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Über clowneske Leninisten und die autoritäre Versuchung | Untergrund-Blättle

Politik

Der neue Biedermeier-Stalinismus Über clowneske Leninisten und die autoritäre Versuchung

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Es hat etwas unfreiwillig Komisches, wenn Slavoj Žižek (zusammen mit Costas Douzinas) im Vorwort des Sammelbandes »Die Idee des Kommunismus« davon spricht, dass die „Linke, die sich mit dem ‚real existierenden Sozialismus’ verbunden hatte, (…) verschwunden oder zu einer historischen Kuriosität geworden“ sei.

Slavoj Žižek, Alexis Tsipras und Oliver Stone am Subversive Festival 2013 in Zagreb.
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Bild: Slavoj Žižek, Alexis Tsipras und Oliver Stone am Subversive Festival 2013 in Zagreb. / Robert Crc (Licence Art Libre)

25. November 2013

25. 11. 2013

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Denn wie Žižek z.B. in "Die Revolution steht kurz bevor" oder unlängst in "Die bösen Geister des himmlischen Bereichs" unter Beweis gestellt hat, ist er selbst ein wunderbares Beispiel für die Lebendigkeit solcher Kuriositäten. Wie gewandt man sich auch ausdrücken mag, wie wundervoll man von Foucault zu Lacan, zu Deleuze und wem auch immer springt, letztlich bleiben nur altbekanntes: „Revolutionäre müssen geduldig auf den (meist sehr kurzen) Moment warten, in dem das System offensichtlich versagt oder zusammenbricht; dieses kleine Zeitfenster müssen sie nutzen, die Macht an sich zu reissen, die in diesem Moment sozusagen auf der Strasse liegt und greifbar ist, und diese Macht dann festigen, repressive Apparate aufbauen usw., so dass es, wenn die Verwirrung vorüber und die Mehrheit ernüchtert und vom neuen Regime enttäuscht ist, zu spät sein wird, um es wieder loszuwerden, weil es bereits fest verankert ist.“ (Žižek 2011: S.298f.)

Wie nun die breite Rezeption seiner Schriften zeigt, sind solche vermeintlichen Kuriositäten keineswegs zu vernachlässigende Randerscheinungen im gegenwärtigen Diskurs der Linken. Nun ist die Sache bei Žižek vielleicht nicht ganz so klar und ein Grossteil seiner Popularität mag gerade darin begründet sein, dass man ihn im Grunde nicht so recht ernst nimmt. Aber vielleicht sollte man ernst nehmen, was er selbst schrieb: „Auch wenn Berlusconi ein würdeloser Clown ist, sollten wir daher nicht zu sehr über ihn lachen – vielleicht spielen wir nämlich dadurch schon sein Spiel mit.“ (Žižek 2011: S.256)

Repräsentiert jedenfalls Žižek die postmoderne Möglichkeit des Leninismus – in stetem Zusammenspiel mit seinem Kollegen Badiou, der anscheinend immer noch seinen jugendlichen Illusionen über Maos Kulturrevolution nachhängt und diese mit schwammigen Sentenzen über die „Treue zum Ereignis“ schönredet – so flankiert Domenco Losurdo diese Rückkehr zum Altbekannten in der Rolle des Biedermeier-Stalinisten. In Stalin – Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende – einer „beispiellose[n] Weisswaschung des Stalinismus“ (Hanloser 2012: S.30) – zeichnet er das Bild eines putzig väterlichen Stalins, der sich um Ruhe und Ordnung sorgte und dabei halt auch mal – wie die Žižek’schen Revolutionäre – der Mehrheit einen vor den Latz knallen muss. Da Hanloser alles Wesentliche zu diesem Buch geschrieben hat, braucht an dieser Stelle nicht näher darauf eingegangen werden.

Warum aber nun Losurdo mit Žižek in Verbindung bringen? Weil beide eine im Grunde ähnliche Stimmung in den linken Diskurs einbringen. Wo bei Žižek die Zeit der „Zerknirschung und Selbstkasteiung“ vorüber ist (Žižek/Douzinas 2012: S.10), wendet sich Losurdo gegen die „Plage des Selbsthasses“ innerhalb der Linken (Losurdo 2009: S.10). Beide scheinen von einer ungeheuren Sehnsucht danach getrieben, wieder wer zu sein. Und das ist bei beiden mit der Verbreitung von Furcht verbunden.

Bei Losurdo äussert sich das in seiner Trauer über das Vergangene – Stalin nämlich liess die Welt noch erzittern und besass überdies das Renomé eines gestandenen Staatsmannes: „Wenn ‚Times’ 1944 Stalin übrigens zum ‚Mann des Jahres’ ernannte, so muss es doch wohl einen Grund dafür geben“ – bringt Luciano Canfora – Losurdos Bruder im Geiste – im Nachwort von Losurdos Stalin-Buch diese atemberaubende Logik auf den Punkt (in: Losurdo 2012: S.409). Žižek der Dandy-Leninist schert sich um solcherart Anerkennung natürlich nicht, und setzt stattdessen vollständig auf eine „Politik des revolutionären Schreckens“ (Žižek 2011: S.121), welche die Welt wieder in Angst und Schrecken versetzt.

Das von Errico Malatesta aufgeworfene Problem scheint jedenfalls weiterhin zu bestehen: „Es gibt noch immer Menschen, die von der Idee des Terrors fasziniert sind, denen Guillotine, Erschiessungskommandos, Massaker, Deportationen, Galeeren (Galgen und Galeeren, wie mir kürzlich einer der bekanntesten Kommunisten sagte) machtvolle, unerlässliche Waffen der Revolution zu sein scheinen und nach deren Auffassung viele Revolutionen deshalb niedergeschlagen wurden und nicht zum erwarteten Ergebnis führten, weil die Revolutionäre in ihrer Güte und Schwäche die Gegner nicht genügend verfolgt, unterdrückt, massakriert haben. Dies ist ein in gewissen revolutionären Kreisen verbreiteter Irrglaube, der seinen Ursprung in der Rhetorik und den Geschichtsfälschungen der Apologeten der Französischen Revolution hat und in der letzten Zeit von der bolschewistischen Propaganda verstärkt wurde. Aber das genaue Gegenteil ist wahr: Terror war stets Werkzeug der Gewaltherrschaft.“ (Malatesta 1924: S.171)

Christoph Jünke, der vehement gegen den „Neo-Stalinismus“ von Losurdo und Canfora Stellung bezog (Jünke 2007a), hat beim Marxisten Leo Kofler eine klassische Regression an dessen Lebensende diagnostiziert, da sich dieser – seine alten anti-stalinistischen Einsichten ignorierend – „von der eigenen Ohnmacht und der Macht der anderen dumm machen“ liess (Jünke 2007b: S.656). Gerade einer solchen Regression zu entgehen, hatte Adorno als eine „fast unlösbare Aufgabe“ bezeichnet (Adorno 1951: S.63). Mögen wir, aller Rückschläge zum Trotz, die Souveränität besitzen, dieser Versuchung immer wieder aufs Neue zu widerstehen.

Philippe Kellermann

Literatur

Adorno, Theodor W. (1951): Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2003.

Hanloser, Gerhard (2012): Nihilistisches Weisswaschen. Der Philosoph Domenico Losurdo versucht sich an einer absurden Ehrenrettung Stalins, in: a&k. Nummer 576. S.30.

Jünke, Christoph (2007a): Der lange Schatten des Stalinismus. Sozialismus und Demokratie gestern und heute. Köln: Neuer ISP Verlag, 2007.

Jünke, Christoph (2007b): Sozialistisches Strandgut. Leo Kofler. Leben und Werk (1907-1995). Hamburg: VSA Verlag.

Losurdo, Domenico (2009): Flucht aus der Geschichte? Die kommunistische Bewegung zwischen Selbstkritik und Selbsthass. Essen: Verlag Marxistische Blätter.

Losurdo, Domenico (2012): Stalin – Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende. Köln: PapyRossa Verlag.

Malatesta, Errico (1924): Revolutionärer Terror, in: ders. Gesammelte Schriften. Band 2. Berlin: Karin Kramer Verlag, 1980. S.170-173.

Žižek, Slavoj (2011): Die bösen Geister des himmlischen Bereichs. Frankfurt am Main: Fischer Verlag.

Žižek, Slavoj/Douzinas, Costas (2012): Vorwort: ‚Die Idee des Kommunismus’, in: dies. (Hg.). Die Idee des Kommunismus. Band 1. Hamburg: Laika Verlag. S.9-12.

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