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Die labyrinthischen Wege der Finanzgebirge Finanzkrise: Der grundnormale Betrug

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Die Politiker tun empört, um gleichzeitig fiebrig das System zu stabilisieren. Was ist neu an der Finanzkrise? Die Überakkumulation von Kapital und Waren ist der kapitalistischen Produktionsweise ja inhärent.

Blick auf die Frankfurter Skyline von der Dachterrasse des Skyline Plaza.
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Bild: Blick auf die Frankfurter Skyline von der Dachterrasse des Skyline Plaza. / Luis Costa (PD)

14. November 2008

14. 11. 2008

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Der Crash verläuft ähnlich den Crashs aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Aber heute auf der oberen Stufe des babylonischen Turmes. Das Kapital hat kein historisches Gedächtnis. Es kann nicht lernen. Es ist ein gesellschaftliches Verhältnis, das, solange es besteht, seine Funktion - die Kapitalvermehrung - vollzieht.

Es funktioniert in immer gleicher Weise. Wie die unkontrollierte Zellteilung eines Krebsgeschwürs. Vor der Krise und nach der Krise. In der Krise werden faulende Teile weggeschnitten, und gestärkt beginnt es seinen profitspeienden Kreislauf aufs Neue.

Drei Millionen kleine und ganz grosse Unternehmen in Deutschland schaffen den über den Markt realisierten Profit aus dem Mehrwert der ausgebeuteten Arbeitskraft von etwa 30 Millionen Lohnabhängigen auf die Banken, um daraus mehr Kapital zu machen. (Ich breche diesen globalisierten Prozess allein der konkreten Vorstellung wegen auf den nationalen Rahmen herunter.)

Die unaufhaltsam steigende Produktivität steigert auch unaufhaltsam den Profit. Profitable Investitionsmöglichkeiten in der Realwirtschaft finden ihre Grenze am gesättigten Markt, bzw. an der geringen Kaufkraft der Lohnabhängigen. Also müssen andere Geschäfte her, die Rendite bringen.

Dies ist Grundlogik der kapitalistischen Produktionsweise und Ausgangsbasis der wundersamen Geldvermehrung. Für die bürgerliche Gesellschaft ein grundnormaler und gesetzmässig verankerter Betrug an den Lohnabhängigen. Dieser grundnormale Betrug ist genau der Zusammenhang zwischen Realwirtschaft und Finanzsystem, der gerne vertuscht wird. Aber das wissen wir alle, seit Karl Marx uns das erklärt hat.

Die Bank ist in dieser Gesellschaft eine Institution von höchster Reputation. In ihr konzentriert sich Sinn und Funktion der kapitalistischen Welt und ihrer Akteure: Vermehrung von Macht und Reichtum mit schwindelnder Effizienz und auf Kosten Anderer. Sie sammelt das überschüssige Kapital der Grosseigentümer, aber auch der kleinen Sparer und Anleger und macht Finanzprodukte daraus, die in der ganzen Welt verkauft, wiedergekauft, gemietet und vermietet, investiert, abgezogen, umgewandelt werden.

Mit immer mehr Gewinn, sodass eine unvorstellbar grosse Kapitalwoge entsteht, mit der die Kapitaleigner die Wirtschaften ganzer Staaten zu ihren Diensten zerstören. Der Hunger ist die Todesursache Nummer eins in der Welt. Das Geld arbeitet, sagt die Bank. Es arbeitet aber nicht. Das tut allein der Mensch. Die Bank wuchert nur mit seinen geschaffenen Werten.

Neu sind die globalen Dimensionen der spekulativ erworbenen Vermögen und damit auch das Ausmass des möglichen Systemeinsturzes, mit den nicht berechenbaren Folgen des realökonomischen Zusammenbruchs. Das traurige Szenarium beginnt bereits bei den "Leiharbeitern".

Ich gehe hier nicht weiter den labyrinthischen Wegen der Finanzgebirge nach. Sie sind dunkel und von absurder Kreativität. Das ist aber durchaus legale kapitalistische kriminelle Energie. Zyklisch enden sie an der Steilwand, wo das eine oder andere "Produkt" aus der virtuellen Kette dann abschmiert, andere mitzieht und ganze Systemteile mit stürzen.

Das Geschrei nach Rettung durch den Staat ist so laut, wie das Geschrei der moralischen Entrüstung. Heerscharen von bürgerlichen "Experten" grübeln jetzt wieder, wo der Fehler im Finanzsystem steckt, das doch im Grunde so prima funktioniert hat. Ihre "Ratschläge" ähneln der Qualität des CO2-Ablasshandels zur Rettung des Weltklimas oder den "Strategien" von Good Governance zur Rettung Afrikas.

Was nun das Eklige an unserer Politikerkaste ist: Sie tut empört und ahnungslos, ruft Pfui, ihr gierigen Heuschrecken, ihr masslosen Manager, um gleichzeitig fiebrig das System zu stabilisieren, welches sie mit ihren Gesetzen und Richtlinien abgesegnet hat und weiter absegnet. Das muss sie auch, denn der Staat ist letztendlich die Dienstleistungseinrichtung für das Kapital. Was immer auch an ideologischen und kulturistischen Mänteln gewoben wird, um dieses zu verschleiern, in der Krise kommt es nackt zutage.

Die Kapitaleigner und die Eigentümer der Produktionsmittel verfügen mit ihrer ökonomischen Macht über die politische Macht. Sie bestimmen und dirigieren Einsatzbereiche, Ziele und Bedingungen des Produktionsprozesses und somit die gesamte gesellschaftliche Entwicklung.

Die Diktatur des Kapitals führt zu einer Politik, die den Reichen zu Diensten ist und die Mehrheit der Menschen als lästige Kosten im internationalen Konkurrenzkampf behandelt. Die jeweilige Regierung hat die Verwertungsbedingungen zu schaffen, die Widersprüche zwischen den Klassen und Schichten im Griff zu halten, sie muss die ideologische Kontinuität sicherstellen, die Alternativlosigkeit zum Kapitalismus behaupten, die "innere Sicherheit" ausbauen usw. Das geht nicht ohne Bigotterie und Gewalt. Aber auch damit geht der Krug nur solange zum Brunnen, bis er bricht.

Fast 500 Milliarden prompt auf den Tisch zur "Rettung" des Finanzsystems. Fast ein Fünftel des gesamten Bruttoinlandsprodukts. Dazu die 25 Milliarden für das Kriegsministerium und einige Milliarden mehr für die Kriegseinsätze in der Welt, um neue Räume für das Kapital zu erobern und abzusichern, damit es genauso weitermachen, sich ausdehnen und die Völker unter seine Stiefel nehmen kann.

Es gibt nur eine Lösung: die Vergesellschaftung der Produktionsmittel und die gesellschaftliche Planung von Produktion und Verteilung. Also die Enteignung der Grosseigentümer. Also die soziale Revolution. Das Problem: Die Bevölkerung sieht das noch nicht, und die Linke traut sich nicht einmal, es zu sagen und noch viel weniger es praktisch zu organisieren.

Die objektiv potenziellen Gegner des Kapitalismus: die Lohnabhängigen, die Gewerkschaften, das gesamte linke Spektrum, sind auf die kapitalistische Krise nicht vorbereitet. Leider. Das Glück dabei: die faschistischen und potenziell faschistischen Kräfte sind es auch noch nicht.

Inge Viett

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