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Marxistische Debatte Wie geht Planwirtschaft?

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Seit Ende 2020 liegt erstmals eine umfangreiche deutsche Edition der Texte vor, die die holländischen Rätekommunisten um Anton Pannekoek in den 1930er Jahren publizierten (Jacobitz/Königshofen 2020).

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Bild: Restaurant Planwirtschaft in Dresden. / Saalebaer (PD)

9. Dezember 2020

09. 12. 2020

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Natürlich waren deren Positionen, etwa die Kritik an Politik und Ökonomie in Sowjetrussland, bei linken Zirkeln schon länger bekannt. Zuletzt wurden etwa die aus diesem Kreis stammenden „Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung“ wiederveröffentlicht (Lueer 2018), was hier und da zu Debatten über die Alternative führte, die die marxistische Kapitalismuskritik anzubieten hat. Denn kaum kommt man mit einer an Marx orientierten Kritik, schreibt Lueer, „kaum hat jemand einige Argumente gegen die Marktwirtschaft vorgebracht, kommt die Frage, ob man denn tatsächlich Planwirtschaft wolle.“ Dass dies ein Unding ist, soll dabei seit dem Ende des Ostblocks felsenfest stehen!

Im Folgenden wird ein Auszug aus der Rätekorrespondenz Nr. 21 (Texte zu Spanien und zum Anarcho-Syndikalismus vom April 1937) geboten, und zwar zu den Fragen kommunistischer Produktion und Verteilung. Die hier vertretenen Thesen, zu denen sich in der Rärekorrespondenz auch Gegenpositionen samt einer ausführlichen Ausarbeitung in den „Grundprinzipien“ finden (siehe die genannte Publikation sowie ihre Zusammenfassung in: Rätekorrespondenz Nr. 10/11), werden mit einigen Anmerkungen versehen, die die Marxsche „Kritik des Gothaer Programms“ von 1875 in Erinnerung rufen wollen.

„Die ökonomische Organisierung der Revolution“

Angenommen, die militärische Macht der Bourgeoisie sei dadurch, dass die Arbeiter in den hauptsächlichen Industriegebieten, z.B. Europas, die Macht erobert hätten, zum grössten Teil gebrochen, dann droht der Revolution von aussen keine wesentliche Gefahr mehr. Aber jetzt sind die Arbeiter – die gemeinsamen Besitzer der Betriebe – vor die Aufgabe gestellt, diese für die Bedürfnisse der Gesellschaft umwandeln zu lassen. Hierfür sind Rohstoffe nötig. Woher müssen sie kommen? Oder, das Produkt ist fertig: Wohin muss es gesandt werden, wer hat Bedarf daran?

Alle diese Probleme können nicht gelöst werden, wenn jeder Betrieb nach eigener Weise zu arbeiten begänne. Die Rohstoffe für einen jeden Betrieb kommen aus allen möglichen Teilen der Erde und seine Produkte werden an allen möglichen Ecken und Enden verbraucht. Wie müssen die Arbeiter erfahren, von wo sie ihre Rohstoffe beziehen müssen, wie finden die Verbraucher ihre Produkte? Es kann auch nicht aufs Geratewohl produziert werden und es können keine Produkte oder Rohstoffe abgegeben werden, ohne festzustellen, dass sie in zweckentsprechender Weise verwandt werden. Wenn das Wirtschaftsleben nicht sofort zusammenbrechen soll, dann müssen Regelungen getroffen werden, nach denen eine Organisierung der Güterbewegung möglich ist.

Die Bedürfnisse

Hierin liegt dann allerdings die Schwierigkeit. Im Kapitalismus wird diese Aufgabe erfüllt durch den „Freien Markt“ und durch das Geld. Auf dem „Markte“ treten sich die Kapitalisten, die Besitzer der Produkte, gegenüber; hier werden die Bedürfnisse der Gesellschaft festgestellt. Das Mass dafür ist das Geld. Die Preise bringen den ungefähren Wert der Produkte zum Ausdruck. Im Kommunismus dagegen fallen diese an den Privatbesitz gebundenen und ihm entspringenden Einrichtungen weg. Es entsteht also die Frage: WIE MÜSSEN DIE BEDÜRFNISSE DER GESELLSCHAFT FESTGESTELLT UND BESTIMMT WERDEN?

Uns ist bekannt, dass der „freie Markt“ seine Aufgabe nur sehr mangelhaft erfüllt. Die Bedürfnisse, die er misst, sind nicht bestimmt durch die wirklichen Lebensbedürfnisse der Menschen, sondern durch die Kapitalkraft der Besitzenden und durch die Lohnhöhe der einzelnen Arbeiter. Im Kommunismus dagegen geht es darum, die wirklichen Bedürfnisse der Massen zu befriedigen; es muss also das wirkliche Bedürfnis festgestellt werden, und nicht jenes, das abhängt vom Inhalt des Portemonnaies.

Selbstredend können die Bedürfnisse der Massen nicht durch irgendeinen bürokratischen Apparat festgestellt werden, sondern nur durch die Arbeiter selbst. Es kommt hierbei nicht in erster Linie darauf an, ob die Arbeiter fähig sind, dies selbst zu tun, sondern es handelt sich dabei um das Verfügungsrecht über die gesellschaftlichen Produkte. Lässt man einen bürokratischen Apparat darüber verfügen, welche Bedürfnisse die Masse haben darf, so ist hiermit ein neues Machtinstrument über die Arbeiterklasse geschaffen. Für die Arbeiter ist es darum notwendig, sich in Verbraucher-Genossenschaften (Kooperationen) zusammenzuschliessen und so selbst den Organismus zu schaffen, der ihre Bedürfnisse zum Ausdruck bringt.

Genau dasselbe gilt für die Betriebe. Dort sind es die in den Betriebsorganisationen vereinigten Arbeiter, die feststellen, wie viel Rohstoffe usw. sie für das von ihnen herzustellende Produkt nötig haben. Es gibt also nur ein Mittel, um im Kommunismus die Bedürfnisse, und zwar die wirklichen Bedürfnisse der Massen, festzu-stellen, nämlich die Organisation der Produzenten-Konsumenten, der Arbeiter in Betriebsorganisationen und Verbrauchergenossenschaften.

Gesellschaftliche Buchhaltung

Nun genügt es aber noch nicht, wenn die Arbeiter wissen, was zu ihrem Lebensunterhalt nötig ist und dass die Betriebe wissen, wie viel Rohstoffe usw. sie haben müssen. Die Betriebe untereinander beliefern sich gegenseitig, es findet ein Stoffwechsel statt, die Produkte durchlaufen in den verschiedenen Phasen mehrere Betriebe, bevor sie in den Verbrauch eingehen können. Um diesen Prozess aufrecht erhalten zu können, ist es nötig, nicht nur Quanten festzustellen, sondern auch zu administrieren.

Wir kommen so auf den zweiten Teil des Mechanismus, der den „Freien Markt“ ablösen muss, nämlich die ALLGEMEINE GESELLSCHAFTLICHE BUCHHALTUNG. Diese wird die Angaben, die sie von den verschiedenen Betrieben und Verbrauchergenossenschaften erhält, zu einem übersichtlichen Ganzen verarbeiten müssen, welches einen genauen Einblick in die Bedürfnisse und Möglichkeiten der Gesellschaft gestattet.

Die Errichtung einer solchen zentralen Buchhaltung ist unerlässlich, wenn die Gesamtproduktion nicht im Chaos untergehen soll. Zumindest dann, wenn der Privatbesitz an den Produktionsmitteln und mit ihr der „Freie Markt“ beseitigt ist. Oder besser gesagt, der „Freie Markt“ kann nicht eher verschwinden, ehe nicht eine derartige Organisation des Güterverkehrs mittels der Produzenten- und Konsumenten-Genossenschaften und der zentralen Buchhaltung ins Leben gerufen ist. Wir haben hier mit einem der schwerwiegendsten Probleme jeder proletarischen Revolution zu tun, und der Syndikalismus steht ihm ohnmächtig gegenüber. Würden die Arbeiter die Feststellung der Anteile des Einzelnen einfach einem „statistischen Büro“ in die Hände geben, dann hätten sie damit eine Macht geschaffen, die durch sie nicht mehr kontrolliert werden kann. Umgekehrt dagegen, wenn die Arbeiter in den Betrieben einfach das Recht haben, sich einen willkürlichen Teil zu nehmen, ist ebenfalls eine geordnete Produktion ausgeschlossen.

Das Problem steht also im Grunde folgendermassen: Wie sind die beiden, auf den ersten Blick entgegengesetzten Dinge, alle Macht den Arbeitern, also grösstmöglicher Föderalismus, und planmässige Regelung der Produktion, also äusserster Zentralismus miteinander zu vereinigen?

Die Arbeitszeitrechnung

Die Antwort auf diese Frage ist nur zu geben, wenn man von einer Betrachtung der Grundlagen der gesamten gesellschaftlichen Produktion ausgeht. Die Arbeiter in den Betrieben geben allesamt an die Gesellschaft ein und dasselbe Ding, nämlich ihre Arbeit. Hierdurch erst werden sie zu vollwertigen Mitgliedern der kommunistischen Gesellschaft. In einer Gesellschaft ohne Ausbeutung, wie sie die kommunistische ist, kann es darin gar nicht anders sein, als dass die Arbeit, d.h. das, was der Einzelne der Gesellschaft gibt, der Massstab ist für das, was er von der Gesellschaft an Konsumtionsmitteln zurückempfängt.

Im Produktionsprozess werden die Rohstoffe zu für die Konsumtion brauchbaren Produkten durch die Hinzufügung von Arbeit. Für ein „statistisches Büro“ würde es heute völlig unmöglich sein, die in den jeweiligen Produkten steckende Arbeit festzustellen. Das Produkt ist durch unendlich viele Hände gegangen, eine unübersichtlich lange Reihe von Maschinen, Hilfsmitteln, Rohstoffen und Halbfertigprodukten wurden zu seiner Fabrikation verwendet. Welches zentrale statistische Büro könnte alle diesen Summen zu einem übersichtlichen und für die Reproduktion brauchbaren Ganzen verarbeiten?

Andererseits dagegen ist es für den einzelnen Betrieb sehr gut möglich, wenn ihm mitgeteilt wurde, wie viel Arbeitszeit die von ihm gebrauchten Rohstoffe befassen, festzustellen, wie viel Arbeitszeit er selbst verwandte, und aus diesen beiden Summen durch einfache Addition die Menge der bisher im Produkt kristallisierten Arbeitszeit anzugeben. Weil nun alle Betriebe miteinander im Produktionsprozess verbunden sind, ist es eine Kleinigkeit für den Einzelbetrieb aus allen erhaltenen Angaben die Gesamtmenge der Arbeitszeit, die im fertigen Produkt steckt, zu berechnen.

Ebenfalls einfach ist es, durch Division von verwandter Arbeitszeit durch Produktenmenge die gesellschaftlich durchschnittliche Arbeitszeit für das einzelne Produkt anzugeben. Diese letztere Grösse ist nun bestimmend für den Konsumenten: Um ein Produkt zu erhalten, muss er lediglich den Nachweis bringen, dass er die im Produkt steckende Arbeitszeit in anderer Form bereits an die Gesellschaft gegeben hat. Hier ist also jede Ausbeutung ausgeschlossen; jeder empfängt, was er gibt, jeder gibt dem, von dem er empfängt, nämlich die gleiche Summe gesellschaftlich-durchschnittlicher Arbeitszeit. Für ein zentrales statistisches Büro, welches den einzelnen Arbeiterkategorien „ihren“ Teil zuweist, ist im Kommunismus kein Platz.

Die Menge, die der einzelne Arbeiter verzehrt, wird nicht von „oben“ bestimmt, sondern jeder Arbeiter bestimmt durch seine Arbeit selbst, wie viel er von der Gesellschaft zurückfordern kann. Eine andere Möglichkeit zur Festlegung des Verhältnisses zwischen Geben und Nehmen kann es im Kommunismus (zumindest in seiner ersten Phase) nicht geben. Statistische Büros haben lediglich die Aufgabe der Administration, sie können auch aus den erhaltenen Einzeldaten gesellschaftliche Durchschnittswerte berechnen u. dergl. Sie sind ein Betrieb wie alle anderen Betriebe auch, be-sondere Rechte kommen ihnen nicht zu. Dort wo ein Zentrales Büro andere Funktionen, Machtfunktionen ausübt, ist kein Kommunismus, sondern Ausbeutung, Entrechtung, Kapitalismus.

(Auszug aus „Die ökonomische Organisierung der Revolution“: Jacobitz/Königshofen 2020, S. 461ff)

„Jeder empfängt, was er gibt“? Kritische Nachfrage

Die hier aufgeführte Position, die in der Arbeiterbewegung Tradition hat und die auch im Kreis der Rätekommunisten zur Sprache kam (wo sie dann, wie gesagt, auf Widerspruch stiess), verdient eine genauere Betrachtung. Die Absage an den freien Markt und die Profitwirtschaft wird in solchen Konzeptionen deutlich. Aber, das ist die entscheidende Frage, werden dabei nicht wieder – jetzt im Gewand der kommunistischen Umgestaltung der Produktion – bürgerliche Organisationsprinzipien vorgeschlagen? Soll der Gerechtigkeitsgedanke, auch wenn der Kapitalismus abgeschafft ist, für die Organisation der gesellschaftlichen Arbeit und die Verteilung der Produkte massgeblich sein?

Müssen für eine nachkapitalistische Produktionsweise, wie heute einige Autoren vorschlagen, vor allem ethische Normen – sei es der Fairness, sei es der Solidarität, sei es der Gleichheit aller Menschen – wiederbelebt werden? Selbst ein Autor wie Hannes Giessler Furlan, der sich mit Marx näher befasst hat, kündigt sein Buch („Verein freier Menschen? Idee und Realität kommunistischer Ökonomie“, 2018) mit der Feststellung an: „Ihrer Idee nach sollte die kommunistische Gesellschaft viel gerechter als die kapitalistische sein...“

Das ist das Gegenteil von dem, was Marx wollte. Die Idee der „wertgerechten“ Verteilung, die sich auf ihn beruft, kann zwar dafür einen Beleg finden (siehe seine „Kritik des Gothaer Programms“, MEW 19, 22). Aber Marx hat das Verfahren, Stundenzettel über die geleistete Arbeit auszugeben und so wirkliche Äquivalenz des Gebens und Nehmens herzustellen, dort nur in Rücksicht auf das noch bornierte bürgerliche Bewusstsein und als Schritt auf dem Weg zu einem anderen Prinzip – „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“ – zur Sprache gebracht (was ja im obigen Textauszug anklingt). Das endlich wahr gemachte Äquivalenzprinzip soll und kann nicht die Leitlinie für eine vernünftige Planwirtschaft sein. Marx schreibt in der „Kritik des Gothaer Programms“ (MEW 19, 20) zur Gleichheitsforderung im Bezug auf das individuelle Arbeits-Input und Verteilungs-Output:

„Es herrscht hier offenbar dasselbe Prinzip, das den Warenaustausch regelt, soweit er Austausch Gleichwertiger ist. Inhalt und Form sind verändert, weil unter den veränderten Umständen niemand etwas geben kann ausser seiner Arbeit und weil andrerseits nichts in das Eigentum der einzelnen übergehen kann ausser individuellen Konsumtionsmitteln. Was aber die Verteilung der letzteren unter die einzelnen Produzenten betrifft, herrscht dasselbe Prinzip wie beim Austausch von Warenäquivalenten, es wird gleich viel Arbeit in einer Form gegen gleich viel Arbeit in einer andern ausgetauscht. Das gleiche Recht ist hier daher immer noch – dem Prinzip nach – das bürgerliche Recht, obgleich Prinzip und Praxis sich nicht mehr in den Haaren liegen, während der Austausch von Äquivalenten beim Warenaustausch nur im Durchschnitt, nicht für den einzelnen Fall existiert.“

Eine Anmerkung zum Verhältnis von Prinzip und Praxis: Die ins Auge gefassten Stundenzettel würden nur die individuellen Stunden angeben, nicht die Durchschnittsstunden, die für die Herstellung eines bestimmten Produkts erforderlich sind. Sonst würde wieder das Prinzip der abstrakten Arbeit, dem sich die individuellen Stunden unterwerfen müssen, als äusserer Massstab regieren, wie das beim Warentausch der Fall ist. Die gesellschaftliche Buchführung einer geplanten Produktion muss aber ihren Berechnungen den Durchschnitt zugrunde legen. Der individuelle Stundenzettel zeigt nur an: X Stunden Arbeit wurden geleistet, von welcher Art auch immer (wobei in einer arbeitsteiligen Gesellschaft natürlich alle Teiltätigkeiten für die gesellschaftliche Reproduktion unverzichtbar sind: Was würde der Arzt ohne Arzthelferin, Reinigungskräfte, Pharmazeuten etc. machen?). Nur bei Zetteln, die die tatsächlichen Stunden erfassen, würden sich Prinzip – Wert als die verausgabte tatsächliche Arbeit und nicht die dem Durchschnitt unterworfene Arbeit – und Praxis nicht mehr in den Haaren liegen.

Marx fährt fort: „Trotz dieses Fortschritts ist dieses gleiche Recht stets noch mit einer bürgerlichen Schranke behaftet. Das Recht der Produzenten ist ihren Arbeitslieferungen proportionell; die Gleichheit besteht darin, dass an gleichem Massstab, der Arbeit, gemessen wird. Der eine ist aber physisch oder geistig dem andern überlegen, liefert also in derselben Zeit mehr Arbeit oder kann während mehr Zeit arbeiten; und die Arbeit, um als Mass zu dienen, muss der Ausdehnung oder der Intensität nach bestimmt werden, sonst hörte sie auf, Massstab zu sein. Dies gleiche Recht ist ungleiches Recht für ungleiche Arbeit. Es erkennt keine Klassenunterschiede an, weil jeder nur Arbeiter ist wie der andre; aber es erkennt stillschweigend die ungleiche individuelle Begabung und daher Leistungsfähigkeit der Arbeiter als natürliche Privilegien an. Es ist daher ein Recht der Ungleichheit, seinem Inhalt nach, wie alles Recht.“ (MEW 19, 20f)

Dass eine zukünftige klassenlose Gesellschaft nach der Entwicklung der Automatisierung, die der Kapitalismus mittlerweile mit der Digitalisierung auf eine ganz neue Stufe gehoben hat, diese als allgemeine Grundlage ihrer Produktion nutzen wird, ist klar. Das gilt, auch wenn sie nicht den kapitalistischen Massstäben der Konkurrenz um Produktivitätsvorsprünge folgen wird – oder denen, die den „moralischen Verschleiss“, also die Entsorgung nicht mehr profitabler Produktionsmethoden, rücksichtslos gebieten. Mit dem Prinzip der Gleichheit, das das Verhältnis von Arbeitseinsatz und -ertrag in der Produktion regiert, lässt sich aber nicht begründen, warum auch noch viel Arbeitsaufwand für andere Aufgaben zu leisten ist, etwa für Bildung oder Pflege. Das ergibt sich vielmehr aus den Notwendigkeiten einer gesellschaftlichen Reproduktion, der täglichen, wöchentlichen, jährlichen Erhaltung des gesellschaftlichen Lebenszusammenhangs. Und dazu hat Marx in der „Kritik des Gothaer Programms“ einiges aufgeschrieben.

Planung statt Zettels Traum

Mit den Worten von Marx (MEW 19, 18f): „Nehmen wir zunächst das Wort ‚Arbeitsertrag‘ im Sinne des Produkts der Arbeit, so ist der genossenschaftliche Arbeitsertrag das gesellschaftliche Gesamtprodukt. Davon ist nun abzuziehen:

Erstens: Deckung zum Ersatz der verbrauchten Produktionsmittel.
Zweitens: zusätzlicher Teil für Ausdehnung der Produktion.

Drittens: Reserve- oder Assekuranzfonds gegen Missfälle, Störungen durch Naturereignisse etc. Diese Abzüge vom ‚unverkürzten Arbeitsertrag‘ sind eine ökonomische Notwendigkeit, und ihre Grösse ist zu bestimmen nach vorhandenen Mitteln und Kräften, zum Teil durch Wahrscheinlichkeitsrechnung, aber sie sind in keiner Weise aus der Gerechtigkeit kalkulierbar.

Bleibt der andere Teil des Gesamtprodukts, bestimmt, als Konsumtionsmittel zu dienen. Bevor es zur individuellen Teilung kommt, geht hiervon wieder ab Erstens: die allgemeine, nicht direkt zur Produktion gehörigen Verwaltungskosten. Dieser Teil wird von vornherein aufs bedeutendste beschränkt im Vergleich zur jetzigen Gesellschaft und vermindert sich im selben Mass, als die neue Gesellschaft sich entwickelt. Zweitens: was zur gemeinschaftlichen Befriedigung von Bedürfnissen bestimmt ist, wie Schulen, Gesundheitsvorrichtungen etc. Dieser Teil wächst von vornherein bedeutend im Vergleich zur jetzigen Gesellschaft und nimmt im selben Mass zu, wie die neue Gesellschaft sich entwickelt. Drittens: Fonds für Arbeitsunfähige etc., kurz, für, was heute zur sog. offiziellen Armenpflege gehört. Erst jetzt kommen wir zu der ‚Verteilung‘, die das Programm, unter Lassalleschem Einfluss, bornierterweise allein ins Auge fasst, nämlich an den Teil der Konsumtionsmittel, der unter die individuellen Produzenten der Genossenschaft verteilt wird.“

Unter diesen veränderten Bedingungen wird das Interesse allgemein, durch produktivere Arbeit das „Reich der Freiheit“ zu vergrössern. Denn der echte Reichtum besteht aus der Freiheit von der Arbeit und aus der individuellen Entfaltung, die sie ermöglicht – was übrigens auch bedeutet, dass die Trennung von Hand- und Kopfarbeit überwunden wird. Der produktive Gesamtarbeiter wird zwar nicht gleich aus lauter Wissenschaftlern bestehen, aber die Basis gesellschaftlicher Arbeit, wie sie im Kapitalismus besteht, wird abgeschafft: nämlich die verblödende, abstumpfende und alle Körperkräfte verschleissende Hand- oder Bildschirmarbeit, d.h. die Momente, die diesen Tätigkeiten nicht per se innewohnen, sondern durch die vom Profitsystem erforderte Intensität und Vereinseitigung erzwungen werden.

Solche Positionen, wie sie im Textauszug der Rätekorrespondenz anklingen, fallen also hinter die Kritik von Marx zurück. Den „unverkürzten Arbeitsertrag“ und seine „gerechte Verteilung“ (wie es bei den Lasalle-Anhängern hiess) zum Prinzip zu machen, kann nicht die Planung der gesellschaftlichen Arbeit und die Organisation der Distribution anleiten. Das war der Einspruch von Marx gegen das Gothaer Programm, mit dem die SPD damals auf den Plan trat (und deren Chefs die Marxsche Kritik bezeichnender Weise jahrzehntelang geheim hielten). Der Ausgangspunkt für eine vernünftige Planwirtschaft ist die gesellschaftliche Arbeit und nicht die gerechte Endkonsumentenverteilung – etwa nach dem Motto: Ich kriege so viel Stunden raus, wie ich reingegeben habe.

Planung vs. Markt

Übrigens: Auch im Kapitalismus wird geplant! Neben der absoluten Kleinlichkeit der geplanten Arbeitsvorgänge in jedem Privatunternehmen (ob Familienbetrieb, Mittelstand oder Aktiengesellschaft), auf dass möglichst keine Produktionsmittel brachliegen, sondern ständig effektiv angewandt werden – man spricht hier von der erforderten Auslastung –, liegen alle Faktoren einer gesellschaftlichen Produktion vor: Gebrauchsgüter zum Lebensunterhalt, Maschinen zum Bearbeiten der jeweiligen Naturgegenstände und sogar die Ermöglichung einer fast vollständigen Automation bei der Naturveränderung für menschliche Bedürfnisse, Bedingungen einer ständigen Mehrproduktion, ja sogar Überproduktion von Gütern, gesellschaftliches Verkehrswesen für die Verteilung weltweit, jährliche Reproduktion des gesellschaftlichen Wirtschaftslebens samt sozialen und kulturellen Errungenschaften.

All das gibt es nur mit einem „Schönheitsfehler“: dass nämlich der Zusammenhang dieser ganzen – wirtschaftlichen und politisch-verwaltungsmässigen – Faktoren als ständige Konkurrenz von sämtlichen Beteiligten organisiert ist. Und warum? Weil die Privateigentümer mit ihren Fabriken usw. ohne Rücksicht auf die Abhängigkeit vom Markt Produkte für die Gesellschaft herstellen, in der (mit aufwändigen Werbemassnahmen befeuerten) Erwartung, dass möglichst ihre gekauft werden statt die der anderen. Die Waren sind für sie das Mittel, um den darin enthaltenen Wert (plus Mehrwert), Resultat der verausgabten Arbeit, zu realisieren – man spricht ja bei Unternehmen von Wertschöpfungsketten, erinnert also an den von dem Produkt getrennten abstrakten Wert, der sich in Geld ausdrückt als dem für alle Waren gültigen Äquivalent; mit dem lässt sich dann alles kaufen und wiederum der Überschuss investieren, um erneut diese selbstständige Form des Werts zu erlösen. Antrieb und Zweck dieses Kreislaufs ist es, aus Geld mehr Geld zu machen – bei Marx in der Formel G – G‘ ausgedrückt. Der Gesamtzusammenhang kommt den Herrschaften, die über die Produktion bestimmen, daher nur negativ, als Abhängigkeit von den Notwendigkeiten ihres Kreislaufs, in den Blick. Ihre Freiheit ist das Privateigentum – und nicht die persönliche Freiheit der gesellschaftlichen Individuen.

Daher sind in jedem Bereich krisenhafte Über- oder Unterproduktionen, allseitiger Kampf der Lobby um Staatsaufträge, Konkurrenz um Einflussgebiete auf dem die Erdteile umspannenden Weltmarkt usw. an der Tagesordnung. Dadurch wird das Massverhältnis aller Faktoren einer gesellschaftlichen Produktion ständig gestört und es stellt sich immer erst im Nachhinein über die dauernde Schwankung um den Durchschnitt her – was die Teilnehmer dann als Krise ihres Betriebs oder ihrer Branche, als Zerstörung der Natur oder Kampf um Ressourcen und die Arbeitenden als permanente, krankmachende Leistungsanforderung, als Arbeitslosigkeit oder, je nach Weltgegend, als absolute Nutzlosigkeit (ohne Einkommen, abhängig von den Almosen internationaler Organisationen usw.) erfahren.

Eine vernünftige Planung der Ökonomie wird heute auch einiges mehr in den Blick zu nehmen haben als die blosse Reproduktion am jeweiligen Standort. Zuerst wird man den Hunger in der Welt abschaffen, was vielleicht schnell geht (wie die UN-Sonderkommission für das Recht auf Nahrung schon ermittelt hat), dann die Naturzerstörung beheben, was länger dauern dürfte, dann müsste man den Produktionsapparat umbauen etc. – und erst danach käme der gesellschaftliche Klärungsprozess, ob man irgendwelche ausgefallenen Luxusgüter herbei- und anschaffen soll. Die Durchführung solcher Klärungen werden die auf ihrer ganz persönlichen Meinungsfreiheit bestehenden Produzenten-Konsumenten dann sicher auch mit Hilfe der Wissenschaft und deren Erkenntnisstand lösen können.

Sabrina Zimmermann

Nachweise

Hans-Peter Jacobitz/Thomas Königshofen (Hg.), Gruppe Internationaler Kommunisten (Holland), Internationale Rätekorrespondenz 1934 – 1937. Fulda 2020, ISBN 979-8551636052, 504 S., 13,16 Euro. (Kann über amazon.de bezogen werden.) Alle Texte der Rätekorrespondenz sind auch auf www.raetekommunismus.de nachzulesen.
Hermann Lueer, Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung. Kapitalismuskritik und die Frage nach der Alternative, Band 3. Hamburg (Red & Black Books) 2018.
MEW 19, Karl Marx, Kritik des Gothaer Programms (1875). Marx-Engels-Werke, Berlin 1978. Link: http://www.mlwerke.de/me/me19/me19_013.htm

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