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Politik

Was ist schweizerisch? Die Schweizer-DNA

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Der Schweiz fehle es an einem Verständnis für das gemeinsame gesellschaftliche Fundament, findet CVP Nationalrat Müller-Altermatt und schlägt eine Volksbefragung vor. Das ist schon irre: Seit ca. 150 Jahren gibt es die Schweizer Nation und niemand weiss angeblich genau, warum «wir» zusammen sind.

Festungsmauer in Dietikon ZH, 2.
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Bild: Festungsmauer in Dietikon ZH, 2. Weltkrieg, Schweiz. / Paebi (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

30. Januar 2017
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Dabei ist das «gesellschaftliche Fundament» so eindeutig wie banal: Es ist der Franken, den «wir» zu verdienen haben, von dem alles abhängt, was bei uns und in «unserer» Schweiz so läuft. Das weiss auch Nationalrat Müller-Altermatt. Wenn der sich zu seinem Politgeschäft äussert, dann kennt auch er lauter gesellschaftliche Fragen und Probleme, die sich meistens um das liebe Geld drehen. Denn der Franken ist zwar in der «reichen Schweiz» in Mengen vorhanden, aber er reicht für die Sozialwerke, die Gesundheit, die Infrastruktur usw. notorisch nicht aus.

Müller-Altermatt geht also auch davon aus, dass er eine Gesellschaft mitverwaltet, in der sich alles um die Geldvermehrung dreht und sich jedes andere Bedürfnis nach Altersteilzeit, Lebensstandard oder Mobilität daran relativieren muss. Als Politiker macht er dann Gesetze, die der Geldwirtschaft eine gewisse Berücksichtigung und Finanzierung der menschlichen wie gesellschaftlichen «Kosten» aufzwingen (vgl. www.mueller-altermatt.ch).

Was hält uns zusammen?

Insgesamt fällt das «gemeinsame» Leben in der Schweiz ziemlich auseinander in lauter gegensätzliche Interessen. Es besteht in der Konkurrenz ums Frankenverdienen und dem politischen Dauerstreit darum, welche Regeln man dieser Konkurrenzgesellschaft aufherrscht, sodass sie weiter gut funktioniert. Die gesetzgebende Autorität verleiht den gesellschaftlichen Gegensätzen dann auch erst die politische Klammer, die sie brauchen.

Doch das scheint keine zufriedenstellende Antwort auf die Frage «was hält uns zusammen?» zu sein. Diese Frage sucht vielmehr eine «nationale Identität» gerade jenseits der gesellschaftlichen Alltagsfragen. Sie sucht dauernd den Beleg dafür, dass die Schweizer und Schweizerinnen als Gemeinschaft sowieso zusammengehören – gerade jenseits ihrer Konkurrenzinteressen. Gesellschaftliche Institutionen oder Gepflogenheiten kommen dabei nur unter einem Gesichtspunkt vor: Sie sind Ausdruck bzw. ein Beweis dafür, dass wir sowieso, d.h. vor allen ökonomischen und politischen Fragen, zusammengehören.

1000 Antworten

Dazu passt eine Umfrage. Da muss man sich kein bisschen mit den gesellschaftlichen Umständen auseinandersetzen. Die Antwort kann lauten: Wir sind «direkte Demokratie», wir sind «Raclette» oder wir sind welche, «die nicht an der Rolltreppe anstehen können – obwohl wir in allen anderen Lebensbereichen höchst diszipliniert sind» (Caroni, FDP). Wir haben «ein gewisses Bünzlitum – im positivsten Sinne, dass man ordentlich und pflichtbewusst ist», oder «wir sammeln nicht nur Kafirahm-Deckeli und Briefmarken, sondern auch Alu, Glas und PET. Da sind wir Weltmeister.» (Aebischer, SP). Alle unterschiedlichen Antworten haben ein gemeinsames Vorurteil: Wir als Gemeinschaft gehören sowieso zusammen. Das ist schon klar, bevor man überhaupt ein Kriterium gefunden hat, was «wir» gemeinsam haben.

Das als Umfrage zu machen, berücksichtigt auch den Umstand, dass es auf diese Frage überhaupt keine eindeutige Antwort geben kann. Denn was sie sucht, ist ein idealistisches Unding: Da sollen sich die befragten Schweizer Menschen ganz persönlich aussuchen, warum sie eh schon Schweizer oder Schweizerin sind. Sie sollen das Kunststück hinbekommen, sich sehr persönlich dafür zu entscheiden, was der allgemein verbindliche Nationalcharakter ist. Die freie Erwägung des oder der Einzelnen soll gerade eine «Schweizer-DNA» (Caroni) ermitteln, der eh schon jeder Schweizer und jede Schweizerin vollkommen unfrei, quasi als Herdentier, folgt.

Die Schweizer-DNA

Die ganze Fragestellung versucht also das schizophrene Gedankenspiel: Ich bin Schweizerin, weil ich nun mal Schweizerin bin, aber dazu habe ich mich frei entschieden. Oder in einem Bild ausgedrückt: Man ist quasi in der Schweiz «verwurzelt» und bekennt sich dazu. Man ist stolz darauf, sich wie eine Pflanze zu benehmen.

Der Sache nach sind die erwähnten Kriterien einfach die ökonomischen und politischen Gepflogenheiten, die man gewohnt ist, oder denen man sich angepasst hat. «Ordentlich und pflichtbewusst» oder «diszipliniert» ist man zum Beispiel, weil man in unserer «Leistungsgesellschaft» sonst zu Nichts kommt.

Das mag man verinnerlicht haben und für selbstverständlich halten, aber Ausdruck «unserer Mentalität» ist das sicher nicht. Kein reicher Schnösel könnte sonst ein Schweizer sein. Dass «wir» Glas und PET sammeln, selbst dafür braucht es immer noch «Anreize» und Gesetze, weil das eben nicht in unserer «Schweizer-DNA» einfach so drinsteckt.

Ein fundamentalistischer Standpunkt

Man kann schon das Grauen bekommen, wenn man in einer Gesellschaft lebt, in der das abstrakte Gemeinschaftsgefühl als «Fundament» gilt – jenseits den gesellschaftlichen Sachfragen. Selbst diese spielerische Umfrage, an der so viele mit einem «Augenzwinkern» teilnehmen wollen, zeugt von dem fundamentalistischen Gemeinschaftsstandpunkt.

Alle, die sich – warum auch immer – in der Schweiz herumtreiben, werden dauernd mit der Frage ihrer lieben Mitmenschen konfrontiert: Hast du eine quasi natürliche, vielleicht irgendwie kulturell geprägte Loyalität gegenüber uns allen? Bringst du einen Opportunismus auf, dem du dich gar nicht wirklich entziehen kannst?

Nationale Identität als Abgrenzung

Diese Fragen können auch schnell sehr boshaft gegenüber «Andersdenkenden», «Sozialschmarotzern» usw. werden. Aber vor allem gegenüber den Menschen, die schon allein wegen ihrer ausländischen Herkunft diese Loyalitätsimpfung nicht bekommen haben: Ausländer und Ausländerinnen, die hier sind, weil sie sich vielleicht bloss dazu entschieden haben. Menschen, die nicht aus reiner Gewohnheit das annehmen, was eh schon schweizerisch ist. Sie haben vermutlich nicht den verrückten Entschluss gefasst, alles schweizerisch zu tun, weil es so üblich und gewohnt ist, und deswegen schon in Ordnung geht. Ausländische Menschen werden den Verdacht nicht los, dass sie sich bloss anpassen, und die fremden Lebensumstände nicht in einen selbstverständlichen, quasi natürlichen Konformismus überführen.

Nicht umsonst zielt die Umfrage für Müller-Altermatt gleich auf eine «fundierte Debatte über Leitwerte anstelle von ‚Stellvertreterdiskussionen‘ über Minarette und Burkas». Denn eine «nationale Identität» schliesst eine andere im Prinzip aus. Sie vergewissert sich sogar am liebsten dadurch, dass sie sich von anderen Kulturen, Nationalitäten usw. abgrenzt. «Leitwerte» zeigen dann an, was die Ausländer und Ausländerinnen durch «Integration» hinbekommen sollen; welches Wesen sie eigentlich werden müssten.

Am Ende entscheidet der Staat

Dass letztendlich immer noch die staatliche Autorität entscheidet, wer in das Schweizer Volk eingebürgert wird, zeigt, dass keine vor-staatliche oder vor-gesellschaftliche «Identität» die Schweizer und Schweizerinnen zur Schweizer Gemeinschaft macht, sondern das Machtwort des Staates. Auch die bewegte Geschichte aller Völker stellt klar, dass das nationale «Wir» immer wieder durch die Gewalt ihrer Staatsmächte geformt und wieder auseinandergerissen wird.

Das ist aber für völkisch gestimmte Mitbürger und Mitbürgerinnen keine Widerlegung ihrer verdrehten Vorstellung von dem, was ein Volk zusammenbringt. Vielmehr fühlen sie sich durch das staatliche Machtwort, wer zum Volk gehört, unterdrückt. Mit seiner Einwanderungspolitik verstösst der Staat gegen ihre «vor»-staatliche Identität, wo er doch ganz nur den «Bio-Schweizern» dienen sollte. So sieht es wenigstens ein Grossteil der Schweizer Bürger und Bürgerinnen und wählt deswegen gleich die SVP.

überzeit

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