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Interview Transphober Übergriff in Chile

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Eine Transgender-Frau im chilenischen Antofagasta wurde brutal zusammengeschlagen. Ein Gespräch mit Alicia Sepúlveda, Arbeiterin und Aktivistin der feministischen Gruppe Pan y Rosas (Brot und Rosen) in Chile.

Antofagasta, Chile.
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Bild: Antofagasta, Chile. / Bachelot Pierre (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

4. Dezember 2013

4. Dez. 2013

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Am 15. November wurde in der nordchilenischen Stadt Antofagasta eine Transgender-Frau brutal zusammengeschlagen. Das löste landesweit Proteste aus. Was ist passiert?

Um sieben Uhr abends kam die 22jährige Kathalina Friedman von ihrer Arbeit in einem Supermarkt nach Hause. Eine Person wartete vor der Tür auf sie, nach einigen suspekten Fragen tauchten acht oder neun weitere auf und prügelten auf sie ein.

Kathalina verlor schnell das Bewusstsein und erlitt offenbar einen epileptischen Anfall. Die Angreifer hatten sie vor allem ins Gesicht geschlagen. Die Nachbarn fanden sie und brachten sie ins Krankenhaus. Nun hat sie eine gebrochene Nase und mehrere Wunden im Gesicht.

Im Krankenhaus musste sie stundenlang warten – die Gesundheitsversorgung in Chile ist sehr prekär, da sie während der Diktatur genauso wie das Bildungssystem privatisiert wurde.

Wie hat die Polizei reagiert?

Die Carabineros (militarisierte Polizei) waren kurz da und sagten Kathalina, sie solle sich beruhigen. Dann verzogen sie sich wieder. Erst nachdem sich Menschenrechtsgruppen einschalteten, wurden Ermittlungen aufgenommen.

Wie sah die Antwort derjenigen aus, die die Interessen der sexuellen Minderheiten vertreten?

Es gab sofort eine grosse Solidaritätskampagne, Kathalina ist nämlich eine anerkannte Sprecherin der LGBTI-Community in Antofagasta. Aus Chile und der ganzen Welt kamen Unterstützungserklärungen. In chilenischen Städten wie Arica, Antofagasta und Santiago und anderswo gab es auch Kundgebungen gegen diesen Überfall. Solche Angriffe gibt es leider täglich in Chile.

Chile gilt als eins der konservativsten Länder Lateinamerikas. Wie leben LGBTI-Menschen dort?

Die grosse Mehrheit gehört nicht zu den oberen sozialen Schichten und ist deshalb zu einer prekären Lebenslage verurteilt: Man wird in der Schule diskriminiert oder gleich rausgeworfen. Wenn du keinen Zugang zum elitären Hochschulwesen hast, müsst du eine prekarisierte Arbeit annehmen, z.B. in einem Call Center oder einem Fast-Food-Laden. Wenn du Transgender bist, kann es sein, dass dir nichts anderes übrig bleibt, als dich zu prostituieren.

Wenn du die Identität nicht annehmen willst, die du nur aufgrund deines Körpers vom System aufgedrückt bekommen hast, wirst du zum Paria. Und der Zugang zur Krankenversorgung ist eingeschränkt, denn es herrscht immer noch die Vorstellung, dass Homosexuelle oder Transgender-Menschen krank seien.

Im Nachbarland Argentinien wurde im Mai 2012 ein Gesetz zur Geschlechteridentität verabschiedet, das die freie Wahl des Geschlechts ermöglicht. Existiert etwas Ähnliches auf der anderen Seite der Anden?

Nein. Es ist alarmierend, dass sich selbst nach Demonstrationen nichts geändert hat, bei denen 100.000 Menschen für die Rechte von LGBTI-Menschen auf die Strasse gegangen sind.

Nachdem der junge Homosexulle Daniel Zamudio ermordet worden war, gab es zwar ein Antidiskriminierungsgesetz. Das setzt aber LGBTI-Menschen mit evangelikalen Sekten gleich, auch christliche Fundamentalisten werden nämlich als Opfer von "Diskriminierung" gesehen.

Am 17. November hat Michele Bachelet die erste Runde der Präsidentschaftswahlen gewonnen. Sie wird wahrscheinlich die nächste Präsidentin Chiles. Wird sie die Situation verbessern?

Die Kandidatin des Bündnisses „Nueva Mayoría“ hat im Wahlkampf versprochen, gleichgeschlechtliche Ehen zu ermöglichen. Während ihrer letzten Präsidentschaft ist sie allerdings noch dafür eingetreten, dass eine Ehe nur zwischen Mann und Frau möglich sein darf – genauso wie sie das gesamte politische und wirtschaftliche Erbe der Pinochet-Diktatur verwaltete. Unsere Rechte bekommen wir nur durch grosse Kämpfe auf der Strasse.

Bachelets Programm sieht auch kein Gesetz der Geschlechter-Identität und damit keine Verbesserungen für Tausende Transgender-Menschen in diesem Land vor. Denen können nämlich grundlegende Rechte verwehrt werden, etwa am Arbeitsplatz. Bachelet ist in einem Bündnis mit konservativen Gruppen wie der Christdemokratischen Partei.

Und was die Rechte der Frauen angeht, wird sich wohl auch wenig ändern, prekäre Arbeitsverhältnisse werden die Norm bleiben. Für das Recht auf Abtreibung gab es eine grosse Demonstration am 25. Juli, aber Bachelet spricht lediglich von einem Recht auf therapeutische Abtreibungen, während wir ein Recht auf legales, kostenfreies, sichere Abtreibung fordern.

Uns steht noch ein langer Kampf bevor, denn in Chile ist ein Land, in dem die Abtreibung ebenso bestraft wird wie eine abweichende sexuelle Orientierung. Aber es ist auch ein Land mit Hunderttausenden, die auf den Strassen zeigen, dass die Stabilität, die die Diktatur hinterlassen hat, ins Wackeln kommt.

Wladek Flakin / (RIO)

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