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Tunesien: Die Paläste der Macht und der Zorn der Revolution | Untergrund-Blättle

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Politik

Tunesien: Der ausgehölte Luxus Die Paläste der Macht und der Zorn der Revolution

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In den Scherben der verwüsteten Strandvilla spiegeln sich gleichermassen der Grössenwahn des gestürzten tunesischen Diktators Ben Ali wie auch die Visionen der Befreiung.

Ausgebrannte Villa in Tunesien nach der Revolution.
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Bild: Ausgebrannte Villa in Tunesien nach der Revolution. / Sterneck

17. Mai 2013
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Der ausgehölte Luxus

Das monumentale Gebäude überragt den Strand. Einst schien es geradezu über ihn zu thronen. Grosse herrschaftliche Treppen führen hinauf. Den Eingangbereich überragen Säulen, die an die Grösse antiker Reiche erinnern sollten.

Der beeindruckende unverdeckte Ausblick schliesst Meer, Stadt und Land ein, während gleichzeitig die inzwischen an machen Stellen durchbrochenen Mauern einem Einblick auf das Gelände von Aussen verhinderten. Die Küche bzw. die Räumlichkeiten für die Angestellten befanden sich dagegen in einem vom eigentlichen Gebäude abgetrennten Geschoss unterhalb des Bodens.

Über Jahre hinweg wurde das Anwesen am Strand von Hammamet vom Clan des ehemaligen tunesischen Machthabers Ben Ali als eine von zahlreichen Sommerresidenzen genutzt. Doch nun wirkt das Gebäude wie ein ausgehöhltes Symbol der einstigen Diktatur.

Die ehemals weissen Aussenwände sind zum Teil russgeschwärzt und mit Graffiti-Parolen überzogen. Im Inneren gibt es keine Wand, die nicht von zahllosen handgeschriebenen Botschaften geprägt ist. Die grossflächigen Fensterfassaden sind völlig verschwunden. Der Boden ist stattdessen mit Scherben überhäuft, während sich im Swimmingpool entsprechende Trümmer stapeln. Die Holzveranda mit einer eigenen Bar ist abgebrannt, nur ein verkohltes Gestell erinnert daran.

Im Zuge des Aufstandes gegen das Regime Ben Alis wurde das Gelände im Januar 2011 gestürmt und verwüstet. Jahrzehntelang unterdrückte Gefühle fanden hier einen Ausgang.

Die Jasmin-Revolution

Die Jasmin-Revolution begann tragisch mit der Selbstverbrennung des 26-jährigen Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi am 17. Dezember 2010. Sie wurde zu einem Fanal gegen die sozialen und politischen Missstände in Tunesien, die sich in Bouazizis Lebensbedingungen spiegelten. Innerhalb weniger Wochen wuchs der Protest zu einer Massenbewegung an.

Auf Demonstrationen und Streiks reagierte der Staatsapparat mit brutaler Härte. Dutzende unbewaffnete Menschen wurden bei den Protesten erschossen, worauf es mehrfach zu Strassenschlachten kam. Durch die Weigerung von Teilen des Militärs weiter gegen die Bevölkerung vorzugehen, verliert Ben Ali entscheidend an Stärke.

Nachdem er Vermögenswerte in Höhe von rund 500 Millionen Euro ins Ausland transferieren liess, flüchtete Ben Ali am 14. Januar 2011 nach Saudi-Arabien.

In Folge wurde eine Übergangsregierung gebildet, die den Übergang in ein parlamentarisches System ermöglichen soll. Nach Protesten gegen einige Mitglieder, die schon unter Ben Ali führende Positionen einnahmen, musste die Regierung jedoch mehrfach neu zusammengesetzt werden. Schrittweise folgten dann die Freilassung politischer Gefangener, die Aufhebung der Zensur, die Ansetzung von Wahlen und die Verurteilung von Ben Ali in Abwesenheit zu einer langen Gefängnisstrafe.

Im Mittelpunkt der Revolution standen die Forderung nach Meinungsfreiheit, demokratischer Mitbestimmung und Rechtsstattlichkeit, sowie das Ziel eines breiten materiellen Wohlstandes. Das prägende Grundgefühl war Bedürfnis nach freier Entfaltung im persönlichen wie im gesellschaftlichen Bereich ohne repressive Einschränkungen durch ein korruptes System.

Die Grundwerte der Revolution entsprachen einem bürgerlichen Gesellschaftsbild. Islamistische Positionen nahmen dagegen eine völlig untergeordnete Rolle ein. Auch linke revolutionäre Zielsetzungen, die auf eine grundsätzliche Umgestaltung der Gesellschaft zielten, hatten nur einen geringen Einfluss.

Bild: Geplünderte Villa in Tunesien / Sterneck

Trotz der staatlichen Zensur-Bestrebungen nahm das Internet innerhalb der Revolution eine zentrale Rolle ein. Facebook, YouTube und Twitter wurden zu wichtigen Werkzeugen innerhalb der Unruhen. Weitgehend ohne hierarchische Strukturen und traditionelle Organisationsformen wurde es so möglich, selbstbestimmt Informationen über Treffpunkte, Videos von Auseinandersetzungen oder auch Songs mit systemkritischen Inhalten weiterzuverbreiten.

Die Revolution fand dadurch nicht nur auf den Strassen, sondern auch im virtuellen Raum statt. Der handschriftliche Dank an Facebook an der Wand der Sommerresidenz in Hammamet spiegelt dies deutlich wider.

Die Jasminrevolution in Tunesien stürzte einen Diktatur, der nach weit über zwanzig Jahren an der Macht unantastbar schien. Sie bildete dadurch einen Ausgang für die revolutionären Unruhen, die sich in Folge als Widerstand gegen autoritäre Herrschaftssysteme in mehreren nordafrikanischen und arabischen Ländern entfalteten.

Palastsäle für Strassenmusiker

Wie tiefgreifend die Veränderungsprozesse in Tunesien sind, wird sich symbolhaft in der Beantwortung der Frage zeigen, ob die zahlreichen Paläste des einstigen Diktators eine neue Bedeutung erhalten oder ob sie, wie bei so vielen Revolutionen zuvor, zu den Residenzen neuer Machthaber werden.

Zahllose Revolutionen sind versandet, weil sie in wesentlichen Bereichen die Strukturen des alten Systems übernommen und nur die darin tätigen Personen ausgetauscht haben. Um nachhaltige Veränderungen zu bewirken, müssen auf allen Ebenen die Türen aufgebrochen und die Räume mit einem neuen Leben erfüllt werden.

Derzeit sind die grossen Paläste des ehemaligen Diktators in Tunis und Karthago von Militärkräften weiträumig abgesperrt. Sieht man von einigen verwüsteten Residenzen ab, ist eine Besichtigung oder gar eine Nutzung durch die Bevölkerung der Städte nicht möglich.

Bild: Tunesien / Sterneck

Denkbar wäre dagegen beispielsweise die Nutzung der Luxus-Villen als Jugendzentren, Übernachtungsmöglichkeiten für Obdachlose oder Dokumentationszentren. Eine ehemalige Luxussuite kann auch fantasievoll zu einem Spielsplatz für Kinder werden, die in einem Sandkasten spielen, der den ganzen Raum ausfüllt.

Ebenso liessen sich Palastsäle von StrassenmusikerInnen nutzen, die dort zu offenen Sessions einladen.

Einige Gebäude sollten jedoch in ihrer derzeitigen Form erhalten bleiben, wie die Residenz in Hammamet. Das Gebäude wirkt emotional unmittelbar berührend als Mahnmal gegen die Arroganz der Macht, aber auch als Symbol der Möglichkeit gegen derartige Strukturen zu rebellieren und sie zu stürzen, wo immer sie Gestalt annehmen.

Wolfgang Sterneck
www.sterneck.net
www.flickr.com/sterneck/sets

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