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Der sanfte Zwang zur Selbstbearbeitung unserer Körper | Untergrund-Blättle

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Kapitalismus - adaptiv statt adipös? Der sanfte Zwang zur Selbstbearbeitung unserer Körper

Politik

Der Kapitalismus hat die ungeheure Fähigkeit auch den Widerstand gegen ihn einzubeziehen, zur Ware zu machen und im Sinne der Besitzenden zu vermarkten.

Plakatwerbung für ein Fitnessstudio.
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Bild: Plakatwerbung für ein Fitnessstudio. / je

25. August 2022
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So bleibt auch meine Kritik an seinen Sinn-entleerendem Weltbild und der gnadenlosen Brutalität von Ausbeutung, Unterdrückung und ökologischer Zerstörung, die seine Grundlagen als auch Folgen sind, irrelevant bzw. bleibt bedeutungslos, wenn sie lediglich verbal geäussert wird.

Umgekehrt ist es aber nicht so, dass meine Anmerkungen zur Stärkung des Kapitalismus führen würden - dazu hat die Szene-Blase, in der ich mich bewege und die ich ja auch hauptsächlich adressiere wirklich zu wenig Bedeutung. Trotzdem sollten wir uns ernst nehmen. Und vor Augen halten, dass eine anti-kapitalistische Haltung nicht genug ist, sondern durch Perspektiven auf eine libertär-sozialistische Ökonomie erweitert werden muss. Denn auch bei jenen, welche das dominante ökonomische Herrschaftsverhältnis scheisse finden, stellt sich die Frage: Wie sonst wirtschaften? Und das zurecht.

Im Bild sehen wir die Werbung für ein Fitness-Studio-Kette. Sicherlich kein Zufall ist, dass seine Farbwahl ziemlich nah an jener orientiert ist, welche verschiedene Online-Dating-Plattformen verwenden. Und naheliegend ist, dass beides verknüpft gedacht wird - der Wert, welcher einem trainierten, straffen, als gesund geltenden Körper zugeschrieben wird und dem Wert, den einer*einem (potenziellen) Dating-Partner*in verkörpert. In die vermeintlich rein subjektive und gefühlte Anziehungskraft und individuellen Vorliebe mischen sich dabei wie selbstverständlich Kategorien der kapitalistischen Verwertbarkeit des Gegenübers.

Sport zu treiben gilt als attraktiv, weil gesund, weil den durch Werbung und Kulturindustrie erzeugten Schönheitsidealen entsprechend, weil irgendwie aktiv und daher scheinbar lebendig. Im Fitnessstudio gelingt ferner eine bestimmte Verschmelzung von Körper und Technologie, mit welcher dieser als objektivierter Gegenstand geformt wird. Und jene Prozedur gelingt nur durch das aktive Mitwirken, also auch den eigenen Willensentschluss der entsprechenden Personen.

Perfiderweise funktioniert die ganze Angelegenheit dann auch mehr oder weniger im Sozialen so. Wer das Fitness-Studio aufgesucht hat, muss sich zwangsläufig selbst attraktiver und wertvoller fühlen - denn sie*er hat ja hart erarbeitetes Geld dort gelassen und durch eigene Arbeitsleistung in den eigenen Körper investiert. Die Körperarbeit, nach der Lohnarbeit, nach der Hausarbeit sozusagen. Kommerzialisierte Technopartys liessen sich ähnlich diskutieren. Ihre Vergütung äussert sich möglicherweise in einem entspannteren Körpergefühl, vielleicht in einer Gelassenheit durch jene Routine, die sich einstellt, wenn Menschen regelmässig derartigen verzweckten Hobbys nachgehen.

Was dem einen die Kirche, ist der anderen das Fitness-Studio. Beide leben von der Sehnsucht nach ewigem - und jugendlichem - Leben für die Anhänger*innen ihrer jeweiligen Ideologie, die dann aber auch praktiziert werden muss. Schön wäre es, könnten Menschen mit sich selbst zufrieden sein. In einer Gesellschaftsform, welche trotz - nein wegen - ihrer unglaublich hohen ökonomischen Produktivität ein permanentes Grundgefühl des Mangels erzeugt, der durch Konsum gestillt werden muss, ist dies leider kaum möglich. Und ebenso bleiben Menschen - bisher noch - soziale Tiere. Woran liesse sich also die Entlohnung, welche mit dem Fitness-Studio versprochen wird, besser messen, als in der Bestätigung der eigenen Attraktivität durch andere - sei es als Sexualpartner*in, Lebensgefährt*in oder Lohnarbeiter*in?

Galten Muskelpakete vor Jahrzehnten noch als Kennzeichen von Strassen-, Hafen- und Fabrikarbeiter*innen, wurden sie von bürgerlichen Klassen als willkommenes add-on adaptiert. "Seht her" - will man sagen - "neben der Arbeit an meinem Schreibtisch arbeite ich auch noch am Fitnessgerät"! Das gleiche Schicksal widerfuhr der gebräunten Haut, welche statt als bäuerliches Merkmal der Feldarbeit zum Indikator der erworbenen Freizeit im südländischen Urlaub und somit nicht mehr als Armut, sondern als Reichtum galt. Was sich durch das bekannte Krebsrisiko zu langer direkter Sonnenbestrahlung mittlerweile wieder geändert hat.

Durch sozialstrukturelle Transformation im letzten halben Jahrhundert, stiegen umgekehrt auch zahlreiche Menschen aus vormaligen expliziten Arbeiter*innenklassen sozial auf und nahmen ihre Muskelpakete und ihre Sonnenbräune teilweise mit. Was jedoch hinter sich gelassen werden soll sind: Zerfurchte Gesichter, zerbrochene Zähne, ausgefallenes Haar, sehnige Hände, als auch die Lethargie, der Fatalismus und die Resignation, welchen mit harter körperlicher Arbeit einhergehen.

Doch um zur abgebildeten Werbung zurück zu kommen: 25 Jahre Fitness-Studio-Kette, 25 Jahre Fabrikation von als gesund und attraktiv geltender Körper. Und darauf sollt ihr gefälligst stolz sein! Für die Eigentümer*innen sicherlich eine Erfolgsstory, die ein pinkes Plakat im grünlichen, hippen Stadtviertel wert ist. Nicht gesprochen wird von den Motivationen, welche Menschen ins Fitnes-Studio führt, als auch von den Folgeerscheinungen, welche derartige Umgebungen langfristig mit sich bringen können. Verständlicherweise wird stattdessen das Produkt angepriesen: Der straffe, trainierte, muskulöse und junge Körper im Besitz einer individuellen Person, die ihren Wert auf dem Sexual- und Lohnarbeitsmarkt damit zu bestimmen weiss.

Die Botschaft: Auch du kannst es schaffen, wenn du an dir arbeitest und unserem Klub beitrittst. Das zufriedenstellende soziale und sexuelle Interaktionen, als auch angenehme und sinnvolle Tätigkeiten zum Lebenserhalt im Kapitalismus per se begrenzt sein müssen, um jene Konkurrenz zu erzeugen, welche Menschen erst in das Fitnessstudio führt, davon ist verständlicherweise nicht die Rede. Wie sich dies auf einem Plakat darstellen liesse, wäre ein Grafikwettbewerb wert.

Jonathan Eibisch

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