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46 Fragen zur nachkapitalistischen Zukunft | Untergrund-Blättle

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Die „zivilgesellschaftliche“ Mobilisierung von Fähigkeiten und Sinnen 46 Fragen zur nachkapitalistischen Zukunft

Politik

Von den globalisierungskritischen Bewegungen hört man seit Jahren den Slogan „Eine andere Welt ist möglich“. Allerdings bleibt es oft bei Wunsch und Beteuerung.

46 Fragen zur nachkapitalistischen Zukunft.
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46 Fragen zur nachkapitalistischen Zukunft. Foto: Jeff Attaway (CC BY 2.0 cropped)

18. Januar 2017
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Wir sollten dieses Motto ernst nehmen. Und das heisst, – im Unterschied zu vielen Linken – sich einem weit verbreiteten Einwand zu stellen. Er lautet: „Selbst wenn uns infolge der Kritik an der kapitalistischen Ökonomie eine Alternative wünschenswert erschiene, so weist die nachkapitalistische Gesellschaft notwendigerweise zentrale Strukturprobleme und massive negative Folgen auf. Bei all seinen Mängeln erscheint der Kapitalismus insofern als kleineres Übel.“ Wir müssen Konzepte für eine nachkapitalistische Gesellschaft vorstellen, die nicht in die Nähe von unterkomplexen Patentrezepten oder totalitären Systemen geraten. Im Unterschied zu utopistischen Kopfgeburten knüpfen die skizzierten Regelungen und Leitbilder an Bewegungen, Institutionen und Potentialen an, die im modernen Kapitalismus entstehen.

Für die nachkapitalistische Gesellschaft ist ein eigenes positives Paradigma charakteristisch. Es geht darüber hinaus, im Horizont der Mängelrügen am Kapitalismus positive Alternativen zu formulieren. Not-wendig ist eine Veränderung der Art und Weise der Vergesellschaftung. Mit Werten wie Gerechtigkeit und Demokratie lassen sich entscheidende Fragen nicht beantworten: Wie kann sich im Bezug der Produzenten auf die Konsumenten durchsetzen, dass sich die Produzenten mit ihren Produkten an den wohlverstandenen Bedürfnissen der Konsumenten orientieren? Wie lässt es sich erreichen, dass die Konsumenten es nicht allein auf ihr Konsumgut absehen und vom „Schicksal“ der Arbeitenden in der Arbeit absehen?

Was sind die Voraussetzungen dafür, dass die Konkurrenz zwischen den Produzenten und zwischen den Konsumenten aufhört? Was ist nötig, damit sich Produzenten und Konsumenten von ihrer Gleichgültigkeit gegenüber den von Arbeit und Konsum indirekt Betroffenen emanzipieren? Wie können Hindernisse der Kooperation und des Gemeineigentums überwunden werden, die aus den Schwierigkeiten kollektiven Handelns resultieren? Mit dem Begriff von „Praxis“ arbeite ich eine „kognitiv-evaluative Landkarte“ (Hartmut Rosa) und ein neues gesellschaftliches Leitbild heraus.

Es fällt nicht hinter die Errungenschaften des bürgerlichen Paradigmas (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) zurück und ist den über es hinausgehenden Bedürfnissen angemessen. Gefragt wird nach der für die nachkapitalistische Gesellschaft massgeblichen Vorstellung vom „guten Leben“. „Praxis“ bezieht sich auf die Entfaltung menschlicher Sinne, Fähigkeiten und Reflexionsvermögen u.a. im Arbeiten, in sozialen Beziehungen, in der Gestaltung der Gesellschaft durch ihre Mitglieder. Mit „Praxis“ (als Integration dieser verschiedenen Momente) entsteht ein gegenüber den Perspektiven der Kapitalverwertung ums Ganze unterschiedener Horizont dessen, was als Reichtum gilt.

Nicht allein um eine andere Verteilung des Kuchens geht es, sondern um einen anderen Kuchen und um eine andere Art des Kuchenbackens. Im Unterschied zum Plädoyer für die Umverteilung „von oben nach unten“ liegt der Akzent im vorliegenden Band eher auf der Qualität der Gebrauchswerte, des Arbeitens und der Sozialbeziehungen. Im Unterschied zu einer politischen Perspektive, die sich auf die Zusammenarbeit von Parteien auf Regierungsebene konzentriert (Politik von oben), interessiert mich die „zivilgesellschaftliche“ Mobilisierung von Fähigkeiten und Sinnen, Reflexionsvermögen und sozialer Assoziation in den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen gegen ihre kapitalistische Form.

Für einen anderen Schwerpunkt der gängigen linken Agenda steht der Slogan „Wer Demokratie will, muss die Finanzmafia entmachten“ (Linkspartei). Kritik an den weit verbreiteten Vorstellungen von der vermeintlichen Macht des Finanzkapitals über die sog. „Realwirtschaft“ formuliert bislang viel zu wenig berücksichtigte kapitalismustheoretische und empirische Einwände gegen die Zentrierung von Kapitalismuskritik auf die „bösen Börsenbuben“ (Franz Schandl) und gegen die Diagnose eines „finanzmarktgetriebenen Kapitalismus“.

Problematisch wird das kapitalistische Wirtschaften zudem nicht erst durch „Übergriffe“ gegenüber anderen Bereichen. Die Perspektive besteht nicht in der Politisierung der Ökonomie, sondern darin, die schädlichen Trennungen und Abstraktionen, Widersprüche und Eigendynamiken des kapitalistischen Wirtschaftens zu überwinden. Dies erfordert Formen der gesellschaftlichen Regulation, Auseinandersetzung und Gestaltung, die über die Institutionen der modernen bürgerlichen Demokratie hinausgehen. Die Fixierung auf Haupt- und Staatsaktionen blamiert sich an der nicht erst von Ulrich Beck (Stichwort „Subpolitik“) analysierten Koexistenz des politischen Zentrums und der im Kapitalismus der gesellschaftlichen Gestaltung entzogenen grundlegenden Prozesse. Die Veränderung dieser Konstellation muss beide, zueinander komplementäre Seiten verwandeln.

Meinhard Creydt
streifzuege.org

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