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Grossbürger kritisiert Kleinbürger weil dessen Klasse nicht ihre Interessen verfolgt Zum Kleinbürger-Vorwurf von Karl Marx an Pierre-Joseph Proudhon und anarchistischen Umgangsmöglichkeiten damit

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In einem Brief an den russischen Gutsbesitzer und Publizisten Pawel Wassiljewitsch Annenkow kritisiert Marx 1846 Proudhons Werk „Philosophie der Armut“.

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Bild: Banksy or not? High Road, Tottenham, London. / Alan Stanton (CC BY-SA 2.0 cropped)

6. Mai 2020

06. 05. 2020

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Bei meiner Beschäftigung mit der Kritik am Anarchismus fielen mir in einem vom ZK der SED 1977 herausgegebenen und zusammengestellten Band (neben vielen anderen Dingen wie dem ätzenden Vorwort), zwei zentrale Textstellen ins Auge, die eine wunderbare Diskussionsgrundlage abgeben. Sie verkörpern beispielhaft einen wichtigen, - wenn er aber unreflektiert tausendmal wiederholt wird, total flachen – Vorwurf, welcher Anarchist*innen von Marxist*innen häufig entgegenschlägt: Sie seien Kleinbürger*innen, welche trotz vielerlei revolutionärer Phrasen die eigentlichen historischen Bewegungen und gesellschaftlichen Verhältnisse nicht verstehen könnten und sie falsch interpretieren müssten, da sie nicht die Ideologie des Proletariats vertreten könnten.

Der aus grossbürgerlichem Hause stammende Karl Marx kann dies jedoch offensichtlich, schliesslich entdeckte er den «wissenschaftlichen» Sozialismus und weiss nun wie der Hase läuft und welche Interessen die*der Proletarier*in im Allgemeinen so hat – auch wenn es ihr*ihm oftmals selbst nicht bewusst ist. Nach einer Vorstellung der Auszüge und einer Zusammenfassung eines Teils von Marx' berechtigter Kritik an Proudhon[1], will ich beleuchten, was es mit dem Kleinbürger*innen-Vorwurf auf sich hat und aufzeigen, was eine anarchistische Antwort auf diesen sein könnte. Wer mir dabei widersprechen möchte, soll dies gerne tun.

Marx' Kritik an Proudhon, dargestellt vom Autor (= drei weisse Männer erklären die Welt)

In einem Brief an den russischen Gutsbesitzer und Publizisten Pawel Wassiljewitsch Annenkow kritisiert Marx 1846 Proudhons Werk „Philosophie der Armut“. Darin bemängelt er, Proudhon hätte die gegenwärtigen sozialen Zustände nicht in ihrem Zusammenhang begriffen, weil er statt von ihnen zum Beispiel von metaphysischen Begriffen wie der „universellen Vernunft“ ausgeht.

Proudhon mache eine falsche Trennung von Staat und Gesellschaft auf, denn ersterer sei Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse und diese wiederum Ergebnis sich fortlaufend weiterentwickelnder Produktivkräfte. Statt die notwendige historische Entwicklung zu begreifen geht Proudhon von Ideen aus, die Evolutionen anstossen könnten. Er kritisiert die Arbeitsteilung versteht jedoch nicht, dass diese im Zusammenhang mit der Entwicklung eines globalisierten Kapitalismus stehen. Er sieht Maschinen als eine Folge der Arbeitsteilung an, anstatt zu sehen, dass gesteigerte Konsumbedürfnisse und die Zunahme von Konkurrenz die Erfindung und Einführung von Maschinen beförderten.

Schliesslich kritisiere Proudhon das Eigentum «an sich», anstatt seine konkrete historische Form, die als Eigentumsbeziehung im Feudalismus eine ganz andere gewesen wäre (und somit im Sozialismus wiederum eine veränderte Gestalt haben würde). Ausserdem begreife Proudhon den Kapitalismus nicht, da er in Monopolen und Konkurrenz nicht etwas Schlechtes sehe, sondern lediglich meint, diese funktionierten falsch, weswegen er sie besser vermitteln möchte. - All diese (falschen) Annahmen hätte Proudhon nicht deswegen, weil er ein schlechter Denker wäre, sondern weil er dem bürgerlichen Denken verhaftet bliebe und Kategorien und Ideen als ewig und von materiellen Verhältnissen abgekoppelt ansehe. Marx hingegen geht es darum, die gesellschaftlichen Grundlagen umzuwälzen, welche die widersprüchlichen Kategorien erst hervorbringen. Anstatt ein „richtiges Gleichgewicht“ in antagonistischen Beziehungen zu finden, sollten diese (sozial-revolutionär) überwunden werden. Zusammengefasst folgt am Ende die Pointe seines Briefes:

Herr Proudhon ist von Kopf bis Fuss Philosoph, Ökonom des Kleinbürgertums. In einer fortgeschrittenen Gesellschaft und durch den Zwang seiner Lage wird der Kleinbürger einesteils Sozialist, andernteils Ökonom, d.h., er ist geblendet von der Herrlichkeit der grossen Bougeoisie und hat Mitgefühl für die Leiden des Volkes. Er ist Bourgeois und Volk zugleich. Im Innersten seines Gewissens schmeichelt er sich, unparteiisch zu sein, das rechte Gleichgewicht gefunden zu haben, das den Anspruch erhebt, etwas anderes zu sein, als das rechte juste-milieu.

Ein solcher Kleinbürger vergöttlicht den Widerspruch, weil der Widerspruch der Kern seines Wesens ist. Er selber ist bloss der soziale Widerspruch in Aktion. Er muss durch die Theorie rechtfertigen, was er in der Praxis ist, und Herr Proudhon hat das Verdienst, der wissenschaftliche Interpret des französischen Kleinbürgertums zu sein, was ein wirkliches Verdienst ist, da das Kleinbürgertum ein integrierender Bestandteil aller sich vorbereitenden sozialen Revolutionen sein wird.
“[2]

In vielen Punkten zerreisst Marx zurecht Proudhons Schrift „Philosophie der Armut“ und antwortet an anderer Stelle deswegen mit einer ganzen Gegenschrift, der er den Titel „Armut der Philosophie“ gibt – ein schönes Beispiel dafür, wie Ideen sich in Auseinandersetzung mit anderen Standpunkten weiterentwickeln lassen. Proudhons erstem Buch „Was ist das Eigentum“[3] war Marx dagegen sogar überwiegend aufgeschlossen.

Er bezeichnet es als „epochemachend“, weniger jedoch, aufgrund seiner Inhalte, sondern wegen des ansprechenden Stils. An Johann Baptist Schweitzer, einen Redakteur der Zeitung „Social-Demokrat“ von 1865 schreibt Marx anlässlich des Todes von Proudhon, das er zwar viele alte Erkenntnisse neu aufwärmt, diese aber gut verpacken und formulieren kann. Insbesondere sei es seine trotzige Haltung und seine mutige Kritik des Kapitalismus sowie sein „tiefes und warmes Gefühl der Empörung“ über die Niederträchtigkeit des Bestehenden in Verbindung mit „revolutionärem Ernst“, die ihm Respekt verschaffen und die Popularität seines Buches erklären. Von Marx' „wissenschaftlichem“ Standpunkt her wäre Proudhon nicht weiter erwähnenswert gewesen, aber der Stil sei sensationell.

Proudhon bediene sich der Antinomien (= Gegensätze) von Kant, will und kann sie jedoch nicht auflösen. Auch hier schon zeige sich jedoch, dass er die geschichtliche Besonderheit von modern-bürgerlichen Eigentumsverhältnissen nicht begreife, die im Sozialismus andere wären. Dementsprechend könnte man auch sagen, von „Diebstahl“ kann nur gesprochen werden, wenn demgegenüber die bürgerliche Vorstellung eines redlichen Erwerbs von Eigentum stünde. In meinen Worten: Diebstahl ist auch Eigentum. Als Wissenschaftler bilde sich Proudhon ein, über der Bourgeoisie auch über dem Proletariat zu schweben – was Marx selbstverständlich nicht von sich selbst glaubt, wenn er die „historische“ Mission des Proletariats und seine objektiven Bedingungen und Interessen definiert. Weil sie diese leider nicht selbst begriffen, war es dann unvermeidlich, dass sich eine sozialistische Avantgarde formieren musste, um es aufzuklären, schlimmer aber noch: zu vertreten und anzuführen. Na dann auf zum letzten Gefecht mit dem Kanonenfutter! Jedenfalls beendet er seinen Brief 19 Jahre nach dem ersteren interessanterweise mit sehr ähnlichen Worten:

Proudhon neigte von Natur zur Dialektik Da er aber nie die wirkliche wissenschaftliche Dialektik begriff, brachte es es nur zur Sophistik. In der Tat hing das mit seinem kleinbürgerlichen Standpunkt zusammen. Der Kleinbürger ist […] zusammengesetzt aus einerseits und andererseits. So in seien ökonomischen Interessen, und daher in seiner Politik, seinen religiöse, wissenschaftlichen und künstlerischen Anschauungen. So in der Moral, so in everything. Er ist der lebendige Widerspruch. Ist er dabei, wie Proudhon, ein geistreicher Mann, so wird er bald mit seinen eigenen Widersprüchen spielen lernen und sie je nach Umständen zu auffallenden, geräuschvollen, manchmal skandalösen, manchmal brillanten Paradoxen ausarbeiten. Wissenschaftlicher Scharlatanismus und politische Akkomodation [= Anpassung] sind von solchem Standpunkt unzertrennlich.“[4]

Der Kleinbürger*innen-Vorwurf

Da hätten wir ihn also sehr prominent vertreten: den Kleinbürger*innen-Vorwurf. Nebenbei bemerkt passt dazu sehr gut, dass Proudhon auch für die Kleinfamilie eintrat. Obwohl ich es mit der ausführlicheren Darstellung von Marx Kritik oben schon angedeutet habe, stelle ich hier noch mal klar, dass ich sie sehr berechtigt finde. Mit diesem Text will ich Proudhon auch gar nicht verteidigen, sondern mir die Kritik von Marx anschauen, den ich wiederum kritisiere.[5]

Einzelnen Punkten sehe ich wahrscheinlich anders als dieser. Worum es geht ist, dass Proudhon, obwohl er sich sehr ausgefallen in Widersprüchen verstrickt, an der Oberfläche bleibt und ihm eine tiefer gehende Kritik der Gesellschaft seiner Zeit nicht gelingt. An dieser Stelle interessiere ich mich jedoch nicht für ökonomische Analysen, trotzdem aber für Gesellschaftskritik und von der Warte aus für den Kleinbürger*innen-Vorwurf. Darum will ich noch mal auf den Punkt bringen, was in den Zitaten oben enthalten ist, wobei ich Marx' Aussagen in meinen Worten wiedergebe:

///
Proudhon ist ein Philosoph des Kleinbürgertums, weil seine ökonomischen Interessen – und deswegen auch seine Ansichten über Religion, Wissenschaft, Kunst, Moral usw. - zwiespältig sind[6]. Er verkörpert den „lebendigen Widerspruch“ in sich als fühlendes und denkendes Subjekt. Denn seine Ideologie vertritt sowohl „grossbürgerliche“ als auch „proletarische“ Standpunkte. Wie (heute) die meisten Menschen (in westeuropäischen Industriestaaten) muss er irgendeine Umgangsweise damit finden.

Dies tut er indem er seine ökonomische/soziale/politische Position in der Gesellschaft theoretisch rechtfertigt und mit dem Widerspruch spielt, ihn sogar „vergöttlicht“ - anstatt ihn konsequent aufzulösen. Das tut er sehr clever und vermittelt ihn fortwährend, weil er glaubt, unparteiisch sein zu können, verliert sich dabei allerdings in vielen leeren Phrasen und Gedankenspielereien („Sophistik“). Daraus folgt, dass Proudhon kein wissenschaftlich-dialektisches Verständnis für (laut Marx) objektive Situationen und Prozesse hat und „wissenschaftlichen Scharlatanismus“ betreibt. (So wie ich hier.)

Er kann keine konsequente Kritik an den bestehenden Verhältnissen üben und entwickelt keine Ansatzpunkte für eine tiefgreifende sozial-revolutionäre Praxis, sondern bleibt reformistisch („politische Akkomodation“). Andererseits aber lesen wir im Brief an Annenkow auch die faszinierende Aussage, Proudhon sei „der soziale Widerspruch in Aktion“, was auf eigene Bewegung und eine spezifische Arbeit und Umgangsweise mit Widersprüchen hindeutet. Zudem sei es sein „Verdienst der wissenschaftliche Interpret des französischen Kleinbürgertums zu sein […] welches ein integrierender Bestandteil aller sich vorbereitenden sozialen Revolutionen sein wird.“ ///


In meinen Ohren hört sich das als eine durchaus hohe Auszeichnung an, immerhin gilt „das“ Kleinbürgertum - zumal in Deutschland - ja schlechthin als reaktionär: Kleinbürger*innen, das sind die Spiesser, die bei lauter Musik die Bullen rufen. Sie wollen in Ruhe gelassen werden und Modellflugzeuge zusammenkleben. Manche Kleinbürger*innen laufen bei Pegida und sind das Volk. Manche wählen AfD, andere SPD. Kleinbürger*innen „können nicht klagen“ sondern nur meckern. Sie putzen sonntags ihre kleinen Autos, achten darauf, dass das Besteck ordentlich im Schubfach liegt und lassen die Frau/den Mann grüssen. Kleinbürger*innen heben naserümpfend den Müll neben dem Papierkorb auf und werfen ihn dann rein.

Sie zahlen zu viele Steuern, schimpfen aber, wenn das Schwimmbad schliesst, in welchem sie sich schon vormittags ein kleines Plätzchen mit dem Handtuch reserviert haben. Sie haben einen Gartenzwerg vor ihrem ganz bescheidenen Häuschen oder im Schrebergarten, dem kleinen privaten Glück. Kleinbürger*innen gehen regelmässig zur Arbeit und haben Angst, dass die Rente nicht reicht. Veränderungen, Andere, die Euro-Bürokratie und Kommunist*innen machen ihnen Angst... Dieses Kleinbürgertum zu einem integrierenden Bestandteil der sozialen Revolution zu organisieren wäre tatsächlich eine beachtliche Leistung! Nebenbei bemerkt wäre dies auch unerlässlich, hätte man den Anspruch, die Gesellschaft grundsätzlich zu verändern ohne Menschen in Arbeitslager zu sperren.

Anarcho-kommunistische Einwände und Umgangsmöglichkeiten mit dem Kleinbürger*innen-Vorwurf aufgrund divergierender Grundannahmen

Um mit den Vorwürfen von Marx, die im Verlauf der Geschichte gegen Anarchist*innen generell erhoben wurden, umzugehen, fallen mir vier Möglichkeiten ein: a) Ich könnte sie ignorieren. Das finde ich etwas billig. b) Ich könnte sie ablehnen, Marx selbst die Kritikfähigkeit absprechen auf seine eigene sozioökonomische Position, deren ideologische Konsequenzen und dem daraus folgenden Autoritarismus verweisen, wie ich es oben schon teilweise polemisch getan habe. c) Ich könnte irgendwie vermitteln und mich rechtfertigen wollen, indem ich einige interessante Hinweise aufgreife, aber die Tragweite der Kritik relativiere. Das wäre ein ziemlicher Taschenspieler*innen-Trick. Oder, d), ich könnte sie ernst nehmen und ihr etwas entgegensetzen. Letzteres wollte ich nun kurz versuchen. Habe dann aber gemerkt, dass ich doch auch ein bisschen c) und b) mache – widersprüchlich irgendwie...

Im Gegensatz zu Marx stammte Proudhon aus sehr einfachen Verhältnissen, aus denen er sich hocharbeitete und Schriftsetzer wurde. Damit war er Handwerker und kein Fabrikarbeiter (= Proletarier im marx'schen Sinne). Dennoch war er ernsthaft für sozial-revolutionäre Veränderungen in der entstehenden sozialistischen Bewegung engagiert. Seine gesellschaftliche Position hat selbstverständlich entscheidenden Einfluss auf seinen ideologischen Horizont und seine Subjektivität bedingt seinen Umgang mit den widersprüchlichen Verhältnissen, die er auch in sich selbst wahrnahm, aber nicht auflösen konnte. Seine Umgangsweise war stattdessen sich in diesen Widersprüchen zu bewegen und sie zu Paradoxen auszuarbeiten.

Ich meine nun Erstens: Anarchistisches Denken entsteht gerade in den Zwischenräumen, das heisst dort, wo sich verschiedene Milieus und Erfahrungswelten überschneiden und vermittelt werden. Wenn es darum gehen soll, die Gesellschaft insgesamt zu verändern, dem schreienden Elend in ihr ein Ende zu machen, müssen zunächst einmal die Bedingungen dafür geschaffen werden, dass alle Menschen stabile und gesicherte Grundlagen haben, um ein Leben in Würde führen und eigene Lebenspläne verwirklichen zu können. Aktivist*innen, die aus verschiedenen Gründen ihre soziale Herkunft oder Heimat hinter sich gelassen haben, können ein Bewusstsein für ihre soziale Gruppe entwickeln, ihre Interessen artikulieren und vermitteln. Sozial-revolutionäre Veränderungen verlangen jedoch (nach anarchistischem Denken) stets, dass die Betreffenden Veränderungen wollen. Das ist ja gerade Marx Problem mit dem Kleinbürgertum. Wer sich revolutionär engagiert wird aber zwangsläufig auch seine (vielleicht relativ privilegierte) soziale Position verlangen, da revolutionäres Engagement nie mit gesellschaftlicher Anerkennung in Form von Geld einhergeht.

Zweitens gehe ich davon aus, dass sozial-revolutionäre Bestrebungen in Gruppen aufkommen, wo Menschen aus ihren Milieus herausfallen. Das betrifft Menschen, die zu Proletarier*innen gemacht werden („Proletarisierung“), Migrant*innen, deklassierte Intellektuelle, von Marx sogenannte „Lumpenproletarier“ (Prostituierte, Kleinkriminelle, Leiharbeiter*innen), Bohémians, queere Personen usw. Neben der in der Regel ökonomischen Prekarität findet also auch eine Entwurzelung und Entfremdung statt. Diese könnte als sozial-kulturelle Prekarität bezeichnet werden: Gruppen von Menschen kommen in ihren Umgebungen nicht zurecht, weil ihre alten Gemeinschaften zerfallen sind und sie in den neuen nicht akzeptiert werden.

Wichtig ist hierbei der Prozess des Herausfallens und (durch Kriege, Armut, Umweltzerstörung usw.) Entwurzelt-werdens, also eine Verschlechterung des Status und massive Verunsicherung, welche zu einer problematischen Wahrnehmung ihrer doppelt prekären Situation führen. Denn auch Sozialhilfe-Abhängige, prekäre Intellektuelle oder Künstler*innen können sich in ihren Situationen einrichten oder sie sogar als Lifestyle abfeiern. Diejenigen, welche begreifen, dass auch andere in ihrer persönlichen Situation sind, diese aber nicht verschuldet oder durch Gott gegeben ist und die deswegen für ein besseres Leben kämpfen wollen, schliessen sich zusammen um sich gegenseitig zu helfen oder organisieren sich sogar im engeren Sinne politisch.

Drittens ist es anarchistische Annahme, dass radikale Kritik und Politik von verschiedenen gesellschaftlichen Positionen aus möglich ist. Dies bedeutet nicht, die realen klassistischen Ungleichheitsverhältnisse zu relativieren, sondern sie im Gegenteil ernstzunehmen. Solche Kritik setzt vieles voraus: ein Gerechtigkeitsempfinden, aufgrund dessen Menschen aufbegehren (= Gleichheit als ethischer Wert), den subjektiven Willen zur Veränderung, Zeit sich zu organisieren, Bildung um die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verstehen und sie grundlegend verändern zu können, soziale Kontakte zu Mitstreiter*innen und darauf aufbauende Erfahrungen in politischen Auseinandersetzungen.

Zu diesen Voraussetzungen Zugänge zu öffnen und Ressourcen für jene umzuverteilen, die eine Sehnsucht nach emanzipatorischen Veränderungen haben, ist eine revolutionäre Tätigkeit. Umgekehrt ist eine bestimmte soziale Positionierung keineswegs ein Garant für bestimmte politische Einstellungen, Handlungen und Interessen. Was die Interessen angeht, lassen sie sich weder „objektiv“ beschreiben, geschweige denn verordnen, noch auf die ökonomische Dimension reduzieren. Stattdessen ist von einer tatsächlichen Widersprüchlichkeit der Interessenlage auszugehen: Jemand kann rechts sein und für die Homoehe, den Kapitalismus gut finden und einen sozialen Ausgleich fordern, islamisch sein und nicht patriarchal orientiert, eine grossbürgerliche Herkunft haben und Marxist*in sein usw.

Widersprüche sind also haufenweise gegeben. Wenn die Aufgabe von Aktivist*innen darin besteht, für verschiedene Gruppen eine Bewusstseinsbildung zu ermöglichen und sie in einem sozial-revolutionären Projekt zusammen zu bringen, kann dies entweder autoritär geschehen, indem alles auf einen Hauptwiderspruch (z.B. zwischen Arbeit und Kapital) reduziert wird, wofür es dann genau einen richtigen Lösungsweg gäbe, der sich mit einer (z.B. „wissenschaftlich-dialektischen“) Analyse herleiten lässt. Oder: Die Aktivist*innen gestehen verschiedenen (potenziell revolutionären) Gruppen und Personen zu, weiterhin unterschiedliche Ansichten, Interessen, Stile, Politikformen usw. haben zu können – ohne das sie deswegen alles gleichermassen gelten lassen und gut oder egal finden. Von ihren verschiedenen Positionen aus, sollten sie sich dann emanzipieren und selbst ermächtigen, wozu sie selbstverständlich vernünftige Inputs erhalten können. Das wäre meiner Ansicht nach der anarchistische Weg.

Vorschläge, was getan werden könnte

Es bleibt kompliziert mit den Kleinbürger*innen. Welche Vorschläge zum Umgang mit dem bisher Beschriebenen können entwickelt werden? Gerade wenn die globale Dimension hineingenommen wird, ist schnell unklar, ob die*der Proletarier*in bei Volkswagen sich nicht doch soweit einrichten, absichern und arrangieren konnte, das sie*er nicht auch – mindestens kulturell - kleinbürgerlich ist verglichen mit Menschen, die nach Europa fliehen und oft nicht viel mehr haben als ein smartphone - mit welchem sie jedoch mit ihrer community in Kontakt treten können. Umgekehrt träumen viele Flüchtende meist wohl weniger vom grossen Geld, als davon, selbständig einen kleinen Shop aufzumachen – nicht jedoch illegal in deutschen Schlachthöfen oder auf spanischen und italienischen Feldern arbeiten zu müssen...

Klar ist, dass die sozio-ökonomische Herkunft eines Menschen seine Wahrnehmung von Widersprüchen und seine immer von Ideologien gefärbtes Denken über sie entscheidend prägen. Hinzu kommt aber meiner Ansicht nach, dass die Umgangsmöglichkeiten und -formen mit diesen auch sehr stark von subjektiven Faktoren beeinflusst wird. Grundlegend trifft Marx' Kritik zu, dass ein Denken in Paradoxien sich zur Aufgabe macht, sich in Widersprüchen zu bewegen und mit diesen etwas zu machen, ohne sie deswegen grundsätzlich aufzuheben. Sie nicht radikal aufheben zu wollen, wäre reformistisch. Sie mit begrenzten politischen Möglichkeiten nicht in vollem Umfang aufheben zu können, bedeutet einen realistischen Blick auf tatsächlich stattfindende sozial-revolutionäre Prozesse und die eigene Handlungsmacht – welche selbstverständlich ausgeweitet werden kann.

Meiner Ansicht nach ermöglicht dies erst im Konkreten Herrschaftsverhältnisse anzugreifen, abzubauen und sich von ihnen wegstrebend zu organisieren. Und dies ist sozial-revolutionär, im Sinne einer strukturellen Erneuerung der Gesellschaft aus dem Bestehenden heraus in der Doppelbewegung von Ablehnung und Angriff auf die herrschaftlichen Strukturen einerseits bei gleichzeitigem Aufbau und Ausbau als emanzipatorisch erachteter sozialer Beziehungen und hierarchiefreier, selbstverwalteter Institutionen andererseits. Um in emanzipatorischer Hinsicht überhaupt handlungsfähig werden zu können, sind Widersprüche auszuhalten. Davon ausgehend, können sie jedoch auch aufgezeigt und Konflikte selbstbestimmt aufgemacht werden, um Herrschaftspositionen mit einer organisierten Gegen-Macht zu konfrontieren.

Zum Schluss möchte ich noch mal auf die knappe Aussage von Marx zurückkommen, das Kleinbürgertum könne ein integrierender Bestandteil der sozialen Revolution sein: Dies ernst zu nehmen bedeutet in keiner Weise zu behaupten, „wir alle“ beginnen nun die Revolution gegen „die da oben“. Entscheidend ist, die sozialen Positionen und die damit unweigerlich verknüpften ideologischen Muster zu verstehen, in denen Menschen insgesamt und man selbst jeweils steckt – eben um ihre Potenziale zu nutzen und sich gleichzeitig davon befreien zu können.

Wenn es für eine grundlegende Gesellschaftsveränderung im emanzipatorischen Sinne immer viele und verschiedene Gruppen von Menschen braucht, ist darüber hinaus eine strategisch wichtige Frage, inwiefern links-emanzipatorische Ansätze zwar einerseits proletarisierte und gut-bürgerliche Positionen mitbedenken, jedoch tatsächlich kaum Milieus einbeziehen, die als „kleinbürgerlich“ zu bezeichnen sind. Warum gegen den Extremismus der Mitte nicht mal mal offensiv einen Anarcho-Kommunismus der Kleinbürger*innen ins Feld führen? Selbstverständlich nicht im Sinne einer verkürzten und beschränkten Kritik und als ein Ansatz neben anderen.

Vor allem nicht stellvertretend für die hart proletarisierten und ganz unmittelbar entwürdigten Gruppen. Denn eine Revolution, die Bürger*innen machen, wird immer eine bürgerliche Revolution sein, wenn sie sich nicht ausweitet. Kleinbürger*innen sind jedenfalls nicht das Problem, sondern die widersprüchlichen gesellschaftlichen Verhältnisse, die sie hervorbringen; in denen sie nach oben aufblicken oder dieses verachten und nach unten treten oder sich mit ihm solidarisieren können.

Ironisches Ende: Irgendwie kommt mir die Werbekampagne des Handwerksverbandes in den Sinn. Warum klingt es nicht anarchistisch, wenn die plakatieren: „Nimm deine Zukunft in die Hände“ und „Alles was nicht von Händen geschaffen wurde, wurde von Maschinen geschaffen, die von Händen geschaffen wurden“? Ach ja, is ja immer noch Kapitalismus. Und ausserdem noch rassistisch: „Qualität kommt nicht aus Dam Ping“.

Jens Störfried

Fussnoten:

[1] Wie viele wissen ist die Kritik noch wesentlich weiter zu führen: Proudhon war Antisemit und ein ausgemachter Frauenfeind. Das immer wieder Alibi-mässig zu wiederholen und sich dann dennoch auf ihn als einen der ersten modernen Anarchist*innen zu beziehen, finde ich irgendwie unglaubwürdig. Deswegen lasse ich das Alibi sein und lege zumindest den ersten höchst problematischen Widerspruch unvermittelt offen. Interessanter im Zusammenhang dieses Textes wären Mutmassungen, inwiefern das „kleinbürgerliche Denken“ Proudhons mit seinem Antisemitismus und seiner Frauenfeindlichkeit in Verbindung steht. Dies ist sicherlich der Fall, kann jedoch keineswegs als Kausalität verstanden werden.

[2] Institut für Marxismus-Leinismus beim ZK der SED, Karl Marx, Friedrich Engels – Über Anarchismus, Berlin 1977, darin: Brief von Marx an Pawel W. Annenkow (1846), S. 95-104, hier: S. 104f.; aus: Marx-Engels-Werke, Bd. 27, S. 451-462.

[3] Pierre-Joseph Proudhon, Was ist Eigentum? Untersuchungen über den Ursprung und die Grundlagen des Rechts und der Herrschaft, Münster 2014.

[4] Institut für Marxismus-Leinismus beim ZK der SED, Karl Marx, Friedrich Engels – Über Anarchismus, Berlin 1977, darin: Marx, Über P.J. Proudhon (1846), S. 139-145, hier: S. 145; aus: Marx-Engels-Werke, Bd. 16, S. 25-32.

[5] Dabei ist allerdings auch anzumerken, dass der Kleinbürger*innen-Vorwurf auch Auseinandersetzungen im Anarchismus selbst betrifft und auch aus diesem Grund seine Berechtigung hat. So war ich schwer enttäuscht von einer Schrift des US-amerikanischen Anthropologie und Politikwissenschaftsprofessors James C. Scott. In seinem Buch Two Cheers for Anarchism (2012) bestätigt er die Notwendigkeit einer Kritik an bestimmten Tendenzen im Anarchismus.

Im Kapitel Two Cheers for the Petty Bourgeoisie (S. 84-100) schreibt Scott über die Rolle der Kleinbürger*innen und verteidigt diese. Indem Scott damit – trotz kontinuierlicher Kritik, beginnend bei Marx – ganz dem Ansatz Proudhons folgt (Vorwort: xii) verkennt er total, dass die Forderung nach eigenem Land durch Bauernbewegungen oder die Verteidigung der selbständigen Gewerbe von Handwerker*innen bei der Durchsetzung des Kapitalismus, eben nicht bedeutet für kleinbürgerliche Eigentumsverhältnisse innerhalb des heutigen Kapitalismus' einzutreten. Selbstverständlich wehrten sich diese Gruppen völlig zurecht gegen ihre drohende Enteignung und Proletarisierung. Ihre Eigentumsverhältnisse waren aber entschieden andere, als unter durchgesetzten kapitalistischen Verhältnissen, da die Bauern*Bäuerinnen mit „eigenem Land“ keinen persönlichen Besitz verbanden, sondern Gemeinde-Eigentum, ebenso wie die Handwerker*innen nicht für ihre individuellen Produktionsmittel kämpften, sondern für kollektiven ihres Standes.

Zudem behauptet Scott, Anarchist*innen hätten ihre Vorstellung von Würde und Autonomie am „small property“ festgemacht, was sicherlich auf manche Individualist*innen zutrifft, keineswegs jedoch auf hauptsächlich verbreiteten kollektivistischen und kommunistischen Strömungen. Denn diese wollten die bestehenden Eigentumsverhältnisse umwälzen und vergesellschaftetes Gemeineigentum einführen. Richtig ist, das Handwerker*innen zu den radikalsten Gruppen der Arbeiter*innenbewegung gehörten – nicht aber, weil sie hauptsächlich ihr bisschen Eigentum verteidigten, sondern weil vorrangig keinen Kapitalismus wollten, der sie enteignete.

Zu guter Letzt vollzieht Scott noch eine schleimige Idealisierung von Kleinunternehmen und Ladeninhaber*innen, - weil diese eine so wichtige soziale Funktion hätten – und lobt die Innovationskraft von prekären Selbstunternehmer*innen. Dabei können von mir aus wirklich alle einen Laden aufmachen, wenn sie wollen – dies als Ideal für eine freiere und gleichere Gesellschaft im Kapitalismus hinzustellen ist jedoch völliger Quark. Und für alle radikaleren Bauernbewegungen ist es ein Hohn, weil sie nicht für ihr jeweiliges Privateigentum kämpfen, sondern damals wie heute für die Aufhebung der Eigentumsverhältnisse eintreten, die ihnen eben den Boden vorenthalten, von dem sie sich ernähren könnten...

[6] Nur um Missverständnisse zu vermeiden: Es geht hier nicht um den sogenannten „Mittelstand“, das heisst jene Besitzenden, die sich in völliger Verzerrung der Tatsachen als „Mitte“ der Gesellschaft ausgeben, um niedrigere Steuern zu zahlen, gewählt zu werden und die enorme Ungleichheit der Eigentumsverhältnisse zu verschleiern. Die Untersuchung des Instituts für Wirtschaftsforschung ergibt für das Jahr 2007 (!) folgende Vermögensverteilung für die BRD: Die unteren 50% der Bevölkerung besitzen 1,4% des gesamten Vermögens, die obersten 10% 66,6% und davon die obersten 1% 35,8% des gesamten Vermögens.

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