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Ein altersweiser, grün-katholischer ‚Wachturm‘ gegen antikapitalistisches Denken „ZEIT“-Interview mit dem Ministerpräsidenten Kretschmann

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Im Interview mit der „ZEIT“ klärt der erste grüne Ministerpräsident Deutschlands u. a. über seine Lehren aus seiner Mitgliedschaft in einer kommunistischen „Sekte“ auf.

Winfried Kretschmann ist seit dem 12.
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Bild: Winfried Kretschmann ist seit dem 12. Mai 2011 neunter Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Kretschmann ist der erste von Bündnis 90/Die Grünen gestellte Ministerpräsident eines deutschen Landes. / GRÜNE Baden-Württemberg (CC BY-SA 2.0 cropped)

30. März 2015

30. Mär. 2015

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Winfried Kretschmann blickt zurück und ist über sich entsetzt: “Wie kommt es, dass man als gebildeter Mensch auf einmal in so einer Sekte landet? … Wenn ich heute manchmal am Bahnhof an den Zeugen Jehovas mit ihrem ‚Wachturm‘ vorbeilaufe, denke ich: Ja, so bist Du mit der ‚Kommunistischen Volkszeitung‘ vor irgendeinem grossen Betrieb gestanden.“

Allein die Tatsache, dass Kretschmann damals vor einem Fabriktor stand und dort die kommunistische Zeitung verkaufen wollte, belegt schon, dass seine jetzige Gleichsetzung mit dem ‚Wachturm‘-Missionar sehr wüst gedacht ist. Kretschmann wird damals sicherlich dafür geworben haben, dass die Arbeiter ihren Fabrikherren die Werkzeuge vor die Füsse schmeissen, die Produktion selbst übernehmen, in die damalige Hauptstadt Bonn aufbrechen und ein irgendwie volksfreundliches Staatswesen auf die Beine stellen. Er hing wohl auch dem Credo an, dass das ihre geschichtliche Bestimmung ist und um der nachkommen zu können, eine kommunistische Avantgarde den Lockruf der Umwälzung in den ‚Massen‘ erklingen lassen muss. Von ihrer geschichtlichen Bestimmung haben die Arbeiter nichts gewusst, den Lockruf überhört, ihre Lebensumstände wie selbstverständlich in die Kalkulationen der Fabrikherren gelegt und in staatstreuer Gesinnung den Zeitungsverkäufer Kretschmann bestenfalls ignoriert.

Natürlich konnte ein solcher Zeitungsverkäufer sich fragen: Was ist los mit den Arbeitern, warum sind sie so hartnäckige Parteigänger dieser staatlich geregelten Marktwirtschaft, obwohl sich deren Wohlergehen darin nicht einstellt? Er hätte sich mit deren Gründen fürs Mitmachen beschäftigen und versuchen können, Einwände dagegen aufzubringen usw. Kretschmann zieht jedoch einen anderen Schluss: „Dazu gehört schon eine gewisse Verbohrtheit – immer was hinzuhalten, das eigentlich niemand will, und sich … nicht zu fragen, was machst Du da für einen Blödsinn?“ Weil der Erfolg ausbleibt, also nicht weil etwas Wesentliches seiner Auffassungen widerlegt worden wäre, wird er selbstkritisch und schmeisst seine Kritik an diesen deutschen Verhältnissen ohne irgendeinen Hinweis auf das ‚Wieso‘ des „Blödsinns“ auf den Müllhaufen der Geschichte.

Wenn die Arbeiter am Fabriktor an ihm vorbei gingen, aber wahrscheinlich am Verkaufsstand der „Bild“-Zeitung Schlange standen, dann will er das „…akzeptieren: Der Mensch, wie er geht und steht, ist der Richtige. Und alle Utopien, die sagen, wir müssen erst den Menschen grundlegend verändern, ehe wir in die wirkliche Geschichte eintreten, sind der Anfang von Leid und Terror.“

Kommunistisches Werben am Fabriktor und die Mahnung des ‚Wachturms‘ nach innerer, religiöser Erweckung haben zwar der Sache nichts gemein, denn vor dem Fabriktor ging es ja nicht um eine Veränderung ‚des Menschen‘, aber Kretschmann zaubert die Gemeinsamkeit einfach her, weil er eine Botschaft loswerden will: Grundsätzliche Kritik an der Beschaffenheit dieses Deutschlands verstösst gegen die Menschennatur. Oder anders ausgedrückt als Mahnung eines weisen ‚Landesvaters‘ an junge, kritische ‚Landeskinder‘: „Ich muss lernen, die Welt so zu akzeptieren, wie sie ist.“ Damit verrät Kretschmann, was einen „gebildeten Menschen“ ausmacht: ‚Ja!‘ sagen zu den Grundfesten modernen Wirtschaftens und Regierens. Auf Grundlage dieser Verbeugung dürfen die Regierten dann meinungsäussernd teilnehmen am Für und Wider der Ausgestaltung der gesellschaftlichen Erfordernisse, die die Regierenden ihnen vorsetzen.

Ein solches Credo ist keine Erfindung von Kretschmann. Aber als Wandler vom Saulus zum Paulus ist er unschlagbar authentisch und glaubwürdig.

Berthold Beimler

http://www.zeit.de/2015/12/winfried-kretschmann-die-gruenen-glaube-christentum

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