UB-LogoOnline MagazinUntergrund-Blättle

Zu den Terroranschlägen in Wien | Untergrund-Blättle

6098

politik

ub_article

Politik

Zu den Terroranschlägen in Wien Devastierte Ganglien

Politik

Montag, 2. November, der letzte Tag vor dem Lockdown in Österreich. Viele wollten den warmen Herbstabend noch einmal nutzen, bevor die Lokale für mindestens einen Monat schliessen.

Gedenken zum Terroranschlag in Wien am Ruprechtsplatz, 8.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild ansehen

Bild: Gedenken zum Terroranschlag in Wien am Ruprechtsplatz, 8. November 2020. / Munf (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

12. November 2020

12. 11. 2020

2
0
3 min.
Korrektur
Drucken
Möglicherweise musste daher auch das länger geplante Attentat vorgezogen werden. Denn heuer ist es wohl ausgeschlossen, noch einmal so viele Menschen, gedrängt auf öffentlichem Raum anzutreffen wie zu Beginn der Woche in der Wiener Innenstadt, insbesondere im sogenannten Bermudadreieck.

Kein noch so professionelles Monotoring wird diese Gefährdung eliminieren. Vor solchen Attacken kann sich die Gesellschaft nicht schützen. Sie ist ihnen ausgeliefert. Die Frage ist nur, nimmt sie jene (trotz verschärfter Antiterrormassnahmen) hin oder versucht sie den gesamten globalen Prozess zu reflektieren. Die erste Variante ist die wahrscheinlichere, siehe Frankreich, das schon länger diversen und regelmässigen terroristischen Schlägen aus dem islamistischen Eck ausgesetzt ist. Attentaten wird also rituell begegnet. Ein Ritual, wo Verunsicherte sich ihrer selbst versichern wollen. Und es sind Zitate aus den demokratischen Gebetsbüchern der Moderne, so als ginge es wirklich Sure gegen Sure. Sie liefern Bekenntnisse, aber keine Erklärungen.

Trauer ist angebracht, Entsetzen nicht. Dieses kann sich nichts erklären und will sich nichts erklären. Es verharrt im Gebet der Werte. Politjargon und Medienmaschinen überschlagen sich. Sie filtern und fiebern. Der eilends abgespulte Sermon ist allgegenwärtig. „Abscheulich“ nennt man den Anschlag, „widerlich“. Das stimmt alles, aber sagt es viel aus? Beschreibt es nicht die Epiphänomene eines Resultats, wo allerdings sämtliche Entwicklungsstufen, die solchen Ereignissen vorangehen, ausgeblendet werden.

In grösseren Zusammenhängen und Relationen zu denken, wäre hingegen durchaus angebracht statt einen „Kampf der Zivilisation gegen die Barbarei“ (Sebastian Kurz) auszurufen. „Wir werden keinen Millimeter weichen“, heisst es. Oder: „Wir werden uns nicht einschüchtern lassen.“ Das ist Realitätsverweigerung. Tatsächlich sind wir hier eingeschüchtert und es wäre auch absurd, wäre dem nicht so. Die offizielle Phraseologie liefert ideologische Beruhigungspillen, sie deckt mehr zu als auf.

Wenn wieder einmal mit „voller Härte“, gedroht wird, dann wirkt das geradezu lächerlich bei den Adressaten, denen es völlig egal ist, ob sie bei ihren irrwitzigen Taten draufgehen oder nicht. Der IS hat nichts zu verlieren. Seine fanatisierten Parteigänger sind Desperados. Ihre Ladestation ist das Netz, ein Medium, das zweifellos alle Idiotien formidabel zuspitzt. Jene rekrutieren und delegieren sich zusehends selbst. Womöglich reagieren sie nicht auf Zuruf, sondern handeln auf eigene Faust. Auch in Wien dürfte es sich um einen (leider) effektiven Einzeltäter gehandelt haben.

Die entscheidende Frage ist, wie der IS, eine menschenverachtende Mordbuben-AG sondergleichen, aufsteigen konnte, warum er Zulauf vor allem junger Männer hat, nicht nur im Nahen und Mittleren Osten, sondern auch in den europäischen Städten auf eine rege Sympathisantenszene zurückgreifen kann. Was hat deren Ganglien so devastiert? „Die werden nicht durchkommen“, sagt Vizekanzler Werner Kogler (Grüne). Kaum, aber sie tragen zweifelsfrei dazu bei, Orte auf diesem Planeten unwirtlich und gefährlich zu machen. Wir sollen uns fürchten. Ob man das tut oder nicht, kann man sich freilich nicht aussuchen. Die Angst ist da. Meine erste Sorge nach den Anschlägen galt etwa meinen Sohn, der am Fleischmarkt arbeitet.

Wir leben in einem Zeitalter, wo Krisen, die allesamt als Naturkatastrophen und nicht als Kulturfolgen zu erscheinen haben, sich multiplizieren. Der mentale Stress nimmt zu.

Franz Schandl
streifzuege.org

Mehr zum Thema...
Menschenansammlung auf dem Place de Brouckère in Brüssel nach den Attentaten vom 22.
Der falsche KriegBrüssel und die reflexartigen Fehler der Politik

24.03.2016

- Politiker erklären Terroristen den Krieg. Doch ohne eine radikal andere Politik des Westens ist dieser Krieg schon verloren.

mehr...
The Mill – der Pub in Salisbury, in dem Skripal und seiner Tochter mutmasslich das Gift beigebracht wurde.
Das Giftattentat in GrossbritannienSkripal: Vom seriösen Doppelagenten

19.03.2018

- Ich las und hörte von einem Doppelagenten, auf den in Britannien ein Giftattentat verübt wurde.

mehr...
Trauerkundgebung am Place de la République in Paris für die Opfer nach den Attentaten am 13.
Paris ist einem einem zivilisierten Mitteleuropäer näher als BeirutEuropas Kampf um die Werte

25.12.2015

- Mit den Anschlägen in Paris war für Deutschlands Herrschaften in Politik und Öffentlichkeit sofort klar: „Nichts ist mehr wie vorher“. Mit Paris „ändert sich alles“. Wieso eigentlich?

mehr...
LGBT-Rechte und queeres Leben in Israel nach dem Anschlag auf CSD in Jerusalem

04.08.2015 - Am vergangenen Donnerstag (20.07.2015) zogen tausende Menschen durch die Strassen in Jerusalem in Israel, um für die Rechte von Schwulen und Lesben zu ...

EU-Regierungen planen Hintertür für Verschlüsselte Kommunikation

11.11.2020 - Skript: Mit dem vorhaben planen die EU-Regierungen sichere verschlüsselte Kommunikation zu umgehen. Diese Nachricht geht seit Montag vor allem auf ...

Dossier: Syrien
Propaganda
Against Civilisation

Aktueller Termin in Dortmund

Black Pigeon geöffnet

Freitags haben wir von 13-19 Uhr geöffnet. Kommt vorbei, falls ihr Kaffee, Bücher oder vegane Lebensmittel aus unserem Sortiment braucht! Gerne könnt ihr auch vor Ort Bücher bestellen oder abholen oder auch weiterhin per Mail ...

Freitag, 27. November 2020 - 13:00

Black Pigeon, Scharnhorststrasse 50, 44147 Dortmund

Event in Neuchâtel

Repas populaire et concert de Météo duo folk

Freitag, 27. November 2020
- 18:00 -

L’Amar

1, Rue de la Coquemène

2006 Neuchâtel

Mehr auf UB online...

Trap
Untergrund-Blättle