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Postautonomie und Empathie | Untergrund-Blättle

Politik

Plädoyer für eine anschlussfähige politische Praxis Postautonomie und Empathie

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Seit den 2000er-Jahren ist in der deutschen Linke das Konzept der Postautonomie aufgekommen, das die Defizite der autonomen Bewegung aufheben, ihre innovativen Momente aber bewahren will.

1000 GestaltenKunstAktion zum G20Gipfel auf dem Burchardplatz in Hamburg.
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Bild: 1000 Gestalten - KunstAktion zum G20-Gipfel auf dem Burchardplatz in Hamburg. / Frank Schwichtenberg (CC BY-SA 4.0 cropped)

10. Juni 2019

10. 06. 2019

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Kritisiert wurden viele Aspekte: die Heinz-Schenk-Debatte monierte Geschichtslosigkeit, Subkulturalismus und Unverbindlichkeit, Geronimo Marulanda konstatierte einen quasi-neoliberalen Individualismus und die Leninisten vermissen die zentralistische Organisierung. So diskussionswürdig diese Punkte sein mögen, so wenig lag ihnen ein gemeinsamer Ausgangspunkt zu Grunde, von dem aus sich sich eine theoretische Perspektive eröffnen liesse. Ich möchte das postautonome Selbstverständnis daher um die Perspektive der Empathie ergänzen.

Nur wer im politischen Alltag eine empathische Verbindung zum erreichenden Subjekt aufbauen kann, kann verstehen, welche Strategie die tatsächlich erfolgversprechende ist. Sie fragt nicht „Was denke ich?“, sondern „Was denkst du?“ - und daraus resultierend: wo liegen gemeinsame Berührungspunkte? Von einer solchen empathischen Analyse ausgehend, wird nicht nur verständlich, warum sich die Autonomen in den Niedergang begeben haben. Auch die Konzepte avantgardistischer Parteikommunisten, resignierter Ideologiekritiker und einzelne Praxen postautonomer Gruppen selbst können damit kritisiert werden.

Dieser Text ist daher ein Plädoyer für eine, vom Gesichtspunkt der Empathie ausgehende, anschlussfähige politische Praxis, die vor allem, aber nicht nur, für postautonome Gruppen, aber auch für Parteien und nicht-linke Interessensgruppen der Zivilgesellschaft gültig ist.

Politik als Flirt

Persuasive Kommunikation funktioniert immer nach dem gleichen Prinzip. Ganz gleich ob ihr Kommunikator Lidl ist oder Greenpeace, Coca-Cola oder die CDU. Es geht nicht darum, wer die besseren Argumente hat. Sondern wie sie verpackt sind. Persuasive, und damit auch politische, Kommunikation funktioniert wie ein Flirt. Wenn ich nur etwa daran denke, wie aufregend, wie geheimnisvoll, wie spannend die Tage im besetzten Hambacher Forst verliefen. Wäre es meine erste Protestaktion gewesen, hätte mich dieses Art von „Date“ sicher dazu verführt, weiter in die linke Bewegung hineinzuschnuppern. Wenig geschmeichelt hingegen fühle ich mich von den monotonen Infoständen, die in den Fussgängerzonen um Aufmerksamkeit buhlen.

Dieser Aktivismus entspricht doch vielmehr dem Liebhaber-Typus eines um Aufmerksamkeit bettelnden Stalkers, der mit Liebesbriefen statt Flyern drängt. Manchmal aber lernen sich Kommunikator und Rezipient auch in der gemeinsamen Flüchtlingsinitiative, im Bündnis, kennen. Worin liegt also das Erfolgsrezept? Anders ausgedrückt: kommen nur wir auf die Rezipienten zu oder kommen wir aufeinander zu, weil wir ein gemeinsames Interesse haben? Erfolgreiche Agitation entsteht also aus der Reziprozität von Kommunikator und Rezipient. Nun sind linke Erklärungsmuster meist komplexer, und bedürfen einem Mehr an Taktik als die simplen Erzählungen von Rechts.

Linke Erklärungen müssen zwar auch zunächst auf einer oberflächlichen Ebene ansetzen, dann aber nach und nach in die Tiefe gehen, so wie sich auch ein Flirt sukzessive steigert. Politische Praxis ist empathisch. Das Falscheste, was ein Kommunikator tun kann um seine Ideen zu verbreiten, ist die Empathie aufzugeben und sie der „revolutionären Ungeduld“ (Wolfgang Harich) zu opfern. Ist er der einfühlsame Charmeur oder der plumpe Macker?

Missionarismus oder Empathie?

Wöchentlich organisieren Aktivisten in den Grossstädten Szenekundgebungen, jeden 1. Mai marschieren vermummte Rotfrontkämpfer durch Kreuzberg und jüngst trafen sich in Regensburg 150 Autonome zu einem selbsternannten „Bauernaufstand“. Gleichzeitig fragt sich die radikale Linke immer wieder: „Warum sind wir nur so wenige? Wie werden wir mehr?“ Doch warum sollten Bürger sich denn mit ihren Ideen überhaupt auseinandersetzen? In den westlichen Ländern dominieren immer noch stabile materielle Lebensverhältnisse, aller Prekarisierung zum Trotz. Gesetzlich sind dem bürgerlichen Subjekt so viele individuelle Freiheiten wie noch nie in der Geschichte garantiert, Kriege kennt es nur aus dem Fernsehen und mit Antagonismus identifiziert es die Machtverhältnisse in „Mittelerde“. Kritik wird also nur dann fruchtbar, wenn sie an die Realitäten der bürgerlichen Lebenswelten anknüpft, wenn sie eine empathische Bindung zum Subjekt herstellt, wenn die Kritik nicht missionarisch, sondern synthetisch formuliert ist.

Auch die Propagandaforschung weiss: Propaganda kann „nicht aus dem Nichts heraus agieren und völlig neue Themen auf der Agenda platzieren. Vielmehr muss sie an Stimmungen und Themen anknüpfen, diese bündeln und zuspitzen. Trifft diese Wirkungsvermutung zu, ist Propaganda nur noch zur Hälfte der Agent der sie betreibenden Gruppen. Zur anderen Hälfte wird sie zur Ausdrucksform von Bedürfnissen der Empfänger. Sie ist also ein Medium, in dem Interessen verhandelt werden, und sie kann nur Erfolg haben, wenn sie authentische Interessen ‚von unten‘ vertritt. Diese Reziprozität - die Antizipation von vorhandenen Interessen durch Propagandisten und die Akzeptanz und Weiterverbreitung der auf sie zugeschnittenen Propagandabotschaften durch die Rezipienten - ist nach heutigem Verständnis der eigentliche Kern der Propagandakommunikation“.

Denn guter Rat ist wie Schnee. Je leiser er fällt, desto länger bleibt er liegen.

Credibility-Konzepte

Wenn die Aufhebung von Ware und Herrschaft nur auf einen Mangel an Wissen zurückzuführen wäre, dann hätten wir es leicht. Dann würden sich linke Gegenerzählungen ja quasi von selbst vermehren, sie würden sich kraft ihrer Wahrheit exponentiell verbreiten. Doch Politik ist nicht nur eine Frage der Information, sondern auch unterbewusster, mitunter auch ideologischer, Bewertungsmuster.

Unter dem Stichwort der „Source Credibility“ wird in den Kommunikationswissenschaften geforscht, „welche Bedeutung der Person oder Institution, von der eine Nachricht stammt, für deren Rezeption beigemessen wurde. Hier konnte recht eindeutig belegt werden, dass die dem Kommunikator beigemessenen Eigenschaften (etwa: Seriösität, Glaubwürdigkeit) zentral für die Decodierung einer Botschaft sind: Desto angesehener die Quelle, um so höher auch die Bereitschaft des Publikums, ihr Glauben zu schenken.“

Zentral ist also der Kommunikator. Hier kommt die Bedeutung von Prominenten, Influencern, Experten, Stiftungen, Gewerkschaftssekretäre, und weiteren Schlüssel-Instanzen zur Geltung. Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob ein Flyer zum Sturz des Kapitals aufruft oder die Tagesschau.

Nicht minder wichtig sind weitere Faktoren der Credibility: was wird gesagt? Wie wird es gesagt? In der Psychologie ist längst bekannt, dass Provokation eher zu Ablehnung als zu Identifikation führt. Ob Hasstiraden auf „die Gesamtscheisse“ oder die „Scheissbullen“ so gut ankommen? Hier spielen auch Fragen der Ästhetik eine Rolle wie etwa die Gestaltung von ansprechenden Websites. In welchem Rahmen? Auf einem Marktplatz wirkt eine politische Rede beispielsweise weitaus weniger seriös als auf einem Kongress oder einer Messe. Und welche Wirkungen gehen von einer Demonstration aus? Finden bunte und kreative Proteste Anschluss oder in Schwarz getränkte Kundgebungen? Und falls der Empfänger die Nachricht einem bestimmten Spektrum oder einer speziellen Weltanschauung zuordnen kann: welche Stellung hat dieses Milieu und diese Weltanschauung in der Gesellschaft? Die Antworten, welche Schlussfolgerungen daraus zu ziehen sind, sind mehr als offensichtlich.

Wandzeitungen, Agitation vor Werkstoren, ritualisierte Kleinkundgebungen, Graffitis – all das sind zumeist nur Formen missionaristischer Propaganda. Diese Methoden sind - je nach Kontext – keineswegs unbedingt falsch. Sie dienen aber oftmals nur der illusorischen Selbstbestätigung des eigenen unablässlichen Engagements, deren Erfolg, das agitierte Bewusstsein, sich natürlich nicht messen lässt und seine Selbstbestätigung daher kapitalistische Methoden gewinnt, wie die Situationistische Internationale einst formulierte: Man sei „gezwungen, das produzierte und verteilte Material, die Rekrutierung, die ausgeführten Aktionen zu bilanzieren; was natürlich nie misst, was man behauptet, zu messen.

Logischerweise führt das dazu, dass man glaubt, was messbar ist, sei ein Selbstzweck. Stellt euch den Kapitalisten vor, der, da er kein Mittel findet, um den Wert seiner Produktion zu bemessen, sich entscheidet, sich auf die Menge Öl zu stützen, welche seine Maschinen verbrauchen. Sehr schnell, unter dem Druck eifriger Vorarbeiter, würden die Arbeiter Öl in den Abfluss schütten, um die Produktion anzukurbeln.“ Unfähig, das angestrebte Ziel zu erreichen, kann der Missionarismus nur die Arbeit imitieren.

Nicht zuletzt steht der Missionarismus oftmals Methoden entgegen, die ihre Stärke aus der Interaktivität ziehen: Podiumsdiskussionen, Blockaden, Umsonstläden sind weitaus dynamischer als starre Informationskonfrontation.

Zwischenschritte

Eine empathische Strategie will sich dem Subjekt nicht aufdrängen, sondern fragt nach seiner Situierung: „Was sind deine Wünsche?“. Wo befinden sich Bruchlinien zwischen Alltagsbewusstsein und hegemonialer Ideologie, an denen angeknüpft werden kann? Auf Arbeitsplatzrationalisierungen könnte das Konzept des Grundeinkommens entgegnet werden, auf Unternehmensabwanderungen mit der Einführung von Regionalwährungen, auf die neoliberale Doppelbelastung von Frauen mit dem Ausbau von Kitas, auf die Überlastungen der modernen Arbeitswelt mit der Idee der Arbeitszeitverkürzung undsoweiter.

Eine solche Perspektive schliesst das in der Ferne liegende Revolutionskonzept (zumindest vorerst) aus und antwortet zunächst mit Zwischenschritten. Vielfach wurde richtigerweise benannt, dass das die Integration linker Politik in die Organisierung des Alltags mit einschliesst (Betriebskämpfe, Mieterberatung, Frauenhäuser, präfigurative Praxen). Es umfasst aber auch Reformforderungen, die an den Staat gestellt werden. In diesem Sinne ist ein „radikaler Reformismus“, wie ihn Joachim Hirsch proklamiert, weitaus erfolgversprechender, als ein inhaltsleerer Revolutionsfetisch. Wenn die Bewegung dadurch an Akzeptanz gewinnt, wird auch der Revolutionsidee schrittweise ihr utopischer Charakter entzogen.

Somit ist auch ein moderner, emanzipatorischer Parlamentarismus ein notwendiger Bestandteil progressiver Praxis, als Zusammenspiel von Bewegung und Parlament, als Kampf „in and against the state“ (John Holloway). Die Gefahr der Integration durch die Zwänge des kapitalförmigen Staates ist zwar real. Doch wenn keine linke Partei die Flüchtlingspolitik mitbestimmt, dann tut es eben die SPD. Für Fliehende macht das einen Unterschied, weil davon ihr Überleben auf dem Mittelmeer abhängt. Das „Integrationsargument“ offenbart sich daher als widersprüchlich. Soll DIE LINKE sich etwa selbst auflösen? Selbst wenn, so würde sich eine neue „Linkspartei“ gründen. In Italien war das die linkspopulistische Querfront namens „Fünf-Sterne-Bewegung“.

Der Vulgärradikalismus

Noch vielerorts vegetieren die Untoten des Vulgärradikalismus. Doch das rote Fahnenmeer, das Gerede vom „Klassenfeind“, vom „Proletariat“ oder dem „Kampf gegen die Unterdrückung“ ist ein Relikt längst vergangener Zeiten, wieder unfähig, sich in das bürgerliche Subjekt hineinzuversetzen. Und auf wie vielen Demos wird die „Revolution“ herbeigebrüllt – und somit die (viel wahrscheinlichere) Perspektive der Transformation ausgeschlossen. Hier überschneiden sich Autonome und Traditionsmarxisten. Die Revolution wirkt alleine schon des Begriffs wegen völlig überzogen und aggressiv, eine Aggressivität, mit der sich der Rezipient aber nicht identifizieren kann. Die Forderung nach einer Revolution wird viel mehr als „pubertär“ bewertet. Schliesslich ist dafür auch weit und breit keine Mehrheit zu sehen, die Idee gilt deswegen als naiv-utopische Spinnerei.

Gruppen wie die „Revolutionär Organisierte Aktion XY“ verbleiben daher notwendig marginalisiert. Die Kritik der Marginalisierung darf sich also nicht nur auf die Organisationsfrage reduzieren. Sondern sie fängt beim Wording an. Die Parallele zur PR-Forschung ist hier ganz bewusst gezogen. Darunter fällt im Übrigen auch die universalisierte Floskel „Kapitalismus abschaffen“: „Diese leere Phrase, mit der Sozialdemokratie, Nazis, Konservative und Ökos alle etwas anfangen können und unter der alle etwas anderes verstehen“.

Propaganda des Bildes

Die deutsche Postautonomie hat verstanden, dass unter allen Methoden militanter Praxis, anschlussfähige Massenblockaden das zielführendste Mittel sind. Freilich sehen das nicht alle so. Am Hamburger G20-Gipfel versuchten die Autonomen, wie ein Szene-internes Plakat verriet, „mit der Asche ihrer Welt“ die ersehnten Utopien zu „düngen“. Dass die Hamburger Krawalle keine Zustimmung, sondern eine ungeheure Denunziationsspirale in den bürgerlichen Medien hervorriefen, liege nur an den Gewalttouristen in der Schanze. Stattdessen hätten die Rauchsäulen über Hamburg, wie Jan-Ole Arps in der analyse&kritik schrieb, „im Zusammenspiel mit den Bildern vom Gipfel […] eine bildliche Wahrheit über die Gewalt im Kapitalismus gesendet, die global verstanden wird“. Doch dieser Schein trügt.

Die Bilder, die „Riots“ erzeugen, werden keineswegs global verstanden. Denn als Bilder repräsentieren sie notwendigerweise nur das, was sie abbilden: die Kritik an Mc-Donalds und Deutsche Bank. Die dahinter liegende, viel komplexere Marx´sche Kritik des sich selbst verwertenden Werts bleibt hingegen gänzlich unvermittelt. Das macht anschlussfähigen, vermittelbaren Interventionismus nicht falsch, widerlegt aber den Mythos der „Propaganda der Tat“. Medial inszenierte Riots besitzen keine aufklärerische, sondern eine Bild-Dimension. Der Hamburger Black Block war ein Höhepunkt des Reformismus.

Negative Kritik statt Utopismus

Es ist kein Zufall, dass die meisten marxistisch inspirierten Politiker, wie etwa Gregor Gysi, sich zurückhaltend nur „demokratische Sozialisten“ nennen. In Zeiten, in denen der Kommunismus mit der Sowjetunion gleichgesetzt, der Mensch biologistisch definiert wird und die Extremismustheorie hegemonial ist, ist diese Vorsicht für Gysi&Co Karriere-rettend. Politische Organisationen dürfen sich derzeit, zumindest in ihrer öffentlichen Namensgebung, nicht explizit auf die Utopie beziehen. Politische Organisationen können sich, zumindest derzeit, nicht als „kommunistisches Bündnis“ oder „anarchistische Gruppe“ bezeichnen.

Wir dürfen nicht fragen, welche Inhalte wir vermitteln wollen, sondern welche wir vermitteln können. Es gilt daher nicht – positiv - die Utopie, sondern – negativ - die kapitalistische Systematik zu erklären! Die Systematik von Inwertsetzung, Tausch, Konkurrenz usw. Oder überspitzt formuliert: Lieber ein Vortrag zur Bankenkrise als über Spanien 1936. Das bedeutet nicht, sich in abstrakter Ideologiekritik zu üben, Positiventwürfe sind wichtig, solange sie sich auf Reformen beziehen. Statt unbedeckter Werbung für den „Kommunismus.supergeil“ (Um´s Ganze) sollten lieber vermittelbare Konzepte wie die Arbeitszeitverkürzung, das „buen vivir“ oder die 4-in-1-Perspektive in den Fokus rücken.

Dieses taktische Gebot ist auch kein opportunistisches Unglück. Denn die Utopie lässt sich nicht ohne die ihr zugrunde liegende Kritik verstehen. Erst aus der Negation der Gesellschaft folgt die Utopie. Denn „nicht in der positiven Bestimmung dessen, was sie will, sondern in der Negation dessen, was sie nicht will, konkretisiert sich die utopische Intention am genauesten“ (Arnhelm Neusüss). Das weiss jeder, der schon einmal versucht hat, zu erklären, weshalb die Arbeitszeitverkürzung mit einem vollen Lohnausgleich einhergehen kann. Ohne Analyse der Produktivkraftentwicklung schüttelt nur Jeder den Kopf.

Seien es die Anarchisten, das Ums-Ganze-Bündnis oder die DKP. Sie alle ignorieren diese Tatsache und propagieren explizit eine positive Utopie. Aber wer stellt schon beim ersten Date einen Heiratsantrag?

Bündnispolitik? Gramsci lesen!

Die dualistische Vorstellung der Autonomen als allgemeinverbindliches Emanzipationsmodell gegen den Staat läuft in der Praxis auf eine avantgardistische Kleingruppenisolation hinaus. Auch hier helfen Grundlagen des modernen Marxismus weiter: der Theoretiker Antonio Gramsci entwarf die Vorstellung eines „Bewegungs-“ und „Stellungskrieges“, der um die Institutionen der „Zivilgesellschaft“ geführt werden müsse, da Herrschaft eben nicht nur, wie es etwa viele Anarchisten vermuten, durch autoritäre Macht produziert, sondern durch aktiven Konsens seitens der Regierten selbst geschaffen wird: „Diktatur plus Hegemonie“. Denn die liberale Demokratie funktioniert durch eine Vielzahl „vor- und unpolitischer Institutionen: Gewerkschaften, Vereine, Kirchen, Netzwerke in der Nachbarschaft, Intellektuelle, Medien“ usw. Die Zivilgesellschaft und ebenso die Parteien spielen als Schlüssel-Instanzen auf dem Kampffeld des „integralen Staates“ eine entscheidende Rolle in der Bewusstseinsbildung, mit denen eine Kooperation unerlässlich ist.

Schlusswort

Grosse Teile der Linken haben bereits ein Politikkonzept entworfen, das auf Empathie aufbaut. Es umfasst postautonome Organisationen wie die Interventionistische Linke, als auch weite Teile der Linkspartei, ebenso wie nicht dezidiert-linke Organisationen wie der Bund Naturschutz oder das Bündnis Pro Asyl. Es ist ein Konzept, das sich von der Gesellschaft nicht abwenden, sondern in sie hineinwirken will.

Eine radikal-kritische Linke kann so Vertrauen, Modernität und Hoffnung ausstrahlen. Diese Hoffnung ist es, was der Rechten fehlt: sie mag zwar attraktiv erscheinen, das schönere „Äussere“ besitzen, aber kein starkes „Inneres“. Sie kann zwar Ängste bedienen, aber kein soziales Angebot machen. Das ist der Grund, weshalb der Flirt mit der extremen Rechten zwar in eine intensive, aber nur kurze Affäre münden wird. Was die Linke aber anbieten könnte, ist ein Bund fürs Leben. Damit ihr das gelingt, muss sie sich von den missionaristischen Relikten lösen und die empathischen Ansätze weiter ausbauen. Die Linke muss das Flirten lernen.

Martin von Loeffelholz

Der Autor ist erreichbar unter loeffelholz.m@web.de

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