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Politik

Zu den Terroranschlägen in Wien Devastierte Ganglien

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Montag, 2. November, der letzte Tag vor dem Lockdown in Österreich. Viele wollten den warmen Herbstabend noch einmal nutzen, bevor die Lokale für mindestens einen Monat schliessen.

Gedenken zum Terroranschlag in Wien am Ruprechtsplatz, 8.
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Bild: Gedenken zum Terroranschlag in Wien am Ruprechtsplatz, 8. November 2020. / Munf (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

12. November 2020
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Möglicherweise musste daher auch das länger geplante Attentat vorgezogen werden. Denn heuer ist es wohl ausgeschlossen, noch einmal so viele Menschen, gedrängt auf öffentlichem Raum anzutreffen wie zu Beginn der Woche in der Wiener Innenstadt, insbesondere im sogenannten Bermudadreieck.

Kein noch so professionelles Monotoring wird diese Gefährdung eliminieren. Vor solchen Attacken kann sich die Gesellschaft nicht schützen. Sie ist ihnen ausgeliefert. Die Frage ist nur, nimmt sie jene (trotz verschärfter Antiterrormassnahmen) hin oder versucht sie den gesamten globalen Prozess zu reflektieren. Die erste Variante ist die wahrscheinlichere, siehe Frankreich, das schon länger diversen und regelmässigen terroristischen Schlägen aus dem islamistischen Eck ausgesetzt ist. Attentaten wird also rituell begegnet. Ein Ritual, wo Verunsicherte sich ihrer selbst versichern wollen. Und es sind Zitate aus den demokratischen Gebetsbüchern der Moderne, so als ginge es wirklich Sure gegen Sure. Sie liefern Bekenntnisse, aber keine Erklärungen.

Trauer ist angebracht, Entsetzen nicht. Dieses kann sich nichts erklären und will sich nichts erklären. Es verharrt im Gebet der Werte. Politjargon und Medienmaschinen überschlagen sich. Sie filtern und fiebern. Der eilends abgespulte Sermon ist allgegenwärtig. „Abscheulich“ nennt man den Anschlag, „widerlich“. Das stimmt alles, aber sagt es viel aus? Beschreibt es nicht die Epiphänomene eines Resultats, wo allerdings sämtliche Entwicklungsstufen, die solchen Ereignissen vorangehen, ausgeblendet werden.

In grösseren Zusammenhängen und Relationen zu denken, wäre hingegen durchaus angebracht statt einen „Kampf der Zivilisation gegen die Barbarei“ (Sebastian Kurz) auszurufen. „Wir werden keinen Millimeter weichen“, heisst es. Oder: „Wir werden uns nicht einschüchtern lassen.“ Das ist Realitätsverweigerung. Tatsächlich sind wir hier eingeschüchtert und es wäre auch absurd, wäre dem nicht so. Die offizielle Phraseologie liefert ideologische Beruhigungspillen, sie deckt mehr zu als auf.

Wenn wieder einmal mit „voller Härte“, gedroht wird, dann wirkt das geradezu lächerlich bei den Adressaten, denen es völlig egal ist, ob sie bei ihren irrwitzigen Taten draufgehen oder nicht. Der IS hat nichts zu verlieren. Seine fanatisierten Parteigänger sind Desperados. Ihre Ladestation ist das Netz, ein Medium, das zweifellos alle Idiotien formidabel zuspitzt. Jene rekrutieren und delegieren sich zusehends selbst. Womöglich reagieren sie nicht auf Zuruf, sondern handeln auf eigene Faust. Auch in Wien dürfte es sich um einen (leider) effektiven Einzeltäter gehandelt haben.

Die entscheidende Frage ist, wie der IS, eine menschenverachtende Mordbuben-AG sondergleichen, aufsteigen konnte, warum er Zulauf vor allem junger Männer hat, nicht nur im Nahen und Mittleren Osten, sondern auch in den europäischen Städten auf eine rege Sympathisantenszene zurückgreifen kann. Was hat deren Ganglien so devastiert? „Die werden nicht durchkommen“, sagt Vizekanzler Werner Kogler (Grüne). Kaum, aber sie tragen zweifelsfrei dazu bei, Orte auf diesem Planeten unwirtlich und gefährlich zu machen. Wir sollen uns fürchten. Ob man das tut oder nicht, kann man sich freilich nicht aussuchen. Die Angst ist da. Meine erste Sorge nach den Anschlägen galt etwa meinen Sohn, der am Fleischmarkt arbeitet.

Wir leben in einem Zeitalter, wo Krisen, die allesamt als Naturkatastrophen und nicht als Kulturfolgen zu erscheinen haben, sich multiplizieren. Der mentale Stress nimmt zu.

Franz Schandl
streifzuege.org

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