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Avery Gordon: “The Hawthorn-Archiv: Letters from the Utopian Margins” | Untergrund-Blättle

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Utopische Ränder: “Hawthorn-Archiv” versammelt Stimmen zum Andersleben im Hier und Jetzt Der „Utopie“ misstrauisch begegnen

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“The Hawthorn-Archiv: Letters from the Utopian Margins” ist ein eindrucksvoll kaleidoskopisches und genreübergreifendes Buch, das auf ihrer zwei Dekaden umspannenden Forschung zu utopischen Traditionen basiert, die systematisch aus dem westlichen Kanon ausgeschlossen wurden.

Zapatista Puppen aus Chiapas, Mexico.
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Bild: Zapatista Puppen aus Chiapas, Mexico. / Padaguan (CC BY-SA 4.0 cropped)

25. Februar 2019

25. 02. 2019

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Avery F. Gordons Projekt zeigt: Die Archivierung und der Austausch von übersehenem und unterjochtem Wissen über kooperative Praktiken wird zum Schlüssel, um undeklarierte Bewegungen sichtbar zu machen und ein kollektives politisches Bewusstsein über kommunale Grenzen hinweg zu schaffen. Ein Interview.

Organisiert in Form eines Archivs aktueller und fiktiver Erfahrungen eines andersartigen Zusammenlebens und Arbeitens, macht Gordons Buch ein breites Spektrum an “unterdrücktem Wissen” (Foucault) sichtbar und aneignungsfähig. Es gräbt vernachlässigte utopische Traditionen aus, die weniger von einem fernen Zukunftsort handeln, der nach den Idealen der Menschen gebaut werden müsste, als vielmehr von einem anderen Leben und Arbeiten im kommunalen Hier und Jetzt.

Diejenigen, die im 17. Jahrhundert in England für die Commons (und gegen Abschottungen) kämpften, sind ein wichtiger Bezugspunkt für eine Vielzahl anderer Bewegungen, einschliesslich jener, die für die Abschaffung des Sklavenhandels und der Sklaverei in Nord- und Südamerika kämpften, und jener, die für die Dekolonisation im globalen Süden eintraten. Es versteht sich von selbst, dass diese Kämpfe immer noch stattfinden. Die Erschliessung ihrer Geschichte durch die Aufrufung von Dokumenten nicht als Zeugen, sondern als Stimmen, ermöglicht es, zeitgenössische Kämpfe in einen grösseren Kontext zu stellen und zu verstehen, wie man sie in der Gegenwart überhaupt erst erkennt.

Schliesslich finden viele der zeitgenössischen Praktiken des alternativen Zusammenlebens und Zusammenarbeitens im kommunalen Alltag einfach statt, anstatt als explizit politische – um nicht zu sagen utopische – Projekte deklariert und registriert zu werden. Daher werden diese nicht deklarierten Handlungen tendenziell übersehen, wenn wir gemeinsam die Welt im Allgemeinen und die Globalisierung im Besonderen begreifen wollen. Der Reichtum an kommunaler Praxis und Imagination bleibt in den utopischen Rändern verborgen, die das “Hawthorn-Archiv” nun offen legt. Wie sind Sie dazu gekommen, dieses Projekt anzugehen?

Lassen Sie mich mit dem Punkt beginnen, den Sie über die vielen “undeklarierten” alternativen Lebens- und Arbeitsweisen, die oft übersehen werden, gemacht haben. Der Anstoss für das Buch, über das ich vor einiger Zeit nachzudenken begann, war ein zweifacher. Ein Impuls war der Wunsch, dort weiterzumachen, wo mein Buch “Ghostly Matters” endete, mit jenen “historischen Alternativen”, die “eine bestimmte Gesellschaft heimsuchen”, wie Herbert Marcuse schrieb; den Ort zu finden, an dem, wie Patricia Williams es ausdrückte, unsere “Sehnsüchte im Exil” sind. In diesem Buch nenne ich jenen Ort nach Ernst Bloch die “utopischen Ränder”.

Der andere Impuls bestand darin, das Triumph-Gehabe der Rechten, die das “Ende der Geschichte” ausriefen ebenso im Frage zu stellen, wie die Behauptung der Linken, das politische Universum habe sich nach den Misserfolgen von 1968 geschlossen. Beide Positionen schienen völlig unberührt von der bemerkenswerten Welle des antikapitalistischen Widerstands verschiedener Völker auf der ganzen Welt zu sein, die für viele unsichtbar blieb, bis sie zuerst von den Zapatisten 1994 und dann von den WTO-Protesten in Seattle (1999) geweckt wurden. Die Rede vom “Ende der Geschichte” durch die Rechten war auch eine “utopisch”. Sie trug den Namen “Globalisierung” – die tapfere neue vierte industrielle Revolution mit ihrem globalen Fliessband, Freihandel und grenzenloser Privatisierung – und sie schloss unter dem Motto TINA („there is no alternative“, Margaret Thatcher) alle alternativen Vorstellungen von Welt aus.

Die Linke hielt an ihrer marxistisch inspirierten Tradition fest, einen Grossteil der oben erwähnten Opposition mit dem ablehnenden Zitat zu behandeln: “Das ist nicht realistisch, das ist utopisch!” Marcuse nannte es “das bloss Utopische”, das oft als Knüppel benutzt wird, um Vorschläge, Menschen und Aktionen zu steuern, die sozusagen zu weit über die Grenzen hinausgegangen sind. Beide Aufforderungen deuteten auf die Notwendigkeit einer umfassenderen Sprache hin, die für einen meiner Meinung nach bedeutsamen historischen Moment der politisch-ökonomischen Einschränkungen und der Widerstände dagegen, geeignet ist.

Der „Utopie“ misstrauisch begegnen

Es gab gute Gründe, dem Begriff “utopisch” zu misstrauen und sogar abzulehnen, obwohl meiner Meinung nach das Hauptproblem nicht Idealismus und Futurismus waren, sondern die zutiefst rassifizierte Geschichte des Begriffs und die zu eng gefassten literarischen, ästhetischen, philosophischen, historischen und soziologischen Bezüge. Ohne jetzt tiefer darauf einzugehen, sei doch so viel gesagt: Die gegenwärtige Bedeutung des Begriffs versteht die völkermörderische Grenzkolonisation, die die so genannte Neue Welt begründete, als ein erfolgreiches utopisches Unternehmen, ohne das zu berücksichtigen, was Peter Linebaugh und Marcus Rediker als die “vielköpfige Hydra” des “revolutionären Atlantiks” des siebzehnten Jahrhunderts bezeichnen, also jene Sklaven, Dienstmädchen, Gefangene, Piraten, Seeleute, Häretiker, Indigenen, Commoner usw., die den modernen Kapitalismus herausforderten.

Warum sollte man an einem Begriff festhalten, der seine besten PraktikerInnen ausschliesst? Es gab auch schon immer eine andere Art von Utopie, die von weglaufenden Sklaven, durch Piraterie, Häresie, Vagabundierung, Soldatendesertion und andere “illegale” oder diskreditierte Formen der Flucht, des Widerstands, der Opposition und alternative Lebensweisen gelebt wurde. Diese Form der Utopie forderte den modernen rassistischen Kapitalismus fortwährend heraus.

Hier wird dem Begriff Utopie eine ganz andere Bedeutung verliehen, eine, die viel mehr in der Vergangenheit und der Gegenwart verwurzelt ist, und eine ganz andere Vorstellung von Politik beinhaltet. Eine Definition von Utopie, die den anhaltenden sozialen Kämpfen, den verschiedenen Formen der Verweigerung und einer autonomen Politik, die kein Interesse an Machtergreifung hat, Rechnung trägt.

Die Verlagerung des Weltsystems nach Osten

Es ist immer einfacher, den eigenen historischen Moment im Nachhinein zu betrachten als mittendrin, also zögere ich hier. Aber ich denke, dass wir uns immer noch in dem Zyklus des weltweiten Widerstands und der Opposition befinden, der in den 90er Jahren einsetzte. Der triumphhafte Charakter ist natürlich weg, und die Linke, wenn man von so etwas überhaupt sprechen kann, was ich inzwischen bezweifle, ist immer weniger ablehnend gegenüber utopischen “Hoffnungen” eingestellt, auch wenn der Begriff Hoffnung eine weitere etwas bevormundende Reduktion ist.

Der Kapitalismus taumelt heute immer häufiger von Krise zu Krise und ist nicht in der Lage, sie zu lösen, ohne die finanzielle und militärische Unterstützung durch den Staat einzufordern, auch wenn seine antistaatliche Ideologie immer lauter klingt. Die fortschreitende Umverteilung von Ressourcen von Sozial- zu Privateigentum in dem Kontext einer zunehmenden Militarisierung und eines Ausbaus des Sicherheitsapparats, hat zu einer stärkeren sozialen Ausgrenzung und mehr Ungleichheiten innerhalb und zwischen Ländern geführt. Die grossen kapitalistischen Mächte im Westen scheinen den Niedergang der westlichen Hegemonie und die stille, aber endgültige Verlagerung des Weltsystems nach Osten entweder nicht zu verstehen oder zu leugnen.

Der kapitalistische demokratische Staat, den Ruth Wilson Gilmore den “antistaatlichen Staat” nennt – den die meisten Menschen jedoch unter der Bezeichnung “neoliberaler Staat” kennen – ist ebenfalls geschwächt. Im Innern ist er bis zum Punkt der Arbeitsunfähigkeit in Konflikten verfangen. Nirgendwo ist das deutlicher zu sehen als bei Trumps aggresivem shutdown der US-Regierung oder beim Brexit-Debakel Grossbritanniens. Die Legitimationskrise, die die Lebensfähigkeit eines kapitalistischen demokratischen Staates bedroht, ist real und die autoritäre Alternative weitaus weiter fortgeschritten, als es die Vorstellung einer populistischen Welle impliziert.

Sichtbare und unsichtbare Opposition

Doch auch hier gibt es eine weit verbreitete, tägliche, aktive, offene politische Opposition gegen all dies in dem Masse, in dem die Menschen es eben anfechten können: den Schutz dieser Gruppe von Migranten vor Verhaftung, Gefangenschaft und Abschiebung; die Organisation dieses Streiks unter Lehrern in dieser Stadt; die Verteidigung dieses Gebiets vor Erdölbohrungen; die Einreichung von Klagen gegen diese Polizeiwache und so weiter; die öffentliche Versammlung, um zu fluchen, zu schreien, Fäuste zu erheben und die unweigerlich behelmte Bereitschaftspolizei zu bekämpfen.

Es gibt auch eine weit verbreitete, tägliche, aktive, infrapolitische und sogar geheime politische Opposition, die versteckt bleiben muss und will. Und es gibt auch viele Menschen, immer mehr in den westlichen wohlhabenden Ländern, die nach Möglichkeiten suchen, unter anderen – besseren Bedingungen – zu denken und zu leben, und zwar in kleinen Schritten, sei es in lokalen Kollektiven oder in Grossfamilienhäusern, mit illegalem Wohnen und Strom, alternativen Währungen, in Städten und auf alten Stammesgebieten.

Was passieren wird, wissen wir natürlich nicht. Da die Menschen nicht an den bestehenden Wirtschafts- und Regierungssystemen teilhaben können, ist es immer wichtiger, einen anderen Weg zu finden. Viele Menschen im globalen Süden, People of Color im globalen Norden und indigene Völker überall sind die erfahrensten. Solidarität, Hilfe, Gemeinschaft werden gebraucht. Ich bin nicht in den Begriff Utopie vernarrt – ob er verwendet wird oder nicht, ist nicht von Bedeutung.

Was In-Differenz bedeuten kann

Mir ist die Vorstellung der In-Differenz wichtig, wie ich sie in dem Buch entwickle. In-Differenz zu leben bedeutet, ein politisches Bewusstsein und ein sinnliches Wissen zu entwickeln, einen Standpunkt und eine Denkweise, um zu besseren Bedingungen zu leben, als zu jenen, die uns angeboten werden, um so zu leben, als ob man die Möglichkeit und die Freiheit dazu hätte, um in der Erkenntnis zu leben, dass trotz der überwältigenden Macht aller Herrschaftssysteme, die versuchen, uns zu töten, diese eben nie ganz zu uns werden. Sie sind, wie Cedric J. Robinson zu sagen pflegte, nur eine Bedingung für unsere Existenz oder unser Sein.

Ich denke, die grösste politische Herausforderung besteht darin, diese In-Differenz zu fördern und zu entwickeln, zu lernen, nicht mehr an das System selbst zu appellieren, um Abhilfe zu schaffen, nicht mehr an die Kräfte zu glauben, die dich töten, kann/wird dich retten. Das bedeutet nicht, dass wir uns nicht politisch im Kampf engagieren. Es bedeutet, sich darauf vorzubereiten, bereit und verfügbar zu sein, möglicherweise zu einem späteren Zeitpunkt, um autonom von dem System zu leben, das man abschaffen will. Das Ziel ist nicht eine grössere Beteiligung oder Anpassung an die gegebenen Ordnungsbedingungen. Das Ziel ist es, diese Ordnung umzukehren oder zu verdrängen oder anders als in ihr zu leben. Das Gleichgewicht zwischen Rückzug/Separation und Engagement im sozialen Kampf muss bestimmt werden, und es gibt leider keine klaren Regeln dafür.

Avery F. Gordon
berlinergazette.de

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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