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Ein Interview mit den Revolutionären Zellen “Wenn wir leben wollen, müssen wir uns beeilen”

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Dieses Interview aus dem Jahre 1975 ist Teil der Broschüre “Holger, der Kampf geht weiter! Dokumente und Beiträge zum Konzept Stadtguerilla”.

Studentenrevolte 196768, WestBerlin.
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Bild: Studentenrevolte 1967/68, West-Berlin. / Stiftung Haus der Geschichte (CC BY-SA 2.0 cropped)

23. November 2020

23. 11. 2020

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45 min.
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Der bewaffnete Antagonismus in der BRD war, entgegen vielleicht heutigen Annahmen radikaler Linker, die Ursprungsintention der Entstehung der RZ: Im Zentrum der Macht Stadtguerilla aufbauen. Einen Versuch, den es ohne die Praxis der RAF wahrscheinlich nie gegeben hätte, wie die RZ wiederholt klar stellten, die den Genoss*innen der RAF immer in kritischer Solidarität verbunden geblieben sind und sich dem Versuch verweigert haben, sich als “nette Feierabendterroristen” in Front gegen die RAF bringen zu lassen: “Die politische Differenz der RZ zur RAF drückt sich im übrigen nicht von Schlagzeile zu Schlagzeile und schon gar nicht als Distanzierung gegenüber unserem gemeinsamen Gegner aus, sondern seit 1973 in dem Versuch, eine andere, sozialrevolutionäre Linie, andere Formen des bewaffneten Widerstandes praktisch zu entwickeln. Nur darum geht es und nicht Scheisse auf Freundinnen und Freunde zu schmeissen, die uns in diesem furchtbaren Land näher sind als die meisten anderen.”

Der Staat legte Übrigens gegenüber den RZ das gleiche extralegale Vernichtungsverhältnis an den Tag wie gegenüber der RAF: Als 1978 Hermann Feiling ein selbstgebauter Sprengkörper, der für das argentinische Konsulat in München gedacht ist, beim letzten Überprüfen buchstäblich unter den Händen vorzeitig explodiert, wird er schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht. Er verliert beide Beine und sein Augenlicht, sein Körper ist übersät mit Brandwunden. Vollgepumpt mit Medikamenten und unter Schock stehend wird er, abgeschottet von Familie, Freunden und ohne Rechtsbeistand von den Bullen “vernommen”. Erst Monate später ist er in der Lage überhaupt seine Situation zu realisieren und zu verstehen, was in den letzten Monaten in den Verhörsituationen passiert ist.

Dieser Text ist Teil der umfangreichen Online Dokumentation zu den Revolutionären Zellen, die Mitte der 90iger entstanden ist, nachdem ein Verräter umfangreiche Aussagen bei den Bullen gemacht hatte und es zu mehreren Festnahmen kam.

Frage:

In Österreich wird die Diskussion über das „Konzept Stadtguerilla“ praktisch ausschliesslich anhand von Publikationen aus der BRD geführt. Ich will mich in den folgenden Fragen hauptsächlich auf die Kritik beziehen, die linke Gruppen und Organe in der BRD an euch üben und nach den Beziehungen zwischen der legalen Linken und der Stadtguerilla bei euch fragen. Du solltest mal was dazu sagen, wie du zur Guerilla gekommen bist, was eure Gruppe macht und wie lange sie schon existiert, damit man weiss, wie überhaupt so etwas entsteht.

Wo wir vorher Demos gemacht haben, teach- ins organisiert haben usw., da schien es uns jetzt richtig und notwendig, über die Formen des Kampfes hinauszugehen, auch über die des Steineschmeissens, des Molli- Werfens und auch mit den Erfahrungen von Demos, von Agitation, von dem Frust immer wieder von den Bullen demoralisiert zu werden, wo man eins auf die Rübe gekriegt hat, wo Hausbesetzungen nicht geklappt haben, wo nur ein paar Leute zu ’ner Demo gekommen sind usw.

Antwort RZ:

Ich gehöre zur Revolutionären Zelle, die vor ein paar Jahren entstanden ist, zu einem Zeitpunkt, als es die RAF [1] und die Bewegung 2. Juni [2] schon gab. Mit dem Wissen über diese beiden Gruppen – was wir also aus Presse usw. erfuhren – haben wir angefangen. Es waren halt ein paar Genossen, die es richtig fanden, auch die Frage des bewaffneten Kampfes hier und heute auf die Tagesordnung zu setzen, wobei wir auf Erfahrungen aus der politischen Massenarbeit aufbauen konnten. Na ja, was machen so ein paar Leute, die sagen, Propagierung und praktische Aufnahme des bewaffneten Kampfes ist richtig, die aber keine konkreten und praktischen Erfahrungen haben? Die sich sagen, so wie wir bisher die Massenarbeit gemacht haben, reicht es nicht, die sagen, das, was die RAF macht oder der 2. Juni, so wollen wir es auch nicht, die sich also immer nur negativ abgrenzen konnten? Wir waren nicht in der Lage, positiv und konkret was Neues zu benennen und die Genossen haben sich dann gesagt: „Probieren wir’s mal!“. Die einzigen strategischen Überlegungen waren eigentlich die (und die waren dann doch ziemlich konkret), dass man an gesellschaftlichen Konflikten anknüpft. Wo wir vorher Demos gemacht haben, teach- ins [3] organisiert haben usw., da schien es uns jetzt richtig und notwendig, über die Formen des Kampfes hinauszugehen, auch über die des Steineschmeissens, des Molli- Werfens und auch mit den Erfahrungen von Demos, von Agitation, von dem Frust immer wieder von den Bullen demoralisiert zu werden, wo man eins auf die Rübe gekriegt hat, wo Hausbesetzungen [4] nicht geklappt haben, wo nur ein paar Leute zu ’ner Demo gekommen sind usw.

So ging es den anderen und mir eigentlich auch, auch für mich war die ganze subjektive Erfahrung, die man in der Massenarbeit gemacht hat, tragendes Element für die Frage: Wie kann der Kampf eigentlich weiter aussehen, wie könnte eine neue revolutionäre Strategie aussehen? Einschneidend war für mich der Vietnamkonflikt [5] gewesen. Er war ein neuer Anstoss – insbesondere damals die Verminung der Häfen durch die USA [6] – wobei ich eigentlich zweierlei Neues empfand: das erste war, dass ich an der Stelle begriff, dass unsere Kampfformen nicht ausreichen, um wirklich auch neue Positionen einnehmen zu können, so was wie Gegenmacht herzustellen. Das andere war, endlich Subjekt sein zu wollen in diesem Kampf. Das meint, dass ich viele Jahre gekämpft habe mit dem Gefühl, dem Bewusstsein, andere in den jeweiligen Bereichen, wo ich drin war, agitieren zu müssen und zu können und dabei das, was man eigentlich selber ist, das was man an sich selber befreien will, machen will, einsetzen will, dass das in der Phase, wo man ganz intensiv Massenarbeit betreibt, herausfällt. Das soll nicht heissen, dass wir nicht auch das weiterhin tun müssen, aber wir selbst müssen uns in diesem Kampf immer mit verändern und die ungeheure Gefahr vermeiden, die in der Massenarbeit steckt: nämlich sich selbst dabei herauszulassen.

Frage:

Also dass man sich selber als handelndes Subjekt begreift, wird ja von einer ganzen Anzahl linker Kritiker genau anders herum dargestellt und daraus massive Vorwürfe abgeleitet. Zum Beispiel werfen die Autoren entsprechender Aufsätze in Organen wie „links“ [7] oder „Probleme des Klassenkampfes“ [8] euch folgendes vor: „In einem typisch bürgerlichen Missverständnis wird die proletarische Klassengewalt mit dem privaten Faustrecht einzelner Personen und kleiner Gruppen verwechselt und damit verhöhnt“ und auch andere Linke argumentieren ähnlich. In einem Leserbrief an den „Langen Marsch“ [9] heisst es z.B. die Stadtguerilla bastele sich zunächst eine richtige Linie aus Versatzstücken von Mao [10], Che [11], den Tupamaros [12]. Dann habe sich das Volk gefälligst befreien zu lassen und zwar durch die Guerilla, die beabsichtige, als Minorität auf putschistische Weise, also stellvertretend und für die Massen und selbst gegen deren Willen das System der Klassenherrschaft zu beseitigen.

Antwort RZ:

Der erste Vorwurf ist mir eigentlich am unverständlichsten. Hier scheint die Linke eine schöne Verkehrung vorzunehmen. Man meint, aufgrund unserer Herkunft und unserer politischen Nachsozialisation, die wir von der Studentenrevolte bis zum heutigen Tage erfahren haben, sei der militante Kampf, also die Arbeit einer Stadtguerilla, nur in der Weise zu führen, dass man sich selber unter Druck setzt, sich und andere instrumentalisiert. Es passt nicht in ihr Bild – weil sie selber so nicht sind – , dass gerade eine Guerilla nur erfolgreich sein kann, wenn die Genossen sich der permanenten Selbst- und gemeinsamen Überprüfung unterziehen, sich im Kampf permanent verändern. Das heisst nichts anderes, als sich selber einzubringen, ohne die Teilung, die die Linke immer noch vornimmt, hier Privatleben, da Politik und zwar auf allen Ebenen. Die andere Seite der Verkehrung liegt in der Politik selber begründet. Der Massenarbeiter [13] ist grundsätzlich in der Situation, jederzeit der Politik den Rücken kehren zu können, die Bereiche zu wechseln, wie es gerade passt. Also er lässt sich selber Freiräume und Hintertüren offen, macht immer ein Stückchen Freizeitsozialismus. Er glaubt es zumindest, dass er die Möglichkeit hat. Und klar ist auch, dass viele Linke sich so verhalten. Die Zunahme der Repression durch die Staatsgewalt in den letzten drei Jahren in der Wirkung auf eine Masse von Linken bestätigt das.

Die Genossen der Guerilla haben sich für eine Form der Politik entschieden, die das unmittelbar mit einschliesst. Die Stadtguerilla-Genossen wissen von vornherein, dass die Repression sie unmittelbar trifft, dass die Existenz, die Wohnung, Beruf, Freund/in usw. im Eimer ist, wenn die Bullen sie kriegen. Also subjektiv doch eine ganz andere Entscheidung. Das heisst natürlich nicht, dass auch die Stadtguerilla ihre Politik immer wieder revidiert, nicht dass wir uns da missverstehen: Es gibt ja Leute, die behaupten, die Stadtguerilla hätte sich so verrannt, dass sie nicht mehr zurück könne. Man kann alles auch auf eine kurze Formel bringen: ein Guerillero hat sich dafür entschieden, seine Persönlichkeit, Gedanken, Gefühle und Handlungen deckungsgleich werden zu lassen, also daran zu arbeiten, identisch zu werden. Da können Linke ein „privates Faustrecht“ draus machen, das ist lächerlich, weil sie nicht zugeben können oder wollen, dass sie sich momentan in einer Situation befinden, wo sie erkämpftes Gegenmilieu kalt lächelnd wieder aufgeben und den Weg des geringsten Widerstandes gehen. Und dies noch politisch rechtfertigen! Wenn ich alleine an das Berufsverbot [14] denke! Meine Güte, sprich mit den Leuten und du wirst sehen, wie sie sich hinter dem Berufsverbot verstecken. Fragen, wie kann sich Gegenmacht entwickeln, stehen momentan kaum zur Debatte. Man kann sagen, dass die Linke sich z.Zt. in einer defensiven Phase befindet. Das ist dann einfach, sich einen Feind aufzubauen, nämlich die Stadtguerilla, die natürlich kaum einen historischen Hintergrund in der BRD hat, die sich in der Phase der praktischen Erarbeitung von revolutionärer Strategie befindet. Sie diffamieren uns mit ihrer eigenen zerstückelten Klassikertheorie, bis hin zu der Behauptung, dass die Stadtguerilla der Rechten in die Hände arbeitet und das angeblich selber auch wisse und vergessen dann ganz schnell, dass es die Aufgabe der radikalen Linken ist, Widersprüche auf die Spitze zu treiben, dass das ein Teil unserer Aufgabe ist: den Staat zu entlarven.

Also wenn man es genau betrachtet, werden die Zunahme der Repressionen, also Gesetze usw. und das Bemühen der Stadtguerilla, eine revolutionäre Strategie zu entwickeln, zur Rechtfertigung der eigenen falschen Politik oder besser des falschen Bewusstseins benutzt. Dass sich die Stadtguerilla eine Strategie aus Che, Mao, Marighella [15] zusammenbastelt, ist so bescheuert, dass man nur sagen kann, die Linken, die das sagen, sollen sich davor hüten, weiter Marx, Lenin zu zitieren. Klar, habe ich schon gesagt, die Theorie der Stadtguerilla gibt es in der Dritten Welt, aber nicht in Westeuropa, aber Vorsicht, sie ist im Kommen! Aber nicht, weil wir einen Dutschke [16] oder Rabehl [17] haben, der nichts weiter macht, als sich an den Schreibtisch zu setzen (hat sich sowieso gezeigt, dass nichts als Scheisse bei rauskommt), sondern weil wir als Stadtguerilla und zwar in allen westeuropäischen Ländern, wo es eine Stadtguerilla gibt, versuchen, unsere Theorie mit unserem politischen Hintergrund – also sowohl theoretisch wie praktisch – und dem, was wir tatsächlich machen, zu entwickeln. Ich glaube, das ist auch korrekt. So haben wir immer wieder die Möglichkeit, da, wo wir agieren und intervenieren, die Richtigkeit praktisch zu überprüfen. Und damit entkräftet sich auch der Putschismusvorwurf von allein. Wenn wir putschen wollten, sofern das ginge, setzten wir uns an den Schreibtisch wie Herr Negt [18], machten einen Plan und würden uns einen Scheissdreck um die Massen scheren. Das ist in sich schon so hinterfotzig, weil diese Typen davon ausgehen, dass die Massen das mit sich machen lassen. Die KPD scheint das tatsächlich zu glauben! Aber erstens wollen wir uns selber befreien, wollen wir dieses unmenschliche System bekämpfen und wollen eine solche Politik machen, wo die Guerilla zur Massenperspektive wird. Nicht die Massen sollen sich durch uns befreien lassen, sondern wir wollen uns befreien: wir gehören nämlich dazu! Zu Rudi Dutschkes Rede in Berlin kann ich nur sagen, er scheint irgendwie schon befreit zu sein. Wahrscheinlich ist er schon der neue Mensch? Sicher ein wunderbares Gefühl!

Frage:

Manche der Vorwürfe der Linken sind wohl direkt gegen die RAF gerichtet, zum Teil scheinen sie mir berechtigt. Daher sag mal was ausführlicher über die RAF, weil zum einen die RAF und das, was sie gemacht bzw. was sie nicht gemacht hat, sondern was man ihr nur unterstellt, weil das insgesamt praktisch gleichgesetzt wird mit Stadtguerilla überhaupt.

Antwort RZ:

Entscheidend ist doch dabei, dass die RAF die erste Organisation war, die den bewaffneten Kampf aufgenommen hat und deswegen ist sie auch ein wesentliches Moment für unsere Politik und andere Gruppierungen. Im weitesten Sinne für die ganze Bewegung. Wenn man uns fragt, was unser Verhältnis zur RAF ist und wie wir die Politik der RAF einschätzen, dann müsste man vor allen Dingen erstmal vorab das Verhältnis zwischen der Linken und der RAF erörtern und das nicht nur, weil die unmittelbar was miteinander zu tun haben oder weil die Linke auf die RAF- Politik Einfluss genommen hat, sondern vor allem, weil wir und natürlich auch die RAF aus der Massenarbeit hervorgegangen sind. Deswegen ist es notwendig, mal ganz konkret zu untersuchen, wie die Linke sich zur Politik der RAF verhalten hat.

Alle linken Gruppen haben in den letzten Jahren mit einer Latte von Unterstellungen versucht, die Auseinandersetzung mit der Politik der RAF zu unterlaufen. Diese Geschichte ist ein Leidensweg für alle Linken gewesen. Am liebsten hätten sie sich nicht mit der RAF auseinandergesetzt, aber das liessen RAF und Presse und die Massen nicht zu. Es passierte zu viel, es stand zuviel in den Zeitungen, die Leute redeten viel darüber. Und die Linken hatten Angst und waren unentschlossen.

Frage:

Ja, mach das mal.

Antwort RZ:

Alle linken Gruppen haben in den letzten Jahren mit einer Latte von Unterstellungen versucht, die Auseinandersetzung mit der Politik der RAF zu unterlaufen. Diese Geschichte ist ein Leidensweg für alle Linken gewesen. Am liebsten hätten sie sich nicht mit der RAF auseinandergesetzt, aber das liessen RAF und Presse und die Massen nicht zu. Es passierte zu viel, es stand zuviel in den Zeitungen, die Leute redeten viel darüber. Und die Linken hatten Angst und waren unentschlossen. Die K- Gruppen [19], das sind KPD – damals AO, KBW und KPD/ML hatten es anfangs drauf, zum Teil die Bild- Zeitung von links zu überholen. Sie überschlugen sich und diffamierten: kleinbürgerliche Putschisten, Provokateure im Sold der herrschenden Klasse, faschistische Anschläge, das sind keine Genossen mehr. Die RAF stört offensichtlich die Aufbauphase dieser Miniparteien, die ausgezogen sind, beste kommunistische Tradition der 20er Jahre fortzusetzen. Ich muss allerdings hinzufügen, dass sich speziell bei der KPD/ML der Standpunkt etwas verändert hat, verbal, dass sie ungeheuer militante Artikel in ihrem Blatt schreiben, praktisch distanzieren sie sich aber auch heute von der Politik der Stadtguerilla. Der KBW ist der Linie der Verteufelung treu geblieben. Am taktischsten hat sich die KPD verhalten, die die RAF als Genossen wiederentdeckt hat, natürlich mit der falschen Linie und die, wie in allem, den Eindruck vermitteln will, als hätten sie dieses Problem fest im Griff – mit ihrer richtigen Linie. Naja, das wird sich zeigen.

Am ärgsten gebeutelt wurde die Sponti-Linke. [20] Die hatten nie die Sicherheit der ZK- Anweisung, der richtigen Linie. Sie bekamen auch mit, dass eine Menge Leute die RAF ganz dufte fanden und sie selbst fanden die RAF manchmal auch ganz gut. Und sie hatten Angst und waren moralisch und kannten Baader [21] von früher. Diese Mischung bekam der politischen Auseinandersetzung nicht gut. Sie hielten sich lange mit dem Vorwurf über Wasser, die RAF würde keine politischen Aktionen machen, sondern nur Logistik betreiben. Und Baader kennt man ja. Dann, als die Aktionen kamen und die Hetze der Presse und die Fahndung lief, kam die Angst und der erste Vorwurf war vergessen. Jetzt glaubten die Spontis, das alles richtet sich vor allem gegen sie selbst. Und die Aktionen würden nicht vermittelbar und zu gross sein. Als die Genossen verhaftet wurden, löste sich der Druck von den Spontis und sie konnten moralisch sein, als die Vernichtungshaft bekannt wurde. Aber diese Moral hält nicht lange. Als Holger ermordet wurde, grosse Empörung und Rache [22] für Holger, als einen Tag später Holger gerächt wurde, griff die Angst die Spontis wieder und sie fühlten ihre Kampagne von der Drenkmann [23]– Erschiessung kaputtgemacht. Das ist alles grob und verkürzt, klar, aber ich glaube, wenn man auch die Nebenlinien dieser Geschichte noch genauer untersuchen müsste, die vor allem daher kamen, dass wir alle der bürgerlichen Presse immer wieder zu viel geglaubt haben, würde das hier zu umfangreich.

Frage:

Das sehe ich nicht ganz ein. Ich halte den Moralismus für einen wichtigen Teil jeder linken Politik.

Antwort RZ:

Ich meine ja auch nicht, dass Moralismus grundsätzlich falsch wäre, sondern der Moralismus der Linken, d.h. also unserer Erziehung, die wir so mitbekommen haben, mit den gesamten Normen usw. hat eine wesentliche Rolle bei der Distanzierung gespielt. Das zeigen Beispiele wie die Ermordung des Genossen Georg von Rauch [24] und die Auseinandersetzung zwischen der Staatsgewalt und dem Genossen Grashof [25] bis zum heutigen Tage eigentlich auch die Verhaftungen, im Hungerstreik, in der gesamten Knastsituation, in der Frage der Verräter usw. Um es nochmal an dem Beispiel Georg von Rauch und Grashof klarzumachen: Ich meine, dass ein wesentliches Moment war, warum die Linke sich zu Georg von Rauch anders verhalten hat als zu der Verhaftung von Grashof, dass durch die gesamte Presse und durch das, was die Linke versucht hat zu recherchieren, erkennbar wurde, dass Georg von Rauch bei dem Schusswechsel mit den Bullen offensichtlich keine Knarre dabei hatte, der Grashof aber sehr wohl eine hatte und sich offensiv zur Wehr gesetzt und einen Bullen erschossen hat. Das, was danach gefolgt ist, war, dass zu Georg von Rauch ne Masse geschrieben worden ist in den verschiedenen Organen der Linken. Dass grosse Demos stattgefunden haben, also Solidarität mit Georg von Rauch, und die Bullen waren da die grossen Schweine, und die Staatsgewalt hat sich wieder einen mordsmässigen Übergriff geleistet. Bei dem Genossen Grashof, wo ja nahezu das Gleiche gelaufen ist, dass sie ihm aufgelauert haben und Grashof dann in der Situation, wo er kapiert hat, dass die Bullen auf ihm drauf sind, sich noch ernsthaft gewehrt hat, um aus der Situation rauszukommen. Da ist schon absolut nichts mehr gelaufen an Demos oder sonstigen Sachen. Und ich meine schon, dass das ein ganz entscheidendes Beispiel ist, woran sichtbar wird, dass nicht politische Kategorien massgebend dafür gewesen sind, in welcher Weise man auf bestimmte Konflikte reagiert, also nach aussen hin Propaganda macht, sondern dass hier die uns eingepflanzten humanitären Normen voll durchschlagen und sonst nichts. Das genau zeigt sich also eigentlich bis zum heutigen Tag, zeigt sich nicht nur an diesem genannten Beispiel, sondern hat sich auch an den Aktionen, die die RAF gemacht hat, gezeigt. Da, wo z.B. US- Schweine bei einer Aktion umgekommen sind, zeigt sich bei den ersten Verhaftungen von Genossen aus der RAF, zeigt sich bis hin eigentlich zu dem Hungerstreik, dass immer wieder die Linke sich mit ihrem gesamten Moralismus in die Waage wirft oder sich in ner ganz bestimmten Weise distanziert.

Frage:

Was sagst du aber zu der Kritik an der RAF von den Anarchisten [26] (Berlin), die sagen, die RAF sei völlig unemanzipiert, „terroristisch nach innen, gegen sich selbst und die eigenen Genossen und damit mehr auf die Erhaltung herrschender Verhaltensweisen bedacht, als auf deren notwendige Zerstörung“. Die Frage wäre also, ob du diese Einschätzung teilst, woher – wenn es stimmt – diese Struktur der RAF kommt und ob eine andere Verhaltensweise überhaupt in dem Zusammenhang, in dem die RAF existiert, denkbar gewesen wäre oder denkbar ist.

Antwort RZ:

Also erstmal halte ich diese Kritik sowieso für ausgemachten Blödsinn, weil das für mich eigentlich gar keine andere Qualität hat, als die diffamatorischen Äusserungen, die ja auch fast alle anderen Linken gebracht haben, also immer wieder das gleiche: hierarchische Strukturen, dass sie sich gegenseitig in die Fresse gehauen haben, dass es Kader gegeben hat und Fussvolk, sehr starke Unterschiede zwischen den einzelnen Genossen und so weiter. Mir scheint es eher so zu sein – und deswegen halt ich’s auch für ausgemachten Blödsinn – dass diese Genossen sich absolut nicht überlegen, dass es auch möglich sein könnte, unter den Bedingungen, unter denen die Genossen von der RAF existiert haben, Politik gemacht haben, nämlich also auch immer unter dem Druck, den Bullen in die Hände zu fallen, es sehr wohl möglich ist, sich trotzdem emanzipativ zu verhalten. D.h. also auch mit der Knarre in der Hand und also auch irgendwo damit, nichts mehr zu verlieren zu haben, und die bürgerliche Existenz für diese Genossen gleich Null war, dass das irgendwo gleichbedeutend ist damit, dass sie auch nach innen ein terroristisches Verhalten haben müssten; und das ist natürlich ’ne Sache, die so absolut nicht läuft, denn das hiesse eigentlich, dass jede Guerilla notwendigerweise auf ne Selbstbefreiung oder so verzichten müsste. Ausserdem kann die Innenstruktur einer Gruppe nur im Zusammenhang mit der Politik, die sie macht, gesehen werden. Kleine bewaffnete Gruppen sind ganz stark aufeinander angewiesen und können es sich nicht leisten, heute so und morgen mal wieder anders. Sie sind in ganz starkem Mass darauf angewiesen, sich zu emanzipieren und immer auch die eigene Befreiung im Auge zu haben und sich entsprechend zu verhalten. Fragen des Verdrängungsapparates z.B. und des Sich- Gehen- Lassen oder ausgeflippt sein oder so müssen in ganz anderer Weise bearbeitet werden. Jeder ist für jeden verantwortlich.

Frage:

Damit hast du aber nur den allgemeinen Charakter der Innenstruktur einer Stadtguerilla beschrieben. Nach wie vor steht die Frage, ob derartige Tendenzen bei der RAF sichtbar waren und womit das zusammenhängt. Ich würde dir durchaus zugestehen, dass die Innenstruktur gar nicht losgelöst betrachtet werden kann von der eigentlichen Politik, aber dann musst du dazu was sagen.

Antwort RZ:

Du hast recht, ich habe den allgemeinen Charakter beschrieben, aber ich werde dazu auch gar nichts anderes sagen. Ich kann nur immer wieder wiederholen, man muss sich davor hüten, bürgerliche Presse und sonstiges Geschwätz und das Bild, das die Herrschenden von der RAF aufgebaut haben, ernsthaft zu glauben.

Ich will nochmal unsere Kritik an der RAF in folgenden Zusammenhang stellen, wo dann vielleicht das Verhältnis von Innenstruktur und Politik sichtbarer wird:

Das erste ist – und da schliessen wir uns ganz klar mit ein – ohne die RAF wären wir nichts, d.h. gäbe es uns wahrscheinlich gar nicht. Damit meine ich einfach nur, dass sie historisch für uns eine ganz wichtige und notwendige Funktion hatte, dass sie initiiert hat, was es bisher nur in der Diskussion um die Dritte Welt gegeben hat, wo Emotionen da waren, wo man dafür war, aber dieses Dafür Sein sich absolut nicht übertragen hat auf die bundesrepublikanische Situation und auch gar keine faktischen Auswirkungen gehabt hat. Für uns hat die RAF z.B. ganz konkrete und praktische Auswirkungen gehabt. Wir haben uns gefragt – und das fehlt eben wieder bei Kramer [27] genauso wie bei der Linken überhaupt – wie kann das, was sie ansetzt und anzeigt an neuer Politik, wie kann sowas umgesetzt werden in revolutionäre Strategie. Das heisst, wie kann man ein Verhältnis herstellen zwischen dem, was es hier an Bewegung in der BRD gibt und dem, was wir meinen, was wichtig und notwendig ist zu tun – heute schon, ohne dass dafür schon eine ganz konkrete Grundlage gegeben ist. Die andere Seite ist unsere Kritik an der RAF. Da müssen wir uns auf die Praxis der RAF beziehen, d.h. auf ihre Aktionen, auf ihre Papiere und auf ihre Wirkung auf die politische Situation, auf die Leute hier.

Die Aktionen sind das einfachste: sie waren richtig. Wir haben daran nichts zu kritisieren, ausser, was sie selbst schon kritisiert haben, nämlich, dass sie Springer [28] nicht als das Schwein eingeschätzt haben, das er ist, als er in Hamburg das Haus nicht räumen liess, weil er Leichen und Verletzte wollte, um sie zu vermarkten. Die Kommuniques sind abstrakt und militärisch, d.h. dem tatsächlichen Stand des Kampfes und der Widersprüche damals unangemessen, z.T. etwas grossmäulig, sicher in ihrer agitatorischen Wirkung gering. Bei den Papieren der RAF blicken wir selbst nicht richtig durch, obwohl wir eine ähnliche Praxis haben. Wir wissen nicht, warum sie die Lenin- Exegese geschrieben haben. Wir sind davon nicht überzeugt worden. Auch die anderen Papiere sind für die Linke geschrieben, allerdings so, dass die sie zu leicht kritisieren und abtun konnte.

Auch wir meinen, dass die Papiere oft den Alleinbesitz der richtigen Linie, der Wahrheit hinknallen, wo eigentlich Probleme und Widersprüche aufgezeigt werden müssten. Beispiel dafür ist die Avantgarde Problematik und der verkürzte Automatismus des zwangsläufigen Kampfes der unterdrücktesten Schichten des Volkes. Und wir müssen sagen, dass uns die Papiere in der Lösung unserer theoretischen und praktischen Fragen nicht viel weitergebracht haben. Das ist die Hauptseite der Kritik.

Die politische Wirkung der RAF kritisieren wir an dem Punkt, wo sie unserer Meinung nach nicht alles getan hat, um die Hetze der bürgerlichen Presse wenigstens zu neutralisieren. Mit mehr Phantasie hätte man sicher was ändern können, d.h. wir glauben, dass sie dem Problem des Meinungskampfes in den Massen für oder gegen die Guerilla zu wenig Aufmerksamkeit schenkten. Und damit machten sie es auch der Linken einfach sich so zu verhalten, wie sie sich verhalten hat.

Das sind die wichtigsten Punkte unserer Kritik. Wir sind vorsichtig, weil wir die konkreten Bedingungen der RAF nicht kennen. Wenn wir mal Zeit haben, schreibt sicher mal einer von uns mehr über das Problem, weil das logisch für unsere eigene Diskussion wichtig ist. Denn was die Linke bisher an Kritik an der RAF auf die papiernen Beine brachte, ist – bis auf ganz wenige Ausnahmen – ziemlicher Unsinn.

Frage:

Nun zu einem Argument, das von liberalen Kreisen und auch verschiedenen linken Fraktionen benutzt wird: „Auch der Klassenfeind ist ein Mensch und wie kann man einen menschlichen Kampf entfalten?“ Die Frage, ob nicht die Kampfformen, die Kampfinhalte und die Kampfmethoden vom Kapital bestimmt sind und dass sie deswegen ebenfalls autoritär, machtorientiert, gewaltinfiziert, inhuman, terroristisch sind, ist ja wohl in dem Satz enthalten.

Damit im Zusammenhang steht dann auch immer die auftauchende Behauptung, die Massen lehnen eure Aktionen ab, überhaupt euren Kampf und durch diese Art der Kampfführung erreicht ihr mit Sicherheit eine immer grösser werdende Isolierung von den Massen und ganz aktuell werdet ihr dafür verantwortlich gemacht, wenn Solidaritätsbewegungen nicht mehr laufen können, wie z.B. der Hungerstreik der RAF- Genossen. [29] Wo also die ganze Linke so gerade eben richtig breit ihre Solidaritätsbewegung entfalten wollte und dann die Stadtguerilla den von Drenkmann umgelegt hat. Und das ist nicht der erste Fall, es hat schon bei vergleichbaren Anlässen die Argumente gegeben: die Appelle an die Öffentlichkeit usw. sind nicht mehr möglich, gehen völlig unter angesichts der Terror Taten, die inzwischen von Linksradikalen ausgeübt wurden.

….aber wenn der Satz „von Chile lernen“ irgendeinen Sinn haben soll, neben einigen anderen Sinnen natürlich, dann doch den, dass sämtliche Beispiele, die uns irgendwie zugänglich sind, gezeigt haben: Die Herrschenden in Ländern wie unserem oder in unterentwickelt gehaltenen Ländern lassen sich nicht durch gute Wünsche wegzaubern und nicht durch Verweigerungskampagnen und Streiks zum Verschwinden bringen und sind auch nicht durch den Aufbau einer Gegenkultur wegzuschaffen, durch Gegenmilieu. Soviel Narrenfreiheit zuzubilligen sind sie allemal bereit, solange nicht die Grundfesten ihres Systems erschüttert werden.

Antwort RZ:

Zunächst zu der möglichen Verhinderung von Solidaritätsdemonstrationen durch unsere Praxis: Wer die Demos und Kampagnen verhindert, sind doch nicht wir, sondern das sind diejenigen, die das Argument gebrauchen; wenn es einen Anlass gibt für eine Kampagne, z.B. wegen des Todes von Holger Meins und gegen die Haftbedingungen, ne Kampagne in der Öffentlichkeit, dann ist der Anlass doch nicht dadurch weg, dass die Stadtguerilla Drenkmann erschiesst. Die Linken, die sich hier hinter diesem Argument verstecken, wollen nicht mit uns in einen Topf geworfen werden – in Presse und „öffentlicher Meinung“. Sie haben auch zuvor keine Hungerstreik Kampagne gemacht oder sie wünschen sich eine Kampagne aufbauend auf einem moralischen und humanitären Selbstverständnis, ohne dass ihnen was dabei passiert und ohne dass irgendwie zu viel Unruhe entsteht. Daneben gibt es natürlich noch Leute, die überhaupt den Klassenkampf ablehnen, also Reformisten aller Schattierungen, z.B. die Führer von DKP [30] oder Sozialistischem Büro 2000 [31]; in Bezug auf die hat eine Aktion wie die der Stadtguerilla im Fall von Drenkmann natürlich eine positive Funktion insofern, als dass eine Polarisierung innerhalb der Linken beschleunigt und schneller und klarer zu sehen ist, wer hat einen revolutionären Anspruch und wer ist schon längst auf dem reformistischen Dampfer abgefahren.

Zur Frage der Mittel, der „Gewalt-Methoden”: Man kann da sagen, dass zum einen ja aus den Sachen, die ich vorhin gesagt habe, hervorgeht, dass Stadtguerilla ja nicht eine militärische Fetischisierung von Gewalt ist, eine Rote Armee, sondern dass Guerilla eine ganz umfassende Sache ist. Was die gewaltsamen Formen jedoch betrifft, so ist natürlich klar, dass wir ebenfalls Waffen verwenden, wie sie die andere Seite verwendet und mit Revolvern und Bomben und Erpressung und Entführung arbeiten müssen – aber wenn der Satz „von Chile lernen“ irgendeinen Sinn haben soll, neben einigen anderen Sinnen natürlich, dann doch den, dass sämtliche Beispiele, die uns irgendwie zugänglich sind, gezeigt haben: Die Herrschenden in Ländern wie unserem oder in unterentwickelt gehaltenen Ländern lassen sich nicht durch gute Wünsche wegzaubern und nicht durch Verweigerungskampagnen und Streiks zum Verschwinden bringen und sind auch nicht durch den Aufbau einer Gegenkultur wegzuschaffen, durch Gegenmilieu. Soviel Narrenfreiheit zuzubilligen sind sie allemal bereit, solange nicht die Grundfesten ihres Systems erschüttert werden. Es zeigt sich jedoch, sobald irgendeine Widerstandsform anfängt, für sie gefährlich zu werden, dass sie dann – ganz egal, ob die Widerstand Leistenden bewaffnet sind, nicht bewaffnet sind, Kinder sind oder erwachsen oder sonst was – dass dann mit allen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen, einschliesslich der brutalsten gewaltsamen Mittel dieser Widerstand gebrochen wird. Und wenn es mal durch Aufklärung der Volksmassen und einen weiter entwickelten Bewusstseinsstand über ihre Lage und deren Ursachen passiert und durch Wahlen, wie z.B. in Chile, dann wird auch alles versucht, die Umsetzung der Wünsche und Ideen und Programme der Leute und ihrer Parteien und Vertreter zu verhindern; und wenn das alles mit halbwegs friedlichen und diplomatischen und intrigenhaften Mitteln nicht möglich ist, dann wird ganz brutal zugeschlagen und es gibt die grössten Massenabschlachtereien, die man sich vorstellen kann. Deswegen halten wir das Argument, ob der Terror auf die gewaltsam Widerstand Leistenden zurückfällt, für philosophisch angesichts der Wirklichkeit, der wir uns gegenübersehen, angesichts der grausamen Herrschaftsmethoden, über die Menschen verfügen, die die Macht haben, die angewandt werden und gegen die wir uns zur Wehr setzen müssen. Und die wir nur mit Gewalt endgültig beseitigen können, wobei „wir“ natürlich wieder nicht Stadtguerilla- Grüppchen meint, sondern natürlich – wie gesagt – nur eine Guerilla praktiziert von Massen. Ausserdem: Wie die Formen der Auseinandersetzung in zig Jahren aussehen werden, will ich nicht prophezeien. Das kann völlig anders sein, als wir uns das heute vorstellen können. Aber das ändert nichts an der jetzigen Einschätzung und an den Konsequenzen, die wir notwendigerweise jetzt und immer wieder neu daraus ziehen müssen.

Also: Es gibt zwei Arten von Gewalt, es gibt zwei Arten von Toten. Die eine Seite der Gewalt ist die Gewalt der Herrschenden, zur Sicherung ihrer Herrschaft, zur Unterdrückung der Massen der Ausgebeuteten und Beleidigten, auf der anderen Seite gibt es den Widerstand kleiner Teile des Volkes, den Widerstand von Massen, den Widerstand auf verschiedenen Ebenen und in allen möglichen gesellschaftlichen Bereichen mit allen nur denkbaren Mitteln. Genauso wenig also, wie man sagen kann, die Leiche von Drenckmann und die Leiche von Holger Meins sind beides Opfer sinnloser Gewaltanwendung oder sind in beiden Fällen Grund, sich zu solidarisieren oder gegen „die“ Gewalt aufzutreten, genauso wenig kann man davon sprechen, dass die Übernahme der „gleichen“ Mittel, nämlich Gewalt, Pistolen, Revolver, automatisch auch systemerhaltende Verhaltensweisen reproduziert. Inhuman wäre es, wenn man mit dem Wissen, jedoch unter Zuhilfenahme solcher Scheinargumente, auf die Aufnahme des Kampfes verzichten wollte oder die Aufnahme des Kampfes verschieben und abschieben wollte auf andere Leute.

Frage:

Es wird behauptet, dass durch die Stadtguerilla zaghafte Ansätze klassenbewusster Aktionen der Arbeiter sofort zertreten werden, so dass die Stadtguerilla praktisch dazu beiträgt, dass sich in diesem Land eine starke klassenbewusste Arbeiterbewegung gar nicht erst bilden kann.

Antwort RZ:

Dass die Ansätze von Klassenbewusstsein im Proletariat und Klassenkämpfe selbst durch die Stadtguerilla zerstört werden, kann gar nicht stimmen. Dass die Gewerkschaften das machen, das stimmt wohl, also bitte nicht den Feind aus den Augen verlieren. Die SEW hat bei den Berliner Wahlen im Wahlausschuss, als es um die Zulassung der Parteien BFD, KPD und KBW ging, als einzige gegen KPD und KBW gestimmt und sich beim rechten Bund Freies Deutschland der Stimme enthalten. Ich mein ja nur …

Also: Bisher hat unsere Praxis das nicht bestätigt, das einzige, was ich überhaupt akzeptieren würde, ist die Gefahr – aber das trifft die gesamte Linke – dass man bestimmte gesellschaftliche Konflikte falsch einschätzt und dann auch dementsprechend falsch interveniert. Das ist hundertmal, bei der Hochschulpolitik, Betriebsarbeit, Hausbesetzung, Strassenbahnkämpfen passiert. Eben weil wir falsche Einschätzungen hatten, haben wir immer wieder Niederlagen erlitten. Aber wir lernen noch! Und wir befinden uns in einem Prozess permanenter Überprüfung. Deswegen bin ich eigentlich ganz hoffnungsfroh, wenn ich auch die Einschätzung des Genossen Mahler [32] nicht teilen kann, der zu meinen scheint, das Proletariat würde ihm die Mauer hinweg fegen, bevor er seine Zeit sowieso abgesessen hat. Und da wir als Revolutionäre Zelle nicht losgelöst von der Massenarbeit sind, das also mit Grundlage unserer Politik ist, sehe ich nicht, warum wir weniger Kontrollmöglichkeiten haben sollten, als die Sponti-Linke.

Frage:

Was sagst du zu folgenden Einwänden gegen das Konzept Stadtguerilla, Einwände, die man gerade bei linken Zeitungen, Gruppen sehr oft hört und die selbst von bürgerlichen Kommentatoren herangezogen werden, um einerseits zu rechtfertigen, dass es in Südamerika solche Bewegungen gibt und andererseits die Guerilla in Ländern wie dem unseren abzulehnen. Das geht dann so, dass man sagt: der Zeitpunkt, zu dem ihr den bewaffneten Kampf angefangen habt, sei verfrüht oder es heisst: bewaffneter Kampf gut und schön, aber in Chile, in Palästina, in Uruguay oder sogar in Spanien, in Italien, bloss nicht bei uns, denn hier fehle so was wie der soziale Hintergrund. In diesem Zusammenhang kannst du dich vielleicht auch beziehen auf dieses Modell von Revolutionen, wie es z.B. die KPD im Kopf hat, wo sich nämlich das Proletariat wie ein Mann erhebt, zu den Waffen greift und die Gefängnismauern des kapitalistischen Systems und wer weiss, was noch alles, hinweggefegt.

Antwort RZ:

Ja, das ist verhältnismässig einfach zu beantworten. Also, ich hab es ja schon ein paar Mal gesagt: Es hat in Deutschland keine starke Widerstandsbewegung, keine Resistance wie etwa in Frankreich gegeben, und das bedeutet für uns, dass wir auf einem solchen Hintergrund nicht aufbauen können. Nicht umsonst gibt es auch so grosse Schwierigkeiten, in den Betrieben weiter zu kommen; aber die Leute, die behaupten, der Zeitpunkt für die Stadtguerilla wäre verfrüht, müssten dann konsequenterweise sagen, dass die Massenarbeit der Linken auch verfrüht ist. Denn auch dafür gibt es ja nun sehr wenig reale Grundlagen. Aber das ist natürlich albern, weil wir – und das habe ich auch schon gesagt – der Überzeugung sind, dass dieses System der „Herrschaft von Menschen über Menschen“ bekämpft werden muss. Es gibt ja nun mal die objektive Tatsache, dass wir in einem kapitalistischen System leben, das uns unterdrückt, ausbeutet und kaputt macht. Das Erkennen, das Empfinden und auch das Darunter- Leiden müssen ins Verhältnis gesetzt werden zu einer richtigen Strategie. Wir versuchen – um es etwas plump zu sagen – die gegenwärtige Situation zu analysieren und dann zu handeln. Wir meinen eben einfach, dass wir mit unserem Vermögen, mit der Möglichkeit, ständig Konfrontationen ausgesetzt zu sein, in der Lage sind, zu kämpfen und was wir noch meinen ist, dass so ein Zeitpunkt nie auf einen selber zukommt und auch nicht, wie die KPD meint, dass die Arbeiterklasse eines Tages wie ein Mann zum Gewehr greift. Das wäre so schön einfach, ich kann mir gut vorstellen, dass viele sich das wünschen, dann brauchten sie selber nicht für sich die Frage der Revolution zu entscheiden. Die Idee von Revolution ist kaum noch von Evolution zu unterscheiden, dass sich irgendwann einmal alles verändert, von selbst. Nun gut, das sind wir nicht. Wir meinen – und da spricht die Geschichte für uns – dass wir und alle, die schon ebenso bewusst unter diesem System leiden, also wo die objektive Situation zur subjektiven wird, eben in dem Moment anfangen müssen, für die Befreiung zu kämpfen. Dass für die Sponti-Linke der MIR oder die Roten Brigaden [33] eine grössere Bedeutung hat als wir oder zum Teil als sie selber, hat etwas zu tun mit ihrem Verständnis von revolutionärer Bewegung. Chile ist ein Land, wo die objektiven Bedingungen so klar sind, (nur die Münchner Theoriewichser [34] meinen, die chilenischen Massen haben sich den Putsch selber zuzuschreiben, weil sie nicht genügend Kapitalstudium betrieben haben) dass es notwendig ist, den bewaffneten Kampf zu führen, um erfolgreich zu sein. In der BRD aber erscheint es nicht so. Ein Gutteil ist es der Kapitalismus selber, der mit seinen Mechanismen und Möglichkeiten, also der gesamten Ideologie, gegen die wir ja auch nicht ein für allemal gefeit sind, uns weismachen will, dass wir in einem demokratischen sozialen Rechtsstaat leben. Und der andere Teil ist der uns noch gelassene Raum, in dem wir agieren können. Ihn gibt es und es ist richtig, ihn voll und ganz auszuschöpfen, ihn politisch optimal zu erzwingen, ihn sich immer wieder zu nehmen. Aber wir müssen auch das nehmen, was uns dieser Staat sicher nicht freiwillig geben wird.

Frage:

Noch ein Zitat: Die Klassenherrschaft wird in „normalen“ Zeiten durch das ökonomische Gewaltverhältnis aufrecht gehalten, nicht durch Bullen, durch Militär, durch Justiz. Es gibt bei uns keine unmittelbare Unterdrückung, wie es sie vor Jahrhunderten gegeben hat, sondern ein entpersönlichtes sachliches Herrschafts- und Knechtschaftsverhältnis.

Daraus leitet sich dann der Vorwurf ab, dass durch das Umnieten von Politikern oder höheren Justizbeamten, das In-die-Luft-Sprengen von öffentlichen Gebäuden, überhaupt durch den Angriff auf Institutionen und Personen, kein Beitrag geleistet wird zu den Klassenkämpfen, sondern dass es sich bei den Institutionen um reparable Sachschäden handelt und bei den Personen, dass sie jederzeit austauschbar sind.

Antwort RZ:

Ich verstehe gar nicht, wie das entpersönlichte Herrschafts- und Knechtschaftsverhältnis als Begründung genommen werden kann dafür, dass Bomben und Erschiessen von Personen falsch wäre. Aber zu dem letzten muss ich doch was sagen: mit welchen Mitteln und Möglichkeiten man interveniert, hängt ab vom gegenwärtigen Stand der Auseinandersetzung und der Einschätzung, die man davon hat. Natürlich sind Häuser, Autos usw. reparabel, aber mit der Ideologie ist es doch schwerer, die wieder zu reparieren. Natürlich sind Personen ersetzbar, aber die Unruhe ist so einfach nicht wieder aufzuheben. Besetzte Häuser werden auch wieder geräumt, Streiks hören auch wieder auf – ohne Erfolg oft genug – Strassenbahn Aktionen [35] hören auch wieder auf – ohne Erfolg bis auf einige Ausnahmen – wer ein so blödes Argument bringt, sollte lieber im Bett liegen bleiben. Da braucht man dann nichts zu reparieren und die Herrschenden werden auch gar nicht böse auf sie. Wir wollen mit unserem Kampf, der alle Formen des Kampfes in der jeweiligen richtigen Situation umfasst – von der Sabotage im Betrieb bis zur Enteignung und Entführung – diesen Staat an seinen empfindlichen Stellen treffen und ihn entlarven; wir wollen Machtpositionen erkämpfen und Erfolg haben: alle Angehörigen der herrschenden Klasse sollen in ihren Villen unsicher sein, sie haben lange genug ruhig geschlafen. Sie sollen gezwungen werden, wirklich alles und jedes Objekt mit ihrem Aufgebot von Bullen zu schützen. Wir wollen, dass die Stadtguerilla eine Massenperspektive wird und nicht eine Sache von ein paar Leuten. Alles andere wäre wirklich nur Selbstzweck.

Vorhin habe ich schon gekennzeichnet, dass es sich bei Stadtguerilla nicht um „Politik“ handelt, wie sie nahezu alle anderen Gruppen machen. Stadtguerilla ist nicht: Termine besuchen, Papers schreiben, Einzelaktionen durchführen, theoretische Ak’s einrichten, sondern Guerilla heisst, sich völlig identifizieren mit dieser Art Dasein, heisst völlige Deckungsgleichheit zwischen Leben und Politik.

Frage:

Du hast jetzt an einer ganzen Reihe von Einzelbeispielen zu Vorwürfen der linken oder der bürgerlichen Seite Stellung bezogen und zum Teil kann man auch erkennen, was für ein Verständnis mit Begriffen wie bewaffneter Kampf der Stadtguerilla verbunden ist. Vielleicht kannst du das ganz ausführlich auf eure Gruppe und auf eure Praxis bezogen im Zusammenhang darstellen.

Antwort RZ:

Vorhin habe ich schon gekennzeichnet, dass es sich bei Stadtguerilla nicht um „Politik“ handelt, wie sie nahezu alle anderen Gruppen machen. Stadtguerilla ist nicht: Termine besuchen, Papers schreiben, Einzelaktionen durchführen, theoretische Ak’s einrichten, sondern Guerilla heisst, sich völlig identifizieren mit dieser Art Dasein, heisst völlige Deckungsgleichheit zwischen Leben und Politik. Das zeigt gleich, welcher Schwachsinn es ist, uns vorzuwerfen, wir würden die Auseinandersetzung auf eine militärische Ebene reduzieren, wir seien nicht emanzipativ, würden nicht versuchen, stückchenweise theoretische und praktische Erfahrungen und Einsichten in Notwendigkeiten in die Tat umzusetzen. Im Gegenteil: wir meinen, dass der umfassende Krieg gegen das System der Herrschaft von Menschen über Menschen gleichzeitig und gleichgewichtig auch den Kampf gegen das kapitalistische System in uns selbst einzuschliessen hat. Das eine wäre nichts ohne das andere.

Eine waffenmässig und militärtaktisch bestens ausgerüstete Stadtguerilla ist zum Scheitern verurteilt, wenn sie nicht diesen beschriebenen umfassenden Kampf aufgenommen hat. Spätestens durch die Spitzel des Bundeskriminalamtes werden sie geschafft. Genauso bringt eine Selbsterfahrungsgruppe, die sich versucht zu verstehen und kennenzulernen, den Kampf für die Befreiung nicht voran, sie bleibt stecken, sie schafft es vielleicht, einen Freiraum für ihre Insider aufzubauen, landet aber im ohnmächtigen, im hilflosen Ghetto, ohne den Herrschenden gefährlich zu werden. Wenn sie nicht integrierbar oder zumindest abkapselbar wäre, wäre ihr Freiraum schnell dahin. Wir versuchen beides – Verschärfung gesellschaftlicher Widersprüche vorantreiben, Guerillakrieg gegen das Herrschaftssystem zu beginnen, gleichzeitig Änderung von uns selbst – und schrittweise Befreiung von all den Mechanismen, die als die richtigen Normen dieser Gesellschaft uns eingepflanzt wurden; konkret heisst das z.B. Verhinderung der Herausbildung hierarchischer Strukturen: Gerade das ist bei illegaler Arbeit schwer, weil aus tausenderlei Gründen sich zum Beispiel Problemlösungen durch Arbeitsteilung immer wieder anbieten, was dann die fatalen Konsequenzen in der Herausbildung von Machern und Fussvolk haben kann. Durch unsere permanenten Bemühungen, uns alle allseitig auszubilden, unsere Diskussionen und Gespräche, durch die Bekämpfung der alten falschen Verhaltensweisen, durch die Vermeidung des Fehlers, wegen angeblich vordringlicher Aufgaben die Probleme zwischen uns, die Probleme in vielen Fragen des Kampfes, hinten an zu stellen, durch all das schaffen wir es tendenziell immer eher, gleichberechtigt, selbstbestimmt, absolut vertrauensvoll zusammenzuarbeiten und miteinander umzugehen. Dies ist auch bestimmend z.B. bei der Vorbereitung und Durchführung jeder einzelnen Handlung der Stadtguerilla- Zelle. Wir reden über unsere Angst, wir machen keine Aktion als Mutprobe oder auf Befehl eines Kommandierenden. Wir versuchen, die intellektuelle Arroganz zu analysieren, abzubauen. Jede Art von möglicher Instrumentalisierung anderer Menschen durch uns zu verhindern, sie als Individuen, als Subjekte zu begreifen und uns entsprechend zu verhalten. Ein erfolgreicher Kampf – hier ist mal gemeint, die möglichst hohe Wahrscheinlichkeit, nicht so bald verhaftet zu werden, nicht verraten zu werden – ist nur denkbar, wenn die Angehörigen eines autonomen Kerns in irgendeiner Stadt sich hundertprozentig kennen.

Wenn durch gemeinsame Praxis, durch Gespräche, durch eine Existenz, die kein Problem, von der Reproduktionsfrage bis zu Liebesbeziehungen einzelner zu anderen, als individuell zu lösendes begreift, wenn gesichert ist, dass man sich völlig offen zueinander verhalten kann, das verhindert schon mal Dutzende von Fehlern, die man sonst machen kann und verhindert die Einschleusung von Bullen viel eher. Das alles klingt natürlich besser, als es jeweils realisiert ist, das ist klar, aber das will auch niemand behaupten, dass wir das alles so lässig schaffen. Wir müssen dauernd aufpassen, dass wir nicht zurückfallen in die bequemen bürgerlichen Verhaltensmuster. Dieser ganze Beitrag sollte halt nur aufzeigen, wie sehr die entsprechenden Vorwürfe gegen uns Stadtguerilla daneben gehen, dass gerade die unterstellten Verhaltensweisen absolut fernliegen.

Und er hat gezeigt, was vorher nicht bekannt war, dass dieser letzte Rest moralischer Substanz, der bei den Adressaten des Hungerstreiks vorhanden sein muss, wenn sie durch ihn zu den gewünschten Handlungen bewegt werden sollen, dass der bei den Regierenden in diesem Land nicht mehr da ist. Daher sind in Zukunft andere, neue, militante Kampfformen im Knast und von aussen das notwendige Mittel.

Frage:

Soviel ich weiss, ist von euch bis heute noch keiner im Knast gelandet. Erstens, wie kommt das? Zweitens, was ist, wenn es euch doch mal passiert?

Antwort RZ:

Klar ist der Knast eine Frage, die für uns sehr wichtig ist. Im vorigen habe ich schon geschildert, wie die Verräterfrage sich ganz anders stellt, als man es sich gemeinhin vorstellt. Genauso ist eine grosse Sicherheit – auch bei der Durchführung gefährlicher Aktionen – nur mit so einer Gruppenstruktur, so einem Verhältnis der Genossinnen und Genossen zueinander denkbar; trotzdem können einzelne von uns von den Bullen gefasst werden. Die Angst vor dem Gefängnis ist natürlich da, doch sie ist überwindbar und tritt zurück durch das, was wir wollen. Da die völlige Identität von Leben und Kampf – weniger pathetisch kann ich es im Moment nicht sagen – da ist oder tendenziell verwirklicht wird, muss man sich völlig mit allem, was man hat und ist und kann, einsetzen. Nur dann ist jeder Kampf auch gleichzeitig sowas wie ein Schritt zur Selbstbefreiung. Naja und im Knast ist der Kampf nicht zu Ende, im Gegenteil, zahllose Einsitzende haben uns schon immer bewiesen, dass auch dort die Sache weitergeht, ob wir an Max Hölz [36] denken, an Sante Notarnicola [37] oder an die politischen Gefangenen heute in der BRD oder die Tupamaros. Der Hungerstreik der RAF Gefangenen hat sein Ziel nicht erreicht, nämlich die Aufhebung all der Vernichtungsmassnahmen, der Isolationsfolter. Er hat aber auch deutlich gemacht, dass du selbst isoliert im Knast solidarisch weiterkämpfen kannst mit dem letzten Mittel, was einem völlig Wehrlosen bleibt. Und er hat gezeigt, was vorher nicht bekannt war, dass dieser letzte Rest moralischer Substanz, der bei den Adressaten des Hungerstreiks vorhanden sein muss, wenn sie durch ihn zu den gewünschten Handlungen bewegt werden sollen, dass der bei den Regierenden in diesem Land nicht mehr da ist. Daher sind in Zukunft andere, neue, militante Kampfformen im Knast und von aussen das notwendige Mittel. Diese Einsichten und Erfahrungen zu machen und zu vermitteln, zeigt vor allem die Ermordung des Genossen Holger; dass die Herrschenden so weit gehen würden, hier und heute, haben die meisten nicht erwartet. Noch eine solche Fehleinschätzung wird uns nicht passieren, einen solchen Mord wie an Holger werden wir nicht mehr zulassen und alles tun, um das Realität werden zu lassen, was Genose Marighella mal sinngemäss gesagt hat: „Für die Guerilla gibt es keine undurchdringlichen Gefängnismauern.“

Dieses Bewusstsein untereinander, dass der Knast nicht Endstation, totes Gleis ist, dass wir auch dann mit allen draussen Kämpfenden im Zusammenhang stehen und auch die Befreiung aus dem Knast für alle draussen eine vorrangige Aufgabe ist, dies alles lässt es zu, dass wir cool und überlegt an den Gedanken herangehen, was mache ich, wenn ich mal einfahre.

Frage:

Wie erklärst du dir eigentlich, dass die bürgerliche Presse bisher gegen euch so gut wie gar nicht hetzt und die Linke wiederum euch so gut wie gar nicht zur Kenntnis nimmt?

Antwort RZ:

Ach ja, das haben wir auch immer wieder bedauert. Wenn das anders wäre mit der Presse, hätte die Linke von uns bestimmt schon mehr Kenntnis genommen. Aber sei’s drum, unsere gesamten Aktionsplanungen hatten und haben ein Prinzip gemeinsam: nämlich das der Sicherheit. Mit Sicherheit ist erstens gemeint, dass die Presse und die Herrschenden so wenig wie möglich die Möglichkeit erhalten, unsere Aktionen gegen uns zu wenden, d.h. die Aktionen müssen klar, durchsichtig und eindeutig sein: Widerstand gegen die Schweine. Zweitens die grösstmögliche Sicherheit für die Genossen, die die Aktion ausführen und drittens, dass es bereits breite Kampagnen um diesen oder jenen Konflikt gegeben hat, d.h. von den Genossinnen und Genossen und Teilen des Volkes aufgegriffen ist. Das ist unsere Einschätzung, in welcher Situation wir uns befinden. Wir meinen – und das ist keine grossartige programmatische Erklärung, sondern nur kurz skizziert – dass es richtig ist, revolutionäre Gelegenheiten wahrzunehmen. Voraussetzung ist: zu wissen, was revolutionäre Gelegenheiten sind, unsere Einschätzung davon, die sich herleitet aus Diskussionen mit Leuten, sind unsere eigenen Erfahrungen in der politischen Massenarbeit und die damit verbundene Untersuchung im jeweiligen Bereich. Voraussetzung, um revolutionäre Gelegenheiten wahrzunehmen ist auch, gewisse Kenntnisse zu besitzen, die sich auf den Umstand einer Aktion und die konkrete Ausführung beziehen. Weiterhin Material zu haben, Material ausprobiert zu haben, um es richtig einsetzen zu können. Und diese Voraussetzung stelle sich bitte niemand so einfach vor. 90% unserer Arbeit sieht und hört man nicht. Das sind nicht Sachen, die sich schnell nach Feierabend machen lassen und niemand sollte auf die Idee kommen, das als kleines technisches Problem zu diffamieren, weil ja die Hauptseite der Politik die Massen sind, das Diskutieren ist, das Nachdenken. Jedes technische Problem, das Mittel, das man einsetzt, ist genauso wichtig und politisch wie ein Agitationsbeitrag auf einem Teach-in.

Es gibt aber auch einen Teil unserer Politik, den, soweit wir die Diskussion geführt haben, viele Genossen nicht verstehen und nicht akzeptieren und den auch die Massen nicht verstehen und der sie vorläufig auch nicht interessieren wird. Wir halten ihn dennoch für richtig. Dieser Teil des Kampfes bezieht sich auf den Internationalismus, wo es primär um die Solidarität mit den Genossen ausländischer Guerillabewegungen geht und die Solidarität mit den kämpfenden Völkern anderer Länder.

Jetzt zu der Frage, warum uns die Linke öffentlich kaum zur Kenntnis nimmt. Genau weiss ich das auch nicht, aber vielleicht sagt sie irgendwo mal selber was dazu. Eine wesentliche Rolle spielt sicherlich, dass wir bisher keine grossartigen Pamphlete rausgegeben haben, lediglich Erklärungen zu unseren Aktionen (dies Interview ist ja auch nur ein unvollständiges Anreissen vieler Fragen und Probleme). Das andere ist, dass die bürgerliche Presse und das Fernsehen noch nie so richtig gegen uns gehetzt hat; sie haben auch Probleme gegen Bomben bei ITT etwas zu sagen (die Jusos [38] ja auch), wo sie selber „empörend finden“, was in Chile gelaufen ist.

Wir haben auch nicht die Publizität in den Medien von Verhaftungen oder Namensnennung im Zusammenhang mit der RZ. Und wenn sie gegen uns gehetzt haben, wie z.B. bei antiisraelischen Aktionen, dann so, dass sie die Revolutionäre Zelle als nicht existent erklärt haben. Wir sind wohl zu anonym für die Herrschenden, da ist die gezielte Hetze schwieriger. So schlecht ist das ja auch nicht. Aber offensichtlich ist es so, dass die Linke doch sehr stark – nicht natürlich, was ihre Kampagnen betrifft – von diesen bürgerlichen Organen abhängig ist.

Das zeigt sich auch sehr häufig daran, dass die Interpretationen, die die bürgerliche Presse zu ausländischen Guerilla Aktionen in der BRD bringt, fast wörtlich von der Linken übernommen werden und immer auch ein bisschen geglaubt wird, was die bürgerliche Presse schreibt, obwohl jeder Linke genau weiss, wissen müsste, wessen Instrument das ist. Da muss man allerdings einen Unterschied machen zwischen der Sponti Linken und beispielsweise der ML. Die ML hat nie – wohl weil sie sich viel mehr mit dem antiimperialistischen Kampf auseinandergesetzt, Propaganda und Solidaritätskomitees gebildet hat, und seien die Bewegungen im Ausland auch viel schwächer, z.B. der MIR in Chile – Vorbehalte und Ängste gehabt, die es ihr verunmöglicht hätten, in ihren Organen über Interventionen durch die Guerilla zu berichten. Die Sponti Linke hat sich fast immer ausschliesslich auf starke Bewegungen gestützt.

Also das, was der Linken eigentlich lieb sein müsste, dass unsere Aktionen so angelegt sind, dass nur ein Mindestmass an Hetze möglich ist, wird absolut nicht registriert. Das geht so weit, dass auch die linken Organe unsere Erklärungen in der Regel nicht abgedruckt haben. Wir finden das beschissen und müssen uns von daher auch überlegen, dass wir den Fehler gemacht haben, auf diese linken Organe mit der Verbreitung der Propaganda, und damit auch Auseinandersetzung mit unseren Aktionen, gebaut zu haben. Das heisst, wir müssen in Zukunft auch verstärkt unsere Kraft auf die Verbreitung selber legen. An alle irgendwo in Verbreitungsapparaten sitzenden Genossen möchte ich hier appellieren, den Diskussionsprozess, die Auseinandersetzung mit uns nicht durch Boykott und Unterdrückung abzuwürgen.

Noch ein Moment ist sicherlich, dass die Sponti Linke bisher unsicher war, was für eine Politik wir machen und sie uns in ihr Schema – sie Massenfreunde, wir Massenfeinde – reingepresst, obwohl an unseren Aktionen das eigentlich sichtbar sein müsste, dass dieses Schema nicht passt.

Wir erheben aber den Anspruch, sowohl verbal als auch praktisch, dass die Linke sich mit uns auseinandersetzt, dass sie endlich mal anfängt, ihr Einflippen auf MIR und die Roten Brigaden in der Weise umzusetzen, dass sie sich fragt, wie hier bei uns – das ist nämlich viel wichtiger – der Kampf aussehen könnte. Und nicht nur in Schwärmen über die Klassenkämpfe in Italien ausbricht. Diesen Anspruch zu realisieren heisst, dass wir verpflichtet sind, immer wieder die Linke mit der Frage des bewaffneten Kampfes zu konfrontieren.

Frage:

Aus den Vorstellungen, die du bisher bei den einzelnen Antworten entwickelt hast, kommt ja schon sehr viel raus, was unterschiedliche Positionen zu anderen Guerillagruppen kennzeichnet. Vielleicht kannst du abschliessend zusammenfassen, was euch von anderen Stadtguerilla Gruppen in der BRD unterscheidet.

Antwort RZ:

Also, wir haben nicht den Anspruch, eine Partei oder eine Rote Armee zu werden. Wir sind da ganz vorsichtig, wir sind keine Bewegung, sondern nur ein Teil davon. Was wir wollen, ist Gegenmacht in kleinen Kernen zu organisieren, die autonom in den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen arbeiten, kämpfen, intervenieren, schützen, ein Teil von der politischen Massenarbeit sind. Und irgendwann mal, wenn wir ganz viele Kerne sind, ist die Stossrichtung für die Stadtguerilla als Massenperspektive geschaffen. Das dauert, aber da haben wir uns auch auf einen langwierigen Kampf eingestellt. Wie das zu machen ist? Ja, erstmal nur so, wie wir es bisher gemacht haben, mit all den vorhandenen Widersprüchlichkeiten, momentan sind wir noch ganz stark bezogen auf die politische Massenarbeit, das kann und wird sich nur in der Weise ändern, wie die objektiven und ökonomischen Lebensbedingungen sich verschärfen, wo die Klassenwidersprüche sich zuspitzen, die Kämpfe zunehmen und natürlich, wie wir richtig liegen mit unserer Politik, d.h. wesentlich an diesen Kämpfen beteiligt zu sein, sie voranzutreiben.

Wir erheben nicht den Anspruch, eine vollständige revolutionäre Theorie und Strategie zu haben, wir haben Schwierigkeiten, natürlich, aber es gibt Teile dieser Strategie, die sich bereits praktisch als richtig erwiesen haben. Wir erheben aber den Anspruch, sowohl verbal als auch praktisch, dass die Linke sich mit uns auseinandersetzt, dass sie endlich mal anfängt, ihr Einflippen auf MIR und die Roten Brigaden in der Weise umzusetzen, dass sie sich fragt, wie hier bei uns – das ist nämlich viel wichtiger – der Kampf aussehen könnte. Und nicht nur in Schwärmen über die Klassenkämpfe in Italien ausbricht. Diesen Anspruch zu realisieren heisst, dass wir verpflichtet sind, immer wieder die Linke mit der Frage des bewaffneten Kampfes zu konfrontieren.

Sunzi Bingfa

Fussnoten:

[1] RAF

Rote Armee Fraktion; die erste programmatische Erklärung anlässlich der Befreiung von Andreas Baader am 14.5.1970 hiess: Literatur: "Die Rote Armee aufbauen."

[2] Bewegung 2. Juni

Im Juni 1972 erschien das 'Bewegung 2. Juni - Programm'. Beide Texte in:
Literatur: Peter Hein: Stadtguerilla/Bewaffneter Kampf in der BRD und Westberlin. Eine Bibliographie. Berlin- Amsterdam: Edition ID- Archiv, 1989

[3] teach-in

Vortrag oder Diskussion (meist an der Uni); wird seit 1965 so bezeichnet

[4] Hausbesetzungen

Bereits Anfang der 70er Jahre organisierten AktivistInnen aus dem antiautoritären Flügel der StudentInnenbewegung erste Hausbesetzungen, u.a. in München, Köln, Frankfurt, Göttingen und Hamburg.
Literatur: Frankfurter Häuserrat: Wohnungskampf in Frankfurt. München: Trikont Verlag, 1974

[5] Vietnam

siehe Anmerkung 9 zu Kapitel 1

[6] Verminung der Häfen durch die USA

Im Zuge der Eskalation des Krieges gegen Nordvietnam verhängt US- Präsident Nixon im Mai 1972 eine Seeblockade und ordnet die Verminung der nordvietnamesischen Häfen an; gleichzeitig finden die Pariser Friedensverhandlungen statt. Es kommt zu weltweiten Protesten; in der BRD gehen 100.000 Menschen auf die Strasse.

[7] links

Monatszeitschrift des Sozialistischen Büros. Offenbach, 1969 ff

[8] Probleme des Klassenkampfs

Prokla - Zeitschrift für politische Ökonomie und sozialistische Politik. Berlin, 1971<\!p>ff.

[9] Langer Marsch

Zeitschrift für eine neue Linke. Berlin, 1972- 1977
Undogmatisch- reformistische Zeitschrift aus einer Strömung des ehemaligen Berliner SDS.

[10] Mao Tse-tung

1893- 1976; Revolutionär, Philosoph und Schriftsteller; Mitbegründer der KP Chinas; organisierte ab 1925 Bauernaufstände bis zum Sieg der Revolution 1949; danach erster Vorsitzender des Zentralrats der Volksrepublik China.
Literatur: Mao Tse- tung: Theorie des Guerillakrieges oder Strategie der Dritten Welt. Reinbek: Rowohlt, 1966

[11] Guevara, Ernesto "Che"

1928- 1967; in Argentinien geboren; Revolutionär und Protagonist der kubanischen Revolution; zeitweilig Präsident der kubanischen Nationalbank und Industrieminister. Beim Versuch im bolivianischen Dschungel eine Guerilla aufzubauen (Focustheorie) vom Militär (mit Unterstützung der CIA) gefangengenommen und ermordet.
Literatur: Ernesto Che Guevara: Guerilla - Theorie und Methode. Sämtliche Schriften zur Guerillamethode, zur revolutionären Strategie und zur Figur des Guerilleros. Berlin: Wagenbach, 1968
Literatur: Ernesto Che Guevara: Der Partisanenkrieg. Hamburg: Cicero Press, 1968
Literatur: Ernesto Che Guevara: Bolivianisches Tagebuch. München: Trikont Verlag, 1973

[12] Tupamaros

Die Tupamaros in Uruguay entstanden Anfang der 60er Jahre; mit der offiziellen Gründung der MLN wurde aus der ehemaligen Sammlungsbewegung eine Organisation. Nach der Erklärung des "Inneren Notstands" im April 1972 wurden die inhaftierten Kader der Tupamaros als Geiseln gegen die Organisation gehalten. Im September 1972 war die MLN zerschlagen, die Mitglieder weitgehend inhaftiert oder exiliert.
Literatur: wir, die tupamaros. Antiimperialistischer Kampf, Materialien & Diskussion. Frankfurt/M.: Verlag Roter Stern, 1974
Literatur: Alex Schubert: Stadtguerilla. Tupamaros in Uruguay - Rote Armee Fraktion in der BRD. Berlin: Wagenbach, 1971
Literatur: Bermejo, Ernesto Gonzales. Hände im Feuer. Ein Tupamaro blickt zurück. Giessen: Focus Verlag, 1986
Literatur:Mauricio Rosencof: Wie Efeu an der Mauer. Hamburg: Libertäre Assoziation, 1990
Literatur: Ernesto Kroch: Uruguay zwischen Diktatur und Demokratie. Frankfurt/M.: Dipa Verlag, 1991

[13] Massenarbeiter

Meint den unqualifizierten Lager- oder Transportarbeiter, den Arbeiter am Band, Frauen, Ausländer und Jugendliche im Betrieb, die im Unterschied zum Facharbeiter keine traditionelle Bindung gegenüber der kapitalistischen Produktivität und der Entwicklung der Industriegesellschaft haben.
Literatur: Potere Operaio: Was ist Arbeitermacht? Berlin: Merve Verlag, 1972
Literatur: Toni Negri: Massenautonomie gegen den historischen Kompromiss. München: Trikont Verlag, 1977

[14] Berufsverbot

Der im Januar 1972 von der SPD- Regierung verabschiedete "Radikalenerlass" sollte alle BewerberInnen für den öffentlichen Dienst auf die "freiheitlich- demokratische Grundordnung" verpflichten und den Zugang für "ExtremistInnen" in den Staatsdienst verschliessen. Antwort auf den von der Studentenbewegung propagierten "Marsch durch die Institutionen". Bis 1979 ist das Berufsverbot die Grundlage für die politische Überprüfung von ca. 2 Millionen BewerberInnen und Hunderten von Berufsverboten, vor allem gegen LehrerInnen. Im Januar 1979 wird der "Radikalenerlass" aufgehoben.
Literatur: 3. Internationales Russell- Tribunal: Zur Situation der Menschenrechte in der Bundesrepublik Deutschland.
Band 1: Dokumente, Verhandlungen, Ergebnisse der 1. Sitzungsperiode
Band 2: Das Schlussgutachten der Jury zu den Berufsverboten
Berlin: Rotbuch Verlag, 1978

[15] Marighella, José (Carlos)

Brasilianischer Theoretiker und Revolutionär; ideologischer Kopf der ALN (Aktion der Nationalen Befreiung); 1969 ermordet.
Literatur: Carlos Marighella: Für die Brasilianische Revolution. o.O.: Selbstverlag, 1970
Literatur: Carlos Marighella: Mini- Handbuch des Stadtguerilla, in: Tricontinental, Nr. 16/190 (auch diverse Nachdrucke)

[16] Dutschke, Rudi

1940- 1979; wichtiger Theoretiker der ausserparlamentarischen Opposition (APO); Hassobjekt der Springerpresse; am 11.4.1968 vom Arbeiter Joseph Bachmann niedergeschossen; Besuche bei RAF- Gefangenen und solidarisch- kritische Position zum bewaffneten Kampf; Mitte der 70er Jahre an linken Strategiediskussionen bzw. an Überlegungen zu einer linkssozialistischen Partei beteiligt.
Literatur: Rudi Dutschke: Aufrecht gehen. Eine fragmentarische Autobiographie. Berlin: Olle und Wolter, 1981
Literatur: Mein langer Marsch. Reden, Schriften und Tagebücher aus zwanzig Jahren. Hrsg.: Gretchen Dutschke- Klotz u.a.. Reinbek: Rowohlt, 1980

[17] Rabehl, Bernd Wortführer in der APO; war mit Rudi Dutschke über die Gruppe "Subversive Aktion" zum SDS gestossen; 1967 SDS- Vorsitzender; Mitte der 70er Jahre Mitarbeiter bei der Zeitschrift Langer Marsch.
Literatur: Frank Böckelmann, Herbert Nagel (Hg.): Subversive Aktion: Der Sinn der Organisation ist ihr Scheitern. Frankfurt/M.: Verlag Neue Kritik, 1976

[18] Negt, Oskar

* 1934; Soziologe Literatur: Oskar Negt: Politik als Protest. Reden und Aufsätze zur antiautoritären Bewegung. Frankfurt/M.: 1971
Literatur: Die Auferstehung der Gewalt. Springerblockade und politische Reaktion in der Bundesrepublik. Hrsg. v. Heinz Grossmann und Oskar Negt. Frankfurt/M.: EVA, 1968

[19] K- Gruppen

Die drei K- Parteien KPD/AO (Kommunistische Partei Deutschlands/Aufbauorganisation) bzw. KPD; KBW (Kommunistischer Bund Westdeutschlands);, KPD/ML (Kommunistische Partei Deutschland/Marxisten Leninisten) waren:
- Marxisten, Leninisten, Stalinisten, Maoisten unterschiedlicher Couleur, Ausrichtung und aussenpolitischer Orientierung (China, Albanien)
- innerparteilich autoritär und hatten hierarchische Strukturen
- radikale Kritiker des sowjetischen Sozialismusmodells ("Sowjetimperialismus")
- nationalistisch angehaucht, was sich u.a. in der Forderung nach Wiedervereinigung "Für ein vereintes, unabhängiges Deutschland" (Roter Morgen, 1. Mai 1972) äusserte.
Nicht wenige der damaligen K- Gruppen- Protagonisten sind heute Wortführer der Grünen (A. Vollmer, U. Knapp, J. Schmierer u.v.a.) Literatur: Wir waren die stärksten der Parteien. Erfahrungsberichte aus der Welt der K- Gruppen. Berlin: Rotbuch Verlag, 1978 Zahlen und Daten, mit zum Teil Verfassungsschutzinformationen zu den verschiedenen K- Gruppen, in:
Literatur: Gerd Langguth: Protestbewegung. Entwicklung, Niedergang und Renaissance. Die neue Linke seit 1968. Köln: Verlag Wissenschaft und Politik, 1983

[20] Sponti- Linke

eher informelle Gruppen; Anfang der 70er Jahre in Grossstädten entstandenes Selbstverständnis einer undogmatischen Linken mit dem Schwerpunkt Stadtteil- und Betriebsarbeit; Mitte der 70er Jahre starke Bezugnahme auf die autonomen Kämpfe in Italien.
Literatur: Johannes Schütte: Revolte und Verweigerung. Zur Politik und Sozialpychologie der Spontibewegung. Giessen: Focus Verlag, 1980 Literatur: Zeitschriften
Wir wollen alles - Zeitschrift arbeitender Gruppen. Frankfurt/M.: 1973- 1974
Autonomie - Materialien gegen die Fabrikgesellschaft. Frankfurt/M., München: 1975- 1979

[21] Baader, Andreas

1943- 1977; wegen Kaufhausbrandstiftung am 5.4.1968 festgenommen; nach zwei Monaten U- Haft entlassen; flieht nachdem das Urteil rechtskräftig ist und das Gnadengesuch abgelehnt wurde; festgenommen am 4.4.70; wird einen Monat später befreit; am Aufbau der RAF beteiligt; festgenommen am 2.6.72 in Frankfurt/M.; am 28.4.1977 zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt, am 18.10.1977 wird Andreas Baader tot in seiner Zelle in Stuttgart- Stammheim aufgefunden.
Literatur: Andreas Baader; Gudrun Ensslin; Thorwald Proll; Horst Söhnlein: Vor einer solchen Justiz verteidigen wir uns nicht. Schlusswort im Kaufhausbrandprozess. Frankfurt M./Berlin: Edition Voltaire, 1968
Literatur: Karl- Heinz Weidenhammer: Selbstmord oder Mord? Das Todesermittlungsverfahren: Baader/Ensslin/Raspe. Kiel: Neuer Malik Verlag, 1988 Persönlich zuzuordnende Texte, in: Literatur: texte: der RAF. Malmö: Verlag Bo Cavefors, 1977
Literatur: Das info. Briefe der Gefangenen aus der RAF 1973- 1977. Hrsg. v. Pieter H. Bakker Schut. Kiel: Neuer Malik Verlag, 1987

[22] Rache

Nach dem Tod von Holger Meins am 9.11.1974 kommt es neben einigen Brandanschlägen in vielen Städten Westdeutschlands und in Westberlin zu über 50 Demonstrationen und zum Teil schweren Auseinandersetzungen mit der Polizei.

[23] Drenckmann, Günter von

Kammergerichtspräsident in Berlin; bei einem Entführungsversuch am 10.11.74 von einem Kommando der Bewegung 2. Juni erschossen.

[24] Rauch, Georg von

1947- 1971, umherschweifender Haschrebell; im Juli 1969 Teilnahme am Ebracher Knastcamp; 6.2.70 verhaftet und wegen "Nötigung, Körperverletzung, versuchten schweren Raubs" angeklagt, weil er und andere einen Quick- Reporter verprügelt hatten; Prozess nach 14 Monaten Untersuchungshaft 1971. Nach der Bekanntgabe der Haftverschonung für die Mitangeklagten Baumann und Weissbecker kommt es im Gerichtssaaal zu einem "Verwechslungs- go- out"; Georg von Rauch lebt fortan im Untergrund; bei der RAF- Fahndung am 4.12.1971 erschossen. Literatur: Die Erschiessung des Georg von Rauch. Eine Dokumentation anlässlich der Prozesse gegen Klaus Wagenbach. Berlin: Wagenbach Verlag, 1976

[25] Grashof, Manfred

* 1946; desertierte 1969 von der Bundeswehr nach Westberlin, am 27.7.69 an die BRD ausgeliefert; RAF; nach einem Schusswechsel mit der Polizei am 2.3.72 in Hamburg verhaftet, zu lebenslänglich verurteilt; trennte sich in den 80er Jahren von der RAF; am 30.11.1988 begnadigt. Literatur: Manfred Grashof: Einige Überlegungen zur Desertion, in: Horst Mahler; Ulrich K. Preuss; Deserteur Kollektiv: BIG LIFT oder die Freiheit der Deserteure. Berlin: Edition Voltaire, 1969

[26] Anarchisten

Bezieht sich auf den Artikel 'Leninisten mit Knarre' in der agit 883, Nr.86/1971, auch in:
Literatur: Bernd Kramer u.a. "Ich hasse, zu hassen". Offener Brief an Horst Mahler. Berlin: Karin Kramer Verlag, 1988

[27] Kramer

gemeint ist der Karin Kramer Verlag, Berlin.

[28] Springer

Am 19. Mai 1972 explodierten zwei Bomben im Axel- Springer- Verlag, Hamburg. Dabei wurden 17 ArbeiterInnen verletzt. Das RAF- Kommando '2. Juni' übernimmt die Verantwortung für den Anschlag, bedauert aber, dass es bei der Aktion Verletzte gab und verweist auf die dreimalige Warnung, trotz derer das Gebäude nicht geräumt wurde.

[29] Hungerstreik der RAF

Der dritte Hungerstreik der RAF fand vom 13.9.74 - 5.2.75 statt.

[30] DKP

Deutsche Kommunistische Partei 1968 gegründet; vollkommen unkritisch Ostblock- und DDR- orientiert; erhielt bis zur Staatsauflösung aus der DDR hohe Summen an Unterstützung.
Literatur: UZ - Unsere Zeit. Düsseldorf: 1968 ff.

[31] Sozialistisches Büro

Siehe auch:Anmerkung 11 zu Kapitel 2

[32] Einschätzung Genosse Mahler

Literatur: Die Solidarität mit den Genossen der RAF organisieren? Die Massen gegen die staatliche Unterdrückung zusammenschliessen! Die Kritik an der falschen Linie der RAF entfalten! Erklärung Horst Mahlers. Hrsg.: Landesvorstand der Roten Hilfe e.V. o.O.: Selbstverlag, 1974

[33] Rote Brigaden

Italienische Stadtguerilla; die erste Aktion (Brandsatz auf den Wagen eines Siemens- Managers) unter dem Namen fand 1970 statt. Originaltexte der Brigate Rosse:
Literatur: 1. Interview der Roten Brigaden, in: Sozialistisches Jahrbuch. Berlin: Wagenbach Verlag, 1973
Literatur: FIAT: Arbeiter produzieren die Krise. Gegenmacht als Kampfform. München: Trikont Verlag, 1974

[34] Münchener Theoriewichser

Gemeint sind damit die nur an den Unis agierenden Roten Zellen, die sich ab 1977 Marxistische Gruppe (MG) nannten; die MG löste sich im Herbst 1991 auf.

[35] Strassenbahnaktionen

Fahrpreiskämpfe und 'Rote- Punkt- Aktionen' Mitte der 70er Jahre; die ersten Aktionen gab es bereits im Januar 1968 in Bremen.

[36] Hölz, Max

* 1889- 1933; linksradikaler deutscher Revolutionär, hat mehrere Gefängnisstrafen abgesessen, ohne von seinen politischen Ideen abzurücken; 1929 Übersiedelung nach Moskau; vermutlich vom sowjetischen Geheimdienst ermordet.
Literatur: Max Hölz: Vom 'Weissen Kreuz' zur Roten Fahne. Jugend- , Kampf- und Zuchthauserlebnisse. Frankfurt/M.: Röderberg, 1984

[37] Notarnicola, Sante

* 1938; ab 1956 Überfälle auf Banken und Fiat mit dem Ziel der "Vergesellschaftung des Eigentums"; 1968 verhaftet; nach 21 Jahren 1989 in die sogenannte "Halbfreiheit" (Freigänger) entlassen.
Literatur: Sante Nortarnicola: Der Bankräuber aus der Berriera. Die Lebensgeschichte des Revolutionärs Sante Notarnicola - von ihm selbst aufgeschrieben. München: Trikont, 1974
Literatur: Die Kristalle des Himmels zerbrechen. Gedichte. Köln: GNN Verlag, 1990
Literatur: Proletariat und Subproletariat. Der Fall des Bankräubers Sante Notarnicola. Eine Debatte aus der Tageszeitung Il manifesto. Berlin: Merve Verlag, 1972

[38] Jusos

Jungsozialisten in der SPD; Nachwuchsorganisation der SPD.

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