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Grüsse aus dem Binnenland Wien - Räumung der Pizzeria Anarchia

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Mindestens 1.700 PolizeibeamtInnen haben alles Gerät, das ihnen zur Verfügung steht, aufgeboten, um die „Pizzeria Anarchia“ in Wien zu räumen.

Polizeiliche Räumung der Pizzeria Anarchia in Wien.
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Bild: Polizeiliche Räumung der Pizzeria Anarchia in Wien. / lcm

29. Juli 2014

29. 07. 2014

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Am Ende ist es ihnen – nach einem ganztägigen Einsatz – auch gelungen, inklusive etwa 31 Festnahmen von HausbewohnerInnen und UnterstützerInnen. Dafür befand sich ein grosser Teil des zweiten Wiener Gemeindebezirks den ganzen Tag über im Ausnahmezustand. Mehrere Strassen rund um die „Pizza“ waren gesperrt, es gab Platzverbote und – auch das wird in Wien langsam zur Gewohnheit – vorübergehende Zugangsbeschränkungen zum Ort des Geschehens auch für die Presse.

Die „Pizza“ ist ein Bilderbuchbeispiel für Immobilienspekulation und Gentrifizierung. Das Wohnhaus befindet sich mitten im aufstrebenden zweiten Bezirk in Wien und wechselte in den vergangenen Jahren zwei Mal den Besitzer. Aktuell gehört das Haus der Castella GmbH, die – wie bereits die vorherige Eigentümerin – mit allen Mitteln versucht, die wenigen verbliebenen MieterInnen aus dem Haus zu vertreiben. Es gab seit Jahren keine Instandsetzungsarbeiten, Schäden wurden nicht repariert, Mieten dafür erhöht. Die meisten MieterInnen verliessen nach und nach das Haus, einige blieben, und die Immobiliengesellschaft griff zu härteren Methoden: Psychoterror in der Nacht, Auswechseln von Briefkastenschlössern, Müll ablagern, Wasser und Gas abdrehen etc.pp.

Und dann vor knapp drei Jahren – die vermeintliche Wunderwaffe: die Hausbesitzer überlassen einem Haufen Jugendlichen einen Teil des Hauses. Punks und obdachlose Kids im Haus, so die Überlegung der Besitzer, müssten auch den hartnäckigsten Mieter zum Auszug veranlassen.

Doch alles kam ganz anders: die neuen Bewohner solidarisierten sich mit den vom Hinauswurf Bedrohten und gemeinsam kämpfte die frischgebackene Haus-WG gegen den Versuch der Castella GmbH, die Immobilie aufzuwerten. Die zögerte nicht lange und verschärfte ihre Gangart: Bauarbeiter kamen im Sommer 2012 mitten in der Nacht, um Türen zuzumauern – die gerufene Polizei sah dem Treiben eher teilnahmslos zu. Schliesslich – nachdem alles nichts geholfen hatte – griff die Castella GmbH auf den guten alten Rechtsweg zurück, der im Zweifelsfall dann doch immer im Sinne der Besitzenden funktioniert. Die Räumungsklage ging durch und seit etwa einem halben Jahr war damit zu rechnen, dass diese auch exekutiert wird.

Bild: Massives Polizeiaufgebot vor dem besetzten Haus. / lcm

In den vergangenen drei Jahren hatte sich die „Pizza“ zu einem Kultur- und Sozialzentrum entwickelt. Immer wieder fanden Konzerte, Filmabende, Workshops, Infoveranstaltungen, Feste statt, es gab eine Volxküche, einen Infoladen, einen Kostnix-Laden. Das Haus machte Hoffnung, dass der langsam durch den zweiten Bezirk schleichende Gentrifizierungs-Drachen doch nicht alle Strassenzüge würde erobern können. Der hunderttausende Euro teure Polizeieinsatz zerstörte nicht nur diese Hoffnung, sondern hatte auch den Sinn, allen Beteiligten in aller Deutlichkeit vor Augen zu führen, wie mit zaghaften Versuchen umgegangen wird, Lebensentwürfe jenseits der Interessen von Immobilienspekulanten und Geschäftstreibenden zu realisieren.

Der Bezirk wird zum grösstmöglichen Nutzen letzterer und unter grösstmöglicher Kommerzialisierung aller Bereiche umgestaltet – wem das nicht passt, für den gibt es Räumpanzer und Wasserwerfer. Und um für deren Einsatz einen würdigen Rahmen zu schaffen, werden auch gerne genug Steuergelder in die Hand genommen, um hunderte PolizistInnen aus dem ganzen Bundesgebiet abzukommandieren. Noch ist nicht klar, wie viel die Räumung gekostet hat. Ein paar Kultur- und Sozialzentren hätte man damit aber sicher finanzieren können.

Bild: Polizeiliche Räumung der Pizzeria Anarchia in Wien. / lcm

Was die Räumung für die letzten MieterInnen bedeutet, kann man sich ausrechnen. Diese sind nun wieder allein in dem grossen leeren Haus und seit Neuestem auch ohne Haustüren, denn diese wurden von der Polizei professionell entfernt. Vor allem aber sind sie wieder dem Einschüchterungsterror der Immobiliengesellschaft ausgesetzt – ohne die Unterstützung von einem Dutzend Punks, die mehr als einmal ungebetene, von den Eigentümern bestellte „Besucher“ samt deren Kampfhunden vor die Haustür gesetzt haben.

Peter Schaber / lcm

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