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Einige Überlegungen zum bevorstehenden Winter | Untergrund-Blättle

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Gegenseitige Hilfe in der Lebenswelt als Grundstein unseres Protestes Einige Überlegungen zum bevorstehenden Winter

Politik

DieserText legt einzelne Perspektiven dar und entspricht nicht automatischeinem Gruppenkonsens.

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Foto: Pete Railand

29. November 2022
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Was wir jetzt tun könnten...

Ein heisser Winter steht bevor! Überall bilden sich Bündnisse und Demos heraus, welche die Schnauze voll von der uns drohenden oder schon existierenden Armut haben, während die Eliten und Bonzen von Staat und Kapital ihre Gewinne steigern, indem sie unsere kleinen Vermögen auffressen und uns für ihre Krisen zahlen lassen. Jedoch scheint die Linke nach Jahren der Untätigkeit und nachdem sie immer mehr den Rechten die Oppositionsarbeit auch bei sozialen Themen überlässt, weiterhin nur in Teilen gewillt zu sein, Proteste, Aktionen, Krawall und solidarische Praxis auf die Beine zu stellen.

Stattdessen sehen wir, wie neben reformistischen Aufzügen und parteilichen Demos der Protest schon im Vorhinein von Menschen sabotiert wird, die rechte Narrative übernehmen und energisch versuchen eine Querfront anzudichten. So angestrengt, wie diese Menschen nach potentiell rechten und querfrontlerischen Ansinnen als Antriebskraft in den Sozialprotesten suchen oder anderweitige Bösartigkeiten pauschal unterstellen, wirkt es so, als ob ihre ökonomische Lage wohl nicht besonders ernst ist.

Die Zeit zu handeln ist JETZT!

Ja, nicht nächsten Monat, sondern jetzt. Das aus mehreren Gründen. Zum einen nimmt die Armut schlagartig zu. Die Inflation trifft sowohl Gering als auch Mittelverdiener*innen. Am heftigsten sind diejenigen betroffen, denen es eh schon am schlechtesten geht: Menschen ohne erwerbliches Einkommen. Sprich Arbeitslose, Studierende, Renter*innen sowie die sogenannten "Working Poor". Diejenigen, welche noch nicht von Armut betroffen sind, sind es vermehrt im Winter dann. Um sich auch mit denjenigen Menschen zu verbünden, ist es umso wichtiger, jetzt schon Strukturen aufzubauen.

Nicht zuletzt haben wir gesehen, wie die Rechte sich in Zeiten der Corona-Massnahmen als Opposition gegen den autoritären Staat aufspielte (wobei die Zerschlagung des autoritären Staats natürlich nicht ihr Ziel war, lediglich dessen Übernahme). Aber wir sind diejenigen, welche die Opposition zum autoritären Staat und Kapitalismus sind. Lassen wir nicht zu, dass die Rechten einen "Widerstand" den Menschen nochmals vortäuschen können. Linke, Solidarische und Antiautoritäre sollten als Opposition gegen die Armut erkannt werden. Dazu müssen wir genau das aber auch sein. Dass für viele Linke diese Thematik keine grosse Priorität zu haben scheint ist umso verwunderlicher. Es scheint fast so, als würde es bei einigen an Interesse oder auch ganz schlicht an Betroffenheit mangeln.

Gegenseitige Hilfe in der Lebenswelt als Grundstein unseres Protestes

Viele Menschen interessieren sich nicht für anarchistische, kommunistische oder anderweitige Theorien und unsere szeneinternen Diskurse. Und das ist verständlich! Natürlich können wir allen anbieten sich damit auseinanderzusetzen, aufzwingen können wir es aber niemanden und das brauchen wir auch gar nicht. Viel wichtiger als Theorien für Transformationen in eine bessere Welt, wäre es, wenn wir unsere Solidarität, unsere gegenseitige Hilfe, auch einfach leben würden.

Wenn in jeder Stadt in der demonstriert wird eine "Anarcho-Küche" ähnliches stehen würde, das zur Deckung der Grundbedürfnisse von Menschen beitragen kann, wäre schon eine ganz konkrete Abhilfe gegen die Probleme von Armut und Inflation vorhanden!!!!!! Es gibt immer Menschen die etwas zu Essen brauchen. Kleidung und Bedarfsartikel, Zugänge zu Strom und Internet kann auch jede*r immer gut gebrauchen. Schon kleinere Projekte der Gegenseitigen Hilfe können hilfreich sein. Nachbarschaftshilfen organisieren, Giveboxen aufstellen, containertes Essen verteilen, Wärmeräume schaffen, Heizungen teilen und so weiter. Und wenn du in einer Grossstadt lebst, gibt es dort auch eine Obdachlosenhilfe, Bahnhofsmission, vielleicht auch Kältebusse und andere Formen der Hilfe, die Unterstützung brauchen.

Darüber hinaus sollte die Solidarität auch im eigenen Umfeld gelebt werden. Dies fängt schon mit dem zwischenmenschlichen Umgang den wir untereinander pflegen an. Auch unser nicht-linkspolitsich-aktives Umfeld hat keinen Bock darauf, ihre Stromrechnungen nicht bezahlen zu können. Auch hier ist es wohl besser, Solidarität zu leben, anstatt besserwisserisch Erklärungs- und Lösungsansätze des Problems aufzudrängen, wobei natürlich Angebote der Verknüpfung der realen Situation und der Theorie nicht schaden können. Dass das Thema auch schon vor dem Armuts-Super-GAU in den Köpfen der Menschen präsent ist, ist auf jeden Fall in unserem Interesse. Anstatt aber nach internen Politauseinandersetzungen und Echo-Bejahe in der linken Szene zu streben, müssen wir uns der Lebenswelt von uns und unseren Mitmenschen stellen und diese verstehen.

Bevor wir anfangen mit Protesten um uns zu werfen, müssen wir gleichzeitig unsere Basis aufbauen, sonst wird das nicht viel bringen, da wir als diejenigen wahrgenommen die wir teilweise auch sind: Menschen die uns selbst vertreten.

Unser Mindset muss sich verändern

Damit es wirklich erfolgreiche Sozialproteste geben kann, sollten wir uns öffnen. Wir sollten nicht diejenigen sein, die den Protest erschaffen. Wir sollten ein Teil des Protestes sein. Dass die Menschen wütend sind, das wissen sie selbst. Die "linke Szene" muss ihnen das nicht erst erklären. Wenn wir mit der Haltung in die Bewegung gehen, den Menschen von oben herab zu erklären, warum unsere gesamte Erklärung der Welt besser ist als ihre und wir von ihnen erwarten, dass sie das sofort vollständig annehmen, werden wir wohl gar nicht so gut ankommen. Wir sollten uns bewusst machen, dass die Menschen, welche unsere Welterklärung nicht zu 100% teilen, uns nicht untergeordnet sind oder sie in irgendeiner Weise minderwertiger wären, weil sie "es einfach noch nicht verstanden haben". Die Alternative dazu wären linksbubble-interne Sozialproteste und ein Aufgeben der Hoffnung auf gesamtgesellschaftliche Verbesserungen. Wie wir in unserem Text "Warum die Linke in der Corona Pandemie versagt hat" beschrieben haben, hat die Linke eine Vielzahl an Problemen.

Viele selbsternannte Linke haben ein starres, binäres Weltbild, welches nur gute und schlechte Personen und Meinungen zulässt, jedoch nichts in der Mitte und das oft auch keine Ambiguitäten und kaum Differenzierungen zuzlassen scheint. Das Ergebnis dieser Ideologie sind Zugangsbarrieren, die einen Grossteil der Menschen von vornherein ausschliessen. Wie wollen wir aber Menschen erreichen, wenn wir sie beim ersten Dissens gleich canceln wollen? Wie sollen linke Inhalte ernst genommen werden, wenn wir die Menschen, die wir vertreten wollen nicht vertreten? Wenn wir alle Menschen ausschliessen wollen, denen z.B. das Thema Klimaschutz egal ist, die mit einem binären Geschlechterbild sozialisiert werden oder die Coronamassnahmen kritisieren, dann würden wir wohl sehr viele der von Armut betroffenen ausschliessen uns wir müssten uns eingestehen, nicht für diese Menschen zu kämpfen, sondern nur für uns selbst und unsere Ideologie.

Das bedeutet nicht, dass wir Autonome, Antiautoritäre, Linke nicht in Gesprächen unsere Meinung darstellen sollten. Im Gegenteil, das sollten wir aufjedenfall tun. Auch sollten wir versuchen unsere Aktionen auf unsere linksautonomen Narrative und Aktionsformen auszurichten. Und natürlich sollten wir die Gefahren von nationalistischen, rechten/rechtsradikalen Ansätzen und absurden bis antisemitischen Verschwörungsideologien klar benennen und diese bekämpfen.

Des weiteren sollten Linke als Teil der Protestbewegung ihre Akademisierungsdrang ablegen. Wir müssen und nicht immer ausdrücken wie "die da oben", sondern wir könnten uns auch so Verhalten wie Menschen, die von Armut betroffen sind, falls wir es nicht ohnehin selbst sind. Wir könnten ohne linke Szenecodes und Theoriebegriffe reden, wir sollten schauen, dass unsere Formulierungen für Nicht-Akademiker und Nicht-Deutsch-Muttersprachler zugänglich sind.

Wir müssen anerkennen, dass viele von Armut betroffene Menschen unsere anarchistsichen oder kommunistischen Anschauungen gar nicht kennen oder sich nicht drauf einlassen oder sie auch nicht mögen. Wenn wir radikale wütende Proteste wollen, müssen wir zunächst die Menschen vertreten, welche die Basis dieser Proteste bilden.

Unsere Rolle in Bündnissen und Protesten

Wir werden nicht die Menschen sein, welche Widerstand, wenn er denn kommt, ermöglichen, wir werden ein Teil des Widerstandes sein. Als in Holland, in Wien oder in Münster wegen den Corona-Einschränkungen Menschen sich gegen das Partyverbot stellten, hatten "linke" wenig Interesse daran. Ähnliche Szenen sind das wahrscheinlichste Szenario eines spontanen Protestes aus der Bevölkerung heraus. Wenn die Menschen in ihrer Existenz bedroht sind, sin gerade solche Protestformen zu erwarten. Das bedeutet, dass wir unsere radikale Staatskritik in den Protestbündnissen durchsetzen müssten. Neben dem bereitstellen der Infrastruktur wäre es unsere Aufgabe politische Ideen dort einzufügen ohne die Menschen vorzuverurteilen.

Auch könnten wir uns auf gegenseitige Hilfe, der Erschaffung von Infrastruktur, auf offenen Foren, auf Parallelstrukturen auf Wärmeräume, auf mutual aid spezialisieren. Proteste alleine werden wie erwähnt keine Veränderung bringen, da linke Inhalte und Akteure keinen Rückhalt haben. Wenn wir doch Proteste organisieren oder uns einbringen wollen, könnten diese in der Lebenswelt der Menschen stattfinden. In den von Armut betreffenden Vierteln und warum nicht auch mal vor Supermärkten oder vor Tankstellen. Auch stellt sich die Frage, warum linke Bündnisse sich immer erst die Erlaubnis des Staates einholen müssen, um zu demonstrieren.

Und natürlich gibt es auch Grenzen: Nationalist*innen mit ihrer selektiven und ausgrenzenden Solidarität nur für bestimmte Menschen, haben andere Ziele als wir. Dasselbe gilt für kapitalistische Bonzen, welche offensichtlich nicht das Ziel einer gerechten Gesellschaft verfolgen. Das Autoritäre und Faschos allem widersprechen was uns ausmacht und deshalb wann immer möglich aus jeglichen Bündnissen entfernt gehören, ist für uns auch eine Selbstverständlichkeit. Ebenso sind Aneignungsversuche und Unterwanderungen durch derartig ausgerichtete Akteuren eine reale gefahr. Aktionen und Ansprüchen, die sich gegen das Eigentum richten, sind natürlicher Schutzt gegenüber rechten Kräfte.

Wut und Hoffnung

Ohne Wut ändert sich nicht. So viele Leute werden im Winter nicht zu Essen haben oder frieren oder sich zumindest verschulden. Die betroffenen werden irgendwann wütend werden, wenn sie es nicht schon sind. Wenn du nicht betroffen bist, dann solltest du dir überlegen, wie es sich anfühlen würde. Diese Wut brauchen wir, um echten Widerstand zu erschaffen. Das bedeutet auch, das wir uns nicht mit reformistischen Forderungen an den Staat zufriedengeben sollten. Ausserdem sollten wir überlegen, ob wir wenn es hart auf hart kommt unsere Abneigung gegenüber dem Illegalismus nicht doch im Anbetracht der Verarmung, von Erfrierenden Menschen nicht nochmal Überdenken sollten, da dies Aktionsformen Möglichkeiten bergen, die wir sonst nicht ausschöpfen können.

Aber auch Hoffnung brauchen wir. Wut allein richtet sich gegen niemanden. Oft genug machen sich die Menschen für ihre (wirtschaftliche) Lage selbst verantwortlich und fressen ihre Wut in sich hinein. Wir wollen niemanden bekehren, aber ein Angebot machen. Wir wollen den Menschen zeigen, dass wir es besser können als der Staat. Wir können uns selbst helfen, während der Staat uns im Stich lässt. Lasst uns Gegenseitige Hilfe wagen. Und selbst organisieren. Infrastruktur des Widerstandes ermöglichen und unsere Wut auf die Verantwortlichen richten.

Also sorgen wir dafür, dass der Winter wirklich heiss wird!

Gruppe Autonomie und Solidarität

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