangsvertreibung von ArbeiternAm 21. Juni 2010 kam es bei Luilu auf einem Gebiet, für das Gécamines die Abbaulizenzen besitzt
und das an ein Grundstück grenzt, dessen Konzessionsnehmerin KCC ist, zu Gewalttätigkeiten
zwischen Polizeikräften und Bergarbeitern. Nach Informationen, die Brot für alle und Fastenopfer
vorliegen, hatte Gécamines ohne vorherige Konsultation der Kooperativen der informellen
Minenarbeiter beschlossen, auf ihrem Gebiet keinen
«wilden»
Bergbau mehr zuzulassen.
Bei der
Vertreibung der Bergleute kam es gemäss verschiedenen Augenzeugenberichten zu mehrstündigen
gewalttätigen
Auseinandersetzungen, an denen auch die Glencore-Tochter KCC beteiligt war: KCC
habe ihre privaten Sicherheitskräfte und Ausrüstung, insbesondere einen
Geländewagen
zur
Verfügung gestellt. Es heisst, KCC habe auch eine massgebliche Rolle beim Aufgebot der öffentlichen
Sicherheitskräfte gespielt.
Während der Auseinandersetzungen wurden drei Personen getötet:
Der 22-jährige
Jacques Mulunda, André Mwiland, 17-jährig, und eine junge Frau namens Nathalie. Es gab
auch mehrere Verletzte, sowohl auf Seite der Bergleute als auch bei der Polizei.
KCC:
Verschmutzung des Luilu
-
Flusses
mit Säure
Unsere Studiehat auch die massive Verschmutzung des Luilu
-
Flusses zu Tage gefördert.
Verursacherin ist die hydrometallurgische Aufbereitungsanlage von
KCC in
Luilu, die sich im
Besitz
von
Glencore befindet. Laboranalysen ergaben, dass Abwasser mit einen pH-Wert von 1,9, also einen
extrem hohen Säuregehalt in den Fluss eingeleitet wurde. In der Schweiz liegt der zulässige pH-Wert
für industrielle Abwässer zwischen 6,5 und 9. Das bedeutet, dass KCC die Schwefelsäure, die
sie
für
die Herstellung von
Kupfer-Kathoden verwendet, unbehandelt in den Fluss einleitet. Auch der Blei-,
Kobalt-, Kupfer-, Nickel-
und Zinkgehalt der Abwässer von KCC überschreiten die gesetzlichen
Höchstwerte der
Demokratischen Republik Kongo bei weitem.
Diese Verschmutzung stellt eine grosse Gefahr für die Pflanzen und Lebewesen im Wasser dar.
Der
Professor der Universität Lubumbashi
, der
die
Wasseranalyse durchführte,
bestätigte:
«Der
Säuregehalt des Flusses und
die grosse
Menge
von Schwebstoffpartikeln bedrohen
die Wasser
flora
und
fauna. »Die Verschmutzung macht das Wasser auch ungeeignet für den Konsum und
verschlechtert die Lebensbedingungen der Bevölkerung.«
Der Fluss führt von blossem Auge sichtbare
Metallpartikel mit sich. Wir können sein Wasser weder zum Bewässern unserer Felder noch fürs
Geschirr spülen oder die Wäsche brauchen, geschweige denn trinken», sagte ein Dorfvorsteher in
einem Interview.
Glencore räumt eine Verschmutzung ein und verspricht Abhilfe:
«KCC hat kürzlich technische
Massnahmen ergriffen, durch die solche Einleitungen verhindert werden.» Doch führt das
Unternehmen an, es handle sich bei Verschmutzung um eine Altlast von Gécamines.
Brot für alle
und
Fastenopfer
sind der Auffassung, dass
Glencore auch eine Verantwortung für die Wiedergutmachung
von bereits entstandenen Schäden hat, das heisst, die betroffenen Flussläufe und Ufer dekontaminieren
und die in Mitleidenschaft gezogenen Dorfgemeinschaften entschädigen muss. Glencore kauft seit
2007 die gesamte Produktion von Luilu auf und kontrolliert die operative Führung von KCC seit
Oktober 2008. Während dieser Zeit gelangte dauernd Säure in den Fluss.
Mutanda Mining: Abbautätigkeiten in geschütztem Wildtierreservat
Bei Mutanda Mining (MUMI)konnte keine Verschmutzung von Wasserläufen nachgewiesen werden
und
es scheint keine Probleme durch Minenabflüsse zu geben. Das kommt nicht von ungefähr, denn
das Unternehmen hat in ein modernes Abfallbewirtschaftungssystem investiert.
Die
Verarbeitungsanlage
von Mutanda wurden als
‹geschlossener Kreislauf›
konzipiert, das heisst, es gibt
keine Abflüsse. Bei Mutanda wird eine neue Technologie angewendet, die in Afrika noch selten zum
Einsatz kommt, erklärt Glencore.
Doch stellt sich bei MUMI eine anderes
Problem: Die
Mine
befindet sich im Wildtierreservat Bass-Kando im Bezirk Kolwezi, also in einem geschützten Gebiet, in dem gemäss kongolesischem Gesetz
keinerlei Abbaulizenz erteilt werden dürfe. Dennoch hat das Bergbaukatasteramt, die Behörde, die in
der Demokratischen Republik Kongo die Bergbaulizenzen vergibt, im Laufe der letzten zehn Jahre
mehrere Konzessionen im Wildtierschutzgebiet
erteilt. Bis jetzt ist MUMI jedoch das einzige
Unternehmen, das bereits Erz abbaut.
Wegen des dabei verursachten Lärms, der Geruchsemissionen
und der Erschütterungen sind die Elefanten, Büffel, Antilopen und verschiedene andere gefährdete
Tiere ins benachbarte Sambia geflohen.
Arbeitsrechte
nur teilweise eingehalten
Die Arbeitsbedingungen sind in den industriellen Minen
von KCC und MUMI besser als im
informellen Abbau. Dennoch kommt es häufig zu sozialen Spannungen und Streiks.
Bei KCC sind die Mitarbeitenden mehrheitlich fest angestellt und ihre Arbeitszeiten entsprechen der
kongolesischen Gesetzgebung. Alle Arbeiter erh
alten seit einiger Zeit eine Sicherheitsausrüstung und
sind verpflichtet, diese zu benutzen. Doch gibt es Kamoto weiterhin Probleme wegen der mangelnden
Belüftung und Bewetterung des Tiefbaubetriebs und in der Anlage von Luilu
entstehen
bei der
hydrometall
urgischen Verarbeitung des Kupfers gefährliche Gase.
Die Abbautätigkeiten von Glencore führen zu Rissen in den Häusern von Musonoi. / Chantal Peyer
führen. Dadurch konnten jedoch die Streiks vom Dezember 2011 und März 2012 nicht verhindert
werden, bei denen es
hauptsächlich um die
Stagnation der Löhne und die Diskriminierung
der
einheimischen Mitarbeitenden ging.
Hinter dem Eindruck der Modernität, den Mutanda Mining gerne vermittelt, verbergen sich
Arbeitsbedingungen, die der kongolesischen Gesetzgebung zuwide
rlaufen. Bei MUMI haben fast alle
Beschäftigten feste Arbeitsverträge, doch sind die Arbeitszeiten sehr lang: Tagsüber sind es neun
Stunden, in der Nachtschicht über zehn Stunden ohne Pause. Es werden häufig Überstunden
angeordnet, die
schlecht
entschädigt
oder überhaupt nicht vergütet werden. Dies stellt eine
Verletzung des kongolesischen Arbeitsrechts dar. Ein weiterer Anlass zur Besorgnis ist die mangelnde
Versammlungsfreiheit. Bei MUMI gibt es keine Gewerkschaft, und die Vertreter der 2009 ins Leben
gerufenen Personalvertretung wurden in Folge der spontanen Arbeitsniederlegung vom Februar 2011
entlassen, was den neuen Mitglieder der Personalvertretung eine Warnung ist. Zudem werden die
lokalen Mitarbeitenden gegenüber den nichteinheimischen Angestellten diskriminiert. Das
Mitarbeiterrestaurant steht nur den
«Chefs»
offen; die kongolesischen Arbeiter bekommen lediglich
Mehl und Konservendosen sowie Brunnenwasser, von dem man nicht weiss, ob es trinkbar ist. Die
«Expats»
hingegen erhalten Mineralwasser in
Flaschen. Um die Arbeitssicherheit scheint es bei
MUMI
hingegen
gut bestellt zu sein. Im Laufe der letzten Jahre wurden nur wenige Arbeitsunfälle
verzeichnet.
Das Tragen von Sicherheitsausrüstung ist obligatorisch und das Unternehmen hat ein
Gesundheitszentrum für die Arbeiter und ihre Familien errichtet.
Mangelnder Dialog mit den betroffenen Gemeinden
In der Demokratischen Republik Kongo sind die Unternehmen gemäss der Bergbaugesetzgebungverpflichtet, einen offenen, transparenten und regelmässigen Konsu
ltationsprozess mit den örtlichen
Gemeinden zu führen. Konsultationen müssen beispielsweise bei der Erarbeitung der
Umweltverträglichkeitsstudie sowie im Rahmen der Ausarbeitung und Umsetzung von
Entwicklungsprogrammen für die betroffenen Gemeinden stattfi
nden. Gemäss Artikel 477d der
Bergbauverordnung muss
«der Lizenznehmer mit den Gemeinden einen konstruktiven Dialog führen».
Glencore gibt an,
sie
verfüge über zwei Verantwortliche für die Beziehungen mit den Gemeinden.
Diese führten
einen
regelmässigen Dialog mit den Gemeinden.
Unsere
Recherchen vor Ort ergaben
jedoch, dass KCC sich nicht an
die gesetzlichen
Bestimmungen hält und nicht in der Lage ist, einen
offenen, transparenten Dialog mit den von ihren Aktivitäten am meisten betroffenen Gemeinden zu
führen. Schlimmer noch: Oft beantwortet sie nicht einmal die Briefe der Gemeindekomitees.
Permanenten Wassermangel in
Musonoi und Luilu
Die Stadt Musonoi befindet sich mitten im Konzessionsgebiet von KCC.Die Tagebaustätte T17 ist
nur wenige hundert Meter
vom Siedlungsgebiet entfernt. Die Lebensbedingungen in Musonoi
verschlechtern sich zusehends und die Bevölkerung leidet unter drei regelmässig auftretenden
Problemen: mangelnder Zugang zu Trinkwasser, Staubbelastung und Schäden an ihren Gebäuden.
In den neunzehnhundertachtziger Jahren belieferte Gécamines die Bevölkerung von Musonoi gratis
mit Wasser. Zwei Pumpen versorgten sämtliche Stadtviertel täglich rund um die Uhr mit Wasser.
Zwischen 2005 und 2006, kurz nach der Privatisierung von Gécamines, wurde das von einer der
beiden Pumpen geförderte Wasser zunächst abgeleitet und später wurde ihr Betrieb auf Anweisung der
neuen Geschäftsleitung definitiv eingestellt. Zwei Jahre später leitete KCC das von der verbleibenden
Pumpe geförderte Wasser zur Tagebaustätte T17 um.
So hat KCC den Zugang zu Wasser von 15
000
Menschen eingeschränkt, statt in ihre eigene Infrastruktur zu investieren. 80 Prozent der
Einwohner/innen von Musonoi sind nun von der Wasserzufuhr abgeschnitten. Im November 2011
verschärfte sich die Situation aufgrund eines Schadens der einzigen verbleibenden Pumpe (P27)
weiter. Seither ist die Wasserversorgung für die Bevölkerung tagsüber völlig eingestellt worden und
die Menschen können sich nur noch zwischen sechs Uhr abends und sechs Uhr früh an einigen
wenigen Hahnen mit Wasser eindecken.
Auf die Frage, wie sie diese Situation zu verbessern gedenke, antwortete
Glencore, KCC werde im
Laufe von 2012 mehrere Wasserreservoirs bauen, um Musonoi zu unterstützen.
Es bleibt zu hoffen,
dass Glencore dieses Versprechen hält. Nach der Veröffentlichung
unseres
ersten Berichts
«Wie ein
Weltkonzern ein Land ausbeutet: Das Beispiel von Glencore in der DR Kongo»
im
März 2011, hatte
KCC versprochen, 475'000 US-Dollar in die Erneuerung der Wasserleitungen von Mosonoi
zu
investieren. Doch bisher ist nichts geschehen.
Ein grosses Problem auch der Staub. Während der Trockenzeit beklagen sich die Einwohner/innen
von Musonoi über Staubemissionen von den Abbaustätten, Abraumhalden und Strassen. Die Häuser
sind voll von schwermetallhaltigen Staubpartikeln, deren Einatmen längerfristig gesundheitsschädlich
ist.
Für Wasser müssen die Kinder von Musonoi nun längere Wege in Kauf nehmen. / Chantal Peyer
technische
Bericht räumt ein, dass die freigesetzten Staubmengen die gesetzlichen Werte
bei weitem
überschreiten, insbesondere in Musonoi. In seiner Stellungnahme meint das Unternehmen dazu, es
setze in seinen Abbaustätten vermehrt Technologien zur Verminderung von Staubemissionen ein. In
Musonoi ist jedoch noch keine Verbesserung spürbar. Um
wirksame und nachhaltige Lösungen zu
finden, ist ein Dialog mit der Bevölkerung unabdingbar.
Das dritte Problem ist die Schädigung mehrerer Gebäude infolge wiederholter Sprengungen, die in der
Mine T17, in unmittelbarer Nähe von Musonoi vorgenommen wurden.
In der Stadt Luilu, die knapp 20
000 Einwohner/innen zählt, fehlt ebenfalls der Zugang zu
Trinkwasser. Wegen der Verschmutzung durch die hydrometallurgische Verarbeitungsanlage von
KCC eignet sich das Wasser des Luilu-Flusses nicht mehr für den Konsum. Das Unternehmen hat bis
jetzt nichts unternommen, um dieses Problem zu beheben und das Recht der Bevölkerung auf
den
Zugang zu Trinkwasser zu gewährleisten. Zwar kommen während der Trockenzeit manchmal ein paar
Zisternenwagen nach Luilu, doch kann bei den wenigen Lieferungen von jeweils maximal 1.000 Litern
kaum die Rede von einer nachhaltigen Lösung sein. Auf die zahlreichen Briefe des Wasserkomitees
von Luilu an KCC ist bislang keine konkrete Reaktion erfolgt. Das Wasserkomitee fordert, dass die
Wasserleitu
ngen von Pumpe TZ3, die sich etwa sieben Kilometer ausserhalb der Stadt befindet,
repariert, oder falls nötig, ersetzt
werden.
Dadurch könnte die ganze Stadt
wieder mit fliessendem
Wasser in ausreichender Menge versorgt werden.
Glencore
profitiert in gros
sem Umfang von Steueroasen
Verschiedene ausgeklügelte Strategien erlauben es transnational tätigen Unternehmen, ihre Gewinne oft völlig legalaus den Ländern abzuziehen, in denen sie erwirtschaftet werden, und sie
in
Steuerparadiese zu verschieben.
Laut
der Nichtregierungsorganisation Global Financial Integrity ist
die Steuervermeidung bei weitem die Hauptursache von Kapitalabflüssen aus Afrika.
Glencore ist eines der undurchsichtigsten Unternehmen in der Bergbaubranche. Fast die Hälfte ihrer
46 Niederlassungen
ist
in Steuerparadiesen domiziliert. KCC befindet sich zu 75 Prozent im Besitz
von fünf Gesellschaften, die in Steuerparadiesen angesiedelt sind.
Die Muttergesellschaft Katanga
Mining Limited (KML) ist auf Bermuda registriert und eine weitere Dienstleistungsgesellschaft
befindet sich in der Schweiz.
Umgehung von Gewinnsteuern und Dividendenzahlungen
In der Demokratischen Republik Kongo müssen die Tochtergesellschaften von Glencorehauptsächlich
Gewinnsteuern, Abgaben auf die Nettoverkaufserlöse, Divi
denden und Lizenzgebühren
entrichten.
KCC und Mutanda Mining haben sich der internationalen
«Initiative für Transparenz in der
Rohstoffindustrie»
(Extractive Industries Transparency Initiative EITI) angeschlossen und legen die
Beträge offen, die sie in Form verschiedener Steuern und Abgaben bezahlen. Leider weist der EITI-Bericht grössere Unstimmigkeiten und Lücken auf. Zudem veröffentlicht weder KCC noch Mutanda
Mining ihre Geschäftszahlen.
Gemäss dem EITI-Bericht besteht der grösste Teil der kongolesisch
en Steuereinnahmen von den
lokalen Glencore-Töchtern aus Bergbauabgaben
auf den
Nettoverkaufserlös sowie Einfuhr-
und
7
Ausfuhrzöllen. Diesem Bericht zufolge haben KCC und Mutanda Mining 2009 19,5 Millionen US-Dollar und 2009 23,9 Millionen US-Dollar Steuern
und Gebühren entrichtet. Glencore gibt an, dass
ihre beiden kongolesischen Töchter 2011 Abgaben in der Höhe von 166 Millionen US-Dollar
leisteten.
Die Abgaben auf Verkaufserlöse scheinen mit den Umsatzzahlen von KCC
übereinzustimmen und es macht den Ansch
ein, dass KCC die in der Demokratischen Republik Kongo
anfallenden Steuern und Gebühren ordentlich bezahlt.
Das Hauptproblem besteht jedoch in der Umgehung der Gewinnsteuern. Die Geschäftsberichte des
Mutterhauses KML zeigen klar, dass KCC in der Demokratischen Republik Kongo Gewinne erzeugt.
Für das Jahr 2010 wurden 304,5 Millionen und für 2011 110,6 Millionen US-Dollar angegeben. Doch
nach
den uns vorliegenden Informationen werden in den Abrechnungen von KCC für beide Jahre
immense Verluste im neunstelligen US-Dollarbereich ausgewiesen.
Diese Verluste scheinen durch
Dienstleistungen und Zinsen an andere Unternehmen innerhalb des Konzerns entstanden zu sein.
Wenn Unternehmen der Glencore-Gruppe KCC Kredite gewähren und andere Dienstleistungen
verkaufen, ver
grössert dies
den Aufwand
der KCC und erhöht die Gewinne der anderen Unternehmen.
Werden solche Dienstleistungen und Zinsen zu hoch bewertet, lässt sich dies nur schwer nachweisen.
Diese Operationen ermöglichen es
Glencore,
in der
Demokratischen Republik Kongo plausible
Verluste auszuweisen.
So schuldet KCC der Demokratischen Republik Kongo denn nur minimale
Gewinnsteuern von einem Promille des Umsatzes statt von 30 Prozent des Gewinns und muss dem
staatlichen Unternehmen Gécamines, das mit 25 Prozent an KCC beteiligt ist, keine Dividenden
bezahlen.
Diese Praxis ist bei transnational agierenden Unternehmen gang und gäbe und anscheinend
völlig legal.
Nach unseren Schätzungen sind der Demokratischen Republik 144,1 Millionen US-Dollar für das
Geschäftsjahr 2010
und 52 Millionen US-Dollar für 2011 entgangen. Es ist nicht realistisch
anzunehmen, dass KCC seit 2008 kontinuierlich rote Zahlen schreibt.
Es mutet auch erstaunlich an, dass
die
staatliche
Gécamines, die mit 25 Prozent am Aktienkapital von
KCC beteiligt und in deren Verwaltungsrat und Geschäftsleitung vertreten ist, diese Praxis duldet,
durch die ihr Dividenden und dem Staat Steuern entgehen.
Unseren Informationen nach Verfügt
KML/Glencore anscheinend über genug Einfluss auf die Geschäftsführung von KCC, um die
Verschiebung von Gewinnen veranlassen
zu können.
Ausserdem haben wir Grund zur Annahme, dass
es bei den lückenhaften
Kontrollen der lokalen
Behörden für die Tochterfirmen von Glencore ein Leichtes ist,
die Bezahlung von Lohnsteuern
für
ihre internationalen Angestellten zu vermeiden und ihre Produktion unterzubewerten.
Da keine detaillierten Daten über die in den einzelnen Ländern erzielten Gewinne verfügbar sind, ist
es unmöglich festzustellen, welche Beträge zwischen den einzelnen Töchtern von Glencore
einschliesslich KCC und MUMI
hin-
und hergeschoben werden und wo die Gewinnen
letzten Endes
versteuert werden.
Studiendesign
Während über einem halben Jahr habenBrot für
alle
und
Fastenopfer
in Zusammenarbeit mit
verschiedenen kongolesischen Nichtregierungsorganisationen Nachforschungen angestellt, um die
Auswirkungen der Unternehmensaktivitäten des Schweizer Konzerns Glencore in der Demokratischen
Republik Kongo zu unter
suchen. Verschiedene Besuche vor Ort sowie Dutzende von Interviews mit
Vertreter/innen der Zivilgesellschaft (Bergleute, Angestellte, Dorfbewohner/innen, Vertreter/innen
von Kooperativen informeller Bergleute und lokalen Nichtregierungsorganisationen) sowie
Vertreter/innen der lokalen Behörden (Gemeindeverwaltung, Bergbaukatasteramt usw.) wurden
durchgeführt, um die Auswirkung der Unternehmensaktivitäten auf die Umwelt und Gesellschaft zu
untersuchen.
Die vorliegende Studie schliesst an den Bericht
«Wie ein
Weltkonzern ein Land
ausbeutet: Das Beispiel von Glencore in der DR Kongo»
an, der im März 2011 veröffentlicht wurde.
Sie ergänzt diesen in mehren Punkten, insbesondere hinsichtlich der Situation der informellen
Bergleute, der Umweltauswirkungen, der Arbeitsbedingungen in den industriellen Abbaubetrieben,
der Lage der betroffenen Gemeinden und der Besteuerung von Glencore und ihren
Tochtergesellschaften. Acht Wochen vor Veröffentlichung dieses Berichts wurde Glencore ein
Fragebogen vorgelegt. Ihre Stellung
nahmen wurden in unseren Bericht integriert, vor allem bei
Punkten, in denen die Sichtweisen nicht übereinstimmen.
Chantal Peyer, François Mercier: Glencore en République Démocratique du Congo: le profit au
détriment des droits humains et de l'environnement. Pain pour le prochain, Action de carême en collaboration avec des organisations de la société civile congolaise, Avril 2012.
Weitere Informationen und Bilder:
www.brotfueralle.ch/de/glencoreinternational



