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Platzspitz Zürich: Rückblende in eine dunkle Zeit | Untergrund-Blättle

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Politik

Die Räumung der offenen Drogenszene(n) in Zureich Platzspitz Zürich: Rückblende in eine dunkle Zeit

Politik

Ab 1985: Täglich suchen rund 3000 Junkies den Platzspitz beim Landesmuseum auf, um sich mit Drogen einzudecken. Die Schweizer Medien schreiben schon bald und teilweise genüsslich über das dort herrschende Elend.

Der Pavillon auf dem Platzspitz in Zürich.
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Bild: Der Pavillon auf dem Platzspitz in Zürich. / Juerg.hug / (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

1. Mai 2019

1. Mai. 2019

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Ausländische Medien greifen das Thema auf und der «Swiss Needle Park» mit seiner offenen Drogenszene sorgt über die Grenzen hinaus für Entsetzen.

Unerbittlich arbeitet die Zürcher Stadtregierung daran, Drogenkonsument*innen aus dem Park zu vertreiben. Sie lässt sämtliche Abfallkörbe entfernen und die Lichtquellen abmontieren. Gegen Abend und nachts versinkt der Park vollständig im Dunkeln. Das Elend, der Abfall und der Dreck nehmen täglich zu. Das können auch die solidarischen Leute nicht ändern, die in Eigenregie eine Putzkolonne auf die Beine gestellt haben und vor Ort täglich warme Mahlzeiten kochen. Staatlich verordnete Verelendung

Dass die Abgabe von sauberen Spritzen und sterilem Injektionsmaterial per Gesetz verboten werden, dafür sorgt der Zürcher Kantonsarzt Gonzague Kistler mit tatkräftiger Unterstützung des Statthalters Bruno Graf und der städtischen und kantonalen Behörden. Einige Ärzt*innen widersetzen sich der Gesetzesvorlage vehement. Viele solidarische Privatpersonen verteilen – immer mit dem Risiko, verhaftet zu werden – saubere Spritzen an die Drogenkonsument*innen. Dennoch kommen mehrfach gebrauchte, nicht sterile und meist stumpfe Injektionsnadeln in Umlauf und werden ständig weitergereicht. Die Ansteckungen mit dem HI-Virus und Hepatitis nehmen rasend schnell zu, fast alle haben

Der Platzspitz wird geräumt und abgeriegelt

1991 trifft Statthalter Bruno Graf eine äusserst folgenreiche und genauso falsche Entscheidung: Der Park soll geräumt werden. Am 5. Februar 1992 ist es so weit. Der Platzspitz wird mit einem riesigen Polizeiaufgebot geräumt und abgeriegelt. Der Bahnhofszugang auf der Seite des Landesmuseums wird ebenso vergittert wie die Zugänge zum Drahtschmidli und zum Sihlquai. Die Szene wird in die umliegenden Quartiere getrieben. Sämtliche Restaurants und Hotels, Geschäfte, Firmen und Hausvermieter in der Umgebung rüsten ihre Eingänge, Hinterhöfe, Treppenhäuser, Toiletten usw. mit einer sogenannten Anti-Drogen-Beleuchtung auf, einem unangenehmen UV-Blaulicht, das die Venen unsichtbar macht.

Die Repression kommt in die Quartiere

Die Polizeipräsenz in den Kreisen 4 und 5 nimmt ständig zu. Überall gibt es Personenkontrollen, verdächtige Personen werden gefilzt. Nicht selten müssen sich Jugendliche und ausländisch aussehende Personen öffentlich bis auf die Unterhosen ausziehen. Die Polizei geht alles andere als zimperlich mit den Verhafteten um. Das beweisen u. a. die vielen Protokolle, die damals von augenauf erstellt worden sind.

In Kastenwagen der Polizei, sogenannten Sixpacks, werden eifrig auswärtige Junkies eingesammelt. Sie werden in die zuständigen Heimatgemeinden verfrachtet, wo die Polizei die menschliche Fracht vor den Gemeinde- und Rathäusern deponiert. Um das Problem schnellstmöglich aus der Welt zu schaffen, stecken die Verantwortlichen der betroffenen Gemeinden vielen der «Ausgeschafften» umgehend ein Zugbillett «Zürich einfach » zu.

Im Sinne einer demokratischen Beobachtung beginnen Gassenorganisationen und Personen aus der linken Szene mit täglichen Gängen durch die Quartiere. Ziel dieser «Kontrollen» ist es, die teilweise brutale Polizeiarbeit zu beobachten und zu dokumentieren.

Am Letten beginnt sich eine neue Drogenszene zu bilden. Sie ist von Anfang an durch Gewalt geprägt: Revierkämpfe unter den Drogendealern; Stress, an Drogen zu kommen; heftige Auseinandersetzungen zwischen den Junkies.

Die Situation eskaliert – augenauf wird gegründet

Im Sommer 1994 spitzt sich die Lage zu: vier Tötungsdelikte auf dem Letten, eine Bombendrohung, ein Familienvater mit einem Gewehr im Anschlag auf der Kornhausbrücke – und auf einem Baum wird die halb verweste Leiche eines jungen Mannes entdeckt. In dieser Situation wird augenauf gegründet. Die Gruppe veröffentlicht das «Medienbulletin» Nr. 1. «Hinsehen statt wegsehen» ist das Motiv im Vorfeld der sich anbahnenden Lettenräumung 1995.

Zur Veranschaulichung der damaligen Umstände und unserer Haltung dazu hier ein Auszug aus dem Einführungsreferat zur Veranstaltung «1 Jahr Illegalisierung und Kriminalisierung von Geächteten» am 1. März 1996 im Limmathaus Zürich:

"Es war die Zeit der täglichen Razzien, die Zeit der gehäuften und sichtbaren Polizeiübergriffe und niemand von uns wird je die Bilder vergessen können, wo Dutzende von Menschen sich in eisiger Kälte nackt ausziehen und in einer Reihe stehen mussten. Wie sie an die Wand gestellt und zu Boden geworfen und wie sie mit Knüppeln, Stiefeln und Handfesseln malträtiert und gefoltert wurden.

Es war die Zeit, wo auf Menschen Jagd gemacht wurde, nur weil sie eine andere Hautfarbe hatten, weil ihre Kleider nicht gut genug waren, wegen eines fehlenden Trambilletts oder wegen der Art, wie sie einfach so dastanden.

Als Massnahme gegen die Neubildung einer offenen Drogenszene legitimiert, richtete sich eine forcierte und brutalisierte Polizeipräsenz vor allem gegen sich illegal aufhaltende Migrant*innen.

Im Januar 1995 gab sich eine Gruppe befreundeter Einzelpersonen den Namen augenauf und begann, sich vehement gegen die unmenschliche Repression auf der Gasse zu wehren. In den Quartieren verteilten wir mehrsprachige Fragebogen, um «Erlebnisse» von Repressionsopfern und von Zeug*innen zu sammeln. Gleichzeitig wurde das gebührenfreie Repressionstelefon wieder aktiviert. Über Anrufe dort und über persönliche Gespräche erfuhren wir eine Menge an vorgefallenen Rechtsverletzungen, Schikanen und Polizeiübergriffen.

Obwohl ein offensichtliches Stillhalteabkommen sämtlicher bürgerlicher Medien zu den täglich stattfindenden Menschenrechtsverletzungen bestand – im Sinne von «wo ghoblet wird, falled halt Spän» – ,gelang es uns, zu einer gewissen Sensibilisierung beizutragen. So begann sich auch Amnesty International für die Vorgänge in Zürich zu interessieren und verlangte eine Untersuchung beim kantonalen Justizdepartement.

So viel wir wissen, blieb die Antwort darauf ebenso aus wie die Abklärung über den Tod eines Irakers in der Zelle vor ca. einem Monat [Januar/Februar 1996] oder den Tod einer jungen Frau im Polizeiwagen während einer Rückführung in ihre Heimatgemeinde. Unsere Arbeit konzentrierte sich immer mehr auf das inzwischen aus dem Boden gestampfte provisorische Polizeigefängnis, auf den unterirdischen Waidbunker und auf das sogenannte Zwangsrückführungszentrum für ausserkantonale Drogenkonsument*innen – und natürlich auf die verheerenden Folgen des Zwangsmassnahmengesetzes für alle ausländischen Migrant*innen mit oder ohne Papiere." Die Drogenszene am Letten wird aufgelöst

Am 14. Februar 1995 wird auch der Letten geschlossen. Dank der inzwischen eröffneten Drogen- und Methadonabgabestellen bleibt dieses Mal die Verlagerung in die umliegenden Quartiere aus.

Heute ist das Lettenareal eine nette Erholungsanlage. Aus der «Drogenhölle» ist ein gut besuchtes Schwimmbad geworden. Wo früher gelitten, gekämpft und sogar gestorben wurde, tummeln sich heute Zürichs In-People auf den Wiesen mit Bäumen, sitzen in den Bars und Restaurants und geniessen die angenehmen Seiten des Lebens.

augenauf Zürich
Bulletin Nr. 100

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