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Warum die radikale Linke ihr zuhören sollte Shut up and listen! Über die Stimme der Prekären.

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Im Gespräch mit zwei umherschweifenden Arbeitern.

LimmatplatzAbend.
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Bild: Limmatplatz - Abend. / Micha L. Rieser (PD)

16. April 2018

16. 04. 2018

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«Ich will mein Leben wieder in die eigenen Hände nehmen», sagt Davide mehr zu sich selbst als zu uns. Wir sitzen auf Aluminiumstühlen am Zürcher Limmatplatz und teilen uns eine Tüte Pommes. Davide und Lausil erzählen mir aus ihrem Leben. Die letzte Nacht war kalt: einer schlief in einem Hauseingang, der andere konnte sich in der Nähe eines Squats ein Plätzchen sichern. Davide erzählt, wie sein Rucksack gestohlen wurde. Die Arbeitsschuhe. Weg. Das Handy um mit seinen Kindern zu sprechen. Weg. Seither zahlt Davide neun Franken täglich, um seinen Koffer mit sauberen Kleidern am Zürcher Hauptbahnhof aufzubewahren. «Mein Kopf ist voll. Es sind zu viele Gedanken, zu viele Sorgen», fasst er zusammen. Dann gibt’s aber auch die andere Seite: etwa die junge Marokkanerin, die ihn immer mit Brot und einer Decke versorgte, als er auf einer Bank schlief. Oder die Erfahrung, es bereits bis hierher geschafft zu haben und in der nächsten Stadt von vorne beginnen zu können. Und schliesslich das Wissen um die eigenen Fähigkeiten, im Beruf und darüber hinaus.

«Die Befreiung der Arbeiterklasse muss das Werk der Arbeiterklasse selbst sein». Wenn sich die radikale Linke auf dieses Marxsche Diktum beziehen würde, müsste sie nicht brennen für die Lebensrealitäten, Bewusstseinsformen und Kämpfe dieser modernen Proletarier*innen? Leider dreht sich die Welt vieler Linksradikaler oft um die eigene «Szene» – um aktivistische Agenda, kommunistischen Kleinstparteiaufbau oder subkulturelle Sauferei. Zwar reflektiert die Szene das Gefüge der Geschlechter und die Privilegien des Passes – und das ist eine wichtige Errungenschaft! Es wäre aber an der Zeit, dies auch für die Verheerungen der Klassengesellschaft und die eigene soziale Lage zu tun.

Zurück zum Gespräch am Limmatplatz. Davide nimmt einige Pommes und beginnt zu erzählen: «Als ich acht war, begann ich zu arbeiten.» Sein Vater war selbständiger Maurer und nahm ihn mit auf die Arbeit. Zu Hause verprügelte der Mann seine zwei Kinder und die Frau, die sich schliesslich entschloss, sich mit den Kindern alleine durchzuschlagen. Trotz turbulenter Jugend schloss Davide mit 18 die Hotelschule ab.

Lausil spricht ein schnelles Italienisch. Er ist eines von sieben Geschwistern. Die Mutter kümmerte sich um die Kinder, der Vater war Strassenkehrer. Im «Berberdorf» in der marokkanischen Peripherie gehörte Lausils Familie zu den ärmsten. Nach drei Schuljahren schickte Lausils älterer Bruder ihn in die nächste Stadt, um in einer Kleiderfabrik zu arbeiten. Nach 10 Jahren Arbeit litt er unter Asthma und konnte nachts kaum mehr schlafen. Ein Arzt machte ihm klar, dass er da nicht weiterarbeiten konnte. Mit einem Touristenvisum schaffte es Lausil nach Frankreich und später nach Italien. Die Kleiderfabrik steht mittlerweile in China.

Als «clandestino» arbeitete Lausil anderthalb Jahre in der italienischen Landwirtschaft. Für einen miesen Lohn erntete er Tomaten, Äpfel und Erdbeeren, die später in den Regalen europäischer Supermärkte standen. Nach der Regularisierung in den frühen 1990er Jahren gelangte er in die Fabriken Norditaliens, stellte Grissini und Verpackungsmaterialien her. Dann, nach der weltweiten Wirtschaftskrise ab 2007 war seine Existenzgrundlage zerstört. Seither lebt er auf der Strasse und sucht Arbeit. 2016 kam er erstmals in die Schweiz. Mittlerweile kennt er Zürich ausgezeichnet, weiss über alle Anlaufstellen Bescheid: «Essen, Kleidung und Duschen sind kein Problem hier. Die Schweiz ist reich. Aber ein Schlafplatz… das ist das Problem!» Kürzlich hat der Flughafen Zürich erneut alle obdachlosen Menschen verjagen lassen: «Die Securitas sind böse! Schreib das! Alle haben sie rausgeschmissen, einen behinderten Obdachlosen geschlagen», empört sich Lausil.

Davide und Lausil erzählen ihre eigene Geschichte von Prekarität, Migration und Globalisierung. Sie teilen ihr Erfahrungswissen aus dem Multiversum des heutigen Proletariats, man muss sie nur danach fragen. Galt früher der Facharbeiter und sein Wissen über den Produktionsprozess als Rückgrat der Arbeiter*innenbewegung, ist heute die*der umherschweifende Prekäre ein prominenter Kopf der proletarischen Hydra. Nicht nur die Produktion ist mittlerweile dezentralisiert und weltweit mobil. Auch das Wissen dieser modernen Proletatier*innen ist ebenso transnational wie ihr Kontaktnetz und ihre Kampferfahrungen. Sie kennen die Arbeitsrealitäten und Klassenzusammensetzungen der globalisierten Gegenwart aus eigener Erfahrung und formulieren eine alltagsnahe Kritik am Bestehenden. Daher: eine radikale Linke, die das heutige Proletariat rechts liegen lässt und ihre prekären Stimmen überhört, verliert ihre Anschlussfähigkeit und Bedeutung.

Immer wieder stehen mittelständische Privilegien und subkulturelle Gewohnheiten vielen Linksradikalen im Wege, um Proletarier*innen ausserhalb ihres Milieus wahrzunehmen, ihnen tatsächlich zuzuhören und über die eigene Clique hinaus politisieren zu können. Für die aktivistische Agenda erscheinen Davide und Lausil erstmals wenig interessant, weil sie nicht an jeder Demo mitmarschieren. Eine Revolution wird ohne sie aber nicht zu machen sein. So sollte sich die radikale Linke auch für den Alltag von Prekären wie Davide und Lausil interessieren, sie sollte lernen zuzuhören, um schliesslich gemeinsame Kampfterrains zu finden.


Davide erzählt weiter, wie er nach seiner Ausbildung die Sommersaisons hindurch an den Ferienorten des Mittelstandes arbeitete, wo das Meer fantastisch und die Bezahlung mies war. Ende der 1990er Jahre reiste er nach München, arbeitete als Koch und Pizzaiolo. Er blieb zwölf Jahre und lernte die Sprache. Doch nach den Arbeitsmarktreformen der rot-grünen Regierung unter Schröder schrumpfte der Lohn und er zog weiter: Paris, wieder Deutschland und schliesslich Österreich, wo er die Mutter seiner zwei Kinder kennenlernte. Die junge italienisch-bosnische Familie hatte sich mit Geldsorgen herumzuschlagen, während für die Betreuung ihrer Kinder kaum Zeit blieb. Als der Schwiegervater erkrankte, gaben sie ihr letztes Geld für seine medizinische Behandlung aus. Davides Frau litt unter Depressionen und kehrte mit den Kindern nach Bosnien zurück. «Ob es wohl einen Gott gibt?», endet Davide.

«Dio non esiste», schreit Lausil auf, «die Religion ist nur dazu da, Geld zu machen! Es ist eine Ideologie». Erstaunt frage ich nach, Davide legt seine Stirn in Falten und Lausil fährt fort: «Ich will ja nicht viel, ein bisschen Arbeit, eine Bleibe, was zu essen. Was nützt mir da Gott?» Lausil erzählt, wie er in Turin im besetzten Centro Sociale verkehrte und dort die «no global»-Aktivist*innen kennenlernte. Ein Musiklehrer hatte mit ihm viel über Gott und die Welt gesprochen. «Der Musiklehrer war Kommunist. Er hat mir die Augen geöffnet. Die Reichen wollen reich bleiben und uns Arme unten behalten.»

Um Auswege aus der Klassengesellschaft zu suchen, wird das abstrakte und rein soziologische Verständnis der lohnabhängigen Klasse zu einer politischen Sackgasse. Wenn die Arbeiter*innenklasse stumpf über ihre objektive Klassenlage und die vermeintlich vordefinierten Klasseninteressen definiert wird, bleibt sie etwas Schematisches, unwirklich Abstraktes. Diese Konzeption verkennt das kulturelle Eigenleben und die Autonomie der Klasse. Sie sieht nur Automatismen und kann sich die Vermittlung von Klassenlage und Klassenbewusstsein nur als Werk einer «revolutionären Partei» vorstellen. Damit bleibt die Arbeiter*innenklasse ein Objekt der Intervention, wie sie es bereits für das Kapital ist. Ebenso fraglich ist es, die Klassengesellschaft lediglich auf eine ungleiche Reichtumsverteilung zu verkürzen. Was soll daraus erwachsen, ausser zahnlosen Forderungen nach etwas Umverteilung?

Als radikale Linke bauen wir auf die Selbstorganisation der Unterdrückten und Ausgebeuteten und brauchen ein anderes Bild der Arbeiter*innenklasse. Der Ausgangspunkt müsste sein: Klasse spielt sich unter Menschen ab. Es ist ein Verhältnis zwischen Menschen und basiert auf einer geteilten Erfahrung von Produktionsverhältnissen: Denn das konfliktbehaftete Verhältnis zu Vorgesetzten und Management oder die Ohnmachtsgefühle gegenüber der globalisierten Ökonomie teilen Millionen von Menschen. Auf dieser Erfahrung aufbauend, formieren sich die Ausgebeuteten immer wieder als Klasse, durch ihre Kämpfe, ihren Eigensinn und ihre kulturelle Identität. Aus Davides und Lausils Erzählungen wird klar, dass diese Menschen weder Objekte noch Opfer sind. Sie haben sich zahlreiche Fähigkeiten beigebracht, sie migrieren, um besser zu leben, sie kennen und kritisieren ihre Stellung in der Gesellschaft.

Lotta D. Classe / ajour-mag.ch

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