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Für eine neue anarchistische Theorie (Teil I) | Untergrund-Blättle

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Herausforderungen bei der Entwicklung anarchistischer Theorien Für eine neue anarchistische Theorie (Teil I)

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Die Ausprägung und Weiterentwicklung anarchistischer Theorie ist ein wichtiger Bestandteil zur Formierung eines sozial-revolutionären Projektes und kein Selbstzweck.

26. Oktober 2020

26. 10. 2020

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Im Anschluss an Gedanken zur anarchistischen Synthese gibt dieser Text einen Anstoss zur kollektiven Arbeit an gemeinsamen theoretischen Grundlagen. Damit wird eine nicht-akademische Reflexion über autonome Theoriebildung ermöglicht.

Intro

Die unglaubliche Vielfalt anarchistischer Projekte, Zusammenhänge und Debatten findet eine Gemeinsamkeit darin, dass es ihr um eine sinnvolle Vermittlung von Mitteln und Zielen, von Methoden und Zwecken geht. Zwecke heiligen niemals die Mittel, vielmehr diskreditieren und unterminieren antiemanzipatorische Mittel das Ziel der Emanzipation. Gleichwohl wäre es zu einfach gedacht, zu behaupten, im Anarchismus entsprächen die Mittel einfach den angestrebten Zielen und wenn beides in eins fallen würde, handelte es sich um „vollkommene“ Anarchie.

Da diese eine herrschaftsfreie Gesellschaft bezeichnet, wir jedoch unter herrschafts-förmigen Bedingungen leben, ist der Anspruch einer Vermittlung von Zielen und Mitteln sehr ambitioniert. Wir sollten uns darüber verständigen, was Anarchie in ihren zahlreichen Facetten für uns jeweils genauer umfasst. Denn sie ist kein Wunschtraum, sondern etwas, was Menschen realisieren können. Dies können sie aufgrund von Erfahrungen, in denen Anarchie schon teilweise verwirklicht war oder zumindest aufschien.

Anarchie ist keine heile Welt, sondern ein Modus, wie Menschen ihre sozialen Beziehungen organisieren und gesellschaftliche Institutionen einrichten. Wenn Anarchie unser geteiltes Ziel ist, sollten wir uns Gedanken darüber machen, was wir darunter genauer verstehen. Sonst können wir kaum für sie streiten, andere von ihr überzeugen und uns die materiellen, sozialen und psychologischen Grundlagen aneignen, um sie zu ermöglichen.

Zweifellos ist der Anspruch der Organisierung von egalitären, solidarischen und freiwilligen gesellschaftlichen Verhältnissen äusserst gross. Weil dies auch gut so ist, kann es nicht darum gehen, unsere übergrossen Ziele auf die oft sehr begrenzten Mittel herunterzubrechen, die wir momentan zur Verfügung haben. Ebenso wenig darf es darum gehen, die (Zwischen-)Ziele zu Selbstzwecken werden zu lassen: Ein soziales Zentrum, eine autonome Gruppe, eine Demonstration oder Direkte Aktion sollten zwar für sich selbst sprechen und konkrete Wirkungen entfalten. Wenn dies gelingt, sollten wir es würdigen, anerkennen und feiern. Wichtig ist jedoch stets im Auge zu behalten, dass wir mit diesen eigentlich wo anders hin – und immer weiter – wollen.

Im Folgenden versuche ich einige Grundlagen einer aktualisierten anarchistischen Theorie darzustellen. Vieles davon ist absolut nicht neu, scheint mir jedoch wert, festgehalten zu werden. Genauer gesagt, geht es vor allem um anarchistische politische Theorie, als ein Teilbereich anarchistischen Denkens, welches als Weltanschauung zu allen Bereichen menschlichen Lebens etwas aussagen kann. Andere Disziplinen in denen anarchistische Ansätze eine Menge zu sagen haben sind beispielsweise die Pädagogik, die Philosophie oder die Geographie.

In diesem Text versuche ich einen Vorschlag zu entfalten und einen Umriss zu zeichnen, wie anarchistische Theorie meiner Ansicht nach zukünftig betrieben werden sollte. Ein Aspekt davon ist, dass ich hier keine „anarchistische Wissenschaft“ formuliere, sondern Wissen und Erfahrungen in einem freien Gedankenspiel synthetisiere. Wer also erwartet, diesen Text akademisch verwerten zu können, wird zwangsläufig enttäuscht werden. Bei der Entwicklung meiner Überlegungen zu anarchistischer Theorie greife ich auf anarchistische Literatur zurück, die ich teilweise im Anhang aufgelistet habe. Meine eigene Sicht auf die Dinge wird dabei zwischen den Zeilen durchscheinen.

Die Vermittlung von ethischen Werten, Organisationsprinzipien und theoretischen Grundsätzen

Wie die Problematik der Vermittlung von Zwecken und Methoden eine enorme Herausforderung ist, welche Anarchist*innen angehen wollen, so verhält es sich auch mit der Vermittlung von ethischen Werten, Organisationsprinzipien und theoretischen Grundsätzen im Anarchismus. Im Text Für eine neue anarchistische Synthese habe ich in einem eher literarischen Stil versucht, eine ethische Grundkomponente des Anarchismus zu bestimmen, auf die wir uns besinnen und die wir auch weiter entwickeln können. Es ging darum aufzuzeigen, dass Pluralität und gemeinsame Organisierung kein Widerspruch sind.

Wenn wir Vielfalt bejahen, diese jedoch keine Beliebigkeit oder liberale Toleranz meint und wir die Gesellschaft aktiv verändern wollen, gehört es ebenfalls dazu, das Gemeinsame zwischen uns in einem aktiven und nie endenden Prozess herauszubilden. Dabei geht es nicht um eine „Einheitsfront“ oder um Harmoniesucht, sondern um eine respektvolle Auseinandersetzung auf Augenhöhe bei der es immer wieder auch zu Streit kommt. Wo keine echten Übereinstimmungen und freiwilligen Vereinbarungen eingerichtet werden können, kommt kein oder nur ein schwacher Konsens zu Stande und entwickeln sich unsere Affinitäten – zumindest für den Moment – nicht weiter. Doch dies ist nicht allein eine Frage der (ethischen) Haltung, sondern genauso der Form der Organisierung, sowie der theoretischen Grundannahmen.

Meine Wahrnehmung ist, dass es im Anarchismus oft darum geht, die Ebenen von Ethik, Organisation und Theorie zu vermitteln und eine Kohärenz, d.h. eine Übereinstimmung, zwischen ihnen herzustellen. Im folgenden Schema wird dies glaube ich deutlich.

Angefangen bei der Vielfalt ist es wie gesagt so, dass sie als ethischer Wert einen emanzipatorischen ethischen Wert darstellen kann. Anarchistisches Denken kreist sich nun darum, mit welchen Organisationsprinzipien und -formen dieser Wert realisiert werden kann und welche theoretischen Grundgedanken dafür gegeben sein müssten. Bekanntermassen treten Anarchist*innen deswegen für dezentrale Organisationsformen ein und halten Pluralität aus theoretischen Gründen für geeignet, um eine herrschaftsfreie Gesellschaft einzurichten. Umgekehrt gilt dies jedoch genauso: Wer Dezentralität befürwortet wird auch dahin kommen, Vielfalt als ethischen Wert zu begrüssen und danach zu suchen, beide theoretisch zu begründen. Dies läuft aber nicht darauf hinaus, dass ethische Vielfalt, organisatorische Dezentralität und theoretische Pluralität im Anarchismus zum Selbstzweck erklärt werden. Vielmehr soll mit ihnen Anarchie verwirklicht werden.

Anarchistische Werte, Prinzipien und Grundannahmen kommen nie einzeln, sondern stets in Verbindung mit anderen vor. Vielfalt bedeutet eben nicht, dass alle jeweils einzeln machen können, was sie wollen. Stattdessen ist sie an die Verwirklichung von Gleichheit im Sinne des gleichen Rechts und Zugangs zu allen lebensnotwendigen Mitteln und der Mitbestimmung bei allen Entscheidungen, von denen ein*e Einzelne*r oder eine Gruppe betroffen sind, verknüpft.

Dabei ist die Individualität aller Einzelnen mitzudenken und zu achten, denn im Anarchismus geht es nicht um eine gleichmacherische Verteilung des Eigentums – sondern um die Abschaffung des Privateigentums zu Gunsten des Wohlstands für alle. Anarchistische Individualität in sozialer Freiheit bedeuten wiederum nicht, dass Einzelne immer haben können, was sie wollen oder, dass ihnen niemand in ihr „Privatleben“ hineinreden dürfe. Stattdessen ist sie an Gemeinschaften rückgebunden, denn die individuellen Wünsche und Bedürfnisse können nur in Beziehung mit Anderen und in Interaktion mit ihnen erfüllt werden. Dafür gilt es einen Gemeinschaftssinn zu entwickeln und zu fördern. Den letzten ethischen Wert in diesem Schema bildet die Selbstbestimmung. Weder eine Gemeinschaft als Ganzes noch Andere können entscheiden, was für die Einzelnen gut und dran ist. Schliesslich kann auch niemand gezwungen oder überredet werden, einem Kollektiv anzugehören, welches sich an anarchistischen Grundlagen orientiert.

Ethische Werte, Organisationsprinzipien und theoretische Grundannahmen zu vermitteln und eine Übereinstimmung zwischen ihnen herzustellen, ist ein fortwährender Prozess, der nicht von selbst geschieht, sondern aktiv zu gestalten ist. Es geht dabei nicht um eine „Prinzipienreiterei“, gemessen an unerfüllbaren Idealen, sondern um eine Orientierung entlang von ethischen, organisatorischen und theoretischen Vorstellungen und Konzepten, die in der anarchistischen Bewegung historisch entwickelt wurden. Das Schema dient hier der Veranschaulichung einer sehr komplizierten Thematik - wenn es dazu hilft, ist es gut. Wie jede Methode, hat es aber auch seine Grenzen und erklärt nicht „wie es wirklich ist“...

In diesem Text geht es nun weniger um die anarchistische Ethik, sondern um anarchistische Theorie. Ein erstes Merkmal von dieser besteht allerdings darin, dass anarchistische Theorie nie abgekoppelt von Organisationsprozessen und ethischen Debatten, nie entfremdet von der sozialen Bewegung und unseren täglichen Leben betrieben werden kann. Diese sind daher im Hinterkopf zu behalten, wenn es im Folgenden etwas theoretischer zu geht. Im Übrigen ist der Anspruch, Ethik, Organisation und Theorie zu vermitteln, selbst ein ethischer Anspruch, wie auch die Annahme, dass dies sinnvoll und möglich ist, zunächst eine bestimmte theoretische Ausgangsbasis verlangt. Dafür braucht es wiederum einen geeigneten organisatorischen Rahmen.

Fünf anarchistische Grundsätze

Warum jedoch überhaupt „theoretische Grundsätze“ entwickeln? Wenn Anarchie ohne Zwang und Gesetze funktionieren soll und das Ziel die Selbstbestimmung aller Menschen ist, wie können dann gemeinsame theoretische Grundlagen für den Anarchismus bestimmt werden? Diese Frage ist sehr berechtigt. Es gibt zahlreiche Versuche, Anarchismus theoretisch zu bestimmen und trotz seiner Heterogenität kann tatsächlich gesagt werden, dass er etwas Bestimmtes ist: Er ist die soziale Bewegung hin zur Verwirklichung von Anarchie, einer solidarischen, egalitären und freiheitlichen Gesellschaft von Gesellschaften, deren Produktionsweise weitgehend öko-sozialistisch ist, deren Verteilungsmodus grundlegend kommunistisch ist, deren Öffentlichkeit und Entscheidungsfindungsmodi egalitär, horizontal und partizipativ sind, deren Kommunen und sonstige Kollektive freiwillige Zusammenschlüsse von autonomen, dezentralen und miteinander föderierten Gruppen sind, deren Lebensweisen inkludierend und gestaltend und deren Beziehungsweisen massgeblich vom Queerfeminismus inspiriert sind.

Noch Fragen? Die angebrachten Beschreibungen haben zwar ihre Berechtigung, stellen jedoch lediglich hohle Phrasen dar, wenn sie nicht weitergehend mit Inhalten und den Erfahrungen von Menschen gefüllt und konkret gelebt werden. Dies wurden und werden sie aber. Deswegen stellen die theoretischen Grundsätze des Anarchismus keine dogmatischen Setzungen dar, die es zu erfüllen gilt, „weil Anarchist*innen das eben tun“. Genauso wenig lässt sich mit dieser Aussage begründen, warum selbst proklamierte oder von anderen so benannte „Anarchist*innen“ sich auf bestimmte Weisen verhalten oder organisieren.

Um anarchistische Theorie betreiben zu können, darf sie nicht dogmatisch festgelegt werden, sondern ist zu beschreiben, wovon sie ausgeht, wie sie funktioniert und wozu sie dient. Hierbei dürfte klar sein, dass es nicht die eine anarchistische Theorie schlechthin gibt, sondern viele. Ebenfalls werde ich nicht an dieser Stelle festlegen, was genau sie umfasst, sondern lediglich einige Gedanken zu ihr entfalten – diese beruhen allerdings auf jahrelanger Beschäftigung und Erfahrungen mit ihr. Sicherlich könnten noch verschiedene andere theoretische Grundlagen des Anarchismus festgemacht werden. An dieser Stelle möchte ich – ausgehend vom dargestellten Schema – zunächst fünf sehr bekannte erläutern:

Pluralität: Seit der Moderne leben wir in äusserst komplexen Gesellschaften. Auch die Anarchie ist eine komplexe Gesellschaft, wobei es in ihr sicherlich keine sinnlose Überproduktion von Nahrung und Plastik, die im Meer landen und die Konsumption von hunderten verschiedener Shampoos mehr geben wird. Theoretisch von Pluralität auszugehen, bedeutet anzunehmen, dass die Unterschiedlichkeit von Einzelnen und Kollektiven, ihre spezifischen Lebensbedingungen, Erfahrungen und Bedürfnisse sich prinzipiell nicht widersprechen, sondern gut zusammengebracht werden können.

Gerade die unfassbare – und unkatalogisierbare - Pluralität menschlicher Existenz und der terrestrischen Umgebung ermöglicht - theoretisch – sowohl die Befriedigung von weit verbreiteten als auch von äusserst aussergewöhnlichen Bedürfnissen. Charles Fourier ging davon aus, dass die Leidenschaften aller Menschen abgeglichen und aufeinander bezogen werden können, was auch beinhaltet, dass jede Person nach ihren Veranlagungen, Interessen und ihrer Lust produktiv tätig sein kann. Nun ist die moderne Gesellschaft – und mit ihr die Anarchie, die sie überwindet – hoffentlich immer zu komplex, als dass etwa ein Computer alle Eigenschaften, Leidenschaften, Fähigkeiten und Interessen aller Gesellschaftsmitglieder klassifizieren und vermitteln könnte. Dies müssen die beteiligten Menschen schon selbst tun, denn darin besteht ihre Freiheit. Doch der Gedanke zählt: Es ist die Pluralität, welche richtig verstanden und transparent gemacht den Einzelnen ein gutes Leben ermöglicht.

Kooperation: Oft wurde gesagt, dass „der Mensch“ eben nicht „von Natur aus“ sozial sei - und Anarchie schon aus diesem Grund eine Illusion darstellen müsste. Interessanterweise wusste schon Peter Kropotkin, der Stichwortgeber für die anarchistische Theorie der gegenseitigen Hilfe, dass Menschen selbstverständlich ganz verschiedene Veranlagungen mit sich bringen und diese stark von ihren Prägungen und Entfaltungsmöglichkeiten abhängen. Menschen sind also gleichermassen beispielsweise zu kooperativem oder konkurrierendem Verhalten fähig und keineswegs an sich „gut“.

Darüber hinaus führt auch keine zwangsläufige Entwicklung zu immer mehr kooperativem Verhalten, auch wenn es richtig ist, dass in einer vernetzten und verschränkten Welt wie der unseren, alle mit anderen in Beziehungen stehen – ob sie wollen oder nicht. Die Grundidee ist, dass wir Umgebungen und Kontexte einrichten können, in denen sich Menschen kooperativer und sozialer verhalten und zwar nicht nur, weil sie so erzogen wurden oder dies als anerkannt gilt, sondern, weil ihnen vor Augen geführt wird, dass ihnen dies selbst etwas bringt. Es ist leicht gesagt, aber stimmt: Wäre das Privateigentum abgeschafft und eine Produktion und Verteilung nach den Bedürfnissen der Menschen eingerichtet, bräuchte es keine Konkurrenz um Standorte, um Löhne oder Arbeitsleistungen, um bezahlbaren Wohnraum oder das letzte 79-Cent Hackfleisch-Päckchen.

soziale Singularität: Dieser Begriff ist etwas komplizierter, aber ich habe mich entschieden, ihn zu verwenden, um auf das Konzept dahinter zu verweisen. Als soziale Singularität wird die Form bezeichnet, wie wir uns als Menschen erfahren und unsere Leben selbst gestalten können – nämlich einerseits als singuläre Einzelne, die es in dieser Form tatsächlich nur ein einziges Mal gibt und andererseits als soziale Wesen, die aufeinander bezogen und im positiven Sinne voneinander abhängig sind.

Ein wichtiges Thema im Anarchismus ist seit über 140 Jahren, wie das Verhältnis von Einzelnen und Gemeinschaft, also das von Individualität und Kollektivität gut eingerichtet werden kann. Anstatt die Individuen überzubetonen wie im Liberalismus oder die Kollektive, wie in vielen sozialistischen und konservativen Strömungen, treten Anarchist*innen mit dem Anspruch auf, beiden Tendenzen den gleichen Wert zuzumessen. Dazu gibt es innerhalb des Anarchismus sehr verschiedene Vorstellungen und auch die verschiedenen Strömungen in ihm scheiden sich zum Teil an dieser Frage. Sie ist vor allem deswegen nicht einfach zu beantworten, weil der scheinbare Widerspruch zwischen Einzelnen und Gemeinschaften nicht im Anarchismus selbst angelegt ist, sondern in der Gesellschaftsform, wie wir sie vorfinden.

Der Begriff soziale Singularität ist dahingehend ein Versuch, um deutlich zu machen, dass einzelne Menschen überhaupt nicht abgekoppelt von anderen vorstellbar sind. Unsere Besonderheit entsteht gerade durch unsere Erfahrungen und Beziehungen mit Anderen. In jene, denen wir begegnen, spiegeln wir einen Teil von uns selbst. Wir sind jedoch nicht einfach von den Umständen und Anderen determiniert, sondern Personen, mit eigenen Willen und daher (in einem gewissen Rahmen) verantwortlich für unser Tun.

freie Vereinbarung: In der bürgerlichen Gesellschaft schliessen Privatpersonen oder Körperschaften Verträge miteinander ab. Diese ermöglichen es ihnen jeweils auf „ihr Recht“ zu bestehen, wenn sie den Vertrag als verletzt ansehen. Um dies beurteilen zu lassen und das Recht einzufordern, können sie sich dazu an eine dritte Instanz wie ein Gericht wenden, welches das Recht - gebunden an die allgemeine Rechtsordnung - mit Zwang durchsetzt. Ein Rechtsstaat legitimiert sich dadurch, dass er seinen Bürger*innen Rechte gewährt und verbindlich durchsetzt.

Abgesehen davon, dass das Konzept der Bürgerschaft per se auf Ausschluss und Anpassung beruht, verschleiert die angebliche Gleichheit vor dem Gesetz allerdings, dass Herrschaftsverhältnisse Menschen in sehr unterschiedliche Positionen bringen. Dies zeigt sich fortlaufend in der Rechtsprechung, aber auch schon dadurch, wie Gesetze zu Stande kommen und wessen Interessen sie strukturell dienen. In Kürze: Die freie Vereinbarung ist das Gegenteil von Verträgen. Einzelne oder Gruppen gehen Vereinbarungen ein, bei denen es oft auch Sinn ergibt, sie schriftlich festzuhalten. Sie können auch Dritte zu Rate ziehen, damit Missverständnisse reduziert werden, sollte es zum Streit kommen. Damit übertragen sie ihnen aber nicht die Kompetenz, eine Interpretation der Abmachung mit Zwang durchzusetzen. Freie Vereinbarungen können alle möglichen Formen annehmen.

Wichtig ist, dass sie direkt zwischen denen eingegangen werden, die sie betreffen und dass sie immer wieder neu zur Verhandlung gestellt werden können. In diesem Zusammenhang wird in der anarchistischen Theorie davon ausgegangen, dass Beteiligte bemüht sind, Vereinbarungen einzuhalten, wenn sie diese aus freiem Entschluss eingehen und neu verhandeln können ohne Zwang zu fürchten. Wer Vereinbarungen dennoch fortwährend verletzt, wird von anderen wahrscheinlich als unzuverlässig angesehen und wird ihr*ihm eher mit Skepsis begegnet, wenn sie*er eine neue Vereinbarung eingehen möchte.

Selbstorganisation: Dass sich Kollektive autonom organisieren und die Beteiligten in ihnen selbst bestimmen sollen, sind grundlegende anarchistische Gedanken. Ohne theoretische Überlegungen, die sie abstützen sind sie allerdings nichts weiter als Empfehlungen. Theorien zur Selbstorganisation wurden und werden oft aus naturwissenschaftlichen Debatten übernommen, wo beobachtet wird, dass etwa Galaxien oder Ökosysteme auf komplexe Weise eigene Ordnungen schaffen.

Hierbei gibt es wirklich ziemlich faszinierende Beispiele, die uns deutlich vor Augen führen, wie absurd es ist, anzunehmen, dass erst Menschen die Welt ordnen würden – und zwar angeblich abgekoppelt von ihr. Trotzdem können kosmologische oder ökologische Ordnungsvorgänge nicht einfach auf die Möglichkeiten zur Selbstorganisation menschlicher Gesellschaften übertragen werden, denn diese sind kein Organismus und keine „natürliche“ Ordnung, die es einfach zu befreien gälte, damit sie sich selbst einrichten könnte.

Wie wir die Gesellschaft organisieren, ist eine Frage der Intentionen von Menschen und wie wir sie überhaupt einrichten können, eine Frage der Machtverhältnisse. Anarchismus strebt die grösstmögliche Gleichverteilung von Macht an, im Sinne der Verfügung über Ressourcen, der Beteiligung an Entscheidungen, der Gestaltung der eigenen Umgebung und des individuellen Lebens. Mit diesen Grundlagen können Menschen ihre Gesellschaft selbst organisieren und können produktive soziale Dynamiken für alle in Gang gesetzt werden. Sie übersteigen zwar das Verstehen von Einzelnen bei weitem, wirken aber dennoch nicht wie unkontrollierbare, entfremdete Prozesse auf sie, weil sie sich über sie informieren und sie prinzipiell mitgestalten können.

Herausforderungen bei der Entwicklung anarchistischer Theorien

Anarchistischer Theorie wird unterstellt, sie sei ein Oxymoron, ein Widerspruch in sich. Angeblich seien Anarchist*innen nämlich vor allem für „die Praxis“ zuständig – welche ihnen dann vorzugsweise von Marxist*innen erklärt werden müsste. Eine solche Vorstellung ist völliger Humbug. Sie geht von einer Trennung von „Theorie“ und „Praxis“ aus, welche richtig vermittelt werden müssten. Eine „materialistische“ Theorie könne sich somit nur auf vermeintlich fundierte empirische Fakten stützen, während eine „materialistische“ Praxis eben von ihren grundlegenden Erkenntnissen – die schnell zu unumstösslichen Gesetzmässigkeiten erklärt werden – ausgehen müsste.

Gegen eine gute Begründung, Überprüfbarkeit und Anwendungsbezogenheit von theoretischen Entwicklungen ist nichts einzuwenden. Die Vorstellung, dass wir mit dem „richtigen“ Wissen allein deutlich sehen könnten, was und wie etwas zu tun ist, um die Gesellschaft grundlegend zu verändern, ist jedoch hoch problematisch. Mit ihr wird die Trennung von Theorie und Praxis übernommen (wie sie in hierarchisch strukturierten Gesellschaften tatsächlich gezogen wird), um eine Avantgardepolitik zu legitimieren, die von Anarchist*innen abgelehnt wird.

Stattdessen geht anarchistische Theorie davon aus, dass sich sehr viele Menschen dauernd auch theoretisch mit ihrer Lebenswelt und Existenz beschäftigen. Das heisst, sie denken auf einem abstrakten Niveau darüber nach, wie die Gesellschaft funktioniert, in der sie leben. Darüber hinaus bedeutet theoretisch denken, sich Gedanken zu machen, von welchen Annahmen wir in unserem Denken ausgehen, wo diese herkommen, wie sie sich begründen lassen und welche Erklärungswege es noch gibt. Handlungen und Erfahrungen werden somit in grössere Sinnzusammenhänge gestellt.

Theorie ist deswegen nicht zwangsläufig oder vorrangig Wissen aus Büchern – auch wenn Bücher ein bewährtes Medium sind, um komplexe Gedankengänge festzuhalten. Es geht in ihr nicht darum, Fakten auswendig zu wissen, sondern um die Fähigkeit, selber denken und verstehen zu können. Wenn die materiellen und pädagogischen Voraussetzungen dafür erkämpft werden, können prinzipiell alle Menschen theoretisches Denken lernen und mit ihm ihre Lebensverhältnisse mitgestalten. Sich selbst so definierende Anarchist*innen betreiben ohnehin Theorie und dies ist enorm wichtig, um die Bauchgefühl-Rebellion in radikale und emanzipatorische Handlungen zu überführen.

Leider ist anarchistische Theorie – insbesondere im deutschsprachigen Raum – sehr gering ausgeprägt und entwickelt. Ihre kontinuierliche Erneuerung und Verbreitung ist ein wesentlicher Beitrag, um Anarchismus als soziale Bewegung zu formieren. Zunächst betrifft dies die Überlieferung von anarchistischen Praktiken und Lebensformen. Wie viel Wissen aus radikalen sozialen Bewegungen geht über die Generationen verloren, sodass wir auf die Geschichtsschreibung der Herrschenden zurückgreifen müssen!

Doch schon bei den Zyklen der Politisierung von Menschen wird alle drei bis fünf Jahre verpasst, Menschen, die neu hinzukommen (wollen), Wissen, Erfahrungen und theoretische Erkenntnisse weiterzugeben. Dass alle immer wieder neu anfangen (müssen) sich Wissen und Praktiken zu erschliessen, wird dann irrtümlicherweise als autonome Selbstbestimmung von Gruppen und Einzelnen angesehen, anstatt die eigenen Erfahrungen verantwortungsvoll theoretisch zu überdenken, festzuhalten und zu teilen.

Die geringe Ausprägung anarchistischer Theorie führt weiterhin zu einer Delegitimierung anarchistischer Perspektiven und Projekte auf einer intellektuellen Ebene. Zwar gibt es immer wieder einzelne Intellektuelle, die sich als Anarchist*innen beschreiben und damit tatsächlich anarchistisches Denken verbreiten. Allerdings ist es längst nicht so, dass auf einem Podium mit kritisch eingestellten Personen selbstverständlich auch ein*e Anarchist*in sitzt oder es auf Konferenzen ebenfalls Vorträge und Diskussionsrunden zu anarchistischen Themen gäbe. Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich sage nicht, dass wir das jetzt alle tun müssen oder sollten.

Es gibt viele andere Betätigungsfelder und viele von diesen sind vielleicht sogar sinnvoller. Es bringt mehr, sich kontinuierlich mit zehn Menschen in prekären Lebenssituationen zu treffen, sich gemeinsam zu politisieren, zu organisieren und zu radikalisieren, als in einer Talkshow vor zehntausenden für ein paar Minuten Sendezeit die*der skurrile Alibi-Anarchist*in zu sein. Doch in beiden Fällen sind anarchistische Positionen marginal. Somit erfüllt sich das Vorurteil, Anarchist*innen seien für „die“ Praxis zuständig und daraus sollten wir ausbrechen. Denn Anarchismus hat auch theoretisch unglaublich viel anzubieten!

Eine weitere Folge der geringen Ausprägung anarchistischer Theorie ist der Rückzug auf Dogmen. So beispielsweise: „Anarchist*innen wählen nicht, weil Wahlen das System politischer Herrschaft stützen, darum sind sie Anarchist*innen, also wählen sie nicht.“ Es gibt gute Gründe die parlamentarische Demokratie abzulehnen und eine ausgebaute anarchistische Kritik an Repräsentation, einer gesetzlich legitimierten Öffentlichkeit, der Illusion von Partizipation, an Mehrheitsentscheiden und dem Wahlakt als solchem. Es ist und bleibt deswegen wichtig, die eigenen Standpunkte und Praktiken fortwährend theoretisch zu durchdenken – und gegebenenfalls auch zu verändern.

Beliebt war und ist auch der Rückzug auf historische Dinosaurier im Anarchismus. Auf die Frage, wie seine „Ideen“ denn funktionieren könnten und wo es dafür Beispiele gäbe, werden immer wieder die spanische soziale Revolution und die Machno-Bewegung genannt, vielleicht noch auf die mexikanische Revolution, Freiraum-Bewegungen oder die Hausbesetzer*innenszene der 80er verwiesen. Immerhin dienen in jüngerer Zeit auch Chiapas und Rojava als inspirierende und lebendige Bezugspunkte.

Wir sollten uns jedoch davor hüten, funktionierende Beispiele für Anarchie vorrangig in der Vergangenheit oder an anderen Orten zu suchen, denn dies ist ein Weg, ihre Verwirklichung von uns wegzuschieben. Anarchistische Theorie kann dazu beitragen, aufzuzeigen und zu veranschaulichen, wo Menschen in unserem Umfeld bereits solidarisch miteinander leben, sich egalitär organisieren, kooperieren usw..

Werden die eigenen Praktiken nur ungenügend theoretisch reflektiert, kommt es oft dazu, dass sie zum Selbstzweck erklärt werden. Lebensstile, die Anarchist* innen pflegen (z.B. Bauwagen, soziale Zentren, Veganismus, Awareness etc.) können somit eher zu einem Rückzug werden, als den Versuch zu verkörpern, weiterhin die gesamte Gesellschaft verändern zu wollen. Wir haben alle das Recht, unsere Leben zu gestalten, wie wir es für richtig halten. Das eigene Leben ist aber vor allem dann (anti-)politisch, wenn wir auch theoretisch darüber nachdenken, wie wir es gestalten und wie wir damit Veränderungen anstossen können.

Die Marginalität anarchistischer Theorie führt schliesslich zu einer schweren Vermittelbarkeit anarchistischer Gedanken und Konzepte in die Mehrheitsgesellschaft. Daran sind nicht nur Anarchist*innen „schuld“, sondern dies wird ihnen auch zugeschrieben. In Zeiten und Gegenden, wo anarchistische Vorstellungen weiter verbreitet waren und sind, kann jedoch von ganz anderen Grundlagen ausgegangen werden. Wenn ich Einführungsvorträge zum Anarchismus mache, sage ich beispielsweise immer dazu, dass ich nicht vorhabe, jetzt über Gewalt zu sprechen. Dabei würde ich das eigentlich gerne tun, denn ich finde, dass die Gewalt der Herrschaft und wie wir mit ihr umgehen können, ein wichtiges Thema ist. Doch darüber liesse sich erst sinnvoll diskutieren, wenn überhaupt ein Grundverständnis von Anarchismus bestünde...

Aufgrund dieser Überlegungen und anderer Erfahrungen habe ich einige Merkmale für anarchistische Theorie zusammengestellt. Denn wenn es diese gibt, dann müssen zumindest einige Eckpunkten benannt werden können, worauf sie beruht und inwiefern sie sich von anderen „kritischen“ Ansätzen unterscheidet.
  • Anarchistische Theorie ist nicht „neutral“, sondern ergreift Partei für diejenigen, die unter Herrschaft leiden und sie überwinden wollen. Dahingehend wird mit ihr die Perspektive der Möglichkeit und Wünschbarkeit einer herrschaftslosen Gesellschaft eingenommen
  • Anarchistische Theorie ist mit anarchistischen Grundwerten und Organisationsprinzipien verknüpft und fortwährend mit diesen zu vermitteln (s.o.)
  • Sie ist im Zusammenhang mit emanzipatorischen sozialen Bewegungen zu sehen und soll diesen nutzen anstatt sich vorrangig um sich selbst zu kreisen
  • Anarchistische Theorie bedient sich verschiedener vorhandener kritischer Theorien und bezieht sich auf (klassische) anarchistische Denker*innen
  • Es geht ihr um ein verstehen und beschreiben von gesellschaftlichen Verhältnissen und Dynamiken, darüber hinaus jedoch auch um das Aufzeigen utopischer Elemente in ihnen. Das heisst, sie betreibt keine rein „negative Kritik“, sondern verweist auf die Potenziale zur Überwindung der bestehenden Gesellschaft und diskutiert sie kritisch
  • Mit anarchistischer Theorie werden keine Wahrheiten generiert, sondern nachvollziehbare Interpretationsangebote geschaffen, die gut fundiert, nachvollziehbar und begründet sein sollten
  • Anarchistische Theorie wird kollektiv gebildet, das heisst sie entsteht nicht vorrangig am Schreibtisch eines*r Denker*in, sondern in Diskussionsprozessen, Workshops und kreativen Interaktionen. Dabei kann es die Rolle oder Aufgabe mancher Personen sein, solche Prozesse anzustossen, zu strukturieren und Ergebnisse aus ihnen festzuhalten
  • Anarchistische Theorie ist synkretistisch, das bedeutet, in ihr werden verschiedene theoretische Konzepte und Gedanken miteinander vermischt und verschmolzen, wenn diese soziale Realität plausibel erklären können. Dazu müssen theoretische Bausteine selbstverständlich tiefgehend und nicht nur oberflächlich verstanden werden und können nicht einfach zur Rechtfertigung dessen herangezogen werden, was wir ohnehin schon dachten.

Multiple verwobene Herrschaftsverhältnisse

Eine sehr bedeutende Einsicht anarchistischer Theoretiker*innen besteht darin, dass es parallel zueinander verschiedene Herrschaftsverhältnisse gibt, die untrennbar miteinander verwoben sind und sich gegenseitig beeinflussen. Anarchist*innen betonten daher im Unterschied zu anderen Sozialist*innen früher und oft noch heute, dass der Kapitalismus nur gemeinsam mit dem Staat überwunden werden kann.

Nach der Wende zum 20. Jahrhundert wurde das Patriarchat als eigenes Herrschaftsverhältnis begriffen und in die anarchistische Theorie einbezogen. Mit dem modernen Nationalstaat kann auch das wirkmächtige Konstrukt von Nation in einem weiten Sinne als eigenes Herrschafts-verhältnis gefasst werden. Schliesslich stellt auch das Verhältnis Mensch/Mitwelt, die Herrschaft über die sogenannte „Natur“, ein Herrschaftsverhältnis dar.

Bei Herrschaftsverhältnissen geht es um Beziehungen zwischen Menschengruppen und ihre stufenweise Einordnung in eine hierarchische Gesellschaftsstruktur. Dies geschieht im politischen Herrschaftsverhältnis (Staat) anhand der Spaltung zwischen Regierenden und Regierten, im ökonomischen (Kapitalismus) anhand der Teilung von Kapitalist*innen und Lohnarbeiter*innen und im geschlechtlichen Herrschaftsverhältnis (Patriarchat) durch die Unterscheidung von Cis-Hetero-Männern und allen von ihr abweichenden Geschlechtsidentitäten und sexuellen Orientierungen.

In Hinblick auf die Nation wird ein Einschluss/ Ausschluss anhand des Bürgerschafts-Status vorgenommen und beim Verhältnis zwischen Mensch und Mitwelt, ein Recht von Menschen zur Ausbeutung, Zerstörung und Manipulierung nicht-menschlichen Lebens proklamiert. Die verschiedenen Herrschaftsverhältnisse haben strukturellen Charakter, d.h. sie hängen nicht von den ethischen Einstellungen der Menschen in verschiedenen Positionierungen ab. Dennoch ist Herrschaft kein Naturgesetz, sondern wird immer von Menschen über Menschen und andere Lebewesen ausgeübt und getragen, die dafür (zu verschiedenen Graden) auch verantwortlich zu machen sind. Da wir jeden Tag von Herrschaftsverhältnissen und ihren Folgen umgeben sind, fällt es auch sehr reflektierten Menschen oftmals schwer, sich bewusst zu machen wie falsch, schlecht organisiert, asozial und menschenfeindlich die bestehende Gesellschaftsform in ihrer Grundstruktur ist.

Durch bürokratische und politische Abläufe sowie im sozialen Leben wird Menschen fortlaufend ein Status in der gesellschaftlichen Hierarchie zugewiesen. Deswegen entsprechen den Herrschaftsverhältnissen die Diskrimierungsformen von Entrechtung/ Entwürdigung, Sozialchauvinismus/ Sozialdarwinismus, Sexismus/ Homo-, Trans- und Interphobie, Rassismus/ Kulturalismus und die Abwertung nicht-menschlichen Lebens. Darüber hinaus gibt es weitere Herrschaftsmodi, die erst aus der Rechtfertigung und ideologischen Verschleierung von strukturellen Herrschaftsverhältnissen entstehen und eigenständig zu betrachten sind.

Der Antisemitismus ist nicht lediglich eine besondere Form des Rassismus, sondern geht von der Vorstellung eines absolut Feindlichen/Fremden aus, dass vernichtet werden darf und muss. Ableismus, das heisst die Diskriminierung von Menschen die behindert werden, ist eine Folge der gestörten Leistungsideologie im Kapitalismus. In allen Fällen werden Herrschaftsverhältnisse und ihnen entsprechende Diskriminierungsformen mit der Behauptung einer Ungleichwertigkeit des Lebens gerechtfertigt.

So wichtig Diskussionen um Diskriminierung und „Chancen“ sind, dürfen bei diesen aus anarchistischer Sicht allerdings nicht die materiellen Grundlagen vergessen werden, mit welchen Ungleichheit gerechtfertigt, eingerichtet und aufrechterhalten wird. Denn darum geht es im Endeffekt: Einem Grossteil der Menschen wird vorenthalten, was sie zu einem guten und selbstbestimmten Leben brauchen - sei es zur Erfüllung ihrer Grundbedürfnisse nach Nahrung, Kleidung, Wohnung, Gesundheit, Sexualität, sei es zur Erfüllung weitergehender Bedürfnisse wie der Entfaltung ihrer Persönlichkeit und der aktiven Gestaltung ihres sozialen Lebens.

Eine privilegierte Minderheit hingegen zieht den gesellschaftlich produzierten Reichtum an sich, setzt sich selbst in den höchsten sozialen Status ein und beeinflusst sehr weitreichend alle wesentlichen politischen Entscheidungen. Letztendlich geht es darum, welche Gruppen zu welchem Grad die Möglichkeit haben, ein abgesichertes, gesundes, angstfreies, selbst gestaltetes und sozial anerkanntes Leben führen können.

Strukturelle Herrschaftsverhältnisse wirken sich gleichzeitig konkret auf Menschengruppen aus, egal ob dies institutionell vermittelt oder in Form von persönlicher Abwertung und Anfeindung geschieht. Da sich die verschiedenen Herrschaftsverhältnisse überlappen und es auch innerhalb von ihnen abgestufte Hierarchien gibt, sind die meisten Menschen in irgendeiner Form auch an ihnen beteiligt oder werden zumindest gezwungen, sich in sie einzugliedern.

Zwar wird die Positionierung entlang der Achsen gesellschaftlicher Hierarchien und der soziale Status auch offensiv zur Schau getragen. Gleichzeitig kann man einzelnen Menschen jedoch kaum von aussen ansehen, inwiefern sie direkt von Herrschafts-verhältnissen profitieren oder davon betroffen sind und wie sie jeweils damit umgehen. Dies führt dazu, dass auch soziale Gruppen, die offensichtlich Diskriminierung, Ausgrenzung und Benachteiligung erfahren, oftmals – wie viele andere auch – selbst diskriminieren, ausgrenzen und andere benachteiligen, um zumindest etwas Reichtum, Schutz und Anerkennung zu erhalten oder eine Erklärung für ihre Lage zu suchen.

Dennoch gilt es alle benachteiligten Gruppen zu ermächtigen, denn von jenen, die offensichtlich einen hohen sozialen Status und viele Privilegien haben, wird nie ein grundlegender emanzipatorischer Wandel ausgehen. Einzelne von ihnen können unter bestimmten Umständen aber dennoch ihren Status aufgeben und zur sozialen Revolution beitragen.

Aus anarchistischer Perspektive abzulehnen, anzugreifen und zu überwinden ist das Prinzip der Herrschaft als solches, welches Menschen in gesellschaftliche Hierarchien einsortiert, in der sie zur sehr unterschiedlichem Grad die Voraussetzungen haben, um ein gelingendes Leben zu führen. Was einfach klingt, ist tatsächlich unheimlich kompliziert. Anarchistische Theorie dient dazu, Herrschaft zu verstehen und überwinden zu können, in dem sie angegriffen und herrschaftsfreie gesellschaftliche Institutionen und Verhältnisse an ihre Stelle gesetzt werden.

Jonathan Eibisch

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