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Anmerkungen zum Artikel von Sabrina Zimmermann „Marxistische Debatte: Wie geht Planwirtschaft?“

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In seiner Kritik des Gothaer Programms unterscheidet Marx zwei Phasen der kommunistischen Gesellschaft.

Graffito an Göttinger Garagenwand.
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Bild: Graffito an Göttinger Garagenwand. / SeSchu (CC BY-SA 4.0 cropped)

14. Dezember 2020

14. 12. 2020

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Er macht also gerade nicht die Unterscheidung, die gerne in seine Ausführungen hineininterpretiert wird, die Unterscheidung zwischen Kommunismus und Sozialismus. Für Marx beginnt der Kommunismus nicht erst am fernen Horizont der Menschheitsgeschichte, wenn die Produktivkräfte soweit entwickelt sind, dass das Reich der Notwendigkeit weitgehend überwunden ist, sondern unmittelbar mit der erfolgreichen sozialen Revolution, wenn die Produktionsmittel in die gemeinschaftlich ausgeübte Verfügung durch die freien Produzenten übergehen.

Damit aber in der kommunistischen Gesellschaft die Menschen „mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln arbeiten und ihre vielen individuellen Arbeitskräfte selbstbewusst als eine gesellschaftliche Arbeitskraft verausgaben können“[1], hielt Marx in der „ersten Phase der kommunistischen Gesellschaft“ die gesellschaftliche Arbeitszeitrechnung für „unvermeidbar“.[2]

Solange das Reich der Notwendigkeit existiert, der Traum von der weitgehenden Automatisierung also noch eine Träumerei ist, erfordert die Planung des gesellschaftlichen Reproduktionszusammenhanges, die zur Bedürfnisbefriedigung erforderliche gesellschaftliche Arbeitszeit mit der Summe der zur Verfügung stehenden Arbeitszeit zu verbinden.

Mit Hilfe der Arbeitszeitrechnung können die individuellen Bedürfnisse gegenüber ihrem notwendigen gesellschaftlichen Aufwand abgewogen und entsprechend über den individuellen Konsumwunsch und die individuelle Arbeitsbereitschaft in den gesellschaftlichen Planungsprozess eingebracht werden. Nur auf dieser Grundlage können in einem „Verein freier Menschen“ die Gesellschaftsmitglieder selbst entscheiden, was sie gemäss ihrer individuellen Abwägung von Aufwand und Ertrag haben möchten. Das heisst, es kann jeder selbst über seine Arbeitszeit und seinen Konsum bestimmen. Die Arbeitszertifikate sind inhaltlich somit nichts anderes, als der sachliche Abgleich der in der gemeinsamen Planung vorgenommenen Arbeitseinteilung.

Diese von Marx und Engels im Rahmen ihrer Kapitalismuskritik nur skizzierten Überlegungen zu den Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung werden in dem o.g. Artikel von Sabrina Zimmermann kritisiert. Die entscheidende Frage ist für Zimmermann, werden mit dem Mass der Arbeitszeit von Marx und Engels „nicht wieder – jetzt im Gewand der kommunistischen Umgestaltung der Produktion – bürgerliche Organisationsprinzipien vorgeschlagen? Soll der Gerechtigkeitsgedanke, auch wenn der Kapitalismus abgeschafft ist, für die Organisation der gesellschaftlichen Arbeit und die Verteilung der Produkte massgeblich sein?“

Waren Marx und Engels also eigentlich bürgerliche Moralisten im Gewand kommunistischer Revolutionäre? Nein, da kann uns die Autorin beruhigen. Marx hätte, so meint sie, Stundenzettel „nur in Rücksicht auf das noch bornierte bürgerliche Bewusstsein und als Schritt auf dem Weg zu einem anderen Prinzip – „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“ – zur Sprache gebracht. … Das endlich wahr gemachte Äquivalenzprinzip soll und kann nicht die Leitlinie für eine vernünftige Planwirtschaft sein.“

Diesen Gedanken, Marx und Engels hätten die von ihnen skizzierten Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung nur in Rücksicht auf ihre bürgerlichen Leser vorgestellt, versucht Zimmermann ausgerechnet mit dem Zitat zu begründen, in dem Marx über den Hinweis auf den Unterschied von Form und Inhalt gegen das Missverständnis argumentiert, die Äquivalenz der Arbeitszeitrechnung sei gleichbedeutend mit Warentausch.

In der Argumentation von Marx, dass ungeachtet des gleichen Prinzips Inhalt und Form wesentlich verändert sind, da über die Durchsetzung der individuellen Arbeitszeit als Massstab für den Anteil am Produkt der gesellschaftlich notwendigen Arbeit die Grundlage der Ausbeutung aufgehoben ist, kann Zimmermann keine ernsthafte Leitlinie für eine vernünftige Planwirtschaft erkennen. Wo Marx sowohl in Hinblick auf den Kapitalismus wie auf den Kommunismus über ein sachliches Verhältnis spricht, missversteht Zimmermann Äquivalenz als moralische Kategorie.

Den Hinweis von Marx, dass die Regelung von Produktion und Konsum über die Arbeitszeitrechnung trotz des Fortschritts, dass sie keine Klassenunterschiede anerkennt, immer noch – dem Prinzip nach – mit einer bürgerlichen Schranke behaftet sei, da das Recht der Produzenten ihren Arbeitslieferungen proportional ist und die Gleichheit darin besteht, dass an gleichem Massstab, der Arbeit, gemessen wird,[3] versteht Zimmermann als Einwand von Marx gegen seine nur in Rücksicht auf den bürgerlichen Horizont seiner Leser vorgestellte Organisationsform der kommunistischen Gesellschaft.

Die Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung, die Marx trotz des unvermeidbaren bürgerlichen Rechtshorizonts skizziert hat, wären für die Mehrheit der Weltbevölkerung im Vergleich zu den kapitalistischen Produktionsverhältnissen sicherlich ein Gewinn. Für Zimmermann soll und kann dies nicht die Leitlinie für eine vernünftige Planwirtschaft sein. Sie träumt lieber von der zweiten Phase des Kommunismus, dem Reich der Freiheit:

„Dass eine zukünftige klassenlose Gesellschaft nach der Entwicklung der Automatisierung, die der Kapitalismus mittlerweile mit der Digitalisierung auf eine ganz neue Stufe gehoben hat, diese als allgemeine Grundlage ihrer Produktion nutzen wird, ist klar. … Unter diesen veränderten Bedingungen wird das Interesse allgemein, durch produktivere Arbeit das „Reich der Freiheit“ zu vergrössern. Denn der echte Reichtum besteht aus der Freiheit von der Arbeit und aus der individuellen Entfaltung, die sie ermöglicht … .“

Nachdem, um es mit den berühmten Worten von Marx auszudrücken, die Arbeit nicht nur Mittel zum Leben, sondern selbst das erste Lebensbedürfnis geworden ist; nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch ihre Produktivkräfte gewachsen und alle Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller fliessen; nachdem der enge bürgerliche Rechtshorizont ganz überschritten werden kann und die Gesellschaft auf ihre Fahnen schreibt: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.

Wie kommt es also, dass die Überlegungen von Marx und Engels zur Organisation der kommunistischen Gesellschaft im Anschluss an die soziale Revolution bei den sich auf Marx beziehenden Kapitalismuskritikern auf überwiegende Ablehnung stösst? Die Erklärung ist sehr einfach. Die kapitalismuskritischen Intellektuellen mögen die aufgezeigte Alternative nicht.

Für die um die Führungsmacht streitenden kommunistischen Parteien ist der Gedanke völlig selbstverständlich, dass die Arbeiter in den Betrieben die Macht übernehmen, um sie der intellektuellen Vorhut zu übergeben, damit diese dann im »Namen und zum Wohle der Arbeiterklasse» die neue Gesellschaft organisieren kann. Der Gedanke, dass die Arbeiter in den Betrieben die Macht übernehmen, um selbst auf der Grundlage der Arbeitszeitrechnung ihr Verhältnis von Produzent zu Produkt zu regeln, ohne hierfür einer privilegierten Führung zu bedürfen, passt nicht zu ihrer Vorstellung eines zentral aufgebauten Wirtschafts- und Verwaltungsapparates.

Aber auch die »libertären Kommunisten« halten von der durch Marx und Engels aufgezeigten ökonomischen Grundlage des »Vereins freier Menschen« nichts. Sie wollen in einer kommunistischen Gesellschaft leben und zugleich frei von ihr sein. Über ihr von den ökonomischen Voraussetzungen unabhängiges Ideal einer selbstbestimmten Gesellschaft nach dem Prinzip »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen« träumen sie von einem unmittelbaren Übergang zur Gesellschaft freier und gleicher Menschen, für die ihnen jede verbindliche ökonomische Grundlage als Widerspruch erscheint.

Die »Parteikommunisten« setzen auf die Diktatur über das Proletariat, an deren fernem Horizont die Freiheit aufscheint, nachdem unter der Führung der Partei über den langwierigen und komplizierten Weg der Entwicklung der Produktivkräfte das Reich der Notwendigkeit überwunden ist. Die »libertären Kommunisten« setzen auf die über der Ökonomie frei schwebende sozialistische Moral, um ohne das laut Marx unvermeidbare Mass der Arbeitszeitrechnung im Reich der Notwendigkeit das Reich der Freiheit zu errichten.

Hermann Lueer

Fussnoten:

[1] Karl Marx, Das Kapital Bd. 1 S. 92

[2] Karl Marx, Kritik des Gothaer Programms, MEW Bd. 19, S. 21

[3] Karl Marx, Kritik des Gothaer Programms, MEW Bd. 19, S. 20

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