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Rundgang durch den Kapitalismus | Untergrund-Blättle

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Die Ursache des Elends Rundgang durch den Kapitalismus

Politik

Dieser Überblick einiger Gedanken soll Anstoss sein, sich näher mit der Erklärung der kapitalistischen Ökonomie und ihrer demokratischen Herrschaftsform zu befassen.

Obdachloser in Mexiko City, Oktober 2014.
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Bild: Obdachloser in Mexiko City, Oktober 2014. / Tomascastelazo (CC BY-SA 4.0 cropped)

22. August 2022
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Die Freiheit, zum Zwecke der privaten Bereicherung die anderen Gesellschaftsmitglieder von Grund und Boden und Produktionsmitteln (Maschinen, Fabriken, Rohstoffe) und den mit ihnen hergestellten Gütern auszuschliessen, ist gleichbedeutend mit der Mittellosigkeit der grossen Mehrheit der Bevölkerung (Armut). Diese grosse Mehrheit ist unfähig gemacht ihr Leben zu reproduzieren (bestreiten). In ihrer Mittellosigkeit werden sie deshalb zum blossen Mittel für den ihnen fremden Zweck der Vermehrung des Eigentums der Produktionsmittelbesitzer (z.B. durch Lohnarbeit).

Diese Freiheit, Produktionsmittel und die mit ihnen hergestellten Güter zu Eigentum zu erklären, garantiert der Staat mit seiner Gewalt. Eigentum ist ein gewaltsames Ausschlussverhältnis zwischen Menschen in Bezug auf eine Sache.

Mit dem Eigentum werden die Arbeitsprodukte (gegenseitiger Ausschluss!) zu Waren, die sich in einem bestimmten Verhältnis austauschen (z.B.: 20 Ellen Leinwand = 1 Rock oder 20 Ellen Leinwand sind 1 Rock wert). Oder: Die „Leinwand“ drückt ihren Wert im Gebrauchswert „Rock“ aus. (Bemerkung: Arbeitsprodukte sind nicht von sich aus Waren!)

In einer auf Grundlage gemeinschaftlicher Produktionsmittel kooperativ produzierenden Wirtschaft käme niemand auf den Unsinn so verschiedene Dinge wie Äpfel, Tische, Medikamente und Fahrräder vergleichbar zu machen. In einer solchen Gesellschaft hätten die Arbeitsprodukte einzig die Bestimmung (= kennzeichnende Eigenschaft) Gebrauchswert zu sein. Der Gebrauchswert wäre der Zweck der Produktion.

Als Waren bekommen die Arbeitsprodukte aber die zusätzliche Bestimmung einen (Tausch-)Wert zu haben bzw. ein (Tausch-)Wert zu sein. Dabei verkommt ihr Gebrauchswert zum blossen Mittel, zur Voraussetzung des Werts. Der Gebrauchswert ist nicht länger Zweck der Produktion, sondern der Tauschwert.

Die Waren können ihren Wert prinzipiell im Gebrauchswert aller anderen Waren ausdrücken. Im historischen Verlauf hat sich ergeben, dass die Waren ihren Wert in einer besonderen Ware ausgedrückt haben. Diese besondere Ware (Edelmetalle, weil teilbar, beständig, transportabel) wurde darüber zur Geldware (Gold- und Silbermünzen). Der von den Waren selbst losgelöste und selbst als eine Ware neben ihnen existierende Tauschwert ist Geld.

Da es beim Geld nicht auf den besonderen Gebrauchswert ankommt, sondern nur auf seine Werteigenschaft, konnte es im weiteren historischen Verlauf durch staatlich garantiertes Papiergeld ersetzt werden. Dies setzt voraus, dass der Staat die Garantie dafür übernimmt, dass das Geld mit seinem entsprechenden Wert für den Austausch der Waren verbindlich als Äquivalent (Gleichwertiges) dient.

Im Geld ist der Wert in eine Form gebracht, in der er unmittelbar in alle anderen Waren umgesetzt werden kann. Mit Geld hat man die Macht über die Warenwelt und die Kommandomacht über fremde Arbeit zur Vermehrung seines Eigentums. Ohne Geld besteht Ausschluss von allem und man verelendet neben vorhandenen Nahrungsmitteln und sonstigen Konsumgütern.

Schon beim einfachen Warentausch ist nicht mehr der Gebrauchswert der Zweck der Produktion, sondern der (Tausch-)Wert.

Damit ist das Geld als selbständige Existenzform des Werts der Zweck der Produktion.

Wenn sich Waren in einem bestimmten Verhältnis tauschen, muss es etwas gemeinsames Drittes in ihnen geben, das sie vergleichbar macht. Dies ist die Tatsache, dass sie Produkte menschlicher Arbeit sind.

Dabei sind sie nicht vergleichbar in den besonderen Arbeiten, durch die sie entstanden sind (Tischler-, Weber-, Schneiderarbeit), sondern in der abstrakten menschlichen Arbeit der puren Verausgabung von menschlichem Hirn, Muskel, Nerv, Hand. Die sich tauschenden Waren enthalten gleiche Quanta abstrakter menschlicher Arbeit.

Arbeitsprodukte haben nicht an sich einen Wert, sondern erhalten einen solchen erst in Eigentumsverhältnissen, die zum Warentausch führen. Ohne Tausch existiert kein Wert und damit auch kein Geld.

Da die Warenproduzenten in der Marktwirtschaft (= Kapitalismus) in keinem gesellschaftlichen Zusammenhang stehen und ohne gesellschaftliche Planung produzieren, entscheidet sich erst auf dem Markt, ob und inwieweit ihre individuelle Arbeit überhaupt gesellschaftlich nützlich war.

„Wertgesetz“: Der Wert einer Ware ist bestimmt durch die für ihre Herstellung im gesellschaftlichen Durchschnitt notwendige abstrakte menschliche Arbeit. Ihr Mass ist die Zeit.

Das heisst: Ein ungeschickter und/oder mit veralteten Produktionsmitteln arbeitender Privatproduzent, der für die Herstellung der Ware doppelt so lang braucht wie ein anderer, produziert deshalb nicht eine Ware mit doppeltem Wert. Für die Bestimmung des Werts ist die im gesellschaftlichen Durchschnitt notwendige Arbeit massgebend.

Das Wertgesetz setzt sich durch die Konkurrenz der Warenproduzenten um die zahlungsfähige Nachfrage auf dem Markt durch. Wer zu teuer produziert muss seine Preisvorstellungen nach unten korrigieren oder er bleibt auf seinen Waren sitzen. Wer dagegen mit fortschrittlichsten Produktionsmitteln arbeiten lässt, kann einen Extraprofit erzielen, solange diese fortschrittlichen Produktionsmittel nicht von allen Produzenten eingeführt worden sind. Dieser Extraprofit ist die Triebfeder für die Einführung neuer produktiverer Maschinen/Technik. Dieser Fortschritt der Technik hat im menschlichen Verstand und in der Arbeitsteilung seinen Grund (und entgegen landläufiger Meinung nicht in der kapitalistischen Wirtschaftsform).

Die Arbeitskraft ist eine Ware wie jede andere auch und unterliegt damit dem „Wertgesetz“: Ihr Wert bestimmt sich durch die zu ihrer Reproduktion im gesellschaftlichen Durchschnitt notwendige Arbeit.

Die Arbeitskraft schafft während ihrer Tätigkeit mehr Wert als sie selbst auf dem Markt kostet; die Differenz zwischen dem Wert der von ihr hergestellten Produkte und dem dafür gezahlten Lohn ist die Quelle von „Mehrwert“ = Gewinn, um den sich die Meute (Grundbesitzer, Kapitalisten, Banken, Staat) streitet. Der Mehrwert ist umso grösser, je länger und intensiver und bei je niedrigeren Löhnen gearbeitet wird.

Das lässt sich auch so sehen: Der Arbeitstag zerfällt in zwei Abschnitte. Während des 1.Teils schafft der Arbeiter Produkte im Gegenwert seines Lohns, während des 2.Teils für den Kapitalisten unentgeltlich den „Mehrwert“. Mit wachsender Produktivität und Ausbeutung steigt der Mehrwertanteil auf Kosten des Lohnanteils. Die Produzenten werden ärmer.

In der Marktwirtschaft ist der Gewinn der Zweck der Produktion. Damit muss der Lohn (= Lebensunterhalt der Produzenten) als Kost, also als Abzug vom Gewinn, gering sein. Dies können die Kapitalisten gegen die Arbeiter (sofern diese sich dagegen nicht zusammentun!) aufgrund deren Konkurrenz gegeneinander um Arbeit auch durchsetzen. (Bemerkung: Wenn sich die Arbeiter zusammentun, ist das System Kapitalismus am Ende!!!) Es geht also offensichtlich nicht um gute Versorgung der Leute (Produzenten), sondern um Wachstum des von den Kapitalisten angeeigneten Reichtums. Von diesem Reichtum nimmt sich der Staat seinen Teil. Diese Teilhabe am von den Kapitalisten angeeigneten Reichtum (Mehrwert) erklärt das staatliche Interesse an der Einrichtung und Aufrechterhaltung einer derart unsinnigen Ökonomie.

Da diese Ökonomie den Schaden der grossen Mehrheit der Bevölkerung notwendig zur Folge hat, stellt sich die Frage, warum sie dennoch Zustimmung geniest. Die Leute haben ein „falsches Bewusstsein“ von dieser Gesellschaft und Ökonomie und ihrer Rolle darin: Es kursieren Ideologien wie z.B. „Jeder sei seines Glückes Schmied“; „die Marktwirtschaft böte lauter Chancen, die es nur zu nutzen gälte; im Falle des Schadens seien Chancen lediglich verpasst worden, eingetretener Erfolg dagegen würde selbstverständlich die Überlegenheit, Vorzüglichkeit und Erfolgsfähigkeit der eigenen Person beweisen“; usw. usf. Dieses falsche Bewusstsein wird ihnen von den Nutzniessern und ihren Institutionen nahegelegt und von den Konkurrenzsubjekten leider bereitwillig und unkritisch angenommen: Durch Politik, Unternehmer, Medien, TV, Schule, bürgerliche „Wissenschaft“, Religion, Psychologie usw. usf. Die Herrschaft und ihre Helfershelfer fabrizieren schliesslich die herrschende öffentliche Meinung! Das falsche Bewusstsein ist notwendig für den Bestand dieser Ökonomie. Rohe Gewalt allein reicht dazu nicht aus.

Die Ursache des Elends ist hausgemacht und liegt in der Eigentumsordnung des Staates, die diese Ökonomie erst begründet; und nicht im Ausland, irgendwelchen Ausländern, Flüchtlingen, Juden oder anderen „Sozialschmarotzern“ und Schädlingen.

Die Bürger wollen im Staat ihr Mittel sehen, weil sie bei der Verfolgung ihrer Interessen (z.B. durch Lohnarbeit ihren Lebensunterhalt zu verdienen) auf die staatlichen Regelungen (Mietrecht, Lebensmittelordnung, staatliche Sozialpolitik mit Arbeitsrecht und -schutz, Arbeitslosengeld, Krankenversicherung und Rente, staatliche Elendsbetreuung im Falle von Erwerbslosigkeit) total angewiesen sind. Diese Vorstellung ist der Keim/Kern des Nationalismus. Sie übersehen dabei geflissentlich, dass gerade der Staat ihre Misere durch seine Eigentumsordnung verursacht hat, also nicht Helfer in ihrer elenden Lage, sondern deren Urheber ist.

Die Demokratie ist eine Herrschaftsform, in der die modernen Untertanen selbstbewusst und der freien Meinung sind sowie in der Einbildung leben, sie hätten etwas zu melden; sie wähnen sich als die Herren. Aber: Bei der Wahl steht nicht zur Auswahl, ob Herrschaft oder Kapitalismus sein sollen oder nicht, sondern nur das Personal der Herrschaft. Das Ergebnis der Wahl ist auf jeden Fall eine Regierung, also der Fortgang der Herrschaft.

Die gewählten Parlamentarier sind dann nur ihrem eigenen Gewissen verpflichtet, an „Aufträge und Weisungen nicht gebunden“ und damit ausdrücklich von der Bindung an den Wählerwillen freigesetzt (Art. 38 Abs.1 GG; kein imperatives Mandat). Dies gibt der demokratischen Regierung die nötige Freiheit und Souveränität bei ihren Entscheidungen gegen die machtlosen Interessen der grossen Mehrheit der Bevölkerung und zugunsten der machtvollen Interessen von Kapital und Staat.

Dieser Überblick einiger Gedanken soll Anstoss sein, sich näher mit der Erklärung der kapitalistischen Ökonomie ( = beschönigend „Soziale Marktwirtschaft“) und ihrer demokratischen Herrschaftsform zu befassen.

123schulkritik.de

Buchempfehlungen zum Text:

Hermann Lueer, Kapitalismuskritik und die Frage nach der Alternative, Red&Black Books, 4.Aufl., Mai 2021

Die Misere hat System: Kapitalismus, Gruppen gegen Kapital und Nation, www.gegner.in

Karl Marx, Das Kapital, Dietz-Verlag, Berlin, MEW Band 23, ISBN 3-320-00225-2

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