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Für eine neue anarchistische Synthese! (Teil III) | Untergrund-Blättle

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Politik

Anarchistische Formen des Streits erfinden Für eine neue anarchistische Synthese (Teil III)

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Für Anarchist*innen ist entscheidend, dass die gewählten Mittel den angestrebten Zielen entsprechen sollen.

28. August 2020

28. 08. 2020

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Angenommen wird, dass sich keine herrschaftsfreien Verhältnisse einrichten lassen, wenn Menschen sich herrschaftsförmiger Mittel bedienen. Dies lässt sich nicht immer mustergültig umsetzen. Bei all dem hier Geschriebenen geht es nicht um Perfektionismus. Ausserdem ist es auch ein Streitpunkt, was ein „herrschaftsförmiges Mittel“ ist. Ob etwa ein paar Steine auf Polizist*innen zu werfen eher ein Herrschaftsmittel ist oder nicht vielmehr eine handzahme „pazifistische“ Haltung.

Ähnlich sieht es aus mit der Frage, inwiefern Technik heute noch für die Befreiung genutzt werden kann oder es keinen Ausweg aus ihrem systematischen Herrschaftscharakter gibt.

Das gleiche gilt im Grunde genommen auch für „Spiritualität“: Kann sie als Ausdruck für die Suche nach einer holistischen Verbundenheit zur Mitwelt verstanden werden und damit befreiende Aspekte haben? Oder ist sie stets nur Verblendung, Ablenkung, Betrug? Der grösste Streitpunkt zwischen Anarchist*innen ist aber die Frage, was unter „Gemeinschaft“ und was unter „Einzelnen“ verstanden und welches Verhältnis zwischen ihnen angestrebt wird. Und daneben gibt es noch viele andere Streitpunkte.

Weil sie oft hohe Ansprüche und eine grossen Sehnsucht nach Anarchie haben, kann es geschehen, dass sie sehr viel streiten. Dabei ist Streit gar kein schlechtes Wort. Wenn eine Angelegenheit „umstritten“ ist, muss das nicht negativ sein. Es heisst nur, dass sie eben nicht abschliessend geklärt ist und dass es verschiedene Positionen zu ihr gibt. Wenn ein Mensch als „streitbar“ gilt, bedeutet dies, dass er sich sehr für eine Sache einsetzt, weil diese ihr wichtig ist. Sie positioniert sich und ist bereit, dafür in die Auseinandersetzung zu gehen. Streitbarkeit muss überhaupt nicht dazu führen, Andere abzuwerten, auszugrenzen oder ihnen Intelligenz oder Legitimität abzusprechen.

ωir sollten streitbarer werden. Wenn ωir Gruppen ausgrenzen und ihnen Legitimität absprechen, dann ausschliesslich, wenn diese uns grundlegend feindlich gesinnt sind. Und in der Auseinandersetzung haben wir gelegentlich mit Feind*innen zu tun. Deswegen kann es aus einem Reflex und aus verinnerlichter Verletzung heraus geschehen, dass Menschen mit ihrer Streitbarkeit über die Stränge schlagen und auch Unbeteiligte, blosse Konkurrent*innen, potenziell Verbündete oder sogar Genoss*innen und Freund*innen anfeinden. Leider sind oft gerade die Nahestehenden jene, welchen Feindschaft entgegenschlägt, wenn diese ungezügelt ausbricht. Eben weil sie nahe stehen – und nicht fern, wie die Verursacher*innen unserer Verletzung. ωir sollten ʋns streng davor hüten, so zu reagieren. Stattdessen sollten ωir unbedingt schauen, wohin ωir ʋnsere Streitbarkeit richten, wie ωir mit ihr agieren, also mit wem ωir auf welche Weise in die Auseinandersetzung gehen...

Gemeinsames Wachsen an der/ durch die/ in der Vielfalt

Im Folgenden richte ich mich an jene, die sich selbst als Anarchist*innen begreifen. Dabei bestimme nicht ich, wer als Anarchist*in gilt oder nicht gilt. Oder zu welchem „Grad“ wer als Anarchist*in gelten kann. Selbstverständlich habe ich auch meine Erfahrungen damit und eigene Ansichten dazu. Ich versuche mich aber einen Schritt zurückzustellen. Hier geht es erst mal um dich, um euch. Damit meine ich auch jene, die einfach etwas eigenes mit dem anfangen können, was ich schreibe – ohne sich zu definieren.

Bekannterweise sind die Anarchist*innen zersplittert und in viele Lager und Szenen gespalten. Das ist umso absurder, als dass es unter und neben den Irgendwie-Linken ja gar nicht so viele Menschen gibt, die sich als „Anarchist*innen“ verstehen. Sicherlich, es gibt viele „Undogmatische“ und „Antiautoritäre“.

Es gibt auch noch ein paar Autonome. Es mag auch Menschen und Gruppen geben, die sich als Kommunist*innen verstehen, aber mit den hier beschriebenen Positionen in vielen Punkten mitgehen würden. Neben Personen, die sich ein politisches Label geben, gibt auch einfach Menschen, welche auf Weisen handeln, die ʋns sehr nahe liegen. Anarchist*innen gibt es aber nicht viele. Egal, wie viele es jedoch sind: ωir sollten mehr werden (wollen). Denn wenn viele Andere mit ʋns die soziale Revolution umsetzen wollen, müssen auch ωir mehr werden. Wird unter Mehr-werden Wachstum verstanden, so bedeutet dies ein Wachsen in der Grösse, aber auch ein Wachsen in der Tiefe und in die Breite. Wir müssen zugleich in ʋnseren Organisationen, ʋnseren Theorien und ʋnseren Beziehungen wachsen.

Die Grundlage dafür besteht in der Annahme, dass ʋnsere Gefährt*innen, Genoss*innen und Freund*innen schon wissen, was sie tun und warum sie dies tun. Auf jeden Fall sollten sie sich und ʋns das respektvoll erklären. Sie sollten sich gegenseitig und ʋns davon erzählen. ωir sollten miteinander darüber in Austausch treten. Und ωir sollten ʋns darüber austauschen, wie das, was ωir jeweils tun, sich ergänzen, wie es vernetzt, aufeinander bezogen und zusammengehören kann, wenn ʋnser gemeinsames Ziel die Anarchie ist.

Diese wechselseitige Verortung, dieser nach Verständigung suchende Kommunikationsvorgang, geschieht nicht in Form von abstrakten Theoriedebatten oder der gegenseitigen Vorhaltung von politischen Standpunkten (hinter denen wir uns oft verstecken). Selbstverständlich geschieht dies, in dem wir uns anschauen, was wir bereits tun, indem ωir voneinander erfahren, wer ωir sind, was ωir denken, was ωir wollen. Die Grundlage, auf der dieser Austausch, diese Bezugnahme und die mit ihr einhergehende Weiterentwicklung möglich werden kann, sind die gemeinsamen Ziele. (Über diese gilt es sich freilich ebenfalls zu streiten.)

ωir gehen also nicht von einem Nullpunkt aus, sondern von einem vorgeprägten Raum, zahlreichen Erzählungen und Lebenswegen. Hinzu kommt noch die Einsicht darin, dass ωir ʋnsere Ziele ohnehin nicht alleine erreichen können - die Einsicht darin, dass ωir aufeinander angewiesen sind. Dabei geht es nicht darum, dass wir alle die gleichen Wege gehen, die gleichen Mittel wählen, das gleiche denken sollen. Es geht nicht darum, dass ωir alle miteinander befreundet sein sollen. Aber es geht darum, das wir uns freundlich aufeinander beziehen. Schon gar nicht sollen ωir alle in der gleichen Organisation sein. Im Gegenteil, auch wenn es pathetisch und altbacken klingt: Unsere Vielfalt ist ʋnsere Stärke!

Suche nach gemeinsamen Grundlagen [durch die Auseinandersetzung]

Jede Strömung im Anarchismus hat ihre eigene Berechtigung, ihre eigenen Geschichten, organisiert sich auf eigene Weisen, oft in eigenen Kreisen und geht von teilweise verschiedenen Annahmen aus. Dies zu leugnen würde bedeuten, den Inhalt des Anarchismus selbst für unsinnig zu erklären. Viele haben das bereits getan und sind „unpolitisch“ geworden.

Manche wurden Nur-Gewerkschafter*innen, Nur-Autonome, Nur-Feminist*innen oder Nur-Indivi-dualist*innen. Viele lernen den Anarchismus kennen und wenden sich später von ihm enttäuscht ab. Doch statt ihre Enttäuschung zu begrüssen, sie zu transformieren und sie zur Grundlage ihres sozial-revolutionär-Werdens zu nehmen, schliessen sie sich irgendwie-linken oder sozialdemokratischen Gruppen an. Und es gibt sogar die Tendenz, von enttäuschten Anarchist*innen, die glauben Nur-Aktivist*innen, Nur-Theore-tiker*innen, Nur-Hedonist*innen oder Nur-Dogmatiker*innen sein zu können.

Doch der Witz im Anarchismus liegt darin, dass er Handlungsweisen, Themenfelder und Menschengruppen in ihrer Unterschiedlichkeit verbindet. Nein, der Anarchismus kettet die verschiedenen Bereiche der Vielfalt nicht aneinander – er kann nur dort bestehen, wo sich Menschen freiwillig verbünden. Wo sie Bündnisse eingehen, sich auf gemeinsame Ziele hin ausrichten und in Austausch treten, können Anarchist*innen Selbstbewusstsein entwickeln. Durch solidarische Auseinandersetzungen mit Anderen können ωir Bewusstsein über ʋns selbst und daraus Stärke erlangen. Dies ist etwas völlig anderes, als nur nebeneinander her zu leben und sich zu „tolerieren“. Die Aus_ein_ander_setzung, das, was zwischen ʋns ist, was zwischen ʋns stattfindet, begründet ʋnser starkes Band, begründet ʋnser Bündnis.

Dieser Zusammenhang ist kein Selbstzweck. Trotzdem haben in ihm soziale Bedürfnisse ihre absolute Berechtigung. Immerhin kann es – wenn wir von Verbindungen sprechen – nicht sein, dass ωir ʋns selbst in einen „politischen“ und in einen „sozialen“ Menschen, oder in eine*e Sozialrevolutionär*in und eine*n Biedermeier*in aufspalten.

Wenn die Erfüllung ʋnserer sozialen Bedürfnisse also ein Zweck des anarchistischen Bundes ist, so soll diese nicht der alleinige Zweck sein und ich meine auch nicht ihr Hauptzweck. Wenig ist anstrengender, als wenn Anarchismus zum Feigenblatt für die Erfüllung nur-bürgerlicher Bedürfnisse genommen wird. Indem ωir ʋns miteinander bewegen, wollen ωir stattdessen ganz neue Bedürfnisse entdecken und wecken – Bedürfnisse, die in dieser Herrschaftsordnung nie erfüllt werden können, welche somit auf Anarchie verweisen und ihre Verwirklichung als erforderlich und wünschenswert enthüllen. Und auch dies können wir nur in unserer Verschiedenheit - miteinander - bewerkstelligen.

Die anarchistische Synthese neu eingehen und bilden

Diese Herangehensweise an ein anarchistisches Miteinander in Vielfalt, ist aus bestimmten historischen Erfahrungen erwachsen. Jene bestanden vor allem im endlosen Streit untereinander, was nun die „richtigen“ Wege, die „richtigen“ Mittel“, die „richtigen“ Positionen und die „richtigen“ Grundlagen sind. Damit möchte ich nicht falsch verstanden werden: Genau um ʋnsere Grundlagen, Positionen, Mittel und Wege soll es gehen. Wir können sie jedoch nur gemeinsam bestimmen. Wie schon erwähnt ist es wichtig, dass dies immer wieder neu geschieht, weil sich Zeiten und Umstände verändern, weil sich neue Generationen von Menschen politisieren und auch wir selbst uns verändern. (Wobei das Rad nicht jedes mal wieder neu zu erfinden ist!) Solche Selbst-Verortungen und Grundsatzdebatten „geschehen“ allerdings nicht einfach so.

Egal, ob punktuell und grundsätzlich oder kontinuierlich und alltäglich - Debatten werden von Menschen initiiert und angestrebt, weil sie diese wichtig und notwendig finden. Und weil sie ausserdem finden, dass sie daran ihre eigenen Ansprüche überprüfen und ihren Umgang mit ihnen weiterentwickeln können. Es ist immer leichter, andere zu kritisieren oder sich von ihnen zu entfernen, als die Spannungen mit ihnen auszuhalten, um mit diesen gemeinsam etwas Neues zu schaffen.

Es ist schwer, die ätzenden Attacken verbitterter „Genoss*innen“ auszuhalten und sie dennoch zu Gesprächen zu bewegen, genauso wie es schwer ist, die eigene Kritik konstruktiv und wertschätzend vorzubringen - Sie vor allem auch einzubringen, anstatt sie in sich hineinzufressen. Einige können gar nicht mehr anders, als Distanz zu wahren und Kritik zu üben. Doch statt selbstgewählter und begründeter Distanzierung haben sie vor allem Berührungsängste. Und ihre vermeintliche „Kritik“ wird zur krampfhaften Rechthaberei. Natürlich ist es auch leichter, irgendwie nebeneinander her zu leben mit einem komischen Verständnis von Toleranz. Schwierig ist es dahingegen, Widersprüche auszuhalten und weiter zu entwickeln.

Doch wir müssen uns nicht für Widersprüche schämen oder irgendwelche einseitigen Ausflüchte aus ihnen nehmen. Wir haben auch nicht „falsch“ gedacht, wenn wir auf Widersprüche stossen. Denn die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen wir leben sind widersprüchlich. Dies anzuerkennen und ein Gespür für Widersprüche zu entwickeln, ermöglicht ʋns erst, etwas mit diesen zu machen und aus ihnen eine Synthese zu bilden.

Die Auseinandersetzung um das Gemeinsame in der Unterschiedlichkeit zu suchen ist anstrengend und aufwendig. Schlimmer noch: Sie hat nie ein Ende, kann immer wieder zu Unzufriedenheit führen und mündet regelmässig in neuen Streit. Allerdings ist Streit an sich ja überhaupt nichts Negatives, sondern – wie schon gesagt wurde - im Gegenteil erforderlich. Wichtig ist, dass gestritten wird. Aber selbstverständlich auch, wie gestritten und was unter Streit verstanden wird.

Ein Streit, in welchem das Gegenüber gar nicht gesehen wird, wo sich gar nicht die Mühe gemacht wird, die*den Andere*n zu verstehen, ist ein sinnloser Streit und führt zu nichts. Ein Streit, indem es lediglich darum geht, die eigene Position zu behaupten und andere unterzuordnen (egal auf welche Weise) ist kein anarchistischer Streit. Ein Streit, der darauf abzielt, anderen Grenzen aufzuzeigen, kann berechtigt und notwendig sein – zumal wir erst an unseren Grenzen einen realistischen Blick auf uns selbst entwickeln (auch wenn dies wiederum zu Enttäuschung führen kann).

Doch ein Streit, der allein auf Abgrenzung zielt und in welchem nicht das potenziell Gemeinsame gesucht wird, der nicht die freiwillige Verbindung zum Ziel hat, ist nicht im anarchistischen Sinne. Und eine anarchistische Haltung ist es schliesslich ebenfalls nicht, wenn das Gegenüber im Streit abgewertet, ausgegrenzt und ihm Legitimität und Vernunft abgesprochen werden.

Jene, die Debatten initiieren und das Gemeinsame in der Unterschiedlichkeit suchen, tun dies nicht nur zum Spass. Sie tun es nicht, weil sie harmoniesüchtig sind, in dieser auf Gewalt gegründeten und durch Gewalt aufrechterhaltenen Gesellschaft. Unsere Verbindungen, ʋnser anarchistisches Bündnis, ʋnsere Föderation, ist deswegen einzugehen, damit wir stärker und selbstbewusster, damit wir sozial-revolutionär und wirksam werden. Für diese Herangehensweise gibt es eine Bezeichnung. Sie wurde „anarchistische Synthese“ oder „synthetischer Anarchismus“ genannt.

Lasst uns auf die Suche nach dem vielfältigen ωir gehen und es miteinander verwirklichen! Lasst ʋns diese neue anarchistische Synthese wagen! Lasst ʋns den konstruktiven, respektvollen Streit miteinander suchen, um mehr zu werden, um stärker und selbstbewusster zu werden! Und, um ʋnseren sozial-revolutionären Ansprüchen gerecht zu werden!

Ausklang

In diesem Text ging es darum, einige Überlegungen zur anarchistischen Synthese zu formulieren. Damit behaupte ich nicht, etwas völlig Neues erfunden zu haben. Mein Anliegen war es im Gegenteil, Grundlagen zu vermitteln, aus alten Erfahrungen zu schöpfen, neue Wege aufzuzeigen, Mut und Lust zu machen, sich auf vielfältige Weise anarchistisch zu organisieren. Dabei ist mir klar, dass ein Aufruf wie dieser sehr deutliche Grenzen hat. Als ich von notwendiger Enttäuschung sprach, meinte ich das ernst. Ich wollte keine schillernden Illusionen zeichnen. Hoffnung, Begeisterung und Leidenschaft können Strategie, Organisation und Inhalte nicht ersetzen. Dennoch kann auch die Sehnsucht ein legitimer Ausgangspunkt sein, wenn sie die Sinne nicht trübt, sondern schärft.

In diesem Zusammenhang begann ich diese Abhandlung damit, dass es innerhalb der anarchistischen Szene und auch innerhalb einzelner anarchistischer Gruppen teilweise viel Unzufriedenheit gibt. Diese hat bestimmte Gründe und es gilt der Frustration ehrlich ins Auge zu schauen. Sie hat viel damit zu tun, wie wir mit unseren berechtigten Ansprüchen und Sehnsüchten umgehen und ob wir uns wirklich aufeinander einlassen und beziehen können. Es ist meine Überzeugung, dass weder die anarchistischen theoretischen Grundgedanken, noch unsere Beziehungen zueinander „an sich“ das Problem darstellen.

Ausserdem ist meine Einschätzung, dass sich die von mir wahrgenommenen und selbst erfahrenen Schwierigkeiten in der anarchistischen Szene oder einzelnen Gruppen nicht einfach durch eine „andere“ Organisationsform lösen lassen. Auch dahingehend gibt es unterschiedliche Einschätzungen, Perspektiven und Bestrebungen. Meine sind nur ein Auszug. Wenn der Anarchismus wieder stärker, selbstbewusster und sozial-revolutionärer werden soll, braucht es dafür viele Veränderungen. Die verschiedenen notwendigen Erneuerungen lassen sich jedoch nur sinnvoll angehen oder durchführen, wenn ωir überhaupt eine Haltung entwickeln, mit der ωir in unserer Vielfalt das Gemeinsame suchen – und es immer wieder neu aushandeln, ohne deswegen an Selbstzweifeln zugrunde zu gehen. Dies hat auch etwas mit unseren eigenen Ansprüchen zu tun, andere Beziehungen und Organisationsformen zu finden, einzugehen und aufzubauen. Ich weiss, es gibt Menschen, die das sehr gut begriffen haben, umsetzen und leben.

Diese Schrift richtete sich vor allem an Menschen, die sich selbst als Anarchist*innen verstehen – wozu sie jeweils ihre eigenen und ganz persönlichen Gründe haben. Mit der Formulierung des „ωir“ habe ich versucht, den Horizont über die anarchistische Blase oder auch die irgendwie linke Szene hinaus zu erweitern. Tatsächlich bin ich der Ansicht, dass linke Szenen zwar Rückzugsorte und Ausgangsbasen sein können, aber keine (privilegierten) Horte zur Bildung von sozial-revolutionären Perspektiven oder Bestrebungen darstellen. Gleichzeitig habe ich die Notwendigkeit betont, dort anzufangen, wo wir stehen.

Die gezeichnete konkrete Utopie der Anarchie können wir schon im Hier&Jetzt direkt erfahren. Dies versetzt uns überhaupt in die Lage, sie nicht lediglich für eine idealistische Träumerei oder das idiotische Horror-Szenario von „Chaos“ zu halten. Mich selbst inspiriert es, wenn ich sehe, dass Andere Anarchie leben – auch wenn sie es vielleicht nicht so nennen würden. (Allerdings fände ich eine persönliche Benennung ganz gut). Dies wahrzunehmen hat nichts damit zu tun, sich die Verhältnisse schönzureden. Ich weiss, dass sie sehr schlimm sind. Wir müssen sie scharf kritisieren. Es geht darum, sehen zu lernen, was auch da ist. Es geht also darum, Potenziale zu sehen. Denn nur dies kann die Ausgangsbasis für Alles sein, was wir zu verwirklichen anstreben.

Selbstverständlich sehne ich mich nach einer grösseren, wirkungsmächtigeren anarchistischen Szene, eigentlich jedoch vor allem danach, dass anarchistische Perspektiven und Gruppen verschiedene emanzipatorische soziale Bewegungen inspirieren können.

Wenn es Anarchist*innen nicht schaffen, eine konstruktive und respektvolle Art des Streitens zu entwickeln, beziehungsweise sich auf diese einzulassen, um Gemeinsames zu finden und es herzustellen und um gemeinsam Mehr-zu-werden, so werden sie dies auch niemals in einem grösseren Massstab hinbekommen. Zwar können sie – wie es auch in der ganzen Geschichte der anarchistischen Bewegung der Fall war - Arbeiter*innen bei Streiks und Lohnkämpfen, Geflüchtete für ein Bleiberecht, Queer-, Trans-, Inter-Personen bei der Anerkennung ihrer Geschlechtsidentität, Lesben-, Schwule- und Bisexuelle bei ihrer sexuellen Orientierung, Gefangene im Knast, Betroffene in antineokolonialen, ökologischen und sozialen Kämpfen etc. unterstützen.

Das sollten sie auch. Schliesslich sind sie ja auch lohnabhängig, diskriminiert, ausgegrenzt, unterdrückt usw.. Kategorisierungen und Bewertungen von Betroffenheiten helfen uns mithin nicht weiter. Sich wirklich mit Menschen in anderen Positionierungen auseinanderzusetzen und im beschriebenen Sinne eine Synthese anzustreben, ist noch einmal etwas anderes. Immerhin zieht die Herrschaftsordnung gnadenlos Grenzen zwischen verschiedenen Gruppen von Menschen, die wir nicht einfach überspringen können – weswegen wir sie einreissen müssen.

In Hinblick auf potenzielle politische Verbündete sehe ich dies allerdings ähnlich. Meiner Ansicht nach führt erst eine bessere Organisierung, Beziehungsarbeit und Theoriearbeit von Anarchist*innen dazu, sich auch gegenüber anderen Sozialist* innen zu behaupten. Es braucht eben keine Marxist*innen, die Anarchist*innen die Theorie „bringen“. Bini Adamczak in Beziehungsweise Revolution, Simon Sutterlütti und Stefan Meretz in Kapitalismus aufheben, Erik Olin Wright in Reale Utopien, adaptieren anarchistische Denkfiguren als Ecksteine ihrer Theorien, deren Herkunft sie allerdings verschleiern.

Auch John Holloways und Antonio Negris Konzeption von Autonomie ist eine (nicht benannte) Aneignung anarchistischer Grundgedanken. Womöglich konnte auch Antonio Gramsci seine Hegemonietheorie nur entwickeln, weil er sich mit anarchistischen Strategien (kulturelle und ökonomische Kämpfe zu führen) auseinandersetzte und sie in eine Theorie zur kommunistischen Übernahme der Staatsmacht überführte.

Anarchist*innen brauchen auch keine Parteien, bestimmte zentralisierte „post-autonome“ bewegungslinke oder gar autoritäre Gruppierungen, die ihnen eine funktionierende Organisation nahelegen. Sowohl anarcho-syndikalistische Gewerkschaften, als auch autonome Bezugsgruppen, die dezentrale Föderation, zum Teil vielleicht auch die strategische Arbeit in Bürger*inneninitiativen, wie auch kollektive Wohn- und Lebensformen, sind ur-anarchistische Organisationsformen. Genau dies sollten wir ernstnehmen und darauf aufbauen (was nicht bedeutet, überall ein Ⓐ draufzukleben). Etwas anders gelagert scheint mir das in Hinblick auf die Beziehungsarbeit zu sein, wo ich durchaus sagen würde, dass es feministischer Inputs bedarf, um sie sinnvoll hinzubekommen (was ich allerdings gar nicht so sehr auf den zwischenmenschlichen Bereich beziehe).

Dennoch verortet ich „den“ Anarchismus – trotz eigener, auch sehr persönlicher Kritik, die ich habe – innerhalb des Sozialismus, weil seine Grundintention in der Verwirklichung von Gleichberechtigung und der sozialen Freiheit aller Menschen liegt. Dass dies nicht durch staatliche Politik ermöglicht werden kann, zeigen die Erfahrungen in den „realsozialistischen“ Staaten, von sozialdemokratischen Parteien innerhalb demokratisch-kapitalistischer Staaten, wird aber auch schon an jeder autoritären kommunistischen Gruppierung sichtbar.

Ja, Anarchist*innen haben das „schon immer“ gesagt. Und indem sie dies sagten, wiesen sie Rechtfertigungsmuster, den merkwürdigen Glauben an das „Absterben“ des Staates „nach“ seiner Übernahme und die Verlogenheit des politischen Geschachers und Verhandelns zurück.

Auf der anderen Seite halte ich nichts von einer dogmatischen und identitären Abgrenzung gegenüber anderen, aus dem blossen Grund, weil sie selbst andere Selbstbezeichnungen wählen oder andere Sprachen sprechen. Auch sie stehen an bestimmten Punkten, in bestimmten Gruppen, haben bestimmte Erfahrungen und Gründe, warum sie welche Bezeichnungen wählen oder Positionen beziehen.

Es ist lächerlich, dauernd nur an der Oberfläche zu bleiben. Denn, ja, es geht darum, „was die Leute machen“ und nicht „wie sie sich bezeichnen“. Mit „Mehr-werden“ ist also nicht gemeint, konkurrierenden „linken“ Gruppen ihre Leute abzuwerben, sondern Menschen wirklich zu überzeugen. Meine Kritik diente dahingehend der (Aufforderung zur) eigenen reflektierten Positionierung.

Wenn Anarchist*innen ein echtes und tiefgehendes Bewusstsein von sich selbst, ein Selbstbewusstsein, entwickeln – wozu sie jeden Grund haben! - brauchen sie sich durch andere Bezeichnungen und Positionen nicht zu verunsichern lassen. Im engeren Sinne sollte der gemeinsame Bezugsrahmen deswegen in einem libertären Sozialismus bestehen. Denn für die soziale Revolution braucht es wie erwähnt sehr viele – und sehr verschiedene – Menschen.

Um ihr jedoch gleichzeitig eine bestimmte Richtung zu geben (weil die anarchistische Vorstellung von sozialer Freiheit eine bestimmte ist), sollten sie sich auch mit politisch nahestehenden sozialistischen (und anderen) Strömungen verbünden. Damit wird das Eigene nicht aufgegeben, sondern im Gegenteil erst herausgearbeitet. Das, was Anarchist*innen meiner Ansicht nach in den Prozess der sozialen Revolution einbringen können - was sie besonders auszeichnet - ist in diesem Zusammenhang die konkrete Utopie einer herrschaftslosen Gesellschaft.

So paradox es klingen mag: Die Anarchie kann nicht allein, auch nicht hauptsächlich, von Anarchist*innen verwirklicht werden. Unter der Voraussetzung, dass sie wissen, was, wie und warum sie etwas tun, können sie sich auch in ihrer Vielfalt verbünden. (Ob sie sich formal assoziieren oder informell gut zusammenarbeiten ist dabei nebensächlich). Wenn sie in dieser Auseinandersetzung einen neuen Aufbruch wagen, können sie stärker, selbstbewusster und schöner werden.

Jonathan Eibisch

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