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Bangladesch: Kämpfe der Textilarbeiterinnen | Untergrund-Blättle

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Kämpfe der Textilarbeiterinnen Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie

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2012 starben innerhalb weniger Monate bei Unfällen in drei Textilfabriken über 1500 Menschen. Seitdem berichten auch die Medien in der BRD über die Arbeitsbedingungen in der globalen Textilindustrie, so z.B. während der Fussball-WM über die Produktionsbedingungen der Trikots.

NäherInnen bei der Kleiderproduktion in einer Textilfabrik in Bangladesch.
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Bild: NäherInnen bei der Kleiderproduktion in einer Textilfabrik in Bangladesch. / Fahad Faisal (CC BY-SA 4.0 cropped)

4. März 2015

04. 03. 2015

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Entwicklungsminister Müller plant ein »Aktionsbündnis« zur Verbesserung der »Sozial- und Umweltbedingungen in der internationalen Bekleidungsindustrie«. Zur gleichen Zeit weitet der irische Bekleidungshändler Primark sein Konzept »Fast Fashion« auf beinahe jede deutsche Grossstadt aus. Die im schnellen Wechsel modisch designten billigen Klamotten sind aus schlechtem Material und dementsprechend kurzlebig. Aber Jugendliche und Leute mit wenig Kohle können damit halbwegs up to date rumlaufen. Die Eröffnung einer neuen Primark-Filiale wird mittlerweile nicht mehr nur von den üblichen Gruppen wie der IL oder der Kampagne Saubere Kleidung begleitet, sondern auch von taz bis Welt kommentiert.

Dabei werden auch vermehrt Läden wie KiK aufs Korn genommen, die ganz eindeutig Läden für die Unterschicht sind und wenig mit »Konsumgeilheit« zu tun haben. Eine Verbindung von den Niedriglöhnen der Näherinnen zu den Löhnen der Verkäuferinnen bei KiK wird hingegen selten gezogen. Solche Kampagnen nähren den Mythos, wir KonsumentInnen könnten die Produktionsbedingungen im Kapitalismus »nachhaltig« verändern, wenn wir moralisch richtig einkaufen, und präsentieren die Textilarbeiterinnen als Opfer der skandalösen Ausbeutung, als hilf- und machtlose Subjekte, die von einer starken Gewerkschaft organisiert werden müssten. Dabei haben gerade diese Textilarbeiterinnen in den letzten Jahren massenhaft gestreikt und höhere Löhne durchgesetzt...

Die globale Bekleidungsindustrie

Seit den 70er Jahren kommen vermehrt Klamotten aus asiatischen Ländern auf den Weltmarkt. Allgemein sind die Löhne in der Bekleidungsindustrie die niedrigsten im formellen Sektor der jeweiligen Länder, aber meist deutlich höher als die in der Landwirtschaft oder im Dienstleistungsbereich. Viele Länder mit grosser Textilindustrie galten zunächst als absolute Niedriglohnländer, sind aber im letzten Jahrzehnt in andere Kategorien aufgestiegen: Indonesien, Indien, Vietnam...

In Bangladesch stiegen die Reallöhne in den 1980er und 1990er Jahren trotz des beständigen Wachstums der Textilindustrie nur langsam. Erste wirkliche Lohnsteigerungen gab es Anfang der 2000er Jahre. Seit 2006 kommt es in fast allen asiatischen Produktionsländern zu Kämpfen und die Löhne steigen. Die westlichen Konzerne, mittlerweile fast Marken ohne eigene Fabriken, sehen das mit Sorge. Sie suchen nach neuen Standorten, denken über Insourcing nach, oder vergeben die Logistik an Subunternehmer. Walmart, das für seine rigide Kontrolle der gesamten Lieferketten berüchtigt war, übergibt die gesamte Logistik und Qualitätskontrolle an chinesische Logistikonzerne.

Puma träumt von komplett maschinell – und wieder in Europa – produzierten Sportschuhen. H&M und andere schielen Richtung Afrika (haben bisher aber keine wirklichen Schritte zur Produktionsverlagerung gemacht). Auch Myanmar, ein relativ grosses Land mit Erfahrung in der Bekleidungsproduktion, wurde 2012 von Sanktionen befreit und könnte ein neuer Standort werden.

Bangladesch

2003 wurde Bangladesch mit anderen Ländern mit dem Begriff »next-eleven« zur neuen Hoffnung des Kapitalismus ausgerufen. Es ist (mit Ausnahme von Stadtstaaten wie Singapur oder HongKong) das am dichtesten besiedelte Land der Welt. Die Mehrheit lebt auf dem Land (2010: 72 Prozent), soweit man bei dieser Bevölkerungsdichte von »Land« sprechen kann. Veränderungen in der Landwirtschaft in den letzten Jahrzehnten führten zu starken Produktivitätssteigerungen (drei Reis-Ernten pro Jahr). Damit kann die Bevölkerung gut ernährt werden, aber trotz des fruchtbaren Bodens wird fast nur Reis angebaut.

Hunger gibt es nicht mehr, aber Mangelernährung ist für grosse Teile der Bevölkerung die Regel. Seit den 90er Jahren sinkt das Armutslevel leicht, die Kindersterblichkeit geht zurück. 98 Prozent der Bevölkerung haben mindestens die Grundschule besucht. Diese Veränderungen lassen die alte feudale Ordnung brüchig werden.

Es gibt viele ArbeitsemigrantInnen; sie gehen hauptsächlich in andere asiatische Länder und in die Golfstaaten. Ihre Rücküberweisungen bilden nach dem Textilexport den grössten Posten bei den Deviseneinnahmen des Landes.

Seit den 2000er Jahren nehmen die ausländischen Investitionen zu. Neben Südkorea ist China der wichtigste Investor, die Infrastruktur (Häfen, Telekommunikation) wird von chinesischen Firmen gebaut und viele Fabriken sind in der Regie von chinesischen Unternehmern. Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie

»Am Arbeitsplatz sind sie mit den Widersprüchen der Globalisierung konfrontiert: der Fabrikbesitzer ist möglicherweise aus Korea, der Stoff aus Taiwan, die Fäden aus Indien und das Verpackungsmaterial aus China. Durch ihre Arbeit wird das alles Made in Bangladesh.« (David Lewis, Bangladesh)

2013 exportierte Bangladesch Kleidung im Wert von fast 20 Milliarden Dollar und ist damit einer der wichtigsten Bekleidungsexporteure der Welt. Der Anteil am Gesamtexport betrug rund 80 Prozent, am BIP etwa 15 Prozent. 1982 wurden Klamotten im Wert von sieben Millionen Dollar exportiert, 1999 mit 1,5 Millionen ArbeiterInnen schon für 3,75 Milliarden Dollar. Heute beschäftigt die Branche ungefähr 40 Prozent aller IndustriearbeiterInnen, ca. 3,5 Millionen Menschen, davon 85 Prozent Frauen. Die Zentren der Industrie sind Dhaka und Chittagong, um sie herum liegen acht Freihandelszonen wie Inseln innerhalb des Landes: riesig, vollständig von Mauern umgeben und videoüberwacht. 75 Prozent der Fabriken befinden sich allerdings ausserhalb dieser Freihandelszonen.

Eine typische Textilarbeiterin ist weiblich, jung und entweder frisch vom Land gekommen oder im Slum aufgewachsen. Sie lebt im Slum in der Nähe einer Fabrik oder Freihandelszone. Offiziell ist sie mindestens 14 (auch Kinder werden zu Niedriglöhnen beschäftigt, in der Exportindustrie inzwischen eher selten) und kann im Normalfall etwa 20 Jahre in einer Textilfabrik arbeiten, danach wird es wegen nachlassenden Augenlichts und anderer Abnutzungserscheinungen fast unmöglich. Andere gesundheitliche Probleme sind auf die weitverbreitete Mangelernährung der TextilarbeiterInnen zurückzuführen.

Die Arbeitsbedingungen sind schlecht, viele Fabriken extrem unsicher, Brände und Stromausfälle sind an der Tagesordnung. Seit dem Jahr 2000 starben offiziell 2000 Menschen in den Fabriken, die Mehrheit davon in den letzten drei Jahren. Auch deshalb ist das Anzünden von Fabriken ein häufiges Kampfmittel.

In den letzten Jahren stiegen die Löhne mehrfach: 2010 akzeptierten die Gewerkschaften 28 Euro/ 3000 Taka als Mindestlohn. 2011 war die offizielle Forderung 58 Euro / 5000 Taka, die Verhandlungen scheiterten aber. Der reale Durchschnittslohn soll 2011 etwa 45 Euro betragen haben. 2013 wurde ein Mindestlohn von 67 Euro / 5300 Taka beschlossen.

Das ist immer noch einer der niedrigsten Löhne in der Bekleidungsindustrie und einer der niedrigsten Industrielöhne auf der Welt überhaupt. Er reicht nicht, um in der Stadt zu wohnen, eine eigene Wohnung liegt sowieso jenseits der Vorstellungskraft der TextilarbeiterInnen. Wenn sie von einer Unterkunft sprechen, dann meinen sie meist ein Zimmer, das sie sich mit anderen Arbeiterinnen oder ihrer Familie teilen. Zu Miet- und Essenskosten kommen häufig noch Verpflichtungen gegenüber der Familie und die medizinische Versorgung. Deshalb machen viele Abstriche beim Essen und kaufen Lebensmittel von minderwertiger Qualität.

Die Kampfwelle von 2006 bis 2012

Seit den frühen 90er Jahren gab es regelmässig heftige Kämpfe in der Textilindustrie. Die aktuelle Streikdynamik hatte ihren ersten Höhepunkt im Mai/Juni 2006: Aus Massenstreiks wurden Unruhen, die Hunderttausende mobilisierten und fast die ganze Arbeiterklasse Dhakas einbanden: Die Belegschaften von etwa 4000 Fabriken beteiligten sich an einem wilden Streik, 16 Fabriken wurden niedergebrannt, hunderte geplündert; Hauptstrassen wurden blockiert, die Streikenden lieferten sich am Arbeitsplatz und auf den Strassen der Arbeiterviertel Schlachten mit Polizei und privaten Sicherheitsdiensten. Drei Arbeiter wurden erschossen, tausende verletzt und mehrere tausend inhaftiert. Zur Wiederherstellung der »Ordnung« sah sich die Regierung zum Einsatz der Armee gezwungen.

Daraufhin zogen Arbeiter aus den Industrievororten in die Innenstadt Dhakas, zerstörten Autos und griffen Bürogebäude an. Auf Massendemonstrationen wurde ein Ende der Repression gefordert, die Freilassung inhaftierter ArbeiterInnen, höhere Mindestlöhne, ein arbeitsfreier Tag in der Woche, die Bezahlung von Überstunden, Feiertage, die pünktliche Auszahlung der Löhne usw.

Am Ende stand eine Erhöhung des Mindestlohns, dessen Durchsetzung dauerte allerdings bis Mitte 2007 und benötigte viele Streiks und Riots. Da schlugen aber schon die ersten Krisenauswirkungen durch, die Inflation stieg massiv an und frass die Lohnerhöhung auf. 1

Als Reaktion auf diese massiven Verschlechterungen kam es 2008 im rahmen der der weltweiten Food Riots 2008 zu massiven Riots. In dieser Situation der allgemeinen Mangelernährung entstand eine neue speziell weibliche Kampfform: die sogenannten Gespensterpaniken: einzelne Arbeiterinnen sehen – vor allem auf den Toiletten – Gespenster und reagieren darauf derart hysterisch, dass sie die anderen anstecken, die dann die Fabrik verwüsten. Am Ende fallen alle in Ohnmacht und kommen ins Krankenhaus. Die Toiletten sind die Orte in der Fabrik, wo die Arbeiterinnen alleine sind und wo oft Vergewaltigungen und Misshandlungen stattfinden.

Die Mediziner betrachten das Phänomen als »kollektive Zwangsstörung« oder »Gruppenhysterie«, die sie auf Stress, Überarbeitung und Mangelernährung zurückführen. Einem Arzt zufolge behandelt seine Klinik jeden Monat im Schnitt an die 100 TextilarbeiterInnen wegen Angststörungen. Durch diese Kämpfe haben die Unternehmer zwar nicht die Löhne erhöht, aber 'fair price shops' eingerichtet und eine Inflationszulage von 20 Prozent des Monatslohns gezahlt. 2

2009, 2010 und 2011 kommt es wieder zu ähnlich grossen Streiks und Riots wie 2006, sie halten tagelang an, Zehntausende Arbeiterinnen beteiligen sich. Sie handeln strategisch geschickt, indem sie neben den Fabriken auch die Logistik des Unternehmers angreifen und z.B. schon beladene LKW verbrennen. Sie versuchen die Reaktionszeiten von Polizei und Feuerwehr zu verlängern und die Auseinandersetzung auszuweiten, erst auf die benachbarten Fabriken, dann in die umliegenden Slums und die angrenzenden Industriegebiete. Die Gegenmassnahmen von Polizei und paramilitärischen Einheiten wirken dabei oft als weiterer Zunder. Die Bullen tun sich schwer, gegen die Streikenden vorzugehen, weil sie dafür die Industriegebiete abriegeln müssten und so auch die Fabriken, die gerade nicht bestreikt werden, stoppen würden.

Die meisten Streiks entzünden sich an Problemen in der Fabrik: der Brutalität des mittleren Managements und der direkten Vorgesetzten oder wegen ausstehenden Löhnen. Oft beteiligen sich ganze Stadtteile – aus Demonstrationen werden dann Massenunruhen. Selbst kleine Konflikte haben deshalb das Potenzial zu grösseren Auseinandersetzungen. Das liegt schon an der Lage der Fabriken. Hunderte Fabriken mit Tausenden von ArbeiterInnen liegen eng gedrängt aneinander. Schon der kleinste Funke kann in einer solchen Situation zünden und zu grossen Protesten führen.

Das Massaker von Rana Plaza

Ende 2012 kam es zu mehreren heftigen Fabrikbränden, bei denen viele ArbeiterInnen starben. Im April 2013 brach das Fabrikgebäude auf dem Rana Plaza ein. Hierbei und bei dem Feuer in einer Fabrik in Tazreen starben zusammen mehr als 1200 ArbeiterInnen. Bei den rasch organisierten Rettungsmassnahmen nach diesen Katastrophen, die vor allem von den ArbeiterInnen des Industriegebiets getragen wurden, zeigte sich immer wieder ihre starke Solidarität und Fähigkeit zur Selbstorganisation.

Direkt danach ging eine neue Welle von Streiks und Riots los. Als die Regierung daraufhin im September 2013 eine Überprüfung des Mindestlohns ankündigte, goss sie erst recht Öl ins Feuer. Traditionell streiken und demonstrieren die Arbeiterinnen während solcher Verhandlungen am meisten, da sie nun am meisten Wirkung erzielen. Als einige Arbeiterinnen nicht frei bekamen, um auf eine Demo zu gehen, explodierte die Situation erneut. Ein weiterer Grund war der Umgang mit den Opfern: Statt vier Monatslöhnen, wie sie die Überlebenden von Tazreen bekommen hatten, wollte die Textil-Arbeitgebervereinigung den Opfern von Rana Plaza nur einen Monatslohn Entschädigung zahlen. Die massenhaften Streiks erwirkten die Erhöhung auf vier Monatslöhne – mittlerweile aber klagen die Opfer auf eine höhere Entschädigung.

Ergebnis der Mindestlohnverhandlungen war eine nominell 77prozentige Erhöhung über alle Entgeltstufen hinweg, so dass der Lohn in der niedrigsten Stufe jetzt 5300 Taka (67 Euro) beträgt. Allerdings beträgt der eigentliche Grundlohn nur 3000 Taka, der Rest sind Zuschüsse für Miete, Ärzte, Essen, die in dem Abschluss festgeschrieben wurden. Für die Zukunft wurde eine jährliche Erhöhung des Grundlohns um fünf Prozent beschlossen, was deutlich unter der Inflationsrate der letzten Monate liegt, die zwischen sieben und zwölf Prozent betrug.

Die ArbeiterInnen hatten einen Grundlohn von 8114 Taka gefordert. Als sie von dem Abschluss hörten, gingen sie wieder auf die Strasse und erhöhten ihre Forderung auf 8300 Taka. Hunderte von Fabriken wurden bestreikt, es kam zu massiven Strassenschlachten, gegen die das Militär eingesetzt wurde.

Staatliche Reaktionen und Gewerkschaftsfrage

Nach den Katastrophen der Jahre 2012 und 2013 hat der internationale Druck auf die Unternehmer zugenommen, die Sicherheit ihrer Fabriken zu gewährleisten. Ausserdem gab es verschiedene Selbstverpflichtungen westlicher Firmen. In Europa unterschrieben sie eine Vereinbarung, die die ArbeiterInnen theoretisch einklagen können, in den USA haben 20 Unternehmen, die in etwa 500 Fabriken produzieren lassen, 42 Millionen Dollar zur Instandsetzung der Fabriken zur Verfügung gestellt. Daneben drohte die EU im Sommer 2014, die Zollfreiheit abzuschaffen, falls sich die Bedingungen nicht ändern. Nach Angaben der ILO wurden bis Ende September 2000 Fabriken überprüft, es wurde aber nur ein kleiner Teil geschlossen.

Daneben wurde auch einiger Druck entwickelt, endlich Gewerkschaften zuzulassen. Letztes Jahr hatte die US-Regierung Produkten aus Bangladesch aufgrund der unbefriedigenden Situation der Gewerkschaften die Zollfreiheit aberkannt.

Bisher waren Textil-Gewerkschaften vor allem Anhängsel von Parteien und NGOs, ohne wirkliche Basis in den Fabriken. Theoretisch war es zwar legal, einer Gewerkschaft beizutreten, aber Unternehmer und Staat hinderten ArbeiterInnen an der Ausübung dieses Rechts. Nach Rana Plaza hat der Staat seinen Widerstand gegen Gewerkschaften aufgegeben, gleichzeitig entstehen viele neue Gewerkschaften. Einige wurden von Politikern gegründet, die damit ihre Machtbasis sichern wollen. Der Grossteil der neu registrierten 152 Gewerkschaften kommt aber aus einer anderen Ecke: 142 sollen einer der neun Föderationen angehören, die ihrerseits mit dem Solidarity Center der AFL-CIO verbunden sind, das fast komplett vom amerikanischen State Department finanziert wird.

Die Hauptarbeit des Solidarity Center in Bangladesch besteht darin, existierende und neue Gewerkschaften zu beraten und zu unterstützen. Es zahlt teilweise die Gehälter von Organizern und hilft beim Registrierungsprozess. Solchen Gewerkschaften gelingt dann die Registrierung, während andere, die unabhängig vom NGO-Klüngel bleiben wollen, oft daran scheitern.

Auch die deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit beteiligt sich am Gewerkschaftsaufbau. Gewerkschaften mit guten Verbindungen zu westlichen NGOs sind im Kommen, mit Funktionären aus der gebildeten Mittelschicht, die »von oben« agieren und mit viel Geld und »Organizing« versuchen, sich eine Arbeiterbasis zu verschaffen. Der Weg dahin ist aber noch weit: Aktuell sind noch 94 Prozent aller Textilfabriken ohne Gewerkschaft, und die Unternehmer machen bisher trotz des Drucks kaum Anstalten, den Zugang zu erleichtern.

Wohin entwickeln sich die Kämpfe?

Die ArbeiterInnen haben mittlerweile 30 Jahre Erfahrung im direkten Kampf mit dem Unternehmer ohne Gewerkschaft. Sie haben eine gut organisierte militante Praxis entwickelt und besonders seit 2006 grosse Kämpfe geführt. Die Selbstorganisation der Kämpfe profitiert davon, dass die heutige Generation der Textilarbeiterinnen über eine bessere Bildung verfügt. In ihren Forderungen kam immer der Wille nach einem besseren Leben zum Ausdruck, die meisten Forderungen gingen um genug Lohn zum Leben, Arbeit, die nicht krank macht und keine Misshandlungen. Gerade Arbeiterinnen, die in Slums aufgewachsen sind, wissen, dass sie geschlossen handeln und auf die Strasse gehen müssen, um ihre Ziele zu erreichen. Es ist deshalb völlig normal, im Konfliktfall die Arbeit zu unterbrechen und vor benachbarten Fabriken Streikposten aufzustellen. Die Massenstreiks und Riots der ArbeiterInnen haben politische Auseinandersetzungen wie die Mindestlohnverhandlungen direkt beeinflusst.

Die Behauptung vieler deutscher Linker, die Kämpfe der ArbeiterInnen wären nur Strohfeuer und bräuchten deshalb die Organisierung durch Gewerkschaften und NGOs, ist einfach falsch. Es gibt keinen Grund zu glauben, dass die ArbeiterInnen mit einer »richtigen« Gewerkschaft plötzlich durchsetzungsfähiger würden. Ihre Kämpfe zeigen, dass sie keine wehrlosen Opfer sind, sie haben sich immer wieder gegen Repression und Organisierungsverbote behauptet. Miese Arbeitsbedingungen und niedrige Löhne ziehen sich durch die gesamte globale Produktions- und Lieferkette, von den Fabriken in Bangladesch über die Warenlager bis zum Verkauf bei KiK – auch das haben die Kämpfe der ArbeiterInnen in Bangladesch deutlich gemacht. Nun stehen sie vor der Frage, wie sie sich weiter und besser organisieren können. Informationen darüber und direkte Kontakte zu ArbeiterInnen sind wichtig. Öffentlichkeitskampagnen und andere Solidaritätsaktionen sollten nicht nur ihre Bedingungen international bekannt machen, sondern auch ihre Kämpfe.

Artikel aus: Wildcat #97

Fussnoten:

[1] 2006 lag die Inflation bei über 10 Prozent, 2007 und 2008 stieg sie auf über 20 Prozent: Für normale Arbeiter schlug sie aber noch stärker durch: Der Reispreis stieg 2007 um über 35 Prozent, Speiseöl um 63,12 Prozent, Mehl um 56,94 Prozent, Hülsenfrüchte 26,60 Prozent, Milchprodukte um 27,45 Prozent und Mieten um 21,48 Prozent.

[2] Nach dem Einsturz der Fabrik am Rana Plaza hat Trend Online den Artikel »Tailoring to needs – garment worker struggles in Bangladesh« von Red Marriott von 2010 übersetzt: Er sieht in der hohen Zahl an »Gespensterpaniken« einen Copycat-Effekt: Was vielen Frauen passiert, wird für noch mehr Frauen zum Mittel gegen die Bosse.

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