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(Anti-)Politik und der kommunistische Anarchismus (Teil 2) | Untergrund-Blättle

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Die politische Leerstelle im Anarchismus (Anti-)Politik und der kommunistische Anarchismus (Teil 2)

Politik

Dieser Beitrag wurde zuerst am 6.8.2022 auf anarchismus.de veröffentlicht.

Anarchosyndikalisten in Seattle.
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Anarchosyndikalisten in Seattle. Foto: Joe Mabel (CC BY-SA 3.0 cropped)

19. August 2022
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Es handelt sich um einen Gastbeitrag, weil ich eine andere Position und Perspektive als die Personen hinter der Seite habe. Dennoch betrachte ich es als meine Aufgabe, mein erworbenes Wissen und Denken weiter zu geben, um anarchistische Positionen zu unterfüttern und zu debattieren.

Die politische Leerstelle im Anarchismus

Durch die radikale Kritik an Politik und ihrer Ablehnung im Anarchismus insgesamt entstehen jedoch auch zwei theoretische Probleme. Erstens: Wenn das politische Terrain völlig vernachlässigt wird, tendieren anarchistische Ansätze dazu, zu Selbstzwecken zu werden. Revolte kann ein zielloser Selbstzweck werden, mit dem sich zwar Bedürfnisse nach Rebellion befriedigen lassen, der aber ein Anti-Reflex bleibt und Herrschaft nicht grundlegend überwinden kann.

Das autonome Zentrum kann nur noch subkulturell sein und ein Hausprojekt wird zum schöneren Leben im gentrifizierten Viertel. Die Basisgewerkschaft wird durch politische Gruppen instrumentalisiert oder verdeckt ihre inneren Widersprüche. Praktiken gegenseitiger Hilfe bleiben bei sozialer Elendsverwaltung oder der Bedienung des eigenen Klientel stehen. Subversive Einzelnen kreisen sich bloss um ihre Selbstfindung.

Zweitens stellt sich die Frage, wie eine libertär-sozialistische Gesellschaftsform politisch organisiert werden kann. Wie werden selbstorganisierte Gemeinwesen gebildet und wie sind sie miteinander vernetzt? Wie werden Konsense herausgebildet, wie Entscheidungen getroffen und von möglichst vielen mitgetragen?

Wenn Anarchist:innen ihren eigenen Ansprüche gerecht werden und präfigurativ alternative Realitäten schaffen wollen, stellen sich diese Fragen nicht abschliessend und im Sinne eines abstrakten Entwurfs einer neuen Gesellschaftsordnung. Vielmehr handelt es sich um wesentliche Grundlagen dafür, emanzipatorische sozialen Bewegungen und Alternativstrukturen zu entwickeln. Mit diesen Fragen beschäftigen sich insbesondere Anarch@-Kommunist:innen. Deswegen werde ich nun die (Anti-)Politik im kommunistischen Anarchismus beleuchten. Bereits vorwegnehmen möchte ich aber, dass sich das Problem mit der Politik auch mit ihm nicht wirklich auflösen lässt.

Die (Anti-)Politik anarch@-kommunistischer Gruppen

Auch innerhalb des kommunistischen Anarchismus werden verschiedene Aussagen zur Politik getätigt. Beispielsweise übt Johann Most eine beissende Kritik am Politikmachen und lehnt auch Joseph Peukert „die“ Politik auf eine ziemlich platte Weise ab. Dagegen fragt sich Pjotr Kropotkin, wie sich neben und gegen das politische Herrschaftsverhältnis Staat libertär-sozialistische politische Verhältnisse denken lassen. Der Kommunismus ist dabei das alternative ökonomische Verhältnis, während Anarchie der Modus für das herrschaftsarme politische Verhältnis sein soll.

Die Föderation autonomer dezentraler Kommunen ist dieser Vorstellung nach das politische Organisationsmodell der erstrebenswerten Gesellschaftsform. Dass sich verschiedene Gemeinwesen selbst organisieren können, ohne deswegen exklusiv, homogen und hierarchisch zu werden, beruht auf historischen Erfahrungen, welche den Ausgangspunkt für die Vision einer libertär-sozialistischen Gesellschaftsform bilden. Anarchist:innen können eine solche konkrete Utopie beschreiben ohne sie in Stein zu meiseln oder an einen Masterplan zu glauben, den es nicht geben kann. Sie benötigen eine solche Vision auch, wenn sie Alternativen zur bestehenden Herrschaftsordnung als Ganzes aufzeigen und ihre Vorstellungen nicht nur in Szenen und Projekten verwirklichen wollen.

Weil es im kommunistischen Anarchismus um die soziale Revolutionierung der gesamten Gesellschaftsform geht, werden in ihm stärker als in den anderen anarchistischen Tendenzen die Schwerpunkte auf Propaganda, Bewusstseinsbildung und Organisierung gelegt. Auch wenn es im Anarch@-Kommunismus eine ausgeprägte Skepsis gegenüber dem Politikmachen gibt, ist er von den anderen anarchistischen Strömungen auch in seinen Organisationen am „politischsten“.

Unter anderem beziehen sich Anarch@-Kommunist:innen auf linke politische Gruppen und vergleichen sich mit ihnen, akzeptieren graduelle Unterschiede bei Politiker:innen, wollen sozialen Bewegungen eine bestimmte Richtung aufzeigen, können sich unter bestimmten Umständen auch Entscheidungen durch Wahlen vorstellen usw..

Der kommunistische Anarchismus begibt sich mit diesen Grundannahmen auf politisches Gebiet, auch wenn es sich dabei nicht um staatliche Politik handelt. Wird Staatlichkeit aber in einem weiteren Sinn als politisches Herrschaftsverhältnis begriffen, entsteht hierbei ein Widerspruch. Denn worin unterscheidet sich die anarch@-kommunistische autonome Politik dann wirklich z.B. von der marxistischen Herangehensweise, mit welcher politische Herrschaft ebenfalls kritisiert, aber gerade darum reformerische und/oder revolutionäre Politik betrieben wird?

Vorwürfe gegen das Agieren auf politischem Terrain

Bestimmte Anarchist:innen erheben deswegen den Vorwurf, dass der kommunistische Anarchismus im Grunde genommen nur eine weitere linke Strömung ist. Ihre Aktiven würden sich zwar für antiautoritär halten, aber letztendlich unterschätzen, dass auch das von ihnen angestrebte Gesellschaftsmodell eine im besten Fall bessere Herrschaftsordnung wäre, nicht aber auf die Abschaffung von Herrschaft überhaupt hinauslaufen würde. Und überhaupt würde mit dem Anarch@-Kommunismus die politische Logik nicht endgültig verlassen, also immer noch in Kategorien der Herrschaftsordnung gedacht werden.

Ich halte diese Vorwürfe für falsch, weil ich der Überzeugung bin, dass erstrebenswerte alternative Gesellschaftsverhältnisse bereits im Hier und Jetzt vorhanden sind und wir sie ausweiten und uns für sie engagieren können. Statt der ultimativen Fiktion einer „befreiten Gesellschaft“, sollten wir uns an einer Vision für eine glaubhafte und machbare konkrete Utopie ausrichten, unsere Kämpfe an ihr orientieren und als radikale Minderheit mehr werden wollen.

Meiner Ansicht nach sind Menschen soziale Tiere, die sich erst in Gesellschaft als individuell besondere Personen selbst entfalten und selbst bestimmen können. Und Institutionen sind nicht per se Herrschaftsstrukturen, sondern es ist eine soziale Tatsache, dass Menschen Institutionen entwickeln – deswegen kommt es auf ihre Ausgestaltung an.

Dennoch sind in diesen Vorwürfen anarchistische Wahrheiten enthalten, die auf Erfahrungen basieren. Erstens: Mit grossen Gesellschaftsentwürfen wurden immer wieder schlechte Erfahrungen gemacht. Dies trifft insbesondere zu, wenn mit humanistischen Ansprüchen anderen vorgeschrieben wurde, was das Richtige für sie wäre. Zweitens besteht in grösseren und formellen Organisation immer die Gefahr, dass sich in ihnen bürokratische Hierarchien entwickeln.

Dies trifft auch auf eine libertär-sozialistische Gesellschaftsform zu, in der Herrschaft realistischerweise nicht komplett abgeschafft sein wird. Damit gelangen wir drittens zum Grundproblem mit der Politik überhaupt zurück. Wenn sie ein durch Herrschaft geformtes Terrain ist, können Anarchist:innen darauf nun mal nichts für ihre eigentlichen Ziele gewinnen. Deswegen sollten sie ihre Zeit anders verbringen, als sich noch irgendwie auf Politik zu beziehen, mit Politik zu beschäftigen oder politisch zu handeln. Kommunistische Anarchist:innen sind sich dieser Probleme bewusst und haben ebenfalls versucht, Antworten auf sie zu finden.

In Widersprüchen handlungsfähig werden

Damit komme ich zu meinen Ausgangsfragen zurück: Was verstehen Anarchist:innen unter Politik? Wie gehen sie mit ihr um? Kann es eine autonome Politik geben, die den Rahmen des politischen Herrschaftsverhältnisses wirklich sprengt und nicht vom Staat vereinnahmt wird? Leider kann ich diese Fragen nicht abschliessend beantworten. Das hängt mit meiner undogmatischen Herangehensweise zusammen, mit der ich weiterführende Fragen und Diskussionen für wichtiger halte, als definitive Antworten zu geben oder fixierte Definitionen zu formulieren. Daher möchte ich meine Fragen an alle Interessierten weitergeben und dazu anregen, selbst über sie nachzudenken.

Ich glaube, es stimmt, dass es einen theoretischen Widerspruch im anarchistischen Kommunismus gibt, wenn sich mit ihm einerseits auf das politische Gebiet begeben wird, während in ihm andererseits die anarchistische Kritik am Politikmachen vorhanden ist. Abgesehen davon, dass dieser Widerspruch auch in anderen anarchistischen Tendenzen vorhanden ist, wenngleich er häufig dogmatisch oder romantisch ignoriert und weggeredet wird, stellt sich weiterhin die Frage, ob dies so schlimm ist. Denn, dass es diesen Widerspruch gibt, ist nicht einer Unzulänglichkeit des anarchistischen Denkens geschuldet.

Vielmehr entsteht er durch die Rahmenbedingungen einer bestimmten Herrschaftsordnung, neben und jenseits derer es aber auch erstrebenswerte gesellschaftliche Verhältnissen gibt, auf welche Anarchist:innen sich positiv beziehen können. Verkürzt gesagt, existieren Herrschaft und Freiheit gleichzeitig. Wäre das nicht der Fall, bräuchten Anarchist:innen überhaupt nicht für etwas anderes zu kämpfen.

Dies gilt selbst dann, wenn sie sich vorrangig der Zerstörung von Herrschaftsstrukturen widmen würden. Wären keinerlei erstrebenswerte Veränderungen möglich, würden Anarchist:innen entweder nur irgendeine Szene bleiben, die von romantischen und dogmatischen Phrasen durchzogen ist. Oder sie würden in politischen Gruppen aufgehen und Politik für ein bestimmtes Klientel machen. Oder sie würden in den Nihilismus verfallen, der eine absurde Schlussfolgerung ist. Auch wenn diese Verfallserscheinungen vorhanden sind, bin ich davon überzeugt, dass Menschen prinzipiell in die Lage versetzt werden können, ihre Leben selbst zu bestimmen und eine libertär-sozialistische Gesellschaft zu erkämpfen, die weiterhin durch Anarchie infrage gestellt und weiterentwickelt werden wird.

Letztendlich sollte es um die Frage gehen, wie Anarchist:innen in Widersprüchen handlungsfähig werden können, um die Rahmenbedingungen der Herrschaftsordnung aufzusprengen, selbstorganisierte Gemeinwesen zu schaffen und darin egalitäre, libertäre und solidarische Beziehungen und Institutionen einzurichten. Ob und wie dies gelingen kann, wäre an anderer Stelle anhand von konkreten Beispielen zu diskutieren.

Für den Anarch@-Kommunismus können das Denken und Handeln von Emma Goldman und Errico Malatesta inspirieren. In ihren Biografien und Texten sehe ich ein kontinuierliches Engagement, um verschiedene ausgegrenzte, ausgebeutete und unterdrückte Gruppen in ein gemeinsames sozial-revolutionäres Projekt einzubringen. Dabei verbinden sie unterschiedliche Kampffelder, versuchen divergierende anarchistische Standpunkte zu vermitteln und beziehen selbst klare Positionen in Bezug auf bestimmte Fragen.

Jonathan

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